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Am 5. Februar 2014 wäre Burroughs, der jahrzehntelang die Subkultur in den USA prägte, 100 geworden. Die Briefe aus seiner Zeit im Exil zeigen viele bislang unbekannte Seiten seiner Biographie. Der Schriftsteller wurde damals zur zentralen Figur eines neuen Zirkels von Künstlern, die zur Beatgeneration nur noch eine lose Verbindung hatten. Es sah noch nicht so aus, als würden seine experimentellen Arbeiten jemals das Licht der Welt erblicken. Neben dem Kampf um Anerkennung geben die Briefe auch faszinierende Einblicke in seine obsessive Suche nach dem perfekten Text. Und sie offenbaren, wie…mehr

Produktbeschreibung
Am 5. Februar 2014 wäre Burroughs, der jahrzehntelang die Subkultur in den USA prägte, 100 geworden. Die Briefe aus seiner Zeit im Exil zeigen viele bislang unbekannte Seiten seiner Biographie. Der Schriftsteller wurde damals zur zentralen Figur eines neuen Zirkels von Künstlern, die zur Beatgeneration nur noch eine lose Verbindung hatten. Es sah noch nicht so aus, als würden seine experimentellen Arbeiten jemals das Licht der Welt erblicken. Neben dem Kampf um Anerkennung geben die Briefe auch faszinierende Einblicke in seine obsessive Suche nach dem perfekten Text. Und sie offenbaren, wie sehr die Radikalität der Texte mit der des Privatmenschen Burroughs zusammenhängt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Nagel & Kimche
  • Originaltitel: Rub Out the Words
  • Artikelnr. des Verlages: 547/00601
  • Seitenzahl: 298
  • Erscheinungstermin: 3. Februar 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 146mm x 30mm
  • Gewicht: 517g
  • ISBN-13: 9783312006014
  • ISBN-10: 3312006015
  • Artikelnr.: 40125834
Autorenporträt
William S. Burroughs wurde 1914 in St. Louis, Missouri, geboren und starb 1997 in Lawrence, Kansas. Er studierte in Harvard und lernte 1944/1945 Jack Kerouac und Allen Ginsberg kennen - gemeinsam bildeten sie die Keimzelle der Beatgeneration. 1951 erschoss Burroughs bei einem 'Wilhelm-Tell-Spiel' versehentlich seine Ehefrau und schrieb in den folgenden Jahren manisch jene Texte, die 1959 zur Publikation von "Naked Lunch" führten. Zeit seines Lebens blieb Burroughs eine Leitfigur der amerikanischen Gegenkultur und arbeitete mit Künstlern wie Laurie Anderson, Lou Reed, Kurt Cobain, David Cronenberg (der das Buch 1991 verfilmte) und Bob Wilson zusammen. Michael Kellner, 1953 geboren, war Buchhändler, hatte viele Jahre einen eigenen Verlag und übersetzte Werke von Barry Miles, Amistead Maupin und Allen Ginsberg. 2008 wurde er mit "Naked Lunch" für den Leipziger Übersetzerpreis nominiert.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ironie bis zum Irrsinn entdeckt Jan Wiele in den Briefen von William S. Burroughs, der vor 100 Jahren geboren wurde. Darüber hinaus bietet ihm der Band Einblicke in den ungeheuren Drogenkonsum des Autors, sein Verhältnis zu seinen Eltern, dem eigenen Sohn und zu Freunden wie Ginsberg un Leary. All das im typischen Beat-Sound, sodass es Wiele schwerfällt, zwischen Roman und Brief zu unterscheiden. Überraschend für den Rezensenten: Des Autors zutage tretendes Engagement für Drogentherapien sowie seine Hellsichtigkeit in Sachen Gedankenmanipulation und -kontrolle. Willkürlich erscheinende Auslassungen und eine mangelhafte Kommentierung schmälern Wieles Lektüreglück ein wenig.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.02.2014

