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Santa Esperanza, 36 Hefte - Morchiladze, Aka
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Santa Esperanza ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Völker im Schwarzen Meer: Georgier, Genueser, Osmanen und schließlich die Briten haben im Laufe der Geschichte die drei wundersamen Inseln heimgesucht. Wer geblieben ist, hat eigene Traditionen, Gesetze und Bräuche erdacht, um auf dem geliebten Fleck Erde mit List und Ironie dem stetigen Strom der Eroberer zu trotzen. Nun schreibt man das Jahr 2002, und der Abzug der Briten steht unmittelbar bevor. Aber was dann? Kann man die schmächtige alte Agatia, die letzte Nachfahrin des Herrschergeschlechts der Artchiliani die einmal den Titel…mehr

Produktbeschreibung
Santa Esperanza ein Schmelztiegel der unterschiedlichsten Völker im Schwarzen Meer: Georgier, Genueser, Osmanen und schließlich die Briten haben im Laufe der Geschichte die drei wundersamen Inseln heimgesucht. Wer geblieben ist, hat eigene Traditionen, Gesetze und Bräuche erdacht, um auf dem geliebten Fleck Erde mit List und Ironie dem stetigen Strom der Eroberer zu trotzen. Nun schreibt man das Jahr 2002, und der Abzug der Briten steht unmittelbar bevor. Aber was dann? Kann man die schmächtige alte Agatia, die letzte Nachfahrin des Herrschergeschlechts der Artchiliani die einmal den Titel "Verwalter der Ferne, des Wassers und des Himmels" trugen dazu bewegen, wieder den Thron zu besteigen? Darf ein Genuesen-Sprössling leidenschaftliche Liebesbriefe an seine georgische Angebetete mit den kirschfarbenen Augen schicken, ohne dass eine Familienfehde zu befürchten ist?
  • Produktdetails
  • Verlag: Pendo
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. getr. Pag.
  • Deutsch
  • Abmessung: 182mm x 123mm x 67mm
  • Gewicht: 806g
  • ISBN-13: 9783866120945
  • ISBN-10: 386612094X
  • Best.Nr.: 20837098
Autorenporträt
Aka Morchiladze, geboren 1966 in Tiflis, gehört zu den bekanntesten georgischen Schriftstellern der Gegenwart. Für seine Romane erhielt er die wichtigsten Literaturpreise seines Landes, eines seiner Bücher wurde bereits verfilmt. Er studierte Geschichte an der staatlichen Universität von Tiflis und war nach seinem Abschluss selbst an der Universität tätig. In den 90er Jahren begann er als Reporter für eine bekannte Tageszeitung zu arbeiten und arbeitet heute als freier Sportjournalist. Außerdem ist er Autor einer eigenen Fernsehsendung zur Geschichte Georgiens und verfasst Skripts für Soaps und Filme.
Rezensionen
Besprechung von 08.12.2006
Es war einmal in Georgien
Die tragische, verrückte, knallbunte Chronik eines Phantasie-Archipels: Zu Besuch bei Aka Morchiladze in Tiflis
Es ist ein tödliches Viereck. Im Parlament verschanzt sich der Präsident, Swiad Gamsachurdia; im Intourist-Hotel lauern die Männer Tengis Kitowanis, der mal Bohemien war und nun Warlord ist. Ein paar Bewaffnete hocken im Kirchturm, und im KGB-Knast gegenüber wartet Dschaba Iosseliani, Ex-Krimineller, Schriftsteller und Putschist, auf seine Stunde. Irgendwann eröffnet einer das Feuer, und der Bürgerkrieg bekommt neuen, entsetzlichen Schwung.
Fünfzehn Jahre ist das her, aber Aka Morchiladze findet die Einschusslöcher in der Kirchenmauer blind. „Der Rustaweli-Bouleverad war mit Seilen abgetrennt, eins am oberen Ende, eines unten. Und dazwischen brachten sie sich um: Literaten, Künstler, Krieger”, sagt er: „Kurz zuvor waren die Filme von Sergio Leone zu uns gekommen: ,Es war einmal in Amerika‘. Ein Politiker hat später gesagt: Schade, dass Leone nie erfahren hat, welchen Einfluss er auf ein kleines Land im Kaukasus hatte. Verrückt nicht? Aber das ist Georgien.”
