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Vierzig Jahre nach Erscheinen des epochemachenden ersten Essaybandes der bedeutenden amerikanischen Intellektuellen liegen nun Aufsätze aus den letzten zwanzig Jahren vor: über Schriftsteller und Künstler, Photographie und Film, Schreiben und Leben. Texte, die Susan Sontags große Bandbreite an Themen zeigen und von ihrer Begeisterungsfähigkeit zeugen. So berühren die persönlichsten Aufsätze, wie der über eine Theateraufführung im belagerten Sarajewo, am meisten.…mehr

Produktbeschreibung
Vierzig Jahre nach Erscheinen des epochemachenden ersten Essaybandes der bedeutenden amerikanischen Intellektuellen liegen nun Aufsätze aus den letzten zwanzig Jahren vor: über Schriftsteller und Künstler, Photographie und Film, Schreiben und Leben. Texte, die Susan Sontags große Bandbreite an Themen zeigen und von ihrer Begeisterungsfähigkeit zeugen. So berühren die persönlichsten Aufsätze, wie der über eine Theateraufführung im belagerten Sarajewo, am meisten.
  • Produktdetails
  • Verlag: HANSER
  • Seitenzahl: 453
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 453 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 555g
  • ISBN-13: 9783446160194
  • ISBN-10: 3446160191
  • Best.Nr.: 13285700
Autorenporträt
Susan Sontag, 1933 in New York geboren, ist Schriftstellerin, Filmemacherin und Theaterregisseurin. Sie erhielt unter anderen den Jerusalem Prize, den National Book Award, den Prinz-von-Asturien-Preis und 2003 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie starb 2004 in New York.
Rezensionen
Besprechung von 18.05.2005
Ich sagen, wo immer man kann
Die richtige Dissonanz: Mit ihrem Essayband „Worauf es ankommt” wird der heillosen Ästhetin Susan Sontag ein Denkmal gesetzt
Wo sie konnte, lehnte sich Susan Sontag aus dem Fenster. Ihre polemischen Attacken, ihre temperamentvollen Plädoyers waren vor allem eins: klare Ansagen, für die sie nicht nur bewundert, sondern - von anderer Seite - immer auch angefeindet wurde. In Amerika verfolgten Zeitgenossen ihre politischen Interventionen mit anhaltender Skepsis oder wandten sich ab, weil Sontag ihnen als „weltweit agierendes, mobiles Einsatzkommando der politisch-moralischen Reflexion” auf die Nerven ging. Sie nahm das in Kauf. Susan Sontag war zu rücksichtslos, um nur beliebt zu sein.
Als sie im vergangenen Dezember an ihrem zweiten Krebsleiden starb, an der Krankheit, über die sie 1977 ihren großen Essay „Krankheit als Metapher” geschrieben hatte, war es deshalb kein Wunder, dass ihr Lebenswerk fast unterkühlt gewürdigt wurde. Die New York Times rang sich das zwiespältige Lob ab, Sontag habe stets die Sensation im doppelten Wortsinn von Sinnlichkeit und Aufsehen gesucht. Man erinnerte wieder an den Witz aus der New Republic: „Was haben Osama bin Laden, Saddam Hussein und Susan Sontag gemein? Alle drei wollen Amerika zerstören.” Und unablässig wurden die Charakterisierungen wiederholt, mit denen man sie, ironisch oder unverhohlen spöttisch, hatte treffen wollen:„Dark lady of American letters”, „Paganini of criticism”,„Literary pinup”.
Die schön Umstrittene nannte sich selbst eine „heillose Ästhetin und besessene Moralistin”. Und genau diese Mischung, ihr Interesse für alles Ästhetische und ihr zugleich hoher politisch-moralischer Anspruch, machten sie so besonders und auch so flamboyant. Es wäre falsch, sie allein als engagierte Intellektuelle vom Typus Sartre in Erinnerung zu behalten. Das Engagement, die Praxis waren nur das eine. Seit ihren „Anmerkungen zu ,Camp‘”, die sie mit einunddreißig Jahren berühmt machten, verbeugte sie sich immer auch vor dem Dandy Oscar Wilde und, später, vor der freischwebenden Intellektualität Roland Barthes’, der, wie sie, ganz einfach Lust am Text hatte. Man muss das erst mal hinkriegen: Sartre und Barthes in einer Person zu vereinen.
Neue Probe für die Seele
Die „heillose Ästhetin” Susan Sontag findet man jetzt in ihrem beeindruckenden Essay-Band „Worauf es ankommt”. Mit der Übersetzung hat es ziemlich lange gedauert. Die amerikanische Ausgabe wurde noch zu Lebzeiten, vor vier Jahren, veröffentlicht. Doch setzt ihr das deutsche Buch dafür postum ein Denkmal mit Texten, die sie zwischen 1983 und 2001 für den New Yorker, das Times Literary Supplement, Vanity Fair oder auch für House and Garden schrieb (eine Passion ausgerechnet für abendländische Gartenbaukunst hätte man ihr von Haus aus nicht unbedingt zugetraut).
Es gibt auch „engagierte” Texte in diesem Band: über Becketts „Warten auf Godot”, das sie 1993 unter Kriegsbedingungen in Sarajewo inszenierte, und das eine Art „Warten auf Clinton” war inmitten der von serbischen Geschützstellungen belagerten, völlig abgeriegelten Stadt. Allerdings ist „Warten auf Godot in Sarajewo” gar nicht der interessanteste Artikel in diesem Buch. Auch hat, was sie in „Dort und hier”, einem Essay von 1995, zum jugoslawischen Krieg schreibt, an manchen Stellen fast etwas Aufdringliches. Es ist Sontags Stärke gewesen, dass sie sich nicht zurücknahm, dass sie „Ich” sagte, wo immer sie konnte. In den Kriegstexten aber hätte man gerne mehr über die anderen erfahren. Was sie über sich sagt, erscheint erwartbar.