Die Schreibmaschine tötet
Jedenfalls die von William S. Burroughs, dem großen literarischen Junkie. Eine Briefsammlung zu
seinem 100. Geburtstag zeigt, wie hart er arbeiten musste – um den eigenen Erfolg zu organisieren
VON WILLI WINKLER
Schreiben, das richtige Schreiben ist doch eine einzige Schande, wenn ein Mann von fünfzig Jahren seiner Mutter unterwürfig für das Geld danken muss, das sie ihm ein letztes Mal geschickt hat, im Tausch gegen das Versprechen, jetzt werde es endlich ganz bestimmt losgehen mit dem Geldverdienen, also mit dem Leben als Schriftsteller.
Burroughs wurde aber keiner. Er blieb sein Leben lang ein Junkie. Seine Familie, bester Mittelstand im mittigsten Amerika, St. Louis, Missouri, war mit der Erfindung der Registrierkasse reich genug geworden, um den Sohn nach Harvard zu schicken, wo er ziellos herumstudierte, nach Wien weiterzog, wo er die schwule Subkultur entdeckte, zur Tarnung eine Jüdin heiratete, der er damit zur Einreise in die USA verhelfen konnte, in den Kreis von Jack Kerouac und Allen Ginsberg gelangte, allerlei Drogen entdeckte, Mitwisser bei einem schwulen Ritualmord wurde und dem Gefängnis nur entging, weil ihn die soziale Hängematte seiner Familie davor bewahrte.
Den zweiten Mord beging er selber, an der zweiten Frau. Jeder kennt die Geschichte vom Wilhelm-Tell-Schuss, mit dem Burroughs Joan Vollmer erlegte, eine Rauschtat, vor deren juristischen Folgen ihn wieder seine Herkunft bewahrte. Es gab noch andere: „Ohne Joans Tod hätte ich nicht schreiben können.“ Ginsberg meint auch ihn, wenn er sein „Howl“ (1956) mit dem schrillsten Vers des 20. Jahrhunderts intoniert: „I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterically naked . . .“
Es ist schon ziemlich mutig, sich mit diesen Literatursüchtigen zu solidarisieren, die damals bedenkenlos ihr Leben aufs Spiel setzten, um Literatur produzieren zu können. Burroughs hat erstaunlich wenig Einfluss auf die Literatur gewonnen, doch mehrere Generationen von Rock- und Punkmusikern sind ihm nachgefolgt, als er das Exzess-Evangelium nach William predigte. Patti Smith sagt, sie sei in Burroughs richtig verliebt gewesen. Einstmals jugendschöne Männer erklären ihm in arte-Dokus post-hum ihre Liebe. Dazu erscheint ein zusammengeschrumpfter Buchhalter, der aussieht, als hielte ihn allenfalls die Winchester aufrecht, die er anstelle eines Rückgrats unterm Trenchcoat tragen muss. Aber er schießt ja nicht, er schreibt nur wild um sich.
Burroughs, der Maniac, ist nicht bloß süchtig, sondern gewalttätig. In einem der Briefe, die nun zum hundertsten Geburtstag erscheinen (im Lektorat gab es hoffentlich irgendwelche halblegalen Drogen, anders ist die Lieblosigkeit nicht zu entschuldigen, mit der das Buch hergestellt wurde), schildert Burroughs, wie er Cut-up entdeckt und die Literatur mitsamt der elenden Schriftstellerei endgültig zerstören kann. Wie ein Kind freut er sich darüber, was da möglich wird: Briefe, Radiosätze, Werbung und den offenbar kontinuierlichen Ausstoß seiner Schreibmaschine miteinander verschnitten – es ist alles eins und kann auch alles ganz anders sein. Der Heroinsüchtige hat die noch härtere Sucht entdeckt: „Inzwischen verschaffen mir Cut-ups ein lupenreines High, ohne den Gebrauch chemischer Drogen“, schreibt er dem LSD-Professor Timothy Leary.
Paul Bowles rät er zu einem Cut-up-Film, in dem ein Schauspieler Englisch redet und der andere Deutsch und dabei die Worte des anderen, unverständlich, wie sie sein mögen, aufnimmt, „als ob einer den Satz des anderen beenden würde und ihm seine Sprache einfach aufpfropft? Warum an dieser Stelle aufhören? – Warum, kurz gesagt, überhaupt irgendwo aufhören?“
