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"Ausdruck der Freiheit, dieser Souveränität ist wohl auch, wie viel von Max Frisch in diesem Buch weiter lebt. Und dass seine Tochter die Reflexionsfähigkeit, die Skepsis gegenüber allem vermeintlich Erwiesenen, das Ohr für den richtigen Ton besitzt ? alles Qualitäten, die auch seine Prosa ausmachen: Das hätte ihn gefreut." (Martin Ebel)
Eine Frau und ein Mann haben den Sommer über miteinander telefoniert, nun treffen sie sich in Venedig. Sie wissen fast nichts voneinander, aber schon bald stellt sich heraus, daß es in ihren Vorgeschichten fatale Überschneidungen gibt. Der Mann kannte
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Produktbeschreibung
"Ausdruck der Freiheit, dieser Souveränität ist wohl auch, wie viel von Max Frisch in diesem Buch weiter lebt. Und dass seine Tochter die Reflexionsfähigkeit, die Skepsis gegenüber allem vermeintlich Erwiesenen, das Ohr für den richtigen Ton besitzt ? alles Qualitäten, die auch seine Prosa ausmachen: Das hätte ihn gefreut." (Martin Ebel)
Eine Frau und ein Mann haben den Sommer über miteinander telefoniert, nun treffen sie sich in Venedig. Sie wissen fast nichts voneinander, aber schon bald stellt sich heraus, daß es in ihren Vorgeschichten fatale Überschneidungen gibt. Der Mann kannte Ingeborg Bachmann zu jener Zeit, als diese mit dem Vater der Frau, Max Frisch, zusammenlebte. Je länger die beiden durch Venedig schlendern, um so deutlicher wird ihr: Der Mann muß jenes nicht zu greifende Phantom gewesen sein, an dem ihr Vater in seiner Eifersucht schier zerbrochen war. Die Begegnung in Venedig, als Affäre begonnen, endet verhängnisvoll. Der Mann flieht aus Angst, wie er später gesteht, Angst vor Verstrickung, und die Frau stürzt durch alle bis dahin sicher geglaubten Selbstbilder, »durch alle Spiegel«. Die »Bestandsaufnahme« gibt ein bewegendes Zeugnis vom Versuch der Tochter, die Beziehung zum Vater neu zu sichten. Ein wahres, ein wahrhaftiges Tochter-Vater-Buch.
  • Produktdetails
  • Meridiane
  • Verlag: Ammann
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 168
  • Erscheinungstermin: 9. Juni 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 206mm x 143mm x 18mm
  • Gewicht: 274g
  • ISBN-13: 9783250601319
  • ISBN-10: 3250601314
  • Artikelnr.: 26054661
Autorenporträt
Ursula Priess, Tochter von Max Frisch, geboren 1943 in Zürich, Studium der Literaturwissenschaft. Lebt und arbeitet in Norddeutschland und in Berlin
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 27.06.2009

Verlorene Zeit, vertane Chance
Ursula Priess erinnert sich an ihren Vater Max Frisch

Von Friedmar Apel

Seit Klaus Theweleit die Kopula zwischen Orpheus und Eurydike gestrichen hat, steht im Buch der Könige der Literatur unwiderruflich der Verdacht geschrieben, dass sie die Macht ihres Gesangs zurückgelassenen Frauen verdanken. Das Urteil ist von je schon gefällt. Dreht sich der Sänger um nach der ihm Anhängenden, so wird er schuldig; geht er fort ohne Rückblick, ebenfalls. Dieses mythische Dilemma spiegelt sich in den in dieser Zeitung vorabgedruckten Erinnerungen von Ursula Priess an ihren Vater Max Frisch. Der Versuch, sich als persona in die Literatur einzuschreiben, überwindet die Besorgnis, ohnmächtiges Objekt der Dichtung gewesen zu sein, nicht ganz. Dennoch soll gelten, was Marianne Frisch zum Scheitern ihrer Ehe gesagt haben soll: "Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material." In der zitierenden Aneignung durch die Stieftochter wird der Satz zu einer Art Mantra, ein Instrument der Auseinandersetzung mit sich, der Welt und der Literatur.

