Produktdetails
  • Verlag: Berlin Verlag
  • ISBN-13: 9783827003614
  • ISBN-10: 382700361X
  • Artikelnr.: 23926510
Rezensionen
Besprechung von 24.10.2000
Das Schwarzbuch
Olaf Müllers etwas tropfender
DDR-Roman „Tintenpalast”
„Tintenpalast” nennen die Bewohner Namibias ironisch ihr Regierungsgebäude in Windhoek. „Tintenpalast” nennt der DDR-Bürger Henry sein Tagebuch. In seinem „Tintenpalast” bewahrt er auf, wie er von den Töchtern eines Luftpumpenfabrikanten erst verschmäht, dann vernascht, schließlich von ihrem Vater aus dem Haus gewiesen wurde. Henry zeigte den Herrn wegen Steuerhinterziehung an.
Nach dem Ende der DDR geht Henry mit seinem „Tintenpalast” in das „Tintenpalast”-Land, repariert Weidezäune und macht auch da Frauen glücklich. Gesucht und gefunden wird er dort von seinem alten Kumpel Simon. Simon begegnet zwischendurch mehreren seltsamen Menschen, der seltsamste: ein Camp-Besitzer, der in seiner Kneipe auf der Orgel Bach spielt.
Der Showdown mit Henry aber misslingt, weil Mutter Natur in der Wüste Namib rechtzeitig verrückt spielt. Das Tagebuch fällt in einen Fluss. Die eingestreuten „Tintenpalast”-Zitate zeigen das Umstandsdeutsch des Leipziger Autor-Kollegen Gert Neumann, ins Pompöse gewendet: kein wirklicher Verlust. Der „Tintenpalast”-Schreiber Henry ist, wie sein Freund-Feind Simon, selbst eine Scherenschnitt-Figur, die sich zufällig nach Afrika verirrt hat – beide leben nicht. Sie geben vor, Kino-Szenen zu überstehen, und sehen Namibia mit Kamera-Augen.
Henry sagte Simon 1984 in verdrehten Worten, dass er ein Spitzel ist. Simon wurde „zur Klärung eines Sachverhalts” zum ABV, zum Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei, bestellt und an die Arbeitsplatzvermittlerin Wera verwiesen, Wera schickte Simon in den Schlachthof und verliebte sich in ihn. Ja und? Muss Simon deswegen in der Wüste herumballern und dieselbe ganz elende Sorte Deutsch reden wie Henry?
Ein Buch, das in seiner allerersten Zeile „rot-äugige Schwächeanfälle” verspricht, sollte komisch oder nicht sein. Olaf Müller, 1962 in Leipzig geboren, meint es mit seinem ersten Roman ernst. Sein Verleger lässt den Leser in einem Vorwort herzlich grüßen und stellt ihm in Aussicht, er werde dem Kampf zwischen Simon und Henry „bis zur Atemlosigkeit ausgeliefert sein”.
Der Mann irrt. Jede Minute mittlerer Straßenverkehr ist aufregender.
KONRAD FRANKE
OLAF MÜLLER: Tintenpalast. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2000. 332 Seiten, 39,80 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Besprechung von 28.08.2000
Doppeldebüt, Pulloverstricker und Wirklichgewolltes
Saisonauftakt im LCB: Neue Bücher von Berliner Autoren

Wenn das Literarische Colloquium zum "Saisonauftakt" lädt, ist der Sommer vorbei. Die Herbstbücher waren am Freitag abend allerdings noch so druckfrisch, daß nicht einmal die Autoren selbst sie kannten. Volker Braun brachte es nach einigem Zögern über sich, ein Exemplar seines eigenen Erzählungsbandes "Das Wirklichgewollte" für achtundzwanzig Mark zu kaufen, um ihn erstmalig in Händen zu halten. Danach war ihm das Buch aber zu kostbar geworden, um daraus zu lesen, und so benutzte er noch einmal das Typoskript, in dem er sich auskannte. Der Büchertisch im LCB war an diesem Abend der aktuellste der Republik. Er versammelte Neuerscheinungen von Berliner Autoren in wilder Mischung, so wie auf ökologischen Marktständen alles durcheinanderliegt, was die Jahreszeit in der Region zu bieten hat.

