Funke im Reisig - Schnurre, Wolfdietrich

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Wolfdietrich Schnurre war einer der ersten Autoren, die die amerikanische Short Story nach dem Vorbild von Poe, Hemingway oder Faulkner in Deutschland bekannt machten, und er wurde sogleich ein Meister der kurzen Form.Im Mittelpunkt seiner Erzählungen steht der Mensch, wie er ist: geschunden,verfolgt, schuldbeladen, heimgesucht und verflucht", sie sind eine Verbrüderung mit den Schwachen, den Unbedeutenden und den Randfiguren der Gesellschaft, zwischen den Zeilen lugt der Krieg noch hervor. Schnurre schreibt moralisch über die Gesellschaft und zugleich aus ihrer Mitte heraus, im Alltagsjargon…mehr

Produktbeschreibung
Wolfdietrich Schnurre war einer der ersten Autoren, die die amerikanische Short Story nach dem Vorbild von Poe, Hemingway oder Faulkner in Deutschland bekannt machten, und er wurde sogleich ein Meister der kurzen Form.Im Mittelpunkt seiner Erzählungen steht der Mensch, wie er ist: geschunden,verfolgt, schuldbeladen, heimgesucht und verflucht", sie sind eine Verbrüderung mit den Schwachen, den Unbedeutenden und den Randfiguren der Gesellschaft, zwischen den Zeilen lugt der Krieg noch hervor. Schnurre schreibt moralisch über die Gesellschaft und zugleich aus ihrer Mitte heraus, im Alltagsjargon bemängelt und kritisiert er und erweckt unser Mitgefühl. Dieser Band versammelt Wolfdietrich Schnurres Erzählungen von 1945, aus den Jahren unmittelbar nach dem Krieg, in denen er mit Das Begräbnis oder Man sollte dagegen sein die Prominenz eines Heinrich Böll erreichte, bis 1965, der Zeit von Funke im Reisig, seinen heute wohl bekanntesten Geschichten. Jede einzelne von ihnen festigt seinen
Ruf als einer der bedeutendsten deutschen Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg.
  • Produktdetails
  • Verlag: Berlin Verlag
  • Erscheinungstermin: Juli 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 144mm x 23mm
  • Gewicht: 465g
  • ISBN-13: 9783827009388
  • ISBN-10: 3827009383
  • Artikelnr.: 27987733
Autorenporträt
Schnurre, Wolfdietrich
Wolfdietrich Schnurre, am 22. August 1920 in Frankfurt am Main geboren, übersiedelte 1928 mit seinem Vater nach Berlin. Er war sechseinhalb Jahre unfreiwillig Soldat. 1945, zurück in Berlin, begann er zu schreiben. Zusammen mit Hans Werner Richter und Alfred Andersch war Schnurre Mitbegründer der legendären Gruppe 47, es war seine Erzählung »Das Begräbnis«, die zum Auftakt gelesen wurde. Im Laufe der Jahre stießen Autoren wie Heinrich Böll, Günter Grass oder Ingeborg Bachmann zu der literarischen Gruppierung, und wie viele dieser Kollegen war auch Schnurre ein durch und durch politischer Künstler, prangerte Missstände an und protestierte - mal gegen den Bau der Berliner Mauer, mal für die Studentenbewegung. Wolfdietrich Schnurre erhielt zahlreiche Preise, unter anderem das Bundesverdienstkreuz, den Literaturpreis der Stadt Köln und den Georg-Büchner-Preis. Er starb 1989 in Kiel.