Die 1943 in Zürich geborene Tochter des damaligen Architekten hat die Gattungsbezeichnung "Eine Bestandsaufnahme" mit Bedacht gewählt, wohl wissend, dass das wunderliche Bauwerk der Erinnerung nicht vermessen werden kann. Zum Glück ist dieses Ergebnis angestrengter Erinnerungsarbeit keine Abrechnung und auch kein Selbstgespräch über "dramatische Familienverhältnisse und die katastrophalen Auswirkungen für Kinder" geworden, sondern eine erstaunlich selbstkritische Klage um verlorene Zeit und vertane Chancen, vor allem aber ein Buch des Staunens "vor dem Unfaßlichen des Lebens".

Ursula Priess hat trotz des entliehenen Titels weitgehend darauf verzichtet, ihren Vater mit glanzvollen Formulierungen zu übertreffen. Dass er nun seinerseits zum literarischen Material wird, was immer das heißen mag, kann weder ihr Stil versachlichter Empfindsamkeit noch die Technik der zitierenden Collage verhindern. Im Wechsel zwischen erster und dritter Person wird sie sich wie als Gegenzauber selbst zur literarischen Person. Leitmotivisch wird der fragmentarische Text von Spiegelungen zusammengehalten. Im Traum erscheint der Vater in der abgewandelten orphischen Situation: "Nie schaute er zurück, nie, und immer stand ich fassungslos, daß er sich nicht noch einmal umdreht und zurückschaut zu mir." Dabei lässt Ursula Priess keinen Zweifel, dass das Verhalten des realen Vaters dem gar nicht entsprochen hat. Als der Geliebte, der - Fügung einer Wirklichkeit, die ihre Geschichte erraten habe - einmal der Konkurrent ihres Vaters bei Ingeborg Bachmann war, sie aus "Angst vor Verstrickung" verlässt, lässt sie spiegelbildlich sich selbst den Rückblick verweigern. "Nein, sie hat nicht zurückgeschaut, als er fortging, nicht ein Mal; sie hat sich nicht umgedreht, ihm nicht nachgeschaut -."

Nach dem Vorbild von Montaignes Essai über das Bereuen beklagt die Tochter versäumte Dankbarkeit und Bewunderung einem gegenüber, der offenbar über Scheidung und orphische Trennungen hinweg trotz seiner ewigen "Sehnsucht nach Aufbruch" versucht hat, ein verständiger Vater zu sein. Dabei verschweigt Ursula Priess auch in der Sprachform nicht die Zwischenstufen zu ihrer Einsicht, dass die Schuld eines Vaters womöglich zur Rechtfertigung der eigenen Schwächen brauchbar war.

Eine von anderen als "Ungeheuerlichkeit", von ihr als "verheerend" empfundene Tagebuchnotiz Frischs ("die schlichte Nachricht, daß ein Kind gezeugt worden ist, hat mich gefreut: der Frau zuliebe") steht beispielhaft für das Spiegelkabinett, in dem sich die Tochter ohnmächtig verirrt sah. Als Person gemeint zu sein erschien ihr darin ebenso als Missbrauch, wie nicht gemeint zu sein. Wie aber diese Notiz gemeint war, weiß sie bis heute nicht. Sie hatte den Vater nie gefragt, aus immer der gleichen diffusen Angst. Dabei hatte er ihr, als sie zwanzig war, geschrieben: "Es wird jetzt alles gegenseitiger. Werden wir einander begleiten? Ich hoffe es, Ursel, ich wünsche es; ich bin bereit dafür." Sie aber hatte gerade diesen Brief "weggepackt und vergessen mitsamt dem Versprechen und der Bitte darin -." Immer wieder daher das schlichte Eingeständnis, sich selbst im Nachhinein nicht zu verstehen.

Als heilsam zugleich und neue Abgründe auftuend erscheint der Tochter, dass nun sie die Autorschaft innehat, dass sie es ist, die "neu arrangiert, in eine Figur verpackt, ein Bild ausstaffierend, als Kontrast fungierend -". Das aber geschieht fast ganz ohne auftrumpfenden Gestus, vielmehr im Ton der Trauer, ihre Sehnsucht geknebelt, nicht gefragt, nicht mitgelebt und mitgelacht zu haben. Was sie zu bannen suchte und jenem Geliebten über den spiegelnden Gewässern von Venedig nur wie aus versehentlichem Verrat sagte, steht nun unleugbar geschrieben: "Ich bin die Tochter von Max Frisch!"