Der Österreicher Michael Wallner hat dabei die neue Disziplin des Doppeldebüts begründet. Er, bisher als Schauspieler und Regisseur hervorgetreten, hat gleich zwei Erstlingsromane parallel geschrieben, die nun bei zwei verschiedenen Verlagen erscheinen. In beiden geht es um Zeit, Zeiterfahrung und Gleichzeitigkeit. "Cliehms Begabung", so der Titel des einen Debüts, besteht in der Fähigkeit, verschiedene Augenblicke im selben Moment zu erleben. Da sitzt der Held also heute lässig im Café und bestellt ein Bier und hört plötzlich die Musik, die er morgen in der Oper erleben wird, ja, er ist gleichzeitig mit Frack und Fliege in der Oper. Für einen Erzähler ist dieses Durch- und Übereinander eine echte Herausforderung, die wohl tatsächlich nur als Doppeldebüt zu bewältigen war. Ob auch jedes Buch einzeln sein Thema bewältigt, wird sich zeigen müssen.

Interessant zu sehen, wer alles als Berliner Autor gilt. Anders als zu Mauer- und Frontstadtzeiten, als man mindestens fünfzehn Jahre in der Stadt ausgeharrt haben mußte, um den geschützten Ehrentitel "Berliner" tragen zu dürfen, reicht es heute aus, den Wohnsitz kurzfristig hierher zu verlegen. Berlin ist offen und unersättlich und kann gar nicht genug bekommen von neuen Berlinern. Unter Autoren jedenfalls gibt es bald keinen mehr, der kein "Berliner Autor" wäre. Aris Fioretos zum Beispiel. Er ist der Prototyp des neuen, transnationalen Europäers. Sohn eines Griechen und einer Österreicherin, wurde er in Göteborg geboren und besitzt folglich die schwedische Staatsbürgerschaft. Mit seinem nach hinten gegelten dunklen Haar sieht er aus wie ein Spanier. Nun ist er ein Berliner Autor, weil er für ein Jahr in Berlin lebt.

Bademeister mit Beklemmung

Sein neuer Roman "Die Seelensucherin" spielt in den zwanziger Jahren und berichtet von einer jungen Frau, die sich, um ihren Vater zu finden, von Berlin nach Stockholm aufmacht. Der Vater ist mit einer neuen Wissenschaft im Bunde, die die materielle Beschaffenheit der Seele proklamiert und sich "Seelenbiologie" nennt. Fioretos erfindet diesen halbfiktiven, untergegangenen Wissenschaftszweig als Denkmöglichkeit und schreibt zugleich den lange erwarteten großen Stockholm-Roman: "Stockholm noir" hieß das Buch im schwedischen Original. Was davon im LCB zu hören war, klang allerdings eher konventionell und glatt als dunkel und beängstigend.

Auch Katharina Hackers Monolog "Der Bademeister" ist auf Beklemmung angelegt, ohne sie in der vorgetragenen Anfangspassage erzeugen zu können. Katharina Hacker kehrte nach sechs Jahren in Tel Aviv nach Deutschland zurück und landete am Prenzlauer Berg. Dort fühlt sie sich zu Hause, weil es vor allem in Amtsstuben so aussieht wie in Tel Aviv.

"Der Bademeister" ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes, mit der DDR als geschlossenem Raum. Nur der Bademeister ist im leeren, verfallenden Gebäude zurückgeblieben. Er wurde Bademeister, weil er einen Nazi-Vater hatte und in der DDR nicht studieren durfte. Jetzt, als Opfer der Abwicklung, wittert er überall Verrat und Zerstörung und spricht seine Anklage lauthals in Abhörmikrophone, die er in allen Ecken vermutet.

