Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt
  • ISBN-13: 9783498052959
  • ISBN-10: 3498052950
  • Artikelnr.: 09372510
Rezensionen
Besprechung von 15.06.2001
Per Anhalter durch Kofferraum und Zeit
Einsteins Geheimwaffe: Michael Paterniti fährt das Gehirn des Physikers zu schnell von New Jersey nach Kalifornien

Im kollektiven Unterbewußtsein ist Albert Einstein so etwas wie der prototypische Mathematiker. Wenn jemand erfährt, daß man Mathematik studiert hat, nennt er (oder leider auch sie) einen gerne "Einstein". Solche Ignoranten sollten vielleicht einmal ein Buch über Einstein lesen und eines über Hilbert.

Die Flucht des Physikers Einstein vor den Nationalsozialisten endete in Princeton, New Jersey, am Institute for Advanced Studies. Er betrieb dort sehr wohl fortgeschrittene Studien, nur kam nichts dabei heraus. Er suchte wie ein Gralsritter nach der einheitlichen Feldtheorie und fand sie nicht. Die Amerikaner hatten ihm mehr zugetraut. In einer FBI-Notiz wird kolportiert, daß er heimlich zusammen mit zehn Ex-Nazis im Asbestanzug eine Laserkanone ausprobierte. "Diese neue Geheimwaffe könnte vom Flugzeug aus zum Einsatz gebracht werden und ganze Städte zerstören." J. Edgar Hoover wollte ihm daraufhin gleich seine amerikanische Staatsangehörigkeit wieder aberkennen lassen.

Einstein liebte gutes fettes Essen. Er wußte wohl, daß das sein Leben verkürzen könnte, aber es war ihm schnuppe. Als 1950 ein Aneurysma, eine erweiterte Arterie, diagnostiziert wurde, sagte er nur: "Laßt es platzen." 1955 platzte es. Der Pathologe, der ihn obduzierte, war Dr. Thomas Stoltz Harvey. Er brachte dabei - legal, illegal, wer weiß das schon so genau - Einsteins Gehirn in seinen Besitz.

Dieses Gehirn war Dr. Harveys Geheimwaffe, ein Leben lang. Eigentlich wollte er es untersuchen und die Ergebnisse veröffentlichen. Er kam aber irgendwie nie dazu. Er zog von einem Ort zum anderen, heiratete, bekam Kinder, ließ sich scheiden und reiste weiter. Am Schluß verlor er seine Approbation und wurde schließlich Hilfsstrangpresser in einer Kunststoffabrik. Aber immer hatte er das Gehirn im Gepäck, in einem Bonbonglas oder einer Plastikschüssel. Reporter interviewten ihn, Wissenschaftler bettelten um kleine Stücke für ihre Untersuchungen, und Nachbarn wie der Schriftsteller William Burroughs, die ihn sonst vielleicht ignoriert hätten, waren glücklich, wenn sie mit ihm verkehren konnten.

Und dann, nach vielen Jahren, betrat Michael Paterniti die Bühne. Er erfuhr von Dr. Harvey und dem Inhalt seiner Tupperware-Dose und bemühte sich hartnäckig, die beiden kennenzulernen. Irgendwie war Einstein auch Paternitis Geheimwaffe, und er sollte ihm schließlich Ruhm, Ehre und häusliches Glück verschaffen. Der Doktor lebte jetzt wieder in der Nähe von Princeton, und schließlich faßte man den Entschluß, selbdritt mit dem Auto quer durch Nordamerika nach Berkeley in Kalifornien zu fahren und dort Evelyn Einstein, Alberts Enkelin, zu besuchen. Über diese Reise schrieb Paterniti einen Artikel für Harper's Magazine, der 1998 mit dem National Magazine Award ausgezeichnet wurde. Daraus entstand dann das Buch "Unterwegs mit Mr. Einstein", das jetzt auf deutsch erschienen ist.

Hält der Zug in Zürich oder hält Zürich am Zug? In Einsteins relativistischer Welt macht die eine Beschreibung so viel Sinn wie die andere. Mit der geschilderten Autofahrt ist es ähnlich. Der Arzt und der Reporter sitzen vorne in dem grünblauen Skylark, der Professor oder zumindest das, was von ihm übriggeblieben ist, muß mit dem Kofferraum vorliebnehmen. Trotzdem ist er mindestens genauso präsent wie die beiden anderen. Die Sonne umkreist regelmäßig die Erde, und wenn sie hinter dem Horizont verschwunden ist, bremst die Straße ab und Los Alamos oder Las Vegas hält neben dem Auto. Einmal bewegt sich die Straße sogar so schnell nach hinten, daß ein empörter Cop sie anhält und einen teuren Strafzettel ausstellt.

