Produktdetails
Rezensionen
Besprechung von 22.10.2004
Auch wilde Mütter haben Kinder
Anup Shah und Manoj Shah gehen unter die Tiere

Einen Arm um ihre Tochter gelegt, reckt das Orang-Utan-Weibchen Pesek den offenen Mund zum Himmel. Die Kleine tut es ihr nach, ohne die Mutter aus den Augen zu lassen. Die beiden Menschenaffen fangen Wassertropfen auf, die von den Bäumen fallen, weil andere Orang-Utans dort spielen. Die Fotografen Anup und Manoj Shah halten mit dieser Szene das Thema des Buches fest: die innigen Beziehungen der Mütter zu ihren Jungen.

In den Bildern der beiden in Kenia aufgewachsenen Inder sieht man niemals nur das Tier. Man findet hier auch die Zuneigung, den Beschützerinstinkt und die Liebe. Diese wird durch den Blick der Fotografen an den Betrachter weitergegeben, denn zum Teil haben sie die Leoparden, Geparden und Orang-Utans über mehrere Jahre begleitet und ihnen Namen gegeben. Anup und Manoj Shah kennen diese Tiere so gut, daß sie in jedem Bild eine besondere Szene einfangen. Zum Beispiel das Gepardenweibchen Frisky, das sich nach einem Regenguß in der Savanne von einem ihrer Jungen das Wasser von den Tatzen schlecken läßt.

Auch wenn die Fotografien meistens für sich selbst sprechen, erklären die Fotografen in den Bildbeschreibungen die jeweilige Situation, was davor geschah oder passieren wird. Dies läßt die Bilder über eine Momentaufnahme hinaus zu einer Darstellung der Gefühlswelt der Tiere werden. So beeindruckt das Bild der Orang-Utan-Dame Edita mit einem Neugeborenen allein durch die Kraft, die der Menschenaffe ausstrahlt. Doch der Bildtext erklärt, daß Edita den Nachwuchs entführt hat, was in einer Affenhorde häufig vorkommt. Obwohl der kleine Orang-Utan sich scheinbar vertrauensvoll in das Fell des Weibchens klammert, erscheinen seine Augen nach dieser Erklärung angstvoll.

Andere Fotografien kommen ohne diese Zusatzerklärungen aus. Die Angst und das Erschrecken im Gesicht einer Pavianmutter, als sich ein anderer Affe ihr nähert und am Arm des Jungen zieht, erkennt der Betrachter auf den ersten Blick. Aufklärung über die manchmal seltsam anmutenden Verhaltensweisen gibt der ausführliche Text, in dem vom Zebra über die Großkatzen bis hin zu Schimpansen alle Tiere noch einmal beschrieben werden. Die Texte zeugen nicht nur von der Beobachtungsgabe der Fotografen, sondern auch von ihrer Verbundenheit mit den Tieren.

Der Leser wird über die hohe Sterblichkeitsrate bei Löwenjungen und die Verknüpfung von Nervenbahnen im Gehirn von jungen Affen informiert. Allerdings sind die meisten Texte, obwohl wissenschaftlich fundiert, von Emotionen getragen, die die Tiere oft sehr menschlich erscheinen lassen. Die Autoren schreiben der Löwenmutter ein Trauma zu, als ein männlicher Löwe ihre Jungen tötet, um danach selber mit ihr Nachwuchs zu zeugen. Wissenschaftlich belegt ist das nicht, genauso wenig wie die Furcht, die das Gepardenweibchen Frisky empfindet, als sie ihre Jungen allein lassen muß, um jagen zu gehen. Die Vermenschlichung durch Namen und Gefühle trägt aber dazu bei, den Leser mit Text und Bildern tiefer in das Buch zu ziehen und so die menschlich anmutenden Emotionen der Tiermütter auf den Betrachter zu übertragen.

JULIA SOHNEMANN

Anup Shah, Manoj Shah: "Tiermütter und ihre Jungen". Aus dem Französischen von Regina Enderle. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2003.218 S., Farb-Abb., geb., 39,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Nach Meinung der Rezensentin Julia Sohnemann ist dieser Fotoband über die Mutter-Kind-Bindung bei Tieren ein ausgesprochen beeindruckendes Dokument - auch wenn sie leise kritisiert, dass an etlichen Stellen den Tieren unreflektiert menschliche Gefühlsregungen unterstellt werden. Das trägt zwar nach Sohnemanns Meinung dazu bei, den Betrachter "mit Text und Bildern tiefer in das Buch zu ziehen" - doch eine wissenschaftliche Grundlage gibt es dafür oft nicht. Trotzdem schmälert das in den Augen der Rezensentin den Wert des Buches kaum. Beeindruckend ist vor allem "die Beobachtungsgabe und Verbundenheit des Fotografen mit den Tieren". Bei dieser jahrelang angebahnten Arbeit sind Fotos entstanden, die "für sich selbst sprechen". Die Kontextualisierungen der Situationen, in denen die Bilder entstanden sind, lassen "die Bilder über eine Momentaufnahme hinaus zu einer Darstellung der Gefühlswelt der Tiere werden".

© Perlentaucher Medien GmbH