Rezensionen
"Wieviele deutsche Erzähler gibt es eigentlich, deren Laufbahn nach 1945 begonnen hat und denen man Originalität und Format nachrühmen kann? Hand aufs Herz: sieben? Oder sechs? Oder vielleicht nur fünf? Wie streng auch die Kriterien sein mögen - Wolfdietrich Schnurre gehört zu der kleinen Zahl derer, die ihnen standhalten." -- MARCEL REICH-RANICKI IN DIE ZEIT

"Schurres Erzählungen lässt sich wenig Ebenbürtiges aus der jüngeren deutschen Literatur zur Seite stellen." -- NEUE ZÜRICHER ZEITUNG

"Schnurre gehört zu den wenigen deutschen Schriftstellern, die die modernste und wohl auch schwierigste literarische Ausdrucksform, die Short Story, in ihrem Wesen und ihrer Struktur wirklich erfaßt haben." -- GEIST UND ZEIT
Besprechung von 17.09.2010
Der Krieg als Sprachschule
Splitterchronist, Schattenfotograf: Erzählungen und Prosa des Autors und Kritikers Wolfdietrich Schnurre
Wolfdietrich Schnurre besitzt keinen Platz mehr in unserem literarischen Gedächtnis. Durchblättert man Literaturgeschichten nach seinem Namen, stößt man auf ihn nicht als einen Meister der Kurzgeschichte – also: als eigenständigen Autor –, sondern nur mehr als anekdotische Figur. Als denjenigen, der als allererster Autor auf einer Tagung der Gruppe 47 vorgetragen hat. Das war am 6. September 1947 am Bannwaldsee, lesen wir dann, im Haus von Ilse Schneider-Lengyel. Weiter erfahren wir, dass das improvisierte Treffen der Handvoll Schriftsteller erst im Nachhinein zur Gründungsveranstaltung der bekanntesten literarischen Gruppierung nach 1945 geadelt wurde.
Dann wird noch aus Hans Werner Richters Erinnerung „Wie entstand und was war die Gruppe 47?“ von 1979 zitiert, in der der „Lehrer der Autorität“ (Peter Wapnewski) schildert, wie das legendäre Procedere des Kritisiert-Werdens im Anschluss an Schnurres Lesung entstanden ist – „der Ton der kritischen Äußerungen ist rau, die Sätze kurz, knapp, unmissverständlich“. Namen und Inhalt von Schnurres Erzählung hingegen erfahren wir meist schon nicht mehr. Sie heißt „Das Begräbnis“, in der „n gewisser Klott oder Gott oder so ähnlich“ nicht beerdigt, nein, das ist viel zu feierlich, sondern verscharrt wird. Bei strömendem Regen: „Die Kiste rumpelt zur Erde. H. GOTT ist drangeschrieben mit Kreide. Drunter n Datum; schon verwischt aber.“
Oft fällt im Zusammenhang mit der Literatur der unmittelbaren Nachkriegszeit das von Wolfgang Weyrauch erst 1949 geprägte Wort vom „Kahlschlag“. Wenn es auch nur für wenige Autoren jener Jahre Gültigkeit hat, auf Schnurre trifft es zu. Viel mehr als etwa auf Wolfgang Borchert. Schnurre, gerade sechseinhalb „sinnlose Jahre als Soldat“ hinter sich, war tief überzeugt, dass seine Muttersprache von der Ideologie der Nazis „verseucht“ war, und so bemühte er sich in seinen Geschichten um eine neue, schlichte, unaffektierte Literatursprache. Sie lehnte sich an die Alltagssprache an, und das hieß bei Schnurre: ans Berlinerische. Zwar war er 1920 in Frankfurt am Main geboren, aber gut drei Viertel seines Lebens verbrachte er in Berlin, zuerst von 1928 bis 1939, dann wieder von 1945 bis in die frühen achtziger Jahre, als er sich zurückzog aufs Land nach Felde bei Kiel. Er starb 1989.
„Kritik und Waffe“ heißt ein Text von 1959, in dem er formuliert, was für ihn eine Kurzgeschichte ausmacht: „Sie ist ein Stück herausgerissenes Leben . . . ihre Sprache ist einfach, aber niemals banal. Nie reden ihre Menschen auch in der Wirklichkeit so, aber immer hat man das Gefühl, sie könnten so reden. Ihre Stärke liegt im Weglassen, ihr Kunstgriff ist die Untertreibung.“ Bedenkt man all dies, ist es umso erstaunlicher, dass etwa in der „Deutschen Literaturgeschichte. Band 11“ des Deutschen Taschenbuch-Verlages Schnurres Name im Kapitel über die Kurzprosa der Nachkriegszeit keine Erwähnung findet. Schnurre galt zudem lange Zeit seiner engagierten Haltung wegen als der Schulbuchautor schlechthin. „Nicht so sehr literarischer Ehrgeiz“, schrieb er in „Kritik und Waffe“ über den Short-Story-Schreiber, sondern „sein Gewissen treibt ihn zum Schreibtisch“. Im Deutschbuch für Bayerns 6. Gymnasialklassen sind heute noch zwei seiner Geschichten zu finden.