Das automatische Schreiben, von den Surrealisten erträumt, und dann doch wieder bloß intellektuell gesteuert, gelingt dem ewigen Junkie Burroughs.
Nach „Junkie“ verabschiedet er sich von Fabel, Geschichte, Erzählung, von allem, was dem mittleren Amerika und den Literaturpäpsten heilig ist. Seine Sprache ist ohne Sinn und Verstand, aber ein einziger Ausbruch an Obszönitäten, an Gewalt, an Science-fiction-Kreaturen, ein dunkler Abwehrzauber gegen den totalitären Irrsinn der verwalteten Welt.
Der Briefband gibt eine furchtbare Ahnung von den Frösten der Avantgarde, zu schweigen vom Horror des wieder und immer wieder gescheiterten Entzugs. Noch ernüchternder das tägliche Kleingeld des ausbleibenden Erfolgs. Denn auch der radikalste Modernist, erst recht wenn er aus dem Mittleren Westen kommt, wo ihm der Kapitalismus an der Wiege gesungen wurde, muss an den Verkauf denken. Die Briefe, abgeschickt aus Paris, Tanger, New York, London, zeigen weniger die Bewegungen eines rastlosen Genies, sondern dessen ebenso rastloses Bemühen, Bücher zu verkaufen und die dafür unerlässlichen Rezensionen einzutreiben.
Das Genie kann sich maßlos empören, wenn die Verlage keine Besprechungsexemplare verschicken. Warum nicht eins an Mick Jagger schicken? Könnte er nicht bei der Verfilmung von „Naked Lunch“ mitmachen, aber, stoßseufzt er, „man kriegt ihn einfach nicht von den Groupies weg, die einem in unglaublichem Maße die Zeit stehlen können“. Er hasst die langhaarigen Hippies, die Linken, die Amerikaner, würde sie am liebsten wegballern, aber sie sind es, die ihn bekannt, berühmt, schließlich zu einem Klassiker machen. Die Schwarzen-, die Schwulen-, überhaupt alle Bewegungen lassen ihn gleichgültig. „Also ich kann mehr für jede Revolution tun, wenn ich hier an meiner Schreibmaschine sitze“, die, wie könnte es anders sein: tötet. Trotzdem: „Was hätten“, miesmault er drei Monate nach dem Festival in einem Brief an seinen Freund Brion Gysin, „was hätten 20 Exemplare in Woodstock für den Umsatz tun können!“
Seine Bücher werden dennoch Bestseller, denn es sind, wie er einmal bemerkt, „Kinderbücher mit mythologischen Figuren“. Der Autor ist dabei das größte Kind, ein zerstörungswütiges Kind, das sich mit jeder erdenklichen Droge gegen die bedrohliche Welt wehrt. Nur ein Kind konnte so hingebungsvoll zwischen den Polen Wilhelm Reich (Orgon-Theorie) und L. Ron Hubbard (Scientology) oszillieren und immer noch nicht genug haben.
Ein Wunder, dass Burroughs damit 83 werden konnte, ehe er 1997, im gleichen Jahr wie sein poetischer Milchbruder Ginsberg, starb, aber wahrscheinlich half ihm die völlige Hingabe an die Schreibsucht, dazu eine strikte Diät aus Methadon und den Beweihräucherungen stetig nachwachsen-der Fans. In einem Film sitzen sie einmal nebeneinander, Ginsberg und Burroughs, zwei alte Männer, ihre längst im Weltruhm verlorene Jugend bedenkend wie Fréderic und Deslaurier am Ende der „Éducation sentimentale“. „Hast du je erotisches Interesse an mir gehabt, früher?“, fragt Ginsberg ganz freundschaftlich. Burroughs schweigt, er denkt nach: „Nein.“ Der Junkie kannte nur die Liebe beim Schreiben.
William S. Burroughs: „Radiert die Worte aus“. Briefe 1959–1974. Deutsch von Michael Kellner. Nagel & Kimche, München 2014. 302 Seiten, 19,90 Euro.
Mick Jagger könnte beim „Naked
Lunch“-Film mithelfen. Aber er
hängt immer an seinen Groupies
Ein zusammengeschrumpfter Buchhalter? William S. Burroughs in einer Szene des Films „William S. Burroughs: A Man Within“.
Foto: picture alliance/dpa/Neue Visionen
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.02.2014

