Tante Laura - Fritz, Michael G.

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Plötzlich sind nebenan gebauschte Laken zu sehen und der leichte Sommerwind trägt Rock-and-Roll-Klänge an ihren Frühstückstisch. Aber der Nachbar hat noch nie Feriengäste beherbergt. Bald darauf stellt sich heraus, dass die Frau nackt sein muss, die sich hinter den Stofffahnen der Sonne hingibt. Martin und seine Frau Katja, die mit ihren Söhnen Robert und Florian schon seit Jahren beim alten Jeske im Haus am Bodden den Urlaub verbringen, können gar nicht anders als neugierig sein. Außer dass Martin fast jeden Morgen mit Jeske zum Angeln aufs Wasser fährt, passiert in einem abgelegenen Ort an…mehr

Produktbeschreibung
Plötzlich sind nebenan gebauschte Laken zu sehen und der leichte Sommerwind trägt Rock-and-Roll-Klänge an ihren Frühstückstisch. Aber der Nachbar hat noch nie Feriengäste beherbergt. Bald darauf stellt sich heraus, dass die Frau nackt sein muss, die sich hinter den Stofffahnen der Sonne hingibt. Martin und seine Frau Katja, die mit ihren Söhnen Robert und Florian schon seit Jahren beim alten Jeske im Haus am Bodden den Urlaub verbringen, können gar nicht anders als neugierig sein. Außer dass Martin fast jeden Morgen mit Jeske zum Angeln aufs Wasser fährt, passiert in einem abgelegenen Ort an der Ostsee nicht viel. Aber das ändert sich, als sich in der unbekannten Frau Martins längst vergessene Tante Laura zu erkennen gibt: die jüngere Schwester von Martins Mutter, irgendwann nach Südamerika ausgewandert. Plötzlich geht es um Leben und Tod. Michael G. Fritz hat nach seinem großen Erfolg mit "Die Rivalen" wieder einen Roman geschrieben, der dem Leser alles bietet: ein Erzählen über das Leben, wie es der Leser kennt und liebt, bis es seine geheimen Geschichten offenbart.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mitteldeutscher Verlag
  • Seitenzahl: 191
  • Erscheinungstermin: Juni 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 139mm x 23mm
  • Gewicht: 330g
  • ISBN-13: 9783898125635
  • ISBN-10: 3898125637
  • Artikelnr.: 23818752
Rezensionen
Besprechung von 03.07.2009
Die gar nicht so liebe Tante

In Michael G. Fritz' fesselndem Roman bringt der Engel der Geschichte, die hier in der DDR angesiedelt ist, die Zerstörung gleich selbst mit.

Spätestens seit seinem 2007 erschienenen Roman "Die Rivalen" wird Michael G. Fritz als Geheimtipp unter deutschen Erzählern gehandelt. Sein Roman "Tante Laura" gibt Anlass zu der Vermutung, dass er nicht im Geheimen bleiben wird. Fritz erzählt eine Geschichte voller Tragik und Merkwürdigkeiten, mit einer rätselhaften, ebenso anziehenden wie abstoßenden weiblichen Hauptfigur, deren groteske Gemeinheit und beunruhigende Präsenz nicht nur in der Literatur der Gegenwart ihresgleichen sucht. Die Geschichte wartet streckenweise mit atemberaubenden Handlungsbögen auf, die in ihrer lakonischen Knappheit und oft bestürzenden Genauigkeit an Georges Perecs beste Geschichten erinnern. In Verbindung mit großartig eingefügten Tempowechseln und dem aus der Distanz mitschwingenden Humor offenbart dieses Erzählen beeindruckende kompositorische Sicherheit. "Tante Laura" ist eines jener Bücher, bei denen man zwischendurch vergisst, dass man liest.

Fritz nimmt eine ihn, wie es scheint, obsessiv umtreibende Motivformation auf, die schon sein vorheriges Buch prägte: die Heimsuchung der Gegenwart durch die Gespenster einer versunkenen Welt, die DDR hieß. Seit fast zwanzig Jahren existiert dieses halbe Land nicht mehr. Wer sich noch lebhaft und aus eigener Erfahrung an das Dasein im Osten Deutschlands vor dem Mauerfall erinnert, der tut das vielleicht mit Ressentiment, mit Nostalgie oder dem kühlen Blick des zeitgeschichtlichen Archäologen. Diesen Erinnerungsformen dürfte gemeinsam sein, dass sie mit allem rechnen würden, was aus dieser abgelebten Welt noch auftauchen könnte, nur nicht mit so etwas wie Tante Laura.

