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Eine bitterböse Gesellschaftssatire aus der Sicht eines typischen "schwarzen Schafs" der Familie: Ein vierzigjähriger Single frönt ungehemmt seiner Lust an Alkohol, Zigaretten und Sex und wettert gegen seine angepassten Zeitgenossen. Der von Frederic Beigbeder entdeckte Roman ist ein Lesevergnügen für Fans des abgründigen Humors.…mehr

Produktbeschreibung
Eine bitterböse Gesellschaftssatire aus der Sicht eines typischen "schwarzen Schafs" der Familie: Ein vierzigjähriger Single frönt ungehemmt seiner Lust an Alkohol, Zigaretten und Sex und wettert gegen seine angepassten Zeitgenossen. Der von Frederic Beigbeder entdeckte Roman ist ein Lesevergnügen für Fans des abgründigen Humors.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 189
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm
  • Gewicht: 311g
  • ISBN-13: 9783446204638
  • ISBN-10: 3446204636
  • Artikelnr.: 12369391
Autorenporträt
Pierre Mèrot, geboren 1959, lebt in Paris.
Rezensionen
Besprechung von 05.06.2004
Ein Onkel, der ganz böse sein will
Ein Kampf in Dreck und Gold: Pierre Mérots Roman „Säugetiere”
Zyniker sind gepanzerte Weicheier, besagt die goldene Regel der Trivialpsychologie: Sie winseln nach Liebe, Harmonie und romantischen Sonnenuntergängen, und weil nichts von alledem so rein und groß ist, wie sie es sich ausgemalt haben, zertrampeln sie den Rest gleich mit. Der Mensch ist niedrig und berechenbar, jault der Zyniker triumphierend auf, als ob die Gebrechlichkeit der Welt nicht schon vor ihm entdeckt worden wäre. Das moderne Dasein wurde längst entzaubert, und er will ihm trotzdem nochmal die Maske herunterreißen.
Pierre Mérots Roman „Säugetiere” präsentiert ein Prachtexemplar dieser Gattung. Die Hauptfigur, „der Onkel”, ist ein leidenschaftlicher Säufer, der mit klassischer Enthüllungsgeste die Gesellschaftstheorien der sechziger Jahre („eine Familie ist ein Herrschaftssystem”) und das zeitlose Credo von der bösen Menschennatur nachpredigt („Wir alle haben Krallen”). Ein Nachzügler ist die Junggesellenmaschine aber auch deshalb, weil der Onkel deutlich an den „Elementarteilchen”-Boom der letzten Jahre anknüpft.
Während Michel Houellebecqs Romane die sexuelle Libertinage anprangern, zielt Mérot auf die Restbestände scheinbar intakter Bürgerfamilien. Sein Mann am Tresen springt im ödipalen Dreieck, und diese ständig scheiternden Ausbruchsversuche entwickeln echte Komik. Anders als bei Houellebecq findet man hier stilistisch hochpolierte Gehässigkeiten voller Selbstironie. „Säugetiere” ist eine flauschigere Folgeversion von „Elementarteilchen”, aber das antimoderne Beleidigtsein, der Hass aufs Zwischenmenschliche und die zur Schau gestellten seelischen Wunden verraten eine ähnliche Grundkonstellation.
„Der Onkel ist vierzig und er wohnt in einer Einzimmerwohnung von dreißig Metern im Quadrat; das ist wie ein Kinderzimmer, aber ohne Eltern.” Trotz großer erzieherischer Anstrengungen hat er „aber nie die Früchte hervorgebracht, die man erwartet hätte. Denn, seien wir ehrlich, ein Kind ist und bleibt immer eine Investition. Früher, in der guten alten Zeit, hat die Kindersterblichkeit dafür gesorgt, plärrende Irrtumer auszumerzen.” Dieses Vorzeige-Schwarze-Schaf schreibt, raucht, trinkt, ist sexbesessen und freut sich seines arbeitslosen Bademantellebens, jedenfalls zeitweise.
Als Erzähler dieses beruflichen und privaten Desasters gibt sich der Onkel selbst zu erkennen, wobei gleich noch die Grenze zum Autor eingerissen wird: Er schiebe Zitate aus früheren, autobiographischen Texten ein, und tatsächlich taucht Pierre Mérots 2001 erschienenes Buch „Petit Camp” im Anhang der zitierten Werke auf. Einen Gefallen tut sich Mérot damit nicht , denn der Onkel erweist sich gerade dann als Platitüdenschleuder, wenn er den Zusammenhang von Liebe, Alkohol und Arbeit mit einem philosophischen Zungenschlag versieht.
Zähnefletschendes Piepsen
Dass Georges Bataille und der Marquis de Sade mitspielen und manchmal sogar die Gesänge des Comte de Lautréamont durch die Wutausbrüche geistern, verrät den literarischen Anspruch der „Säugetiere”. Dieser Schiffbrüchige hat nicht nur eine Bukowski-Fahne, sondern will auch die edlere Duftmarke der großen französischen Theoretiker des Obszönen hinterlassen.