Dass sich etwas an der Nichtbeachtung des Autors, der am 22. August neunzig Jahre alt geworden wäre, durch die Neuauflage vieler seiner Werke im Berlin Verlag ändern wird, bleibt zu wünschen, ist aber fraglich. Der Band „Funke im Reisig. Erzählungen 1945 bis 1965“ enthält alle einst so bekannten Kurzgeschichten und lohnt die Lektüre: „Steppenkopp“, von Günter Grass hoch geschätzt, und „Reusenheben“, von Gabriele Wohmann, sind da etwa zu finden. Zudem: „Das Begräbnis“, „Der Ausmarsch“, „Man sollte dagegen sein“ und der programmatische Text „Kritik und Waffe“.
Schon zu Schnurres Lebzeiten besaß die Rezeption seiner Arbeiten ihre Aufs und Abs. Er wusste darum: „In einer Statistik entdeckt, daß ich zwischen 1945 und 1972 von allen deutschen Autoren, die meisten Bücher veröffentlicht habe. Verdutzt und bekümmert . . . Dazu: Kürzlich gelesen, daß ich der verkannteste zeitgenössische Schriftsteller sei. Daran ist etwas Wahres; schließlich rechtschaffen daran gearbeitet, es auch zeit meines Lebens zu bleiben.“ In diesen Zeilen aus dem Buch „Der Schattenfotograf“ von 1978 klingt gleichermaßen Stolz wie Selbstkritik an. Schnurre mied ab 1951 die Treffen der Gruppe 47, mit der Sprachpoesie vieler neuer Kollegen und Kolleginnen konnte er nichts anfangen: „Verständlich sein. Im Grunde die einzige Pflicht, die ich als Schriftsteller habe. Denn sie bedeutet den entscheidenden Schritt in die angewandte Humanität“.
Schnurres Herz gehörte immer den Außenseitern. Im Literaturbetrieb der Bundesrepublik wurde er mehr und mehr selber einer. Marcel Reich-Ranicki betitelte einen Aufsatz über ihn „Der militante Kauz Wolfdietrich Schnurre“ – 1961 trat er aus dem deutschen PEN aus, weil die Schriftstellervereinigung nicht zum Mauerbau Stellung nehmen wollte. Persönliche Schicksalsschläge taten ein Übriges: 1964 erkrankte er an Polyneuritis, lag anderthalb Jahre im Krankenhaus, und fortan quälte er sich an Stöcken durchs Leben. Ein Jahr später nahm sich seine zweite Ehefrau Eva das Leben. Seine dritte Frau Marina schließlich musste gegen den Brustkrebs kämpfen – ein Kampf, den sie gewann, der ihn aber sehr belastete.
Der Tod sei sein Thema Nummer eins, äußerte Schnurre einmal, und wer dem Menschen wie dem Literaten begegnen will, der sollte zum „Schattenfotografen“ greifen. Ein neuer Schnurre stellt sich hier 1978 den Lesern vor: nicht mehr der Kurzgeschichtenschreiber, sondern der „Splitterchronist“, der „Mosaikbiograph“. Das Buch ist eine Mischung aus autobiographischen Erinnerungspartikeln und Tagebuchnotizen, aus Aphorismen, Reflexionen und kleinen Geschichten. Schnurre setzt sich mit seinen Hausgöttern Bloch, Kafka und Benjamin auseinander. Bezieht sich auf den Talmud. Erinnert an das Schicksal der Zigeuner unter den Nazis. Die Grausamkeiten des Krieges kommen zur Sprache.
Es wird über Krankheit, Zeit, Vergänglichkeit nachgedacht. „Es gibt nur ein Thema: Die Endlichkeit. Und: Was sich abspielt vor ihr“, heißt es an einer Stelle. An einer anderen, auf den Buchtitel Bezug nehmend: „Dunkel davor, Dunkel danach. Umgekehrt also: Der Schatten wirft uns; als Geburtsakt verstanden.“ Jetzt ist Schnurre für kurze Zeit wieder im literarischen Gespräch, es gipfelt 1983 in der Auszeichnung mit dem Georg-Büchner-Preis.
