Produktdetails
  • Verlag: Solibro Verlag
  • ISBN-13: 9783932927164
  • ISBN-10: 3932927168
  • Artikelnr.: 09889977
Rezensionen
Besprechung von 17.07.2002
In bewusstseinserweiternder Mission
„Tiger fressen keine Yogis”: Helge Timmerberg ist immun gegen die Neurosen der Sesshaftigkeit
Das erste, was auffällt, ist, dass die Stimme, die in diesen Texten spricht, Vertrauen erweckt. Lesen ist ein intimer Akt. Man wüsste vorher schon gern, wen man da eigentlich in seinen Kopf hinein lässt. Die Stimme gehört zu Helge Timmerberg, Journalist ohne Redaktionsbüro und ohne festen Wohnsitz – statt einer Wohnung hat er eine Art Basislager. Auf Fotos wirkt der Mann entspannt, irgendwie so, als sei er immun gegen manche Neurosen der Sesshaftigkeit. Wobei so ein Leben als fahrender Autor auch Gefahren birgt. Er reist nach Tel Aviv, während Saddam Hussein die Stadt mit Raketen beschießt, und in den südindischen Dschungel, wo er dank einer sehr speziellen Yoga-Stellung die Begegnung mit einem Tiger überlebt. Timmerberg graut nicht davor, ein Pestquartier aufzusuchen, mit einem finster gelaunten Yakuza-Boss in Tokio ins Bordell zu gehen und in der Schweiz im Selbstversuch Jodeln zu lernen. Und das sind nur die offensichtlich riskanten Trips!
Auch wenn er daheim in Deutschland ein Kochbuch von Alfred Biolek testet, wird eine Expedition daraus in eine fremde, seltsame Welt. Ob allerdings wirklich Ariane Sommer als Testesserin in seine Wohnung kommt, noch dazu ohne Höschen – beim Leser stellen sich, nicht nur an dieser Stelle des Buchs, gewisse Zweifel ein; selbst wenn man Timmerbergs freundlichen, sehr persönlichen Ton schon so sympathisch findet, dass man bei Ungenauigkeiten im Umgang mit der Wahrheit mal ein Auge zudrücken würde. Ihm ist offensichtlich nichts Menschliches fremd. Warum soll so jemandem nicht auch Übermenschliches zuzutrauen sein – dass er also beispielsweise den indischen Tiger schwer beeindruckt, indem er plötzlich wie Castaneda „mit gebogenem Rückgrat und der Stirn nach unten langsam aus dem Dschungel in die Lüfte” schwebt?
Helge Timmerberg ist mehr Erzähler als Reporter und vor allem wohl eine Art Mystiker, weil er sich beharrlich weigert, die Entzauberung der Welt als Tatsache hinzunehmen. Dass der Globus bis in den letzten Winkel erforscht ist, dass es keine Geheimnisse mehr gibt, weil der Massentourismus jeden Fleck auf dieser Erde unter Beschlag genommen hat – dieses ganze Gerede mag ja richtig sein und klingt für jemanden, der sich von Timmerbergs Neugierde und Empathie hat anstecken lassen, doch bloß wie eine schale Ausrede wahrnehmungsfauler Menschen.
Er reist nicht allein im Auftrag irgendeiner Redaktion, sondern immer auch in bewusstseinserweiternder Mission, nimmt Drogen, hat Sex und das eine oder andere kosmische Erlebnis. Ist Helge Timmerberg, der 1952 geboren wurde und 1970 angeblich den ersten LSD-Horrortrip auf einer Verkehrsinsel am Kamener Kreuz hat, ein skeptischer Hippie? Oder doch eher ein romantischer Abenteurer, ein Typ des neunzehnten Jahrhunderts? Wahrscheinlich beides: romantisch, weil er es offensichtlich mit Eichendorff hält – „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort” – und Hippie, weil er vielleicht glaubt, dass es ein Song ist von Janis Joplin.
Cool, aber nicht herzlos
„Der freieste Mensch, dem ich je begegnet bin”, nennt ihn die Verehrerin Sybille Berg in ihrem Vorwort: „Alle liebten ihn, weil er die schönsten Artikel schrieb, die jemals in einer Zeitung gestanden hatten.” Es ist in der Tat so, dass man beim Lesen anfängt, die guten Sätze zu unterstreichen, und bald ist die Hälfte des Buchs unterstrichen, und dann schaut man sich die restlichen Sätze an und stellt fest, dass die eigentlich auch sehr gut sind. Angenehm temperiert. Oft cool, aber nie herzlos. Und voller Zauberworte, wozu auch „Scheißhaus” gehört und „Platzangst” und „Drogenprostitution”. Timmerberg ist ein Poet, aber er macht die Welt nicht poetischer, als sie ist.
Die „schönsten Artikel, die jemals in einer Zeitung gestanden haben” ist also keine maßlose Übertreibung; hinzufügen sollte man noch, dass es auch die uneitelsten Artikel sind, die jemals in so disparaten Publikationen wie Stern, Spiegel, Bunte, Bild, Zeit, SZ-Magazin, Tempo, Playboy und Allegra gestanden haben. Und das, obwohl es vorkommt, dass eine Reportage sofort mit „Ich” anfängt: „Ich war für den Spiegel unterwegs, um eine Geschichte über das neuerwachte Nachtleben von Beirut zu machen, und eine schlimme Tour mit jugoslawischen Huren und einem ghanaischen Koksdealer fand ein böses Erwachen im Zimmer 107 des Hotel Half Moon.”
Als Erzähler weiß Timmerberg, dass Spannung alles ist. Als Mystiker weiß er, dass „Ich” nichts ist.
OLIVER FUCHS
HELGE TIMMERBERG: Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs. Solibro Verlag, Münster 2001. 256 Seiten, 19,90 Euro.
„Der freieste Mensch, dem ich je begegnet bin”, nennt Sybille Berg den Schriftsteller Helge Timmerberg: „Alle liebten ihn, weil er die schönsten Artikel schrieb, die jemals in einer Zeitung gestanden hatten.”
Fotos: Frank Zauritz
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Hier schreibt ein wahrer Fan des Reporters und Geschichtenerzählers Helge Timmerberg: Rezensent Oliver Fuchs ist absolut hingerissen von diesen Abenteuergeschichten aus dem südindischen Dschungel, über Tokioter Yakuza-Bosse oder Jodellehrgänge in der Schweiz. Natürlich, räumt der Rezensent ein, ist der "Reporter" Timmerberg eher eine Erzähler. Um seine Geschichten genießen zu können, müsse man bei einigen "Ungenauigkeiten im Umgang mit der Wahrheit" ein Auge zudrücken können. Timmerberg ist ein Poet, schreibt Fuchs, aber er mache die Welt nicht poetischer, als sie ist - vielleicht ein bisschen aufregender, überraschender und geheimnisvoller. Und vor allem schreibe er einfach verdammt gut, wie Fuchs eingängig erklärt: Beim Lesen fange man prompt an, die guten Sätze zu unterstreichen, bald sei die Hälfte des Buches unterstrichen und man stelle fest, dass die andere Hälfte auch nicht schlecht sei.

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