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Sind wir wirklich böse?
Das Auge-um-Auge-Prinzip verändern
Wohin wir auch schauen: Das Böse und Zerstörerische hält die Menschheit seit jeher in Atem und scheint fortwährend neue Nahrung zu bekommen. Bleiben wir dieser Dynamik für immer ausgeliefert? "Nein", sagt der Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff, und rüttelt mit diesem spektakulären Buch an unserem gewohnten Weltbild. Denn frappierende neue Denkansätze zeigen, wie wir der Aggressionsspirale entkommen können. Im Privaten ebenso wie in Gesellschaft und Politik. Ein provozierendes Plädoyer für eine gewaltfreiere Zukunft.…mehr

Produktbeschreibung
Sind wir wirklich böse?

Das Auge-um-Auge-Prinzip verändern
Wohin wir auch schauen: Das Böse und Zerstörerische hält die Menschheit seit jeher in Atem und scheint fortwährend neue Nahrung zu bekommen. Bleiben wir dieser Dynamik für immer ausgeliefert? "Nein", sagt der Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff, und rüttelt mit diesem spektakulären Buch an unserem gewohnten Weltbild. Denn frappierende neue Denkansätze zeigen, wie wir der Aggressionsspirale entkommen können. Im Privaten ebenso wie in Gesellschaft und Politik. Ein provozierendes Plädoyer für eine gewaltfreiere Zukunft.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kösel
  • Seitenzahl: 267
  • Erscheinungstermin: 26. Februar 2009
  • Abmessung: 220mm
  • Gewicht: 478g
  • ISBN-13: 9783466345298
  • ISBN-10: 3466345294
  • Artikelnr.: 24955607
Rezensionen
Besprechung von 12.03.2009
In der Aggressionsspirale
Hans-Otto Thomashoff macht sich keinen Stress

Die Aggression prägt die Geschichte der Menschheit seit ihren Anfängen. Kriege, Misshandlungen, Kindsmord: Es spricht nicht viel dafür, dass sich das jemals ändern könnte. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz gab die Schuld daran einem angeborenen Aggressionstrieb. Glücklicherweise habe er falschgelegen, meint Hans-Otto Thomashoff, Psychiater, Therapeut, Analytiker und Kunsthistoriker. Aggression, so seine These, ist eine Reaktion auf Stress. Und als solche ist sie zum einen nicht per se schlecht, sondern dient der Überwindung "unlustvoller Zustände", und zum anderen ist sie kein unumgängliches Schicksal.

Aggression ganz klassisch als ein angeborenes Verhaltensmuster zu verstehen, greife zu kurz, so Thomashoff. Erkenntnisse der Hirnforschung weisen vielmehr darauf hin, dass Aggressionsverhalten von einem übergeordneten System innerhalb der psychischen Struktur eines Menschen gesteuert wird, das erst mit und durch deren Aufbau entsteht.

Thomashoff beginnt sein Buch mit einer Reihe grausiger Beispiele für Aggressivität gegen Kleinkinder, auf deren Lektüre die Rezensentin gerne verzichtet hätte. Doch die Botschaft, die sich durch sein Werk zieht, ist vorsichtig positiv. In lockerem Plauderton führt Thomashoff den Leser durch die Biologie, Chemie und Psychologie der Aggression und erläutert individuelle und gesellschaftliche Aggressionsmuster. Er deckt auf, wie der falsche Eindruck entstehen kann, dass es sich beim Aggressionsverhalten um eine angeborene Eigenschaft handelt, buchstabiert aus, warum wir leicht in eine Spirale geraten, die aggressive Reaktionen als die einzig passenden erscheinen lässt, und beschreibt gleich zwei Wege, dieser Eigendynamik zu entkommen: das Verringern von Stress und die Förderung der Selbstreflexion.

Wenn Aggression eine Reaktion auf Stress ist, warum können dann schon kleine Kinder, ja Säuglinge aggressiv sein? Die Ausbildung aggressiver Reaktionsmuster, so Thomashoffs Antwort, beginne viel früher, als Forscher das lange angenommen haben. Sie beginnt bereits in der frühen Schwangerschaft und ist schon im sechsten Lebensjahr weitgehend abgeschlossen - und dann auch nur noch schwer zu beeinflussen.

Eine Schwangere, die etwa im Krieg extremem Stress ausgesetzt ist, gibt diesen schon vor der Geburt an ihr Kind weiter. Die Neurobiochemie der Angst und die der Aggression seien identisch, so Thomashoff. Das Gehirn neigt zudem generell dazu, bestehende Erfahrungen eher zu bestätigen als in Frage zu stellen. Kommt also noch eine unsichere, von Gewalt geprägte Kindheit hinzu, sind die Aggression und damit die Gewaltbereitschaft in die nächste Generation gewandert, ganz so, als säßen sie fest verankert in den Genen. Dies, so Thomashoff, ist das missing link zwischen biologischen und umweltorientierten Aggressionstheorien.