Glaubwürdige Helden sind sie alle drei nicht. Und sie leben jeweils in ihrem eigenen Inertialsystem. Einstein wird seiner beiden Frauen schnell überdrüssig und behandelt sie dann wie Hausangestellte. In der Öffentlichkeit gibt er den Pazifisten, während er gleichzeitig das Waffenamt der US-Navy in Fragen von Wissenschaft, Technik und Sprengstoffen berät. Harvey hält in San Jose an einer High School einen Vortrag über das Gehirn, in dem er sich zu dem Wissenschaftler hochstilisiert, der er nicht ist und nie war. Und Paterniti, nun ja, Paterniti ist eigentlich ganz sympathisch, aber man hat das Gefühl, daß er hauptsächlich dabei ist, weil er seiner Bücher schreibenden Freundin imponieren will, damit sie ihm nicht davonläuft.

Am Schluß erfährt man, daß Dr. Harvey schließlich das Gehirn an einen jüngeren Pathologen weitergegeben hat. Dieser will sich alle Optionen offenhalten. Seit Doktor Frankenstein hat die Wissenschaft schließlich entscheidende Fortschritte gemacht. Amerika hat es manchmal wirklich besser. In den Vereinigten Staaten entstehen bisweilen Bücher, die genauso verrückt sind wie die Phänomene in dem Land, das sie beschreiben.

ERNST HORST

Michael Paterniti: "Unterwegs mit Mr. Einstein". Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober. Rowohlt Verlag, Reinbek 2001. 287 S., geb., 39,90 DM.

