Turin
  • Buch mit Leinen-Einband

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Produktdetails
  • Salto Bd.133
  • Verlag: Wagenbach
  • Deutsch
  • Abmessung: 21 cm
  • Gewicht: 186g
  • ISBN-13: 9783803112323
  • ISBN-10: 380311232X
  • Artikelnr.: 14191591
Autorenporträt
Margit Knapp, geboren 1960 in Schwaz/Tirol, studierte Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaften in Innsbruck und Wien. Promotion über Italo Svevo. Nach sieben Jahren in Turin lebt sie in Berlin, wo sie als Lektorin, Filmautorin und Publizistin arbeitet.
Rezensionen
Besprechung von 26.01.2006
Pflichtwohnsitz für Schriftsteller

Die aufregendsten, mit Sehnsucht und brennender Neugierde erlebten Reisen sind womöglich die, die in der Phantasie stattfinden. Das Glück, mit dem Licht einer Taschenlampe unter der Bettdecke in ferne Welten zu versinken, benebelt von den vielfachen Gefahren und Erkenntnissen ausgesetzt - zu denen als profanste das plötzliche Erscheinen eines Elternteils gehörte -, ist Erwachsenen definitiv vorenthalten. Aber ob nun imaginierte oder reale Welten - mit dem vorliegenden Buch kann man nach Turin reisen oder aber auch zu Hause im Bett liegenbleiben und sich vorstellen, draußen, jenseits der Fenster, sei Turin. Siebzehn Kurzgeschichten haben Margit Knapp und Maria Carmen Morese gesammelt. Darunter so heitere Erzählungen wie die von Natalia Ginzburg über den Umzug in eine neue Wohnung oder Sebastiano Vassallis Begegnung mit dem Verleger Giulio Einaudi während eines Schriftstellerkongresses. Carlo Fruttero und Franco Lucentini brillieren mit einer ironischen Verteidigung Turins als "Pflichtwohnsitz für Schriftsteller", und Paola Mastrocola beschreibt aufs zärtlichste den Besuch eines jungen Mädchens bei seiner Tante Elsa. Schon allein Cesare Paveses herzzerreißend melancholische Geschichte "Der Sommer" lohnt die Lektüre dieses mit unaufdringlichen Schwarzweißfotografien bebilderten Büchleins. Daß Turin - spröde, prachtvoll und etwas einschüchternd - mehr ist als nur Fiat und Juventus, gehört zu den schönsten Erkenntnissen der Lektüre. Wobei Giovanni Agnelli in einer solchen Sammlung nicht fehlen darf. Andrea Camilleri entdeckt vergnüglich die "Zigeunerjungen in Agnellis Schrank". Neben Namen des italienischen Schriftstellerolymps wie Carlo Levi, Italo Calvino, Norberto Bobbio und Primo Levi finden sich auch Erzählungen jüngerer Autoren. Alessandro Bariccos "Die Bocciaspieler" beschreibt lakonisch und liebevoll genau die glückliche Zweisamkeit eines älteren Ehepaars. Es mag auch an der Kunst der Übersetzer liegen, daß der Leser vom seltsamen Zauber Turins gefangengenommen wird. Besucher der Stadt sind gut beraten, dieses Buch bei sich zu haben - dazu eine Taschenlampe, falls es im Hotel der Strom ausfällt.

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"Turin. Eine literarische Einladung". Herausgegeben von Margit Knapp und Maria Carmen Morese. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2005. 117 Seiten, einige Schwarzweißfotos. Gebunden, 13,90 Euro. ISBN 3-8031-1232-X.