Ursula Priess: "Sturz durch alle Spiegel". Eine Bestandsaufnahme. Ammann Verlag, Zürich 2009. 178 S., geb., 18,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Eingenommen ist Friedmar Apel von Ursula Priess' Erinnerungen an ihren Vater Max Frisch. In seinen Augen ist das Buch nicht die Abrechnung einer Tochter mit ihrem Vater geworden. Vielmehr sieht er in "Sturz durch alle Spiegel" eine "selbstkritische Klage um verlorene Zeit und vertane Chancen" und darüber hinaus ein Buch des Staunens vor dem "Unfasslichen des Lebens" (Priess). Allerdings scheint ihm die Autorin, ohne es eigentlich darauf angelegt zu haben, ihren Vater auch als literarisches Material zu nutzen. Im Vordergrund stehen für ihn aber ihre Klage darüber, ihrem Vater, der sich auch nach der Scheidung bemühte, ein guter Vater zu sein, Dankbarkeit versagt zu haben sowie die Einsicht, sich selbst im Nachhinein nicht zu verstehen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.06.2009

Die Lücke zwischen Kleid und Haut
Wer regiert im Archiv? Ursula Priess erinnert sich an ihren Vater Max Frisch
Als der Schriftsteller Max Frisch in Zürich starb, Anfang April 1991, hatte er dafür Sorge getragen, dass Freunde seine Asche in Berzona im Tessin, wo er lange gewohnt hatte, in die Luft streuten. An ein Nachleben nach dem Tod, das hatte er oft versichert, glaubte er nicht. Für das Nachleben seines Werkes aber und derjenigen seiner Lebensdokumente, die er erinnert wissen wollte, hatte er ebenfalls gesorgt. Die Stiftung, der die Schaffung eines Max-Frisch-Archivs und die Verwaltung seines literarischen Nachlasses obliegen sollte, hatte er bereits im Oktober 1979 gegründet.
Der Satz „Ich probiere Geschichten an wie Kleider”, aus der Erzählung „Montauk” (1975) wurde berühmt, weil er ein so typischer Max-Frisch-Satz zu sein schien. Hatte er nicht stets von der Biographie als Spiel gesprochen, alle scheinbar festen Identitäten durch den Konjunktiv unterminiert und der Titelfigur seines Romans „Mein Name sei Gantenbein” (1964) diesen Namen nur provisorisch angeheftet, mit geradezu demonstrativer Unverbindlichkeit?
Ja, das hatte er. Aber wenn er in einigen Passagen in „Montauk” seiner ehemaligen Lebensgefährtin Ingeborg Bachmann ihr Max-Frisch-Kleid anmaß, dann sollte dieses Kleid durchaus fest sitzen. Und auch das Max-Frisch-Ich, dieses berühmte Spiegelkabinett, in dem alles Gesagte durch ein Netz von Andeutungen auf ganze Fluchten des Ungesagten verweist, sollte keineswegs so leicht zerstreubar sein wie seine Asche. Wenn daher Max Frisch zu Lebzeiten sein eigenes Archiv bestückte, dann als Nachlass-Geber und Zensor in Personalunion.
In dem Buch, das Ursula Priess, die älteste, im Jahr 1943 geborene Tochter von Max Frisch, jetzt über ihr Leben als Max Frisch-Tochter veröffentlicht hat, ist das Archiv des Vaters im Hintergrund ständig gegenwärtig. Einmal lässt sie sich vom Archivar sämtliche Schränke, auch die mit den Briefwechseln, öffnen und registriert, dass ihre eigene Korrespondenz mit dem Vater im Jahr 1976 endet. Sie hat aber danach noch Briefe an ihn geschrieben und von ihm erhalten, vor allem in seinem letzten Lebensjahr. Der Archivar, auf die Lücke angesprochen, gibt – man glaubt einen verwunderten Unterton mitzuhören – zu bedenken: „Sie wissen doch, wie sehr Ihr Vater seine eigene Geschichte zensiert hat.” Das muss die Tochter sogleich zugeben.
Die Frage aber, warum sich die Briefe nicht im Archiv befinden, ist damit nicht ruhigzustellen: „Hatte er nicht mehr die Kraft, sie dorthin zu geben, oder nicht den Willen, das bereits dokumentierte Vater-Tochter-Bild noch einmal umzustoßen, ohne seinerseits Schriftliches zu hinterlassen, was sein Bild, seine Geschichtsschreibung ,endgültig’ wiedergeben würde?” Aus Fragen wie diesen ist das Buch von Ursula Priess hervorgegangen. Es ist ein Versuch, die von Max Frisch in seinem Archiv gelassene Lücke zu schließen.
