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Der Erzähler, ein junger deutscher Fotograf, fährt in die Schweiz, um dem Sammler und Bankier Oswald Manella sein neues Kunstprojekt zu verkaufen. Manella kauft die Serie zu einem sehr guten Preis, lässt den Fotografen aber wissen, dass er ihm das dringend benötigte Geld erst auszahlen werde, wenn er für ihn ein verschwundenes Sammlerstück beschaffe: den Film aus der Kamera, die der Schauspieler David Hemmings bei den Dreharbeiten zu Michelangelo Antonionis Blow Up verwendet hat. Die Beschaffung des Gegenstandes erweist sich als außerordentlich kompliziert, offenbar hat eine ganze Reihe…mehr

Produktbeschreibung
Der Erzähler, ein junger deutscher Fotograf, fährt in die Schweiz, um dem Sammler und Bankier Oswald Manella sein neues Kunstprojekt zu verkaufen. Manella kauft die Serie zu einem sehr guten Preis, lässt den Fotografen aber wissen, dass er ihm das dringend benötigte Geld erst auszahlen werde, wenn er für ihn ein verschwundenes Sammlerstück beschaffe: den Film aus der Kamera, die der Schauspieler David Hemmings bei den Dreharbeiten zu Michelangelo Antonionis Blow Up verwendet hat. Die Beschaffung des Gegenstandes erweist sich als außerordentlich kompliziert, offenbar hat eine ganze Reihe merkwürdiger Gestalten aus der Züricher Kunst- und Unterwelt ein Auge darauf geworfen. Während der Fotograf sich auf die Suche nach dem Film macht, scheint die Welt um ihn herum immer mehr aus den Fugen zu geraten. Selbst physikalische Gesetze besitzen keine Gültigkeit mehr, und auch die Politik steht kopf: Um ihre Finanzen zu konsolidieren, hat die Regierung der Schweiz damit begonnen, unrentable Territorien abzustoßen und die Grenzen um die verbliebenen Regionen zu schließen. Eine Welt auf Autopilot: Intelligente Maschinen führen die Geschäfte, und im Untergrund zieht die Schwarze Zunft, ein alter Zürcher Geheimbund, die Fäden. Mit ZRH gelingt Günter Hack ein scharfsinniger phantastischer Roman, ein literarischer Thriller, die Belichtung einer klandestinen Welt, verzerrt und unheimlich. Eine Reise entlang der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit.
Autorenporträt
Günter Hack, geboren 1971 in Kelheim/Bayern, abgeschlossene Ausbildung zum Schriftsetzer, von 2000 bis 2003 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität St. Gallen tätig, von 2003 bis 2006 Journalist in Zürich. Seit 2006 lebt er in Wien und leitet den Online-Technologiekanal des ORF.
Rezensionen
Besprechung von 14.10.2009
Bekämpft das Nichts mit Fotos

Abschied vom Pathos der Postmoderne: Günter Hacks wilder Romantraum lässt seelenlose Menschen durch eine apokalyptische Schweiz taumeln.

Von Thomas Hettche

Ein Fotograf reist in die Schweiz zu einem Sammler, doch irgendwie fehlt ihm der rechte Glaube. An den Sammler - "Schon der Begriff erinnert an Nüsse und kleine Pelztiere" - ebenso wie an die eigene Kunst: Bilder im Stil der Bechers, nur, dass darauf statt Wassertürmen und Förderanlagen die Filialen des Discounters Aldi zu sehen sind, und zwar alle. "Es sieht alles, alles gleich aus. Dreitausend Giebeldächer, dreitausend Parkplätze, dreitausend neonbeleuchtete Logos. Man kann da vielleicht schon etwas hineininterpretieren, sehr viel sogar. Aber da ist nichts." Womit das zentrale Thema des Romans, die Frage nach Original und Kopie, angeschlagen wäre. Interessanter aber ist zunächst der Sammler, der tatsächlich so gar nichts von einem kleinen Pelztier hat: "Oskar Manella zieht einen Strich, und die Welt verändert sich. Waffen für Kriege werden gekauft, Tausende Menschen eingestellt oder entlassen, Regierungen vernichtet oder ins Amt gehoben."

