Produktdetails
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zuerst erzählt uns Andreas Obst von dem Lied aus Lennons Nachlass oder vielmehr dem Fragment davon, das diesem Büchlein seinen Namen gab. Vor vier Jahren hätte es in einer "klangsatten" Fassung, angereichert vom Sound überlebender Beatles, die zweite Folge des "schicken Restverwertungsbasars" "The Beatles Anthology" eröffnet. Nun habe Yoko Ono ein Buch mit Zeichnungen für Sohn Sean herausgebracht. Auch hier wurde angereichert, denn Frau Ono ließ die "rudimentären Stricheleien" farbig ausmalen. Aber das ist ihnen, findet Obst, nicht gut bekommen. Denn: "die Farben legen sich schwer über Lennons luftige Zeichnungen". Die sprachwitzelnden Texte haben es doppelt schwer. Ihnen machen nicht bloß die satten Farben, sondern auch die spröde Übersetzung zu schaffen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 12.08.2000
Wie das Kamel tanzt
John Lennons Zeichnungen für seinen Sohn Sean

Auf dem Cover der "John Lennon Anthology", vor zwei Jahren von seiner Witwe Yoko Ono herausgegeben, hat sich der Musiker mit wenigen Strichen so gezeichnet, wie er sich wohl selbst gerne gesehen hat - zumal in seinem vierten und letzten Lebensjahrzehnt, den New Yorker Familienjahren mit neuer Ehefrau und gemeinsamem Sohn. Lennon sitzt im Stuhl auf einer Wolke, ganz entspannt im Hier und Jetzt. "He tried to face reality", steht in seiner Handschrift darunter geschrieben. Unter den Aufnahmen dieser Edition - Rarem, Rätselhaftem, Skurrilem aus den Siebzigern, der Zeit nach den Beatles - ist auch das Fragment eines Songs: "Real Love" besteht aus herben, fast stolpernden Klavierblockakkorden, Lennons nicht ganz intonationssicherer Stimme und Versen, die das schön Einfache des Lebens preisen: wirkliche Liebe. Dieses berührende Bruchstück, aufgenommen in Lennons Wohnung mit dem Kassettenrekorder, gehörte zu den Stücken, die Yoko Ono den restlichen Beatles zur Verfügung stellte - für die nachträgliche Bearbeitung als Beatles-Klassiker, ein Vierteljahrhundert nach der Trennung der glorreichen Vier.

"Real Love" eröffnet in einer klangsatten Fassung mit McCartneys Harmoniegesang, Harrisons Gitarrensoli und Starrs wummerndem Trommeln vor vier Jahren die zweite Folge des schicken Resteverwertungsbasars "The Beatles Anthology": Beweis nicht zuletzt, daß auch Meister schwächere Tage haben - und dabei trotzdem viel Spaß. Man höre nur das albern-vergnügte Kichern bei der Arbeit an Lennons Song "And Your Bird Can Sing".

In den letzten Jahren ist Yoko Ono recht freigebig geworden mit übersehenen und überhörten Genieblitzen ihres 1980 von einem Fan ermordeten Mannes. Bei dem schmalen Buch "Real Love" verknüpfen sich nun unversehens mehrere lose Fäden aus dem Lennon-OEuvre. Das Buch tönt, ohne daß eine einzige Note klänge. Es ist eine Art Zeichenserenade für den gemeinsamen Sohn Sean, 1975 geboren. Eine kleine Nachtmusik, mit der Tuschefeder dirigiert.

Damals begannen die Jahre des Familienvaters und Hausmannes Lennon, seine Musik geriet eher in den Hintergrund. Das ist nicht unverständlich, ähnlich mag es anderen Vätern auch gehen. Doch Yoko Ono stilisiert das Vatersein Lennons zur Kunst an sich. Im Ansatz hat sie damit womöglich sogar recht. "Wenig später sah ich dann Sean und John zusammen zeichnen", schreibt sie im Vorwort von "Real Love": "John malte etwas und erklärte Sean, was es war. Dann kam Sean an die Reihe. Auch er zeigte seine Bilder, und er erklärte sie." So weit ist das nett unspektakulär. Doch John Lennons Bilder sind die Bilder John Lennons. Das schon macht sie zum Kunstwerk, findet Yoko Ono. So ließ sie die eher rudimentäre Stricheleien farbig ausmalen, was ihren gelegentlich anarchistischen Witz ins vor allem Niedliche übersetzt. Runde Sonnen scheinen goldgelb oder versinken rot-orange hinter dem Horizont, die Blätter der Bäume sind grellgrün, Hasen leuchten pink, Elefanten violett.

Die Farben legen sich schwer über Lennons luftige Zeichnungen und die Texte, die er daruntersetzte: Wortspiele, geistreiche Blödeleien, Sprachklischeeverballhornungen, wie er sie schon in Beatles-Tagen eifrig probte. Der lakonische Witz einer Sentenz wie "The camel dances and having danced moves on" freilich geht in "Real Love" gleich auf zwei Arten verloren: Er verdörrt in dem Bild, das vor satt ockerfarbenem Hügelpanorama ein Kamel zeigt, wie es sich von einer Pyramide abwendet, und er löst sich auf in der spröden Übersetzung: "Das Kamel tanzt und zieht nach dem Tanzen weiter." Na und? Das Buch ist gerade recht für Beatles-Devotionaliensammler. Und für Väter, die gerne mit ihren Kindern zusammen zeichnen.

ANDREAS OBST.

John Lennon: "Real Love". Rowohlt Verlag, Reinbek 2000. 52 S., geb., 24,- DM. Für jedes Alter.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr