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Besprechung von 03.12.2002
Tiere wie wir
Solotareffs "Wintergeschichten"

Auch kleine Formen haben ihre Schicksale: Seit Johann Peter Hebels "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" ging es bergab mit der Kalendergeschichte. Sie, die zuerst für literarische Basisnähe gestanden hatte, verendete im späten neunzehnten Jahrhundert als Lesestoff der ewig Tümelnden. Selbst Oskar Maria Graf und Bertolt Brecht konnten nichts daran ändern, daß der Hebelsche Auftakt zugleich auch der historische Höhepunkt des Genres gewesen war. Daran wird auch Grégoire Solotareff kaum rütteln wollen, dennoch könnte der französische Erzähler und Illustrator zur Neugeburt des kalendarischen Erzählens aus dem Geist des Widersinns beitragen.

Solotareff kennt die klassischen Werte des Genres - und wirft sie fröhlich über Bord. Statt exemplarischer Geschichten für verstädternde Landmenschen bringt er im dritten Band seiner persönlichen Vier Jahreszeiten die Krisen und Freuden von allerlei Mäusen, Hasen, Vögeln, Kobolden und anderem Getier zu Papier. Sie haben Probleme mit schlechten Zuhörern und mit der Liebe, sie kämpfen gegen Sozialneid und Hexenrache, sie hadern mit der Dummheit der Eltern und der Frechheit des Geliebten; auch sonst leben sie ziemlich wie Menschen. Also echte Fabeln aus dem Land des Jean de La Fontaine?

Als freundlicher Stilist verfügt Solotareff über die Lakonie, die aus einem Psychogramm ein Leseerlebnis macht. Was ihn außerdem auszeichnet, ist sein Sinn für das Spielerische, für den Charme des Vorläufigen. Statt mit dem allfälligen fabula docet wartet er mit einer ganzen Palette lakonischer Schlüsse auf. Eine ironische Volte, eine improvisierte Paradoxie oder eine heiter ins Offene zielende Sentenz verleihen jeder Geschichte ihren eigenen Schmelz.

Wenn auch das Ganze angelegt ist auf eine zyklische Lektüre, Tag um Tag, so ist doch fast jeder dieser Zwei- bis Vierseiter ein kleiner Solitär: scharf geschliffen die einen, unauffällig wie Rohdiamanten die anderen. Gerade die Tarnung ins Unscheinbare hinein macht die "Wintergeschichten" zu Kleinodien des Absurden. Denn in ihnen begegnet der Alltag dem Wunderbaren, wenn sich ein Fuchs kleingekautes Kaninchenfell in die Ohren stopft oder wenn ein Igel statt Stacheln eine Frisur hat.

All diese Wesen erscheinen kurz, winken herüber und verschwinden so lapidar, wie sie gekommen waren, Grinsekatzen der Postmoderne, von denen nichts bleibt als die ungeheuerliche Spur ihrer Haltung zum Leben. "Es kommt oft vor", sinniert ein Kaninchen am 9. Februar, "daß Tiere wie wir nackt heiraten." Und dann geht es weiter, das verführerisch reiche Leben des Kalenders, "einfach und friedlich, unter dem Laub, irgendwo mitten im Wald". Atemlos liest man und liest und ahnt: Der Winter wird schön.

HANS-JOACHIM NEUBAUER

Grégoire Solotareff: "Wintergeschichten". Aus dem Französischen übersetzt von Werner Leonhard. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2002. 235 S., geb., 11,50 [Euro]. Ab 8 J.

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