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Heute wissen wir, dass sich am 26. April 1986 in Tschernobyl der größte Unfall ereignete, der je ein Kernkraftwerk betraf. Einer der vier Reaktoren war durch die Explosionen völlig außer Kontrolle geraten und setzte riesige Mengen radioaktiver Substanzen frei, die in unmittelbarer Nähe tödlich wirkten und auch in größeren Entfernungen massive Schäden verursachten.…mehr

Produktbeschreibung
Heute wissen wir, dass sich am 26. April 1986 in Tschernobyl der größte Unfall ereignete, der je ein Kernkraftwerk betraf. Einer der vier Reaktoren war durch die Explosionen völlig außer Kontrolle geraten und setzte riesige Mengen radioaktiver Substanzen frei, die in unmittelbarer Nähe tödlich wirkten und auch in größeren Entfernungen massive Schäden verursachten.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.04.1999

Du hast eine Genehmigung, Herr?
Wie die Natur unter dem Menschen leidet: Eine Umweltgeschichte von Franz-Josef Brüggemeier

Das Jahrtausend neigt sich dem Ende zu - Zeit zur Rückschau. Der Deutsche Taschenbuch Verlag hat die Reihe "20 Tage im 20. Jahrhundert" aufgelegt: Zwanzig Ereignisse sollen die historische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der vergangenen hundert Jahre anschaulich machen. "Als Ergebnis liegt damit eine Bilanz des 20. Jahrhunderts vor", lautet so knapp wie selbstbewußt der zweite und letzte Satz der Projektbeschreibung am Ende des Buches.

Im vorliegenden Band mit dem Titel "Tschernobyl, 26. April 1986. Die ökologische Herausforderung" von Franz-Josef Brüggemeier, der in Freiburg Sozial-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte lehrt, geht es nicht um die Katastrophe von Tschernobyl im besonderen oder Reaktorunfälle im allgemeinen. Die Schilderung der "Havarie" in Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks, durch den Schrifttyp optisch von den anderen Kapiteln abgesetzt, bildet gleichwohl den Auftakt des Buches.

Der eigentliche Anfang führt den Leser zunächst in die vorindustrielle, "nachhaltige" Zeit des frühen neunzehnten Jahrhunderts (der in letzter Zeit vieldiskutierte Begriff der Nachhaltigkeit wurde übrigens vor 250 Jahren in der deutschen Forstwirtschaft geprägt). Der Autor beschreibt, wie mit der Industrialisierung und dem daraus resultierenden Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum auch die Beeinträchtigungen der Natur zunahmen. Belastungen von Boden, Luft und Gewässern zogen größere Gebiete in Mitleidenschaft als zuvor, es folgten erste Versuche zur wissenschaftlichen Erfassung und Erklärung der auftretenden Phänomene. Regierungen und Behörden reagierten mit Gesetzen und Auflagen. Örtlich regte sich Protest. Schon frühzeitig klagten Bürger über Schmutz, Lärm und Geruch in ihrer Nachbarschaft, wenngleich die juristischen Möglichkeiten begrenzt und die Chancen auf Entschädigung oder Beseitigung der Mißstände äußerst gering waren.

Um die Jahrhundertwende entstanden dann die ersten Natur- und Heimatschutzvereine, in denen Strömungen und Bewegungen verschiedener Art vertreten waren: mythisch-naturromantische, nationalistisch ausgerichtete und kapitalismuskritische. Was im Fall eines gewonnenen Krieges aus den stark ideologiegetränkten Natur- und Landschaftsschutzideen der Nazis geworden wäre, läßt sich nicht sagen. Ansätze dazu fielen dem Arbeitsdienst und schließlich der Rüstung zum Opfer - und das Wirtschaftswunder, so könnte man hinzufügen, gab ihnen den Rest.

Eutrophierte Flüsse, Smog, Waldsterben, Dioxin, DDT und Atomanlagen: Diese Schlagworte für Umweltsünden der Nachkriegszeit sind in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegangen. Mit zunehmendem Umweltbewußtsein entstand auch die ensprechende Bewegung, die laut Brüggemann "erst 1970 die kritische Masse" erreichte. Das Kapitel über die Zeit nach 1945 ist notabene das umfang- und faktenreichste, wobei einige Themen wie zum Beispiel die Unfälle von Seveso und Bhopal nur gestreift, andere ganz weggelassen werden, so der gesamte Bereich der Meeresverschmutzung.

Hier zeigt sich eine Schwäche des Buches: Wiewohl Tschernobyl den Ausgangspunkt bildet und ungeachtet der vom Autor selbst formulierten Erkenntnis, daß sich die Qualität der Umweltprobleme in den letzten Jahren insofern verändert hat, als sie "weit über nationale Grenzen hinaus" wirken, handelt es doch im wesentlichen von Deutschland. Zwar werden hier und da andere Industrieländer gestreift, doch der Rest der Welt findet kaum Erwähnung, von den sehr kurzen Abschnitten über globale Umweltprobleme, internationale Vereinbarungen, Emissionen und Klimaschutz abgesehen. Brüggemeier bemerkt zu Beginn des vierten Kapitels über die Zeit nach 1945: "Diese Schwerpunktsetzung erscheint angesichts der globalen Bedrohung unangemessen." Er erklärt das Manko damit, daß eine zusammenfassende Darstellung der wichtigsten Entwicklungen der letzten fünf Jahrzehnte nicht einmal für Deutschland vorliege. In dieser Hinsicht hat der promovierte Historiker und Mediziner einiges an Vorarbeit geleistet, denn wer sich vom Titel und dem hochgestochenen Anspruch des Verlages nicht aufs Glatteis führen läßt, kann das Buch als Überblick über die deutsche Umweltgeschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte mit Gewinn lesen.

Wie der globalen ökologischen Herausforderung im nächsten Jahrtausend zu begegnen ist, bleibt allerdings offen: "Fraglos bestehen weiterhin gravierende Umweltprobleme, einige werden erst seit kurzem richtig verstanden und neue werden hinzukommen", resümiert Brüggemeier. "Wir sind weit davon entfernt, die langfristigen Folgen industrieller Produktion und unserer Lebensweise genau einschätzen oder unerwartete Konsequenzen wirklich ausschließen zu können."

KERSTIN EITNER

Franz Josef Brüggemeier: Tschernobyl, 26. April 1986". Die ökologische Herausforderung. 20 Tage im 20. Jahrhundert. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998. 310 S., br., 19,90 DM.

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