Diese Lücke aber betrifft nicht nur die Briefe aus dem letzten Jahr vor dem Tod des Vaters. Sie betrifft die Existenz der Tochter überhaupt. Man kann nicht sagen, dass sie im literarischen Werk von Max Frisch oder in seinen Tagebüchern eine große Rolle spielt. Das wäre bei einem Autor, der auf strenge Scheidung zwischen seiner Literatur und seinem Leben Wert legt, unerheblich. Wer aber wie Max Frisch dem Spiel mit der eigenen Biographie eine Schlüsselfunktion in seinem literarischen Werk einräumt, der fordert Nachfragen und Reaktionen seiner Lebensgefährten unweigerlich heraus.
Ursula Priess hat ihrem Buch ein Zitat aus den Essays von Michel de Montaigne vorangestellt, wie ihr Vater seiner Erzählung „Montauk”. Leicht ironisch hatte Frisch darin einen Besuch bei seiner Tochter und deren Mann geschildert, die Neigung zu gesunder Ernährung und den Verzicht auf Alkohol, das Verarbeiten ungebleichter Schafswolle als skurriles Detail aufgespießt. Daraufhin hatte die Tochter den Kontakt abgebrochen und erst nach Jahren wieder aufgenommen. Die Lücke im Archiv fixiert mit dem Ende des Briefwechsels diese Distanz.
Es ist leicht, sich über die Konsequenz lustig zu machen, mit der die längst erwachsene Tochter nun, lange nach dem Tod des Vaters und selbst auf dem Weg ins Alter, ihre Revision des väterlichen Archivs in Zitate aus dem Werk des Vaters geradezu einschweißt. Der Titel ihres Buches ist ein Zitat aus dem Roman „Mein Name sei Gantenbein”. Die nicht -chronologische, von datierenden Zwischenüberschriften gegliederte Erzählweise folgt demonstrativ dem in „Montauk” gesetzten Modell.
Und selbst die Rahmengeschichte der Tochter-Vater-Erzählung, in der die Tochter in der Jetztzeit, als alternde Frau, die Andeutung einer Affäre mit einem Mann erlebt, der vor ihr flüchtet, als sie sich als Tochter von Max Frisch entpuppt, ist fest im Werk und in der Biographie von Max Frisch festgezurrt. Denn dieser Mann entstammt der Welt von Ingeborg Bachmann, kennt Klagenfurt und seine Umgebung wie seine Westentasche und ist nicht nur Jäger, sondern zugleich ein großer Kunstsammler wie jener Schulkamerad und Gönner W., den Max Frisch in „Montauk” so zweispältig und doppelbödig porträtiert hat.
Wie gesagt, es ist leicht, diese Beflissenheit zu bespötteln, mit der die Tochter ihre Geschichte des Vaters in dessen Kleider hüllt. Und noch leichter, dieses Buch an der Erzählung „Montauk”, dem Werk eines sehr durchtriebenen Schriftstellers zu messen und zu verwerfen. Aber dieses Buch ist eine Replik der Tochter auf ihren Vater, und nicht zuletzt eine nachgetragene Liebeserklärung. Seine starken Seiten sind nicht die, in denen es Frisch-Fragen nach der gültigen Version der eigenen Geschichte stellt und Aufschwünge ins Novellistische unternimmt.
Es sind diejenigen, in denen die Tochter den Tagebuchaufzeichnungen des Vaters ihre eigenen Kindheitserinnerungen gegenüberstellt. Und es sind diejenigen, in denen sie von der Wiederannäherung an den Vater und von seinen letzten Monaten vor dem Krebstod berichtet. Es finden sich darin seltsame Träume der Tochter, sie entstammen nicht nur der Lücke im Archiv, sondern auch der Asche des Vaters. LOTHAR MÜLLER
URSULA PRIESS: Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme. Ammann Verlag, Zürich 2009. 172 S., 18,95 Euro.
Max Frisch mit seiner Tochter Ursula, 1944 Foto: Max Frisch-Archiv, Zürich
Versuch, eine Lücke zu schließen: Ursula Priess Foto: Isolde Ohlbaum
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"Ursula Priess (hat) der Liebe zu ihrem Vater ein großartiges Denkmal gesetzt, unpathetisch und bewegend." Volker Hage, Der Spiegel