Die Irren der Hoffnungsinsel
Das ist Georgien. Für Aka Morchiladze liegt in diesem Satz alle Wahrheit, alle Tragik seines Landes. Für die meisten Menschen außerhalb Georgiens liegt darin erst mal nichts. In seiner Heimat ist Morchiladze Starautor, TV-Moderator, Soap-Schreiber, Sportkolumnist, und so bekannt, dass er sich ein Pseudonym zulegte: In Wahrheit heißt er Gio Akhvlediani. Jenseits des Kaukasus ist er ein Mensch mit zwei unaussprechlichen Namen, dessen Werke in einer Schrift verfasst sind, die aussieht wie der Geheimcode einer Kinderbande. 25 Bücher hat Aka Morchiladze geschrieben. Sie haben für Georgien phantastische Auflagen erreicht. Nicht eines wurde übersetzt. Bis jetzt. Nun hat der Münchner Pendo-Verlag Morchiladzes Werk „Santa Esperanza” herausgebracht (übersetzt von Natia Mikeladse-Bachsoliani, München und Zürich 2006, 850 Seiten, 27,50 Euro), und es ist, vorsichtig formuliert, die wohl verrückteste und verwegenste verlegerische Leistung der Saison.
Denn „Santa Esperanza” ist kein Buch, sondern eine Sammlung von kleinen regenbogenbunten Heften in einem karamelbraunen Filzschuber. „Diese ewigen Deckel, diese Bindung, ich wollte mal etwas anderes!”, sagt Mordchiladze. Man müsse die ruhmreiche Saga der „Inseln der Hoffnung” auch gar nicht von vorn nach hinten lesen und vielleicht nicht mal vollständig. Fast hätte er den Schluss von „Santa Esperanza” als Kreuzworträtsel angelegt. So gesehen wirken die Hefte direkt zurückhaltend.
„Santa Esperanza” ist die fiktive Chronik eines fiktiven Archipels im Schwarzen Meer. Aber eigentlich, sagt Morchiladze, geht es nur um Georgien. Genauer: um ein utopisches Georgien, das nie von den Russen annektiert, nie von der Sowjetunion unterjocht wurde. Auf den drei Inseln leben Georgier, Türken, Italiener, Juden und Briten, jawohl Briten. Im Jahr 1919 hat nämlich der osmanische Pascha Sari Beg die Inselgruppe an den britischen Colonel Rollston verpachtet. 145 Jahre später geben die Briten den Archipel zurück, und um diesen heiklen Moment im Jahr 2002 kreist Morchiladzes Geschichte. „Es ist eine Hongkong-Story”, sagt er. Aber eine ohne Happy End.
Denn so wie Georgien nach der Unabhängigkeit in Elend und Bürgerkrieg versank – „Wir waren das reichste Land der Sowjetunion und wurden das ärmste Land der GUS, an einem Tag” – , so liefern sich auch auf den Hoffnungsinseln Clans und Cliquen wüste Gefechte: die verhasste Bürgerfamilie der Wisramianis, die tapferen, aber barbarischen Sungalen und das genuesische Händlergeschlecht der Da Costas. Britische Spione wollen Agatia, die greise Urenkelin Sari Begs, als Königin installieren. Und die grausame Wisramiani-Tochter Salomea besetzt mit ihrer Armee ganze Inselteile – ganz so, wie einst Abchasien und Südossetien Georgiens Schwäche ausnutzten und ihre Unabhängigkeit erklärten.
Manche Geschichten klingen zu ungeheuerlich, um wahr zu sein und sind es doch: Wenn die Feinde die Irrenanstalten und Gefängnisse öffnen und die Kranken und Verbrecher die Sungaleninsel verwüsten, schwingt Morchiladzes eigenes Entsetzen mit. Ganz ähnlich, sagt er, wurde es auch in Georgien gemacht. Dann wieder findet er neue, unvergessliche Bilder für einen tausendfach beschriebenen Schrecken: Das große Morden hat den Sungalen buchstäblich das Blut in den Adern gefrieren lassen. Nun stechen sie sich in Hände und Bäuche, um zu prüfen, ob es nicht doch noch fließt, ob sie doch noch leben.