Martin und Katja verbringen mit ihren Söhnen den Sommerurlaub auf Rügen. Es geht beschaulich und harmonisch zu, Martin fährt mit dem knorrigen Insulaner, bei dem man wohnt, zum Fischen auf den Bodden hinaus, die Söhne geben sich Pubertätsproblemen hin, die Frau erholt sich in der Seeluft vom stressigen Berliner Alltag. Endlich einmal eine glückliche Familie, denkt man, nichts wirkt bedrohlich, das ist das Merkwürdige an diesem Erzählanfang. Nichts liegt in der Luft, und man hat keinen Anlass zu vermuten, dass sich daran etwas ändern könnte. Die Geschichte beginnt langsam, wird nur allmählich schneller, um dann im zweiten Teil ein Tempo aufzunehmen, das den Leser das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt.

Eines Tages liegt hinter den sich bauschenden Laken im Garten von Fischer Jeske halbnackt Tante Laura in der Sonne. Anfang sechzig müsste sie jetzt sein, aber, wie Martin sofort feststellt, durchaus jugendlich in ihrer Erscheinung, attraktiv geradezu, irgendwie kaum verändert nach mehr als zwanzig Jahren, und das wirkt - warum nur? - plötzlich beunruhigend. Tante Laura nistet sich nach und nach immer tiefer in der Familie ein, verbringt ganze Nächte diskutierend mit Katja, und zieht diese damit vom Ehebett ab, versucht Martin an einem etwas abgelegenen Strand zu verführen und spielt eine nicht ganz klare Rolle beim Sturz des jüngeren Sohnes ins Hafenbecken. Ihre Absichten bleiben undurchschaubar, nur Martin, der Erzähler, ahnt, was Tante Laura im Schilde führen mag.

Bei aller Beunruhigung, die Martin beschleicht, auch ihm bleibt diese Frau rätselhaft. So bleibt beim Leser wie beim Erzähler ein unverstandener Rest in Bezug auf die Tante, die Martin mehr aus Höflichkeit nicht einfach wegschicken will. Nicht nur der Verwandtschaftsgrad lässt ihn zögern, Laura in ihre Schranken zu weisen. Ihre Vergangenheit ist zu einem entscheidenden Teil auch Martins Vergangenheit, doch auch das erklärt noch nicht ihre Penetranz, mit der sie vor allem Katja für sich in Anspruch nimmt. Dann überschlagen sich die Ereignisse, und als Martin damit beginnt, seiner Frau die Geschichte von Tante Laura zu erzählen, ist es schon zu spät.

Gerade im zweiten Teil des Romans, der als aufklärende Rückschau ein intensives Panorama des alten Ostblocks aufzieht, entfalten sich die erzählerischen Fähigkeiten von Michael G. Fritz. War man zunächst auf die beschauliche Welt der Boddenlandschaft und der Fischerhütte beschränkt, eilt der Roman nun durch die Jahrzehnte und durch die politischen Geographien in Ost und West. Dabei lernt man einen aus dem Westen in den Osten eingewanderten Jungkommunisten kennen, der zum Parteibonzen wird, eine rumänische Tänzerin mitsamt ihrer den kommunistischen Balkan verkörpernden Familie und nicht zuletzt die bizarren Praktiken der Kundenüberwachung in einem Ost-Berliner Kaufhaus. Bei alldem spielt Tante Lauras Sehnsucht und die Menschen, die sie zu deren Befriedigung heranzieht, eine entscheidende Rolle. Ihr Naturell kollidiert instinktiv mit den Gegebenheiten in der DDR, sie fühlt sich eingesperrt und sucht mit aller Macht einen Weg, um herauszukommen, ohne jedoch diese Gefühle jemals intellektuell zu verarbeiten. Sie träumt nicht von einem anderen Staat, nicht von einer anderen Gesellschaft, sie träumt vom Süden. Zuletzt landet sie in einem Süden, von dem sie sich in der DDR nie hätte träumen lassen. Von dort sollte sie Jahre später zurückkommen, um ihr Unheil über die Verwandten zu bringen.