Mehr Meskalin für den Exterminator

Heute vor hundert Jahren wurde William S. Burroughs geboren. Um das Leben des Schriftstellers ranken sich Legenden. Was daran ist, verrät ein neuer Briefband.

Seine Leibspeise nennt der Mentor der Beat-Dichter gleich im ersten Satz: "Tausend Dank für das Meskalin." Das schreibt William S. Burroughs am 30. Oktober 1959 aus dem gerade bezogenen Domizil in Paris an den engen Vertrauten Allen Ginsberg, und in der Korrespondenz der folgenden fünfzehn Jahre mit ihm und anderen wird es sehr, sehr viel um Drogen gehen, von Dope bis zu LSD, von Morphin und Opiaten aller Art zur Wunderdroge Yagé aus dem südamerikanischen Dschungel.

Fast schon belustigt nimmt man in dieser nicht enden wollenden Erzählung von Substanzgebrauch zur Kenntnis, dass Burroughs auch einmal eine verschmähte - nämlich die Psycho-Pilze von Timothy Leary, der als Professor der Universität Harvard diverse Drogenexperimente leitete. Als Burroughs 1961 auf dessen Einladung an einem "Symposion über Halluzinogene" teilnimmt, ist er zwar erst noch begeistert, doch dann kippt die Stimmung: Nicht nur stört sich der Schriftsteller, der in Marokko und Frankreich zuvor in ärmlichen Verhältnissen gelebt hat, am amerikanischen Güterüberfluss in Learys Haus und an dessen "fetten und undisziplinierten Kindern", sondern zunehmend auch an der Trip-Administration: "Die Szene hier ist völlig verrückt. Leary ist durchgedreht und verteilt Pilze an Garderobenfrauen, Taxifahrer, Kellner, praktisch an jeden, der nicht schnell genug die Beine in die Hand nimmt."

Da ist er also wieder, der typische Burroughs-Ton, der ein literarisches Genre mitbegründet und nicht nur seine, sondern gleich mehrere Generationen von Schriftstellern, Musikern und Künstlern geprägt hat, ja bis heute weiterwirkt: Zwischen den Briefen und den Werken wie "Junkie" oder "Naked Lunch" scheint gar kein großer Unterschied, es ist alles ein Sound, so wie auch am 4. August 1960 an den Maler Brion Gysin: "Ich habe eine Dosis Meskalin von Allen Ginsberg bekommen und lege die daraus resultierende Sure anbei, die Exterminator II beschließen soll."

Der Witz des Koranvergleichs ist hierbei ein doppelter: nicht nur der des Autors, sondern auch der seiner Rezeption. Denn für viele war Burroughs ein Heiliger und sein Werk eine zweite Bibel, wie die Musikerin Patti Smith tatsächlich einmal gesagt hat. Wenn man Burroughs auf Deutsch liest (und das hat über Jahrzehnte in bewundernswerter Weise der vor kurzem gestorbene Carl Weissner ermöglicht und somit den besagten Sound mitgeprägt, dafür schickt Burroughs ihm hier einmal 1966 nach Heidelberg "Shonste Grussen"), kann einem kaum entgehen, dass Texte von Rolf Dieter Brinkmann oder auch Bernward Vespers Roman "Die Reise" ohne dieses Vorbild undenkbar wären.

Der Briefband aus der mittleren Werkphase, der heute pünktlich zum hundertsten Geburtstag des 1997 verstorbenen Burroughs in deutscher Übersetzung von Michael Kellner erscheint, dokumentiert neben Drogenexperimenten auch solche der Form, die für die Spätmoderne von großer Bedeutung sind: nämlich die Entstehung seiner sogenannten Cut-up- und Fold-in-Methoden, also das Zerschnipseln und Neuzusammensetzen von Texten, das in "Nova Express" zur Vollendung kam, aber auch die Versuche mit Tonbandgeräten oder "Schnittstellenbildern" für multimediale Kunstwerke.

