Zwölf Uhr mittags - Mythos und Geschichte eines Filmklassikers - Drummond, Phillip
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Besprechung von 22.02.2001
Kane versus Kane
Der Marshall mußte besser zielen: Von vier neuen Filmbüchern trifft nur eines ins Schwarze

Wer es für das Kennzeichen eines Mistfilms hält, daß es in der ersten halben Stunde nicht mehr als drei Tote gegeben hat, der möge tunlichst einen Bogen um Fred Zinnemanns "High Noon" (deutsch: "Zwölf Uhr mittags") machen. Dort kann man in unzähligen Einstellungen das Vorwärtskriechen der Uhrenzeiger beobachten, die die Minuten bis zum Glockenschlag zwölf abzählen. Dann soll der Zug einlaufen, der den Gangster Frank Miller wieder nach Hadleyville zurückbringt, wo er von Marshall Will Kane vor fünf Jahren festgenommen wurde. Millers Bande ist schon angekommen, und alles läuft auf das Duell zu, achtzig Filmminuten lang. Dann erst gibt es Tote.

Wer es für das Kennzeichen eines Mistfilms hält, daß man beim Betrachten überhaupt an den Verlauf der Zeit denkt, der ist bei "High Noon" bestens aufgehoben. Es mußte erst die Studie von Philipp Drummond zu diesem Film kommen, bevor mir aufgefallen wäre, daß die Erzählzeit keineswegs der erzählten Zeit entspricht. Die Handlung erstreckt sich über mehr als die fünfundachtzig Minuten, die der Film dauert. Das mag die Folge der Streichung einer Parallelhandlung sein, die Zinnemann kurz nach den Dreharbeiten vornahm. Eine kluge Entscheidung, denn die entfallenen Szenen hätten die Reise eines Hilfssheriffs gezeigt, der durch widrige Umstände daran gehindert wird, rechtzeitig wieder in Hadleyville zu sein, um seinem Vorgesetzten Kane beizustehen. Die so paradox wirkende klaustrophobische Atmosphäre der weiten Straßen von Hadleyville, dem einzigen Schauplatz der Handlung, wäre damit zerstört worden.

Drummond lenkt die Blicke des Zuschauers vor allem auf die Aspekte des Films, die auf der Leinwand nicht erscheinen. Er porträtiert die wichtigsten Beteiligten, schildert die Genese von Drehbuch und Produktion, widmet sich der Auswahl der Filmmusik (das dadurch zum Hit avancierte "Do not forsake me, o my darling") und ordnet "High Noon" in den Theoriediskurs zum Western ein. Der englische Dozent für Film- und Medienkommunikation hat ein vorbildliches Buch geschrieben, einen Glanzpunkt der Reihe von Einzelfilmstudien, die das British Film Institute seit einigen Jahren herausgibt.

Vier Titel aus dieser Reihe hat jetzt der Europa Verlag, der seit einem Jahr vermehrt auf Filmbücher setzt, übersetzen lassen. Die lesefreundlich schmalen Bände werden für einen niedrigen Preis angeboten und sind ausnahmslos von renommierten Fachleuten verfaßt. Doch noch möchte der Verlag mit diesem Pfund nicht recht wuchern; nur im Band zu "High Noon" und in dem zu Howard Hawks' "The Big Sleep" ("Tote schlafen fest") findet sich ein Verweis auf den jeweils anderen Titel. Die weiteren zwei Bücher der Reihe werden schamhaft verschwiegen.

Das mag seinen Grund darin haben, daß die Studien von Camille Paglia zu Hitchcocks "Vögeln" und von Laura Mulvey zu "Citizen Kane" das Niveau von David Thomsons Buch zu "Tote schlafen fest" nicht halten und mit Drummonds Band nicht einmal annähernd konkurrieren können. Camille Paglia, Literaturwissenschaftlerin aus Philadelphia, erzählt "Die Vögel" Szene für Szene nach, und das einzige, was von diesem geschlechtertheoretischen Parcours der Langeweile in Erinnerung bleibt, sind die gräßlichen Zwischenbemerkungen der Autorin: "Wenn sich der erste Schrecken legt, fange ich gewöhnlich an zu lachen und applaudiere den Vögeln, die, wie von Coleridge gesandt, sämtliche sentimentalen Vorstellungen seines Dichterkollegen Wordsworth über die Kindheit gründlich zerstören." Coleridge? Wordsworth? Haltet Literaturwissenschaftler aus unseren Filmbuchreihen heraus! Und vor allem aus unseren Kinos. Mit Frau Paglia als Sitznachbarin würden auch "Die Vögel" zum Mistfilm - und das womöglich vor Ablauf der ersten halben Stunde, vielleicht dort, wo die Autorin nach eigenem Bekunden "gewöhnlich in Jubel ausbricht", weil die ihr verhaßte kleine Cathy angegriffen wird.