Vielleicht ist das nachhaltig Verstörende an der Figur, dass sie so lebensnah wirkt, so direkt ihren Gefühlen und Wünschen gehorchend, und dann wieder ganz unglaublich, synthetisch, eine Phantasiegestalt, die in ein Milieu einbricht, das keine Möglichkeiten hat, diese Gestalt in sich aufzunehmen. Am Ende ist Tante Lauras Geschichte erzählt, doch ihr Handeln keineswegs erklärt. Sie scheint nichts anderes zu verkörpern als den alterslosen, kalten Racheengel eines gestorbenen Staates, eine versprengte Wiedergängerin, die ihren ureigenen Freiheitsdrang in destruktive Energie umwandelt. Es war wohl jener nicht zu tilgende Drang, der die Berliner Mauer zu Fall brachte. Der in Gestalt von Tante Laura erscheinende Engel der Geschichte aber, mit dem man im Heute nichts mehr anfangen kann, bringt die Zerstörung, auf die er zurückblicken wird, gleich selbst mit.

CHRISTIAN SCHÄRF

Michael G. Fritz: "Tante Laura". Roman. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2008. 191 S., geb., 16,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Für Christian Schärf hat die Hauptfigur in diesem seiner Meinug nach meisterhaft erzählten Roman von Michael G. Fritz etwas zutiefst Verstörendes. Ganz harmlos beginnt die Geschichte als Rügener Sommeridylle und bringt mit Tante Laura schließlich jede Menge Tragik und Merkwürdigkeiten ins Spiel. Kein Wunder allerdings, verbirgt sich hinter der Tante doch der "Engel der Geschichte", der DDR nämlich. Soviel hat Schärf herausgefunden, wenn ihm die Absichten der beunruhigenden Tante auch schleierhaft bleiben. Schärf jedoch fühlt sich bestens unterhalten, dank der Lakonie und Genauigkeit des Textes sogar manchmal wie bei Georges Perec. Nur dass es für den Rezensenten bei Fritz retrospektiv noch allerhand zu lernen gibt über den alten Ostblock und seine Menschen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Die gar nicht so liebe Tante

In Michael G. Fritz' fesselndem Roman bringt der Engel der Geschichte, die hier in der DDR angesiedelt ist, die Zerstörung gleich selbst mit.

Spätestens seit seinem 2007 erschienenen Roman "Die Rivalen" wird Michael G. Fritz als Geheimtipp unter deutschen Erzählern gehandelt. Sein Roman "Tante Laura" gibt Anlass zu der Vermutung, dass er nicht im Geheimen bleiben wird. Fritz erzählt eine Geschichte voller Tragik und Merkwürdigkeiten, mit einer rätselhaften, ebenso anziehenden wie abstoßenden weiblichen Hauptfigur, deren groteske Gemeinheit und beunruhigende Präsenz nicht nur in der Literatur der Gegenwart ihresgleichen sucht. Die Geschichte wartet streckenweise mit atemberaubenden Handlungsbögen auf, die in ihrer lakonischen Knappheit und oft bestürzenden Genauigkeit an Georges Perecs beste Geschichten erinnern. In Verbindung mit großartig eingefügten Tempowechseln und dem aus der Distanz mitschwingenden Humor offenbart dieses Erzählen beeindruckende kompositorische Sicherheit. "Tante Laura" ist eines jener Bücher, bei denen man zwischendurch vergisst, dass man liest.

Fritz nimmt eine ihn, wie es scheint, obsessiv umtreibende Motivformation auf, die schon sein vorheriges Buch prägte: die Heimsuchung der Gegenwart durch die Gespenster einer versunkenen Welt, die DDR hieß. Seit fast zwanzig Jahren existiert dieses halbe Land nicht mehr. Wer sich noch lebhaft und aus eigener Erfahrung an das Dasein im Osten Deutschlands vor dem Mauerfall erinnert, der tut das vielleicht mit Ressentiment, mit Nostalgie oder dem kühlen Blick des zeitgeschichtlichen Archäologen. Diesen Erinnerungsformen dürfte gemeinsam sein, dass sie mit allem rechnen würden, was aus dieser abgelebten Welt noch auftauchen könnte, nur nicht mit so etwas wie Tante Laura.

Martin und Katja verbringen mit ihren Söhnen den Sommerurlaub auf Rügen. Es geht beschaulich und harmonisch zu, Martin fährt mit dem knorrigen Insulaner, bei dem man wohnt, zum Fischen auf den Bodden hinaus, die Söhne geben sich Pubertätsproblemen hin, die Frau erholt sich in der Seeluft vom stressigen Berliner Alltag. Endlich einmal eine glückliche Familie, denkt man, nichts wirkt bedrohlich, das ist das Merkwürdige an diesem Erzählanfang. Nichts liegt in der Luft, und man hat keinen Anlass zu vermuten, dass sich daran etwas ändern könnte. Die Geschichte beginnt langsam, wird nur allmählich schneller, um dann im zweiten Teil ein Tempo aufzunehmen, das den Leser das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt.