Befreite Schwarze

Ganz anders der aus Leipzig nach Berlin übergesiedelte Olaf Müller, der im Alter von 38 Jahren seinen Debütroman "Tintenpalast" vorlegt. Für ihn wird die DDR- und Wende-Geschichte erst auf dem Umweg über die Wüstenweiten Namibias erzählbar. Hier hielt der Autor sich 1992 auf, als das Land gerade selbständig geworden war. Weil ihn "die befreiten Schwarzen, die nicht wirklich befreit waren", an die Landsleute in der DDR erinnerten, hat er beides nun zum komplizierten Roman verflochten, der in Bedeutungshaftigkeit zu ersticken droht. Spielerisch leicht, humorvoll, körperbetont dagegen die Gedichte von Kathrin Schmidt, die unter dem Titel "Go-In der Belladonnen" erscheinen. Mit Lyrik wurde Kathrin Schmidt bekannt, Lyrik ist die Disziplin, die sie "glücklich macht". Romanschreiben sei dagegen "wie Pulloverstricken, während die Person, der er zugedacht ist, immer fetter wird".

Für Volker Braun ist dagegen auch Prosa die Kunst der Kürze. "Beschämend kurz" seien die drei Erzählungen, die nun zum schmalen Büchlein gebündelt wurden, doch der Suhrkamp-Verlag habe es so gewollt. Brauns Verleger weiß wenigstens, was das "Wirklichgewollte" ist: Eine Neuerscheinung zum Büchnerpreis ist ihm verlegerische Pflicht. Die Kürze der Texte sagt zudem wenig über ihre Dichte und Intensität aus. Braun bringt auf einer Seite mehr unter als manch anderer in einem ganzen Roman - da sollte man sich über den Umfang nicht grämen.

Die Titelgeschichte "Das Wirklichgewollte" antwortet auf die Erzählung "Das Nichtgelebte" aus der Nachwendezeit und stellt die schrecklich einfache Frage, was es denn sein könnte, was man "wirklich" will. In allen drei Geschichten geht es um Gewalt und Armut, um Alter und Jugend. Flüchtlinge in Italien, eine südamerikanische Favela, Gestrandete irgendwo in Sibirien: Die Lebenssituationen sind so unerträglich wie unabänderlich. Doch überall taucht die Frage "Was willst du?" auf - und ist scheinbar nur von den Mördern zu beantworten, mit denen man die Wohnung teilt. "Man stellt diese Frage ja sich selbst kaum", sagt Braun, "noch weniger anderen. Das Peinigende ist, daß es keine gemeinsame Antwort darauf gibt."

Brechts Maxime "Unerbittlich das Richtige zeigen" hat sich bei Volker Braun zur Formel "Unerbittlich das Ungewisse zeigen" verändert. Und wenn am Schluß der alte Maler Borges einen Strich auf seiner Leinwand zieht, dann kommt es darauf an, den Strich so fest zu machen, "daß er eine Möglichkeit darstellt, und so dünn, daß er keine endgültige Lösung bietet". Aufs Schreiben übertragen, ergeben sich daraus notwendig fragile, sehr bestimmte Geschichten: kurz und kräftig und immer mit offenem Ende.

JÖRG MAGENAU

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Der Titel "In den Sand gesetzt" kündigt unheilschwer an, was dann sogleich in dem totalen Verriss von Ute Stempel folgt. Nachdem die Rezensentin messerscharf den Roman seziert hat, bleibt am Ende nichts übrig weder vom Plot noch von der teilweise "gestelzten" Sprache. Von "Jagdszenen jungmännlicher Abrechnung" in Namibia weiß sie konsterniert zu berichten und vor allem von der wieder einmal vertanen Chance, ein Buch über die "deutsch-deutsche Zeithistorie" zu schreiben. Ihre Klage richtet sich aber nicht nur gegen den Autor, sondern auch gegen das Lektorat, das es unterlassen hat "einem unscharf philosophierenden Anfänger zu Hilfe" zu kommen. "Ein Roman also, dessen Teig mit allen Eiern angerührt ist. Ein Buch, das an seinem Stoff vorbeigeschrieben ist", mit diesen bitteren Worten endet die Rezension und der Autor kann einem fast ein wenig leid tun, von einer so brillanten Rezensentin besprochen worden zu sein.

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