Laura Mulvey scheitert aus anderen, ehrenvolleren Gründen: Zu "Citizen Kane" ist bereits zuviel gesagt. Das weiß die Filmwissenschaftlerin aus London und beschränkt sich deshalb auf eine psychoanalytische Deutung, die von den Produktionsbedingungen fast vollständig absieht. Das ist jedoch nicht sonderlich originell, hat der Produzent, Regisseur, Drehbuchmitautor und Hauptdarsteller Orson Welles doch selbst in einer Stellungnahme zu "Citizen Kane" (die das Buch in seinem Anhang verdienstvollerweise vollständig abdruckt) betont, daß die Haltung seines Protagonisten Kane "bestimmt von dramaturgischen und psychologischen Gesetzmäßigkeiten" sei. "Psychologisch gesehen war meiner Figur niemals die Ablösung von der Mutter gelungen, daher sein Scheitern in der Ehe." Die Freudianerin Mulvey wird es mit Lust gelesen haben. Konsequenterweise stellt sie den Trennungskonflikt in den Mittelpunkt der Deutung.

Viele ihrer Ausführungen sind erhellend, doch letztlich gilt für das Buch cum grano salis eine Warnung des Kollegen Drummond: "Wir schmälern die Bedeutung des Films, wenn wir seine leisen Untertöne auf Aussagen über gesellschaftliche und politische Inhalte reduzieren. Andererseits riskieren wir, einen anderen, neueren Film zu erfinden, wenn wir die eng gezogenen semiotischen Grenzen der Zeit ignorieren und dem Film ein Übermaß an Komplexität und Größe zusprechen." Nun ist "Citizen Kane" bei aller Achtung vor Zinnemanns Können (und der verblüffenden Namensgleichheit der Helden) ein anderes Kaliber als "High Noon", und bei Orson Welles von "leisen Tönen" zu sprechen, wäre grotesk. Doch Drummonds am Schluß seines Buches ausgesprochene Mahnung beschreibt in ihrer zweiten Hälfte genau das, was bei Camille Paglia und in Ansätzen auch bei Laura Mulvey geschehen ist.

David Thomson hat mehr Glück, weil man seinem Buch von Anfang bis Ende anmerkt, was er bereits im ersten Satz betont: "Ich betrachte dieses Meisterwerk von Howard Hawks als meinen Lieblingsfilm oder zumindest als den unterhaltsamsten Film, den ich kenne." Dafür sammelt der Autor Belege, und er ergänzt sie um zahlreiche Anekdoten zur Zusammenarbeit von Hawks, Humphrey Bogart und Lauren Bacall, um Analysen des Drehbuchs, das William Faulkner gemeinsam mit zwei Kollegen nach der Vorlage des Chandler-Romans "The Big Sleep" angefertigt hatte - und vor allem durch den Vergleich der Verleihversion mit einer erst kürzlich aufgefundenen früheren Kopie, die bei Testvorführungen durchfiel, weshalb neue Szenen gedreht und eingefügt wurden, die wesentliche Veränderungen für die Charakterzeichnungen der Filmfiguren nach sich zogen.