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Besprechung von 08.06.2001
Trip in der Tupperware
Unterwegs mit Einsteins Gehirn – Michael Paterniti bietet ein Stück skurrile Wissenschaftsgeschichte
Es gibt diese Begegnungen, etwa auf Autobahnraststätten oder in Hotellobbys, wo einem ein Unbekannter eine Geschichte erzählt, die so abstrus klingt, dass man zunächst nur das Weite suchen will oder unauffällig um sich blickt, ob denn nicht irgendwelche medizinischen Sicherheitskräfte in der Nähe sind. Da behauptet beispielsweise ein junger Mann, er sei Journalist, habe Albert Einsteins Gehirn im Kofferraum und sei damit auf dem Weg zu Einsteins Enkelin.
Er erzählt und erzählt, von dem Pathologen Dr. Harvey, der das Hirn bei Einsteins Obduktion 1955 geklaut habe und bei dem es seither auf dem Kamin stehe; naja, gestanden habe, momentan schwimme es schließlich in einer Tupperware-Dose im Kofferraum des Autos herum. Er erzählt von der Fahrt mit dem kantig greisen Harvey quer durch Amerika, ja und dann haben wir noch kurz bei William Burroughs gehalten, der bei Käse und Crackern von den Drogen in Tanger schwärmte und mit der Pistole im Wohnzimmer rumfuchtelte. Am Anfang klingt das nach kruder Hochstapelei, aber mit der Zeit wird aus der hirnrissigen Anekdote ein spannendes road movie, und hätte man das Glück, dass einem Michael Paterniti all das wirklich in einem Drive Inn erzählt, man würde fragen, ob er einen nicht mitnehmen könnte zu Evelyn Einstein – um zu erfahren, wie die Geschichte endet.
Das Ganze ist wirklich passiert: Thomas Harvey, der 1955 als Pathologe am Princeton Hospital arbeitet, entfernte bei der Autopsie des toten Einstein dessen Gehirn, um auf eigene Faust daran herumzuforschen. Was er dann nie so richtig getan hat: Immer wenn er seither gefragt wurde, ob er denn zu irgendwelchen Erkenntnissen gekommen sei, gab er zur Antwort, er stehe ein Jahr vor Abschluss seiner Forschungen. Inzwischen sind 45 Jahre vergangen, Harvey ist weit über 80 und möchte Einsteins Denkapparat oder das, was davon übrig ist, dessen Enkelin zeigen. Aber Harvey lebt in New Jersey, Evelyn Einstein in San Francisco. Michael Paterniti bietet sich als Chauffeur an, und so machen sich die drei – der Journalist, der Pathologe und, nun, wie soll man sagen, sein Studienobjekt, seine Trophäe, der Fetisch, der rote Hering – in Paternitis Skylark auf zu einer abstrusen Reise.
Spinner der Geschichte
„He’s a maverick.” Als mavericks bezeichnen die Amerikaner Außenseiter, Spinner, die irgendwas vollkommen Verrücktes tun, aber im Lauf der Zeit, vor allem, wenn sie erfolgreich sind, den Ruf der Verrücktheit verlieren und sich einen Platz in der Geschichte erobern. Thomas Harvey wird nie einen großen Platz in der Geschichte einnehmen; als er, kurz vor dem Ende seiner Reise, vor einer kalifornischen Schulklasse einen Vortrag über Einstein hält, ruft eine Lehrerin: „Ich begegne hier einer Fußnote!”
Paterniti zeigt, dass man anhand einer Fußnote, einer Anekdote oft mehr über einen Menschen erzählen kann als mit vielen Biografien. Während er von der Fahrt mit seinem rätselhaft schweigsamen Reisegefährten in schwarzen Anzügen berichtet, diesem Greis, der mit seiner immergleichen Wendung „Tjaa- nun...” an Melvilles Bartleby erinnert, und, auf der Suche nach dem Genie, kreuz und quer durch Einsteins Hirn geschnitten hat, legt Paterniti gleichzeitig einen diagonalen Schnitt durch sein Land und durch das Leben des Physikers: Die Entdeckungen aus dem Jahr 1905, die die Grundlagen der modernen Physik lieferten; seine unglücklichen Ehen und das unfruchtbare, jahrzehntelange Forschen nach der Weltformel. Als Los Alamos an ihnen vorbeizieht, erzählt Paterniti, wie der Mann, der von Hoovers FBI-Leuten als „extremer Radikalist” eingestuft und rund um die Uhr bewacht wurde, jahrelang freiwillig sein Gehirn in den Dienst militärischer Zwecke stellte, als er für das Waffenamt der US-Navy arbeitete.
Die beste Szene des Buches aber spielt im Hause von William Burroughs, der Dr. Harvey für einen gewissen Doktor Senegal hält, in Jeans und grünem Militärmantel über die Wonnen des Bösen spekuliert und noch mit 83 Jahren so charismatisch wirkt wie in den Zeiten der Beatniks: „Er hat wunderbare blaue Katzenaugen und Wangengrübchen, so scharf, als verdankten sie ihre Existenz einer Messerspitze. Ein Chaos von Falten überzieht sein Gesicht, die Landkarte, die Spuren seines Lebens: Mexico City, Tanger, Paris. In einer dieser Furchen, einer besonders tiefen, ist der Apfel, den er seiner Frau auf den Kopf legte, Wilhelm Tell im Meskalinrausch, bevor er sie versehentlich erschoss.”
ALEX RÜHLE
MICHAEL PATERNITI: Unterwegs mit Mr. Einstein. Deutsch von Hainer Kober. Rowohlt Verlag, Reinbek 2001. 288 Seiten, 39,90 Mark.
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ernst Horst hält sich mit einem Urteil über dieses Buch sehr zurück und merkt lediglich an, dass in den USA bisweilen Bücher entstehen, die "genauso verrückt sind wie die Phänomene, die sie beschreiben". Zu diesen Büchern zählt er ohne Zweifel auch das vorliegende, dessen Entstehungsgeschichte Horst dem Leser näher erläutert. So erfährt man, dass sich diese Geschichte tatsächlich ereignet hat, und dass das Buch aus einem Artikel über diese Reise entstanden ist, den Paterniti für Harper's Magazin verfasst hat und für den er 1998 mit dem National Magazine Award ausgezeichnet wurde. Doch "glaubwürdige Helden sind sie alle drei nicht", findet Horst und schließt dabei neben Paterniti und den Pathologen Harvey Einsteins Gehirn mit ein. Paterniti findet er "eigentlich ganz sympathisch", doch wird der Rezensent den Eindruck nicht los, dass dieser das Buch eigentlich nur verfasst hat, um seine Freundin zu beeindrucken.

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