Schnurre hat ungemein viel geschrieben, er war auch Filmkritiker (ein neuer Band in der edition text + kritik dokumentiert dies nun), Rundfunk- und Drehbuchautor. Auch heitere Geschichten flossen aus seiner Feder, was manche Zeitgenossen irritierte. Die vom Autor selbst wunderbar illustrierten Geschichten, die man nun in „Ein Leben. Eine Bildergeschichte mit Aufgaben“ oder in dem Band „Es ist wie mit dem Glück“ über Müßiggänger, Bucklige, Ehepaare, lesen kann, legen davon Zeugnis ab. Auf den ersten Blick.
Auf den zweiten fällt auf, dass die 19 Erzählungen, ursprünglich 1964 erschienen, auch wieder nur von Randfiguren der Gesellschaft bevölkert sind. Oder von Tieren, etwa einer Eintagsfliege, die Tagebuch führt. An Witz und Bosheit ist das nicht zu überbieten. Gerade drei Stunden auf der Welt, donnert sie gegen die Absurdität des Lebens: „Oh, diese Farce von einem Dasein . . . der Weltgeist berauscht sich an der Machtlosigkeit seiner Geschöpfe; er erschafft uns, um uns scheitern zu sehen.“
FLORIAN WELLE
WOLFDIETRICH SCHNURRE: Funke im Reisig. Erzählungen 1945 bis 1965. Berlin Verlag, Berlin 2010. 410 Seiten, 26 Euro.
WOLFDIETRICH SCHNURRE: Es istwie mit dem Glück. Erzählungen. Berlin Verlag, Berlin 2010. 242 S., 10,95 Euro.
WOLFDIETRICH SCHNURRE: Der Schattenfotograf. Berlin Verlag, Berlin 2010. 532 S., 28,80 Euro.
WOLFDIETRICH SCHNURRE: Ein Leben. Eine Bildergeschichte mit Aufgaben. Berlin Verlag, Berlin 2010. 58 Seiten, 15 Euro.
ROLF AURICH, WOLFGANG JACOBSEN (Hrsg.): Wolfdietrich Schnurre. Kritiker. Mit Aufsätzen und Kritiken von Wolfdietrich Schnurre. Essay von Jörg Becker. edition text + kritik. München 2010. 322 S., 22 Euro.
„Die Kiste rumpelt zur Erde.
H. GOTT ist drangeschrieben
mit Kreide. Drunter n Datum“
Obwohl er der allererste Autor war, der auf der Gründungsveranstaltung der Gruppe 47 las, hat Wolfdietrich Schnurre keinen Platz mehr in unserem literarischen Gedächtnis. Er, der Exponent der „Kahlschlag“-Literatur, war zeitlebens ein Außenseiter und zog sich in seinen letzten Jahren von Berlin aufs Land zurück. Als er 1989 starb, kannte man ihn nicht mehr als Meister der Kurzprosa, sondern nur noch als SchulbuchKlassiker und kauzige Figur.
Foto: dpa
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rezensent Rolf-Bernhard Essig begrüßt diesen Band mit Erzählungen von Wolfdietrich Schnurre, der dieses Jahr 90 geworden wäre. Auch wenn die Erzählungen seines Erachtens nicht an Schnurres Roman "Der Schattenfotograf", der ihn richtig begeistert hat, herankommen, hat er sie mit Freude gelesen. Sicher, gelegentlich geht ihm der Moralismus der Autors trotz Humor und Schnoddrigkeit ein wenig auf die Nerven, etwa wenn die Protagonisten der Geschichten Kinder sind, die an der Ungerechtigkeit der Welt leiden. Andererseits attestiert er dem Autor, Kinder nie zu verniedlichen, sondern auch ihre moralische Indifferenz und ihre Gemeinheit zu zeigen. Er unterstreicht, dass Schnurre die Kurzgeschichte als "Kritik und Waffe" verstand. "Schon das mag heutige Leser irritieren", so der Rezensent, "die auf Haltung und aufklärerische Absichten bei Autoren nicht eingestellt sind."

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