Eines Tages liegt hinter den sich bauschenden Laken im Garten von Fischer Jeske halbnackt Tante Laura in der Sonne. Anfang sechzig müsste sie jetzt sein, aber, wie Martin sofort feststellt, durchaus jugendlich in ihrer Erscheinung, attraktiv geradezu, irgendwie kaum verändert nach mehr als zwanzig Jahren, und das wirkt - warum nur? - plötzlich beunruhigend. Tante Laura nistet sich nach und nach immer tiefer in der Familie ein, verbringt ganze Nächte diskutierend mit Katja, und zieht diese damit vom Ehebett ab, versucht Martin an einem etwas abgelegenen Strand zu verführen und spielt eine nicht ganz klare Rolle beim Sturz des jüngeren Sohnes ins Hafenbecken. Ihre Absichten bleiben undurchschaubar, nur Martin, der Erzähler, ahnt, was Tante Laura im Schilde führen mag.

Bei aller Beunruhigung, die Martin beschleicht, auch ihm bleibt diese Frau rätselhaft. So bleibt beim Leser wie beim Erzähler ein unverstandener Rest in Bezug auf die Tante, die Martin mehr aus Höflichkeit nicht einfach wegschicken will. Nicht nur der Verwandtschaftsgrad lässt ihn zögern, Laura in ihre Schranken zu weisen. Ihre Vergangenheit ist zu einem entscheidenden Teil auch Martins Vergangenheit, doch auch das erklärt noch nicht ihre Penetranz, mit der sie vor allem Katja für sich in Anspruch nimmt. Dann überschlagen sich die Ereignisse, und als Martin damit beginnt, seiner Frau die Geschichte von Tante Laura zu erzählen, ist es schon zu spät.

Gerade im zweiten Teil des Romans, der als aufklärende Rückschau ein intensives Panorama des alten Ostblocks aufzieht, entfalten sich die erzählerischen Fähigkeiten von Michael G. Fritz. War man zunächst auf die beschauliche Welt der Boddenlandschaft und der Fischerhütte beschränkt, eilt der Roman nun durch die Jahrzehnte und durch die politischen Geographien in Ost und West. Dabei lernt man einen aus dem Westen in den Osten eingewanderten Jungkommunisten kennen, der zum Parteibonzen wird, eine rumänische Tänzerin mitsamt ihrer den kommunistischen Balkan verkörpernden Familie und nicht zuletzt die bizarren Praktiken der Kundenüberwachung in einem Ost-Berliner Kaufhaus. Bei alldem spielt Tante Lauras Sehnsucht und die Menschen, die sie zu deren Befriedigung heranzieht, eine entscheidende Rolle. Ihr Naturell kollidiert instinktiv mit den Gegebenheiten in der DDR, sie fühlt sich eingesperrt und sucht mit aller Macht einen Weg, um herauszukommen, ohne jedoch diese Gefühle jemals intellektuell zu verarbeiten. Sie träumt nicht von einem anderen Staat, nicht von einer anderen Gesellschaft, sie träumt vom Süden. Zuletzt landet sie in einem Süden, von dem sie sich in der DDR nie hätte träumen lassen. Von dort sollte sie Jahre später zurückkommen, um ihr Unheil über die Verwandten zu bringen.

Vielleicht ist das nachhaltig Verstörende an der Figur, dass sie so lebensnah wirkt, so direkt ihren Gefühlen und Wünschen gehorchend, und dann wieder ganz unglaublich, synthetisch, eine Phantasiegestalt, die in ein Milieu einbricht, das keine Möglichkeiten hat, diese Gestalt in sich aufzunehmen. Am Ende ist Tante Lauras Geschichte erzählt, doch ihr Handeln keineswegs erklärt. Sie scheint nichts anderes zu verkörpern als den alterslosen, kalten Racheengel eines gestorbenen Staates, eine versprengte Wiedergängerin, die ihren ureigenen Freiheitsdrang in destruktive Energie umwandelt. Es war wohl jener nicht zu tilgende Drang, der die Berliner Mauer zu Fall brachte. Der in Gestalt von Tante Laura erscheinende Engel der Geschichte aber, mit dem man im Heute nichts mehr anfangen kann, bringt die Zerstörung, auf die er zurückblicken wird, gleich selbst mit.

CHRISTIAN SCHÄRF

Michael G. Fritz: "Tante Laura". Roman. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2008. 191 S., geb., 16,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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