Interessanter ist in „Worauf es ankommt” etwas anderes: Susan Sontags entschiedene Hingabe an die Hochkultur. Als sie starb, ist in Nachrufen daran erinnert worden, dass sie den Weg zur Kritikerin der Pop-Kultur, den sie mit „Camp” begann, nie beschritten hat; dass sie über John Cage schrieb und nicht über Johnny Cash, über die Nouvelle Vague und nur mit Abwehr über Hollywood. Mit welcher Entschlossenheit sie das tat, führen die gesammelten Essays jetzt überhaupt erst vor Augen. Sontag war für den Zeitgeist offenbar nicht besonders anfällig. Was sie suchte, war überdauernde Größe, die sie - in der Literatur - bei Robert Walser, Danilo Kiš, Joseph Brodsky oder bei Jorge Luis Borges fand. Bei Autoren also, die allesamt schon eine ganze Weile tot oder gerade gestorben waren. Sie weinte ihnen nach. Sie vermisste sie. Zehn Jahre nach seinem Tod schrieb sie einen Brief an Borges: „Lieber Borges, bitte verstehen Sie, dass es mir keine Befriedigung bereitet zu klagen. Doch an wen wären solche Klagen über das Geschick von Büchern - des Lesens selbst - zu richten, wenn nicht an Sie? (Borges, es ist schon zehn Jahre her!) Ich will ja bloß sagen, dass Sie uns fehlen. Mir fehlen Sie. Sie sind immer noch von großer Bedeutung. Die Epoche, in die wir jetzt eintreten, dieses einundzwanzigste Jahrhundert, wird die Seele in ganz neuer Weise auf die Probe stellen. Doch dürfen Sie versichert sein, dass einige von uns die Große Bibliothek nicht im Stich lassen werden. Und Sie werden weiterhin unser Patron und unser Held sein.”
Susan Sontag war eine Intellektuelle des zwanzigsten Jahrhunderts. Was sie im Laufe der Jahre, unter der „Vorherrschaft des Belanglosen, des Glatten und des sinnlos Grausamen”, wie sie es nannte, mehr und mehr vermisste, war vor allem: Größe. Die Helden, die sie hatte, überschüttete sie dafür mit umso mehr Liebe: In diesem Band ist ihr früher Essay über Roland Barthes jetzt auch auf Deutsch zu lesen.
Wie wundervoll im Rückblick
Barthes, das ist für sie der „promeneur solitaire”, der sich stolz weigerte, irgend etwas vorzubringen, das nicht das Mal der Subjektivität trägt. Jemand, der das Neue und Unvertraute hochhielt (wozu es nötig ist, über die richtige Dissonanz gegenüber dem herrschenden Geschmack zu verfügen) oder eben ein vertrautes Werk in abweichender Weise rühmte. Sontag bedient sich dabei eines Verfahrens, das man auch in Barthes’ eigenen Schriften, etwa über Michelet oder Brillat-Savarin, findet: das Prinzip der Anverwandlung. Roland Barthes ist das Alibi, das es ihr erlaubt, anhand des anderen versteckt über sich selbst zu sprechen, über Dinge, die ihm wie ihr auf der Seele brennen.
Am schönsten ist das Buch, wo sie sich gar nicht versteckt. Wo die Patronen und Helden zur Nebensache werden: „Dreißig Jahre später . . .” heißt einer dieser Texte, in dem sie anlässlich der Neuausgabe ihrer „Against Interpretation”-Essays von 1966 in einer kleinen Autobiografie auf die sechziger Jahre zurückblickt: „Wie wundervoll das alles im Rückblick erscheint. Wie sehr man sich wünschte, dass ein wenig von der Kühnheit, dem Optimismus, der Verachtung für den Kommerz überlebt hätte. Das vielleicht interessanteste Merkmal der Zeit, die heute als die sechziger Jahre etikettiert wird, war die Tatsache, dass es so wenig Nostalgie gab. In dem Sinne handelte es sich tatsächlich um einen utopischen Moment. Die Welt, in der jene Essays geschrieben wurden, existiert nicht mehr.”
Susan Sontags Größe liegt in ihren Aufzeichnungen über Literatur und in diesen kleinen autobiografischen Texten. Auf sie kommt es an.
JULIA ENCKE
SUSAN SONTAG: Worauf es ankommt. Essays. Aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius. Carl Hanser Verlag, München 2005. 554 Seiten, 25,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Wie der Rezensent Harald Fricke erklärt, handelt es sich bei dem postum erschienen Band "Worauf es ankommt" um die zweite große Sammlung von Aufsätzen von Susan Sontag, dem zweiten nach dem 1966 erschienenen Band "Against Interpretation". Im Gegensatz zu ihrem damaligem "hedonistischen Kulturbegriff", sei Sontags Gestus hier ein anderer, wie schon der Titel andeute. Hier spreche eine "intellektuelle Autorität", auf leicht "pathetische" und "ausufernde" Weise, mit dem offensichtlichen Wunsch, "eine Instanz nach Art von Günter Grass" zu sein. Die Essays geben sich demnach auch als "stolze Bilanz der Entwicklung in Richtung Großschriftstellerin". Schade findet der Rezensent, dass die 2001 erschienene Originalausgabe im Deutschen nicht um Sontags aktuelleren Irak-Texte erweitert wurde, die ähnlich wie ihr Sarajewo-Aufenthalt, Sontags politisches Engagement auf eindrückliche Weise belegen.

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"Ihre Essays sind in den kulturellen Kanon des 20. Jahrhunderts eingegangen." Andrea Köhler, Neue Zürcher Zeitung, 30.12.2004