Außerdem hat er einen Auftrag für den Fotografen, von dessen Erfüllung er den Kauf der Aldi-Fotos abhängig macht. Der junge Deutsche solle ihm doch bitte den Film aus der Kamera beschaffen, die der Schauspieler David Hemmings in Michelangelo Antonionis "Blow Up" verwendete. Ein klassischer MacGuffin, denkt der Leser, ein Ding wie der Malteser Falke, nur dazu da, die Handlung voranzutreiben, und gespannt folgt man dem ebenso klassischen accidental hero hinaus in die Stadt am See.

Die Schweiz hat es in der Literatur zur Zeit nicht leicht. Mutierte sie in Christian Krachts jüngstem Buch zu einer kommunistischen Diktatur, so erkennt man Zürich in der Zukunft, in der "ZRH" spielt, auch nicht mehr ohne weiteres wieder. "Das Land macht gerade eine kleine Krise durch", erläutert Manellas Assistentin zurückhaltend. "Die Regierung will unrentable Landstriche abstoßen und die Finanzen konsolidieren." Letztlich sei die "Schweiz eigentlich kein Land, sondern ein Unternehmen, eine Idee, eine Marke".

Günter Hack, gelernter Schriftsetzer und studierter Kommunikationswissenschaftler, einst wissenschaftlicher Mitarbeiter von Peter Glotz in St. Gallen, jetzt Leiter des Online-Technologiekanals des ORF in Wien und davor einige Jahre in Zürich, macht die Stadt ortskundig zur Kulisse einer zunehmend klaustrophoben Welt, in der die Dichotomien von Original und Abbild, von Kunst und Wirklichkeit, von Rätsel und Lösung auf beeindruckend gründliche Weise zergehen.

Hacks Zürich wird von Tumulten erschüttert, da die Grenzen zu den verkauften Kantonen gerade dichtgemacht werden, eine geheimnisvolle "schwarze Zunft" hält das Land in der Hand, es geht um biometrische Pässe und um Techniken, die Persönlichkeit eines Menschen in fremde Körper zu implantieren. Künstliche Menschen, die noch in der Erprobungsphase und daher seelenlos und zu leicht fürs Leben sind, treiben in immer größeren Mengen wie schlappe Luftballons durch das Buch. Sehr poetisch. Sehr beängstigend. Und großes Kino, wenn der Himmel über Zürich von der Wolke schwarzen Nichts überschattet wird, die alles zu verschlingen droht, während die Privatmaschine Oswald Manellas pfeilschnell dem Unheil zu entkommen sucht.

Apropos: Wie Hack seinen Tycoon einführt, ist eine der vielen elegant und mit klugem Mut zur Verknappung erzählten Passagen, die diesen Roman zu so einem Vergnügen machen. Kein Gesicht bekommt der Leser zu sehen, keine Gestalt vorgeführt, nur die Hand, der alles gehört: ein Kabinettstückchen über das Wesen der Macht - und ein Scherz, ist Manella doch, wie es in einer Schweizer Markendatenbank heißt, ein Handgeschirrspülmittel -, vor allem aber führt die Hand auf das Motiv des Auges und damit mitten ins Zentrum des Romans. Die Hand, reflektiert Hacks Erzähler, ist "ein Organ der Bestätigung. Das Auge sieht ja nur, ohne die Hand lebt es im Zustand des ewigen Verdachts einer umfassenden Täuschung." Womit man wiederum bei "Blow Up" wäre, Antonionis Film von 1966 über einen anderen Fotografen, der meinte, zufällig einen Mord festgehalten zu haben, dem sich die Wahrheit in seinen Vergrößerungen der Bilder aber immer mehr auflöste.