Was für Kriegs- und Krisenregionen insgesamt gilt, gilt natürlich im kleinen Maßstab auch für Aggression und Gewalt in Familien. Dabei müssen Kinder gar nicht selbst Gewalt ausgesetzt sein, es genügt, wenn sie sie beobachten. Auch Fernsehen und Computerspiele haben ihren Anteil. Heute, so Thomashoff, könne man sich "live und in Farbe am Bildschirm traumatisieren lassen".

Stress wirkt über das Hormon Kortisol massiv auf Lernfähigkeit und Emotionen ein. Bestehende Verknüpfungen können gelockert oder ganz aufgelöst werden, das Denken unter Stress verändert sich. An die Stelle differenzierter Betrachtung tritt eine vereinfachende Sicht der Welt, in der es nur noch Gut und Böse gibt. Evolutionär gesehen, mag das seinen Sinn haben, gilt es doch in Krisensituationen schnell zu entscheiden und überkommene Lösungsstrategien hinter sich zu lassen. Stress beschleunige sogar die Evolution, meint Thomashoff: Unter Stress, der entwicklungsgeschichtlich mit den Warmblütern auf den Plan trat, verändert sich das Gehirn gezielt, und diese Veränderungen werden, wenn auch nicht genetisch, an die Nachkommen weitergegeben.

Dieses Argument macht zwar nicht klar, warum nicht alle Warmblüter längst schwarzweiß sehende Psychopathen sind, doch abschaffen will Thomashoff die Aggression nicht. Sie sei vielmehr "unsere expansive Lebenskraft", setze Energien frei, die wir brauchen, um Widerstände zu überwinden und uns weiterzuentwickeln. Nur muss man lernen, damit umzugehen, und das heißt vor allem, sie nicht gegen sich selbst oder andere zu wenden. Geschieht Ersteres, entwickelt der Betroffene leicht eine Depression, im zweiten Fall wird er gewalttätig.

Thomashoff setzt gegen diese Fehlentwicklungen das "Erlernen einer optimalen Aggressionsnutzung". Dabei sind zuerst die Eltern gefragt. Studien zeigen, dass nichts für Menschen schwerer zu ertragen ist, als nichts tun zu können. Wirkungslosigkeit ist ein unerträglicher Zustand. Kinder müssen in einer sicheren Beziehung von Anfang an die Erfahrung machen, dass sie etwas bewirken können, auch, aber nicht nur durch Aggression. Zudem darf das "hasserfüllte, sadistische und zerstörerische Element unserer Psyche" nicht verleugnet und ins Unterbewusstsein abgedrängt werden, wo es sich umso unkontrollierter austoben kann.

Thomashoff schließt mit einer ganzen Liste von Maßnahmen, die das Leben mit der Aggression leichter machen sollen: Da ist vor allem die klassische Selbsterkenntnis. Auf einer rationalen Ebene kann der Mensch sich seine Aggressionen eingestehen, einen Schritt zurücktreten und lernen, Mechanismen wie die Weitergabe von Aggressionsmustern zu durchschauen und zu durchbrechen. Die Psychotherapie kann dabei eine wertvolle Hilfe sein. Es tue einer Gesellschaft deshalb nicht gut, so der Autor, wenn der Gang zum Therapeuten als Schwäche belächelt wird.

Die Pharmaindustrie, so schlägt er vor, sollte für die Verbesserung der Gesundheit bezahlt werden, nicht für den Verkauf von Medikamenten. Politiker sollten sich einem Persönlichkeitstest unterziehen müssen, an den Schulen sollten Kindererziehung und Selbsterkenntnis gelehrt werden. Soziales Verhalten müsse sexy werden, so Thomashoff. Die Frage, die dieses weltverbessernde Buch aufwirft, folgt freilich auf dem Fuße: Entkommen wir der Aggressionsspirale, wenn wir eine stressfreie Welt am Reißbrett entwerfen?

MANUELA LENZEN

Hans-Otto Thomashoff: "Versuchung des Bösen". So entkommen wir der Aggressionsspirale. Kösel Verlag, München 2009. 267 S., geb., 19,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Recht instruktiv findet Manuela Lenzen dieses Buch über Aggression, das Hans-Otto Thomashoff vorgelegt hat. Sie attestiert dem Autor einen "lockeren Plauderton?, mit dem er eine Reihe von Sachverhalten zur Aggression aus chemischer, biologischer und psychologischer Sicht erhellend darstelle. Der Autor lehne die Annahme eines angeborenen Aggressionsverhaltens ab und führe stattdessen vor Augen, dass Aggression eine Reaktion auf Stress sei, gegen die er die Verringerung von Stress und die Förderung von Selbstreflexion empfiehlt. Lenzen hat aus dem Buch eine Menge über individuelle und gesellschaftliche Aggressionsmuster und deren Weitergabe erfahren. Skeptisch betrachtet sie indes die Vorschläge des Autors zur generellen Verbesserung der gesellschaftlichen Situation.

© Perlentaucher Medien GmbH