Was die Sucht angeht, das eine große Lebensthema von Burroughs, sieht man in dem Band aber auch sein außerliterarisches Engagement zum Wohle aller Abhängigen, das sich in einer wachsenden Obsession für eine bestimmte Therapie äußert: den Drogenentzug mittels Apomorphin-Kur. Auch etwa dem Rolling-Stones-Gitarristen Keith Richards hat er sie später einmal aufgeschwatzt. Der empfand sie jedoch als so höllisch wie sinnlos, wie er jüngst in seiner Autobiographie schrieb.

Das andere große Burroughs-Thema, die Kontrolle und Manipulation von Gedanken, wirkt im Lichte der jetzigen NSA-Enthüllungen so brisant wie nie - schon vor einiger Zeit aber hatte der Philosoph Marshall McLuhan festgestellt, die "sogenannte Science-Fiction" von Burroughs sei längst Wirklichkeit. In den vorliegenden Briefen manifestiert sich das Thema teils noch unheimlicher als in den Romanen. So schreibt er im August 1969 an Brion Gysin: "Massenhaft Gehirnwellen, das ist die Waffe, die es einzusetzen gilt. 400 000 Gehirne, die an einem Ort Alphawellen von Schlaf und Traum emittieren können und die Bullen hinwegträumen, und wenn es hart auf hart kommt, dann ziehen 400 000 Epileptiker einen elektrischen Zaun hoch." Und fügt dann selbst hinzu: "Nein, das ist keine Science-Fiction. Das ist alles bereits mittels existierender Technologie möglich."

Die Kommentierung des Bandes durch den Herausgeber Bill Morgan lässt leider zu wünschen übrig: So ist etwa in Bezug auf Burroughs' zweite Frau Joan Vollmer im Vorwort nur die Rede von "ihrem Tod", in einer Fußnote vom "Mord" an ihr - ohne ein Wort über die Rolle, die Burroughs selbst dabei spielte. Er hatte sie 1951 in Mexico-City bei seinem berüchtigten missglückten Versuch, ein Glas von ihrem Kopf zu schießen, getötet. Auch die Editionsprinzipien erscheinen wunderlich: So macht Morgan willkürlich Auslassungen, "speziell Cut-up-Experimente, die nicht zum Brief selbst gehörten", wobei das ja genau die Frage wäre. Zudem hätte die Anmerkung nicht geschadet, dass Burroughs einige seiner persönlichen Briefe an Ginsberg, die dieser ihm zur Verwahrung zurückgegeben hatte, vernichtete - vielleicht mit ein Grund dafür, dass man hier von Burroughs' Homosexualität wenig liest.

Erstaunlich aber der andere Ton, in dem Burroughs an seine Angehörigen schrieb. Gegenüber den eigenen Eltern klingt er, als wäre er zeitlebens in der Rolle eines kleinen Jungen geblieben, der trotzig seine Künstlerexistenz verteidigt. 1964 berichtet ihnen der Mann von fünfzig Jahren stolz, er habe zweitausend Dollar auf einer Bank in Gibraltar: "Sieht so aus, als würde ich mir endlich meinen Lebensunterhalt verdienen." Und dem Sohn William Burroughs Jr., genannt Billy, den er im Alter von vier Jahren zum Halbwaisen machte und der bei den Großeltern aufwuchs, schreibt der Vater so seltsame wie rührende Briefe: 1959 konfrontiert er den gerade Zwölfjährigen mit seinem Roman "Naked Lunch" und seiner Drogensucht, später, als Billy selbst Bücher schreibt, tauschen sie sich über Scientology und Karate aus.

Der Sänger Tom Waits bescheinigte Burroughs einmal einen ausgeprägten Sinn für Ironie. Geradezu irre wirkt diese angesichts eines Liedtextes, den der unbelehrbare Waffennarr Burroughs noch 1989 bei der Zusammenarbeit mit Waits für Robert Wilsons "Freischütz"-Adaption "The Black Rider" schrieb: "I'll shoot the moon right out of the sky." Um den Mond musste man sich bei seinen Schießkünsten keine Sorgen machen. Noch bitterer aber die Ironie, dass der Sohn Billy im Alter von nur dreiunddreißig Jahren an seiner Alkoholsucht starb.

JAN WIELE

William S. Burroughs: "Radiert die Worte aus". Briefe 1959-1974.

Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner. Nagel & Kimche, Zürich 2014. 304 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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