Ein Staatszwerg als Spielball großer Mächte, eine Kollision von vormodernem Ehrbegriff und bourgeoiser Cleverness – ja, man kann „Santa Esperanza” als große Georgien-Metapher lesen. Aber man muss es nicht. Denn Morchiladze, der sich inzwischen im putzigen Café eines befreundeten Puppenspielers niedergelassen hat und eine Art selbstgebrauten Glühwein eingießt, Morchiladze hat eine so verspielte, wahnsinninge, quicklebendige Welt geschafen, dass der winzige Vielvölkerstaat unbedingt einen Platz in den Vereinten Nationen verdient.
Es ist ein eigener Kulturraum, der im Wesentlichen von einem bridgeähnlichen Kartenspiel namens Inti geprägt wird, das sechs Spieler braucht: Vier greifen an, zwei verteidigen sich. „Aus der Verteidigung heraus gewinnen, das ist die georgische Ur-Situation”, sagt Morchiladze. Eher zu Hochkultur gehören die Klagefrauen, deren Lieder wortlos wie das Meer sind und Männern den Verstand rauben, weshalb sie nur in streng lizensierten Clubs auftreten dürfen.
Hollywood, nicht Eisenstein
Morchiladze erzählt dieses knallbunte Epos nicht als schnöden Roman. Sondern in Briefen und Kirchenchroniken, Tagebüchern und Dramoletten. Er verwebt Auszüge aus der Verfassung, Internetseiten, ein Testament. Meist fügen sich die Fragmente fugenlos ineinander, manchmal blühen die schönsten Blumen auf toten Gleisen. Er liebe es, Texte zu imitieren, sagt Morchiladze. Aber natürlich müsse die Simulation jederzeit erkennbar sein. So wie Ingo Schulzes „33 Augenblicke des Glücks” eine postmoderne Verneigung vor den russischen Klassikern waren, so verbeugt sich der Georgier vor der Literatur des Westens, was dazu führt, dass sein Ton dem Leser wunderbar vertraut ist.
Wenn die Frauen der Wisramianis um Macht und Einfluss ringen – liegt darin nicht eine weibliche Spielart von Puzos „Pate”? Wenn Salomea ihren Geliebten nicht heiraten darf, weil Sandro da Costa aus einem verfeindeten Geschlecht stammt („Für ihn würde ich sterben, für dich aber nicht mal einen Faden durch ein Nadelöhr ziehen!”), wer dächte nicht an Shakespeare? Man findet Steinbeck-Spuren und Melville-Sedimente, die Figuren tragen Namen wie Theveneau de Morande nach dem Verräter des Rokoko-Hochstaplers Cagliostro oder Gines des Passamonte nach Cervantes’ „Don Quijote”. Morchiladze hat eine englische Schule besucht, Hollywood hat ihn mehr geprägt als Eisenstein. Irgendwann findet man Niko, Salomeas kriminellen Gatten, am Fenster der Klosterbibliothek mit einem Pfeil im Herzen – eine Erinnerung an die Leone-Sequenz auf dem Rustaweli-Boulevard: Es war einmal in Georgien.
Überhaupt, Amerika. Während Morchiladze in London in zweieinhalb Monaten seine Inselsaga runterriss, brach in Georgien die Rosenrevolution los. Seitdem ist die Westorientierung Staatsdoktrin in Georgien. Das Verhältnis zu Russland ist zerrüttet. Es geht um Abchasien und Südossetien, die als russische Protektorate für die Stabilität im Kaukasus so hilfreich sind wie ein paar Tonnen TNT. Es ging vor kurzem um eine einsame Felsspalte, deren irrer Herrscher sungalen-hafte Züge trug, und um ein russisches Importverbot für georgischen Wein und georgisches Mineralwasser. Aber im Grunde geht es einzig darum, dass der Kreml das Übergreifen des revolutionären atlantischen Bazillus verhindern möchte. „1989 haben die Russen Demonstranten in Tiflis mit geschliffenen Spaten erschlagen”, sagt Morchiladze: „Seitdem ist ihre Zeit hier vorbei. Sie haben es nur noch nicht begriffen.”