Zusammen mit Roland Barthes' Essay "Die helle Kammer" gehört "Blow Up" seit über vierzig Jahren zur Basisausstattung aller medientheoretischen Versuche über die Konstruktion von Wirklichkeit, wobei der Film wiederum auf einer Kurzgeschichte von Julio Cortázar basiert, "Las babas del diablo", der Hack, exakt fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen, das Motto seines Romans entnimmt: "Unter den vielen Möglichkeiten, das Nichts zu bekämpfen, ist eine der besten, Fotografien zu machen." Dort, wo Hack einen Punkt setzt, geht der Satz in der Erzählung jedoch weiter. Beim Fotografieren, heißt es, handle es sich um "eine Tätigkeit, in der die Kinder frühzeitig unterwiesen werden sollten, da sie Disziplin, Sinn für Schönheit, ein gutes Auge und eine sichere Hand erfordert", und dieser Nachsatz zeigt, wie fremd uns Cortázars Vorstellung heute ist, noch ganz der Welt Cartier-Bressons verhaftet, dem Pathos des analogen Bildes, Punctum und Studium, wie es bei Barthes heißt.

Das Besondere an "ZRH" ist, dass der Autor durch derlei Bezüge seinen Helden medienhistorisch sorgfältig positioniert, als wäre er eine These, und zwar am Endpunkt einer Entwicklung, deren Anfang Cortázar bezeichnet. Dessen Fotograf erzählt abwechselnd in der ersten und der dritten Person, was gleich zu Beginn der Geschichte und ganz analog zur Kunstmüdigkeit seines nachgeborenen Kollegen im Roman in eine theoretische Reflexion mündet: "Nie wird man wissen, wie das erzählt werden muss, ob in der ersten Person oder in der zweiten, indem man sich der dritten Person des Plurals bedient oder fortwährend Formen erfindet, die sich dann als nicht brauchbar erweisen. Wenn man sagen könnte: ich sahen den Mond aufgehen, oder: uns schmerzt der Grund meiner Augen, und vor allem so: du, die blonde Frau, waren die Wolken, die immer noch vor meinen, deinen, seinen, unseren, euren, ihren Gesichtern dahineilen."

Das Befreiungspathos dieser postmoderne Positionen vorwegnehmenden Ästhetik ist uns längst schal geworden, nichts scheint uns heute abgeschmackter als die auftrumpfende Feststellung Cortázars, dass "niemand genau weiß, wer da eigentlich erzählt". Wie bitter und einsam uns dieses Pathos zurückgelassen hat, führt Hack auf virtuose Weise vor.

In immer neuen und unentrinnbaren Verdopplungen und Metamorphosen von Figuren und Motiven, produziert von einer menschenentbundenen Technik, die aus der Welt eine Geisterbahn der Bezüge und logischen Brüche werden lässt, schildert "ZRH" jene böse Wirklichkeit, die technologisch aus dem Traum der Postmoderne erwächst. Und er tut dies zudem mit großem Witz. So tragen etwa die neun Kapitel des Romans Titel wie "Differenz-Wolken" und "Scharfzeichnen", und es dauert einen Moment, bis einem einfällt, woher man sie kennt: Es sind Filter der Bildbearbeitungs-Software Photoshop.

Noch an diesen erzählerischen Girlanden erkennt man Hacks Verfahren: Statt die politischen, ökonomischen, sozialen oder auch technologischen Entwicklungslinien der Gegenwart zu verlängern, zieht er die erkenntnistheoretische Summe ihrer medialen Voraussetzungen. Sein Roman nimmt sich im Bereich der utopischen Literatur dadurch ähnlich klug und isoliert aus wie am ehesten noch Rainer Werner Fassbinders Fernsehfilm "Welt am Draht".

Günter Hack: "ZRH". Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2009. 267 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Eine kaum wiederzuerkennende Schweiz und eine schwarze Zunft, die das Land mit der Idee vom künstlichen Menschen in der Hand hält: Auf den hier rezensierenden Autor Thomas Hettche wirkt das beengend beängstigend und sehr poetisch. Die Art, wie Günter Hack seinen utopischen Roman gestaltet, ihn mit lauter eleganten Passagen anreichert, in denen eine ins Bild gerückte Hand für die Macht einer Figur stehen kann, freut Hettche. Dankbar konstatiert er den Humor, mit dem Hack seine Helden einsetzt, als wären sie Thesen und der Roman eine erkenntnistheoretische Summe sämtlicher "Entwicklungslinien der Gegenwart".

© Perlentaucher Medien GmbH