Es ist eine Palimpsestlektüre, der der Filmkritiker Thomson "The Big Sleep" unterwirft. Er spürt den überfilmten Szenen nach, debattiert alternative Lösungen und läßt doch nie einen Zweifel daran, daß die Unterhaltsamkeit des Films sich vor allem jener späteren Überarbeitung verdankt. Trotzdem meldet er Bedenken betreffs der daraus resultierenden Umgewichtung der Rollen an: Zugunsten des jungen Stars Lauren Bacall, deren letzte Filme durchgefallen waren, wurden die anderen weiblichen Parts massiv (und entgegen Chandlers Vorlage) zurückgedrängt. Die Ehe zwischen Bogart und Bacall zusammen mit Hawks' allseits bekannter Begierde nach seinen Darstellerinnen brachte eine latente Schlüpfrigkeit in manche Szenen, die das Vergnügen beim Zusehen zwiespältig macht - zumal für jemanden wie Thomson, der den Film schon am ersten Tag dreimal und seitdem mehr als fünfzigmal gesehen haben will. "Es gibt einige Gründe", lautet sein Fazit, "warum wir uns unseres Vergnügens an ,Tote schlafen fest' eigentlich schämen sollten."

Ähnlich wird Howard Hawks über "High Noon" gedacht haben - aber ohne das Eingeständnis irgendeines Vergnügens. Das Werk des Konkurrenten Zinnemann war für Hawks ein Mistfilm, und gegen "High Noon" drehte er sieben Jahre später "Rio Bravo", die augenzwinkernde Geschichte um einen alternden Gesetzeshüter, gespielt von John Wayne, der im Gegensatz zu Gary Coopers Marshall Kane nicht allein gegen eine ganze Bande antreten muß, sondern mit der zweifelhaften Hilfe eines betrunkenen und ausgelaugten Freundeskreises. Hawks und Wayne verübelten Zinnemann und dessen Drehbuchautor Carl Foreman deren zutiefst moralischen Blick, der für Vergnügen keinen Platz im Kino ließ. Als Foreman im September 1951, noch während der Produktion von "High Noon", vor den Ausschuß für die Untersuchung von unamerikanischen Umtrieben geladen wurde, drängte ihn Wayne zur Preisgabe von Namen. Foreman schwieg, büßte seinen Kontrakt mit dem Produzenten Stanley Kramer ein und floh anderthalb Jahre später nach Großbritannien.

Die McCarthy-Ära, der unabhängige Produzent Kramer, die aufrechte Haltung des konservativen Gary Cooper im Gegensatz zu dem willfährigen John Wayne oder Ronald Reagan, die nie verheilten Wunden bei den Beteiligten - das alles und noch einiges mehr ist Thema auf Drummonds unendlich reichen 125 Seiten. Er hat um "High Noon" herum ein Zeit- und Sittenbild der frühen fünfziger Jahre geschrieben, ein Meisterwerk der Filmkritik. Wie beim Gegenstand seiner Ausführungen denkt man keinen einzigen Augenblick darüber nach, wie die Zeit vergeht - obwohl in beiden Werken just dies das eigentliche Thema ist.

ANDREAS PLATTHAUS.

Philipp Drummond: "Zwölf Uhr mittags". Mythos und Geschichte eines Filmklassikers. Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt und Wolfgang Strörle. 125 S., Abb., br., 18,50 DM.

Laura Mulvey: "Citizen Kane". Der Filmklassiker von Orson Welles. Aus dem Amerikanischen von Reinhart Tiffert. 112 S., Abb., br., 18,50 DM.

Camille Paglia: "Die Vögel". Der Filmklassiker von Alfred Hitchcock. Aus dem Amerikanischen von Karlheinz Dürr. 144 S., Abb., br., 23,50 DM.

David Thomson: "Tote schlafen fest". Mythos und Geschichte eines Filmklassikers. Mit einem Essay von Martin Compart. Aus dem Amerikanischen von Renate Weitbrecht und Reiner Pfleiderer. 110 S., Abb., br., 18,50 DM.

Alle Bände Europa Verlag, Hamburg 2000.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Frank Arnold begrüßt, dass nun endlich die englische Reihe, in der Autoren über Filmklassiker schreiben, auch auf Deutsch erscheint, obwohl er findet, dass die bereits vorliegenden vier Bände gegenüber den Originalen einige Mängel haben. So moniert er, dass das "handliche Kleinformat des Originals" nicht übernommen wurde und hat etliche Übersetzerfehler gefunden. Außerdem ärgert er sich über die unverständliche Neuanordnung der Abbildungen und "fehlende redaktionelle Bearbeitung". Sehr knapp geht der Rezensent auf die einzelnen Bücher ein.
1) Philip Drummond: "