Im Herbst hatte Präsident Michail Saakaschwili russische Offiziere unter dem Vorwurf der Spionage festnehmen lassen und von weiblichen Polizisten (!) aus dem Land werfen lassen. Es war eine kindische, gefährliche, überflüssige Demütigung. Aber was für eine Szene! „Schreiben Sie das nicht”, sagt Morchiladze kichernd: „Aber mir hat das gefallen. Mischa ist so. Symbole, Gesten – das kann er. Was er inszeniert, vergisst man nie.” Die Russen vergaßen es auch nicht und warfen Hunderte Georgier aus dem Land, hetzten VIPs wie dem Krimi-Autor Boris Akunin und dem Monumental-Bildhauer Surab Zereteli die Steuerbehörden auf den Hals – woraufhin Letzterer sich gerührt seiner Herkunft entsann und Tiflis eine Figur des Heiligen Georg schenkte, die seit ein paar Tagen – riesig, golden und präpotent wie alle Zereteli-Helden – von einer Säule auf den Kreisverkehr vor dem Rathaus hinabschaut, wo die Rosenrevolution begann.
„Seit der Revolution haben wir wenigstens Gas und Strom”, sagt Morchiladze: „Jedenfalls mehr als früher.” Dass dies nicht für alle gilt, vor allem nicht, seit Russland die Gaspreise verdoppelt hat, ahnt man, wenn ein alter Mann an einem Baum auf der Metekhis-Brücke Brennholz absägt. Oder wenn drei junge Kerle Flaschen mit einer goldenen Flüssigkeit in die Kneipen tragen. „Nein, das ist etwas anderes”, beschwichtigt Morchiladze: „Die verkaufen Brandy. Ich schätze, sie haben Spielschulden.” Vielleicht ist Santa Esperanza doch ein Vorort von Tiflis. Vielleicht gibt es sie wirklich, diese unentdeckten Orte mit den nie geschriebenen Dramen: „Wissen Sie”, sagt er fröhlich: „Ich glaube sowieso nicht, dass die Erde rund ist.”
SONJA ZEKRI
Tiflis im Januar 1992: Artillerie vor dem Gebäude der beim Putsch gegen Präsident Gamsachrudia beschädigten Nationalgalerie
Foto: Patrick Robert/Corbis
„Santa Esperanza”: Der Autor Aka Morchiladze in Tiflis.
Foto: Zekri
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Die "wohl verrückteste und verwegenste verlegerische Leistung der Saison" bejubelt Sonja Zekri. Denn Aka Morchiladze, obschon in Georgien ein Bestsellerautor, TV-Moderator und Soap-Verfasser, ist nicht nur hierzulande leidlich unbekannt, sondern hat seine Chronik eines Fantasie-Georgiens mitten im Schwarzen Meer auch noch in mehreren "regenbogenbunten" Heften veröffentlicht, die in einem "karamelbraunen Filzschuber" stecken. Flippig sei das, meint Zekri, die aber in den geschilderten Ungeheuerlichkeiten auch einen ernsthaften Zug und "neue, unvergessliche" Bilder entdeckt. "Santa Esperanza" sei dabei nicht nur ein Zerrbild von Georgien, sondern so "quicklebendig" und eigenständig, dass Zekri den Staat am liebsten in die UNO aufnehmen möchte. Gut konsumierbar sei das Konvolut aus fiktiven Kirchenchroniken, Dramoletten, Briefen und Tagebüchern außerdem, nicht zuletzt deshalb, weil Morchiladze mit westlichen Filmen und Literatur aufgewachsen ist und seine zahlreichen Anspielungen und Verweise deshalb "wunderbar vertraut" wirken.

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