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Besprechung von 19.01.2006
Erste Wahl
17 Kenner beschreiben ihre Stadt - Turin
Italo Calvino hat sich einer seltenen Spezies zugerechnet. „Unter uns Schriftstellern gibt es, glaube ich, nicht viele Wahlturiner. Wahlmailänder kenne ich zuhauf, ja, ich würde sogar behaupten, dass beinahe alle Mailänder Literaten welche sind. Auch die Wahlrömer werden immer mehr und Wahlflorentiner gibt es ohnehin viele . . .” Aber nach Turin zieht so schnell kein Schriftsteller, wenn man Calvino glauben darf. Franco Lucentini immerhin hat es getan wegen Carlo Fruttero, und Natalia Ginzburg hat einige Jahre im Piemont gelebt, aber da war sie noch ein Kind.
Turin ist deswegen aber nicht autorenlos: Der Philosoph Norberto Bobbio wurde in der piemontesischen Hauptstadt geboren und hat dort viele Jahre gelebt, ebenso stammen Carlo Levi und Primo Levi aus Turin, daneben weniger bekannte Schriftsteller wie Enrico Remmert, Dario Voltolini, Paola Mastrocola, Giuseppe Culicchia und Alessandro Baricco. Zudem kommt Cesare Pavese aus dem Piemont, wenn auch nicht aus Turin.
Man sagt der Stadt nach, dass sie ein wenig spröde sei und Fremden gegenüber reserviert. Auch hinter der „literarischen Einladung”, die der Verlag Klaus Wagenbach im Untertitel seines „Turin”Büchleins ausspricht, verbirgt sich kein überschwängliches Willkommen. In dem schmalen Band haben Margit Knapp und Maria Carmen Morese 17 kurze Texte versammelt von Zugezogenen und Durchgereisten, vor allem aber von Einheimischen. Turin offenbart sich in diesen Geschichten nur zögerlich. Oft muss man im Glossar nachschlagen um herauszufinden, in welchem Zusammenhang die Text-Miniaturen entstanden sind. Und in manchen Fällen muss man den Autoren schlicht glauben, dass sie von Turin schreiben, man kann es kaum nachprüfen. Nur erahnen, wie in Baricchos vierseitiger Anekdote „Die Bocciaspieler”; an der Art, wie die Figuren sich geben, wie sie sich kleiden - an ihrer Zurückhaltung also und Eleganz.
Deutlich aus dem Rahmen der übrigen Texte fällt „Der Letzte” von Primo Levi, eine Geschichte nicht aus Turin, sondern aus dem Vernichtungslager Auschwitz, das Levi überlebt hat. Und doch lässt „Der Letzte” sich nahtlos einreihen in die übrige Kurzprosa, da beinahe alle Texte zu den persönlichsten zählen, die die hier versammelten Autoren jeweils geschrieben haben.
Das touristische Turin, seine Barockfassaden, findet man wenn auf den Schwarzweißfotografien, die der Einladung beigegeben sind und die überwiegend von Inge Schladen aufgenommen wurden. In den literarischen Werken stöbert man hingegen die Atmosphäre Turins auf, die Mentalität einer Stadt, die sich durchaus auch großmäulig präsentieren kann und mitunter sogar herzlich.
Den Olympia-Teilnehmern sei übrigens angeraten, sich in der Wallfahrtskirche Santa Rita der Heiligen Rita zu empfehlen: Man nennt sie die Heilige der Unmöglichkeiten.
STEFAN FISCHER
MARGIT KNAPP, MARIA CARMEN MORESE (Hrsg.): Turin - Eine literarische Einladung. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2005. 120 Seiten, 13,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Turin, so der M.A. zeichnende Rezensent, ist hauptsächlich bekannt für seine symmetrisch angelegten Straßen und seine Fiat-Autowerke. Weniger bekannt sei hingegen, was Turin in Sachen Kultur und Lebensart zu bieten habe. Die Lektorin Margit Knapp und die Leiterin des Goethe-Instituts in Neapel, Carmen Morese, überlassen es den Schriftstellern, dieses weitgehend unbekannte Turin zu erschließen. Neben Klassikern wie Cesare Pavese oder Carlo und Primo Levi kommen in dieser Stadt-Anthologie auch jüngere Autoren zu Wort, und alle fügen sie sich für den Rezensenten zu einer "gelungenen Mischung" zusammen, die den Leser nicht nur zum Weiterlesen, sondern gar zu einem Besuch verleiten könnte.

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