Vor allem die Geschichten aus dem Arbeitsleben sind von pointenstrotzender Boshaftigkeit. Von der Zeitung „Bagatel” über den „Ubu-Verlag” bis zur „Walt-Disney-Schule” stößt der Onkel mit anderen psychischen Wracks zusammen und zieht eine Giftspur politisch unkorrekter Verwüstung nach sich. Im Fortbildungsseminar „Der Lehrer – Mittler im Lernprozess” enttarnt er das pädagogische Dreieck als Vagina, und die Mission seiner Kolleginnen, die in multikulturellen Vororten Theaterstücke aufführen, skizziert der Onkel folgendermaßen: „Der Titel des Stücks lautet gemeinhin Farben der Welt; Mein schwarzer Nachbar oder Islam, meine Liebe, höchst selten jedoch Ungestüme Möse.”
Mit geballter Wucht schlägt das Ressentiment zu, wenn der Onkel sein Verhältnis zu Frauen auseinander nimmt und ins obszön Kalauernde abrutscht. Natürlich ist die Mutter schuld an seiner Beziehungsunfähigkeit, sie betrachtet ihn als „lebenslange Wucherung ihrer Eierstöcke” und gebärdet sich als „Säugerin”, aus deren Würgegriff sich der Onkel nicht befreien kann. Von dieser Warte aus sind Frauen die „traurigen Kanäle, durch die wir geboren werden”, woran weder die kurze Ehe mit einer Polin noch der Versuch mit einer trinkenden Krankenschwester etwas ändern können. Das Aufeinandertreffen dieser feindlichen Gewalten ist „ein Kampf in Dreck und Gold”, plättelt der einsame Säufer vor sich hin, der am besten beim Thema Arbeit geblieben wäre. So possierlich der Onkel anfangs um sich beißt – am Ende wird klar, dass es dem Roman ernst ist mit dem Klagelied auf die existentielle Verlassenheit: „Diejenigen, die Sie nicht liebten, brauchen Sie fast zum Leben, und Ihre Sexualität treibt Sie in die Arme jener, die Sie herabsetzen.”
Soll jetzt geheult werden, fragt man sich irritiert, weil das große Zähnefletschen auf einmal wie ein Pieps nach Liebe klingt? Während Houellebecq sich mit den „Elementarteilchen” als Genetiker einer zerfallenden Gesellschaft vorstellte, setzt Pierre Mérot, Jahrgang 1959, Lehrer und Autor von drei Romanen, auf die Verhaltensbiologie als literarisches Muster: „Säugetiere” erzählt den alten Witz vom Tier-Mensch-Vergleich, bei dem es ums Saugen und Süffeln geht und Liebe sich auf Triebe reimt (Gedichte streut der Onkel übrigens auch ein).
So ist das mit der zoologischen Brille des Zynikers: Je wütender die Berechenbarkeit des menschlichen Gefühlszoos verbellt wird, desto deutlicher gibt er sich selbst als eingeschnapptes Schoßtier zu erkennen.
JUTTA PERSON
PIERRE MÉROT: Säugetiere. Roman. Aus dem Französischen von Gaby Wurster. Carl Hanser Verlag, München und Wien 2004. 192 Seiten, 17,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Recht angetan zeigt sich der Rezensent Frank Schäfer von Pierre Merots Geschichte um das"schwarze Schaf" einer Familie - wie sooft der Onkel. Dieser erzähle sich und dem Leser "seine ganze kummervolle Vita", ausgehend von einer "vermeintlich normalen, intakten" Familie, in deren Zentrum sich die Mutter als "hegendes, umsorgendes Muttertier" gebärdet. Aus diesem Bannkreis muss der Onkel aubrechen, so der Rezensent, nicht ohne die Familie weiterhin für seine "Deformation" verantwortlich zu machen. Dies kommt dem Rezensenten einigermaßen "süffisant", doch dabei ziemlich unterhaltsam vor. Denn in allen Lebensstationen, die der Onkel durchlaufe - Wehrdienstler, Werbetexter, Verlagsangestellter, Lateinlehrer oder Säufer - reiche sein durch die Zerrüttung geschärfter Blick hinter die Kulissen des Absurden und Normalen, und "seziere" sein eigenes "Soziotop" mit ätzender Schärfe und "eloquenten" Beschimpfungen. Alkohol, so der Rezensent, spielt bei dieser wortgewaltigen und einigermaßen heummungslosen "Suada" keine geringe Rolle, was leider auch die entscheidende Schwäche des Romans ausmacht. Denn allzu gerne verweile der Roman in einer zu sehr "satirisch aufgekratzten" Haltung, und verliere dann - mit der "Ernstebene" - auch die Überzeugungskraft, die er anderswo, im Spannungsverhältnis von Sarkasmus und Melancholie, gewonnen habe. Da, wo sich die "Tragik" und die "Gebrochenheit" des Onkels zeigen, wird Merots "delirante Rede" für den Rezensenten zum "feinen", bewegenden Kontrastprogramm.

© Perlentaucher Medien GmbH
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