• Gebundenes Buch

2 Kundenbewertungen

Die Geschichte Preußens - ein brillant erzähltes Standardwerk
Die Auflösung Preußens durch ein alliiertes Kontrollratsgesetz am 25. Februar 1947 setzte einen Schlusspunkt unter eine Jahrhunderte alte wechselvolle Geschichte. Der Name Preußen ist untrennbar verbunden mit Aufklärung und Toleranz, verkörpert etwa in Friedrich dem Großen, verbunden aber auch mit Militarismus, Maßlosigkeit und Selbstüberschätzung Wilhelms II. Das Nachdenken über Preußen stand in den letzten Jahrzehnten im Schatten der hitzigen Debatten über die deutsche Geschichte.
Doch die Zeit ist reif für einen
…mehr

Produktbeschreibung
Die Geschichte Preußens - ein brillant erzähltes Standardwerk

Die Auflösung Preußens durch ein alliiertes Kontrollratsgesetz am 25. Februar 1947 setzte einen Schlusspunkt unter eine Jahrhunderte alte wechselvolle Geschichte. Der Name Preußen ist untrennbar verbunden mit Aufklärung und Toleranz, verkörpert etwa in Friedrich dem Großen, verbunden aber auch mit Militarismus, Maßlosigkeit und Selbstüberschätzung Wilhelms II. Das Nachdenken über Preußen stand in den letzten Jahrzehnten im Schatten der hitzigen Debatten über die deutsche Geschichte.

Doch die Zeit ist reif für einen distanzierten, sensibel wägenden Blick auf dieses große Kapitel der deutschen und europäischen Vergangenheit. Christopher Clark schildert den Aufstieg Preußens vom kleinen, an Bodenschätzen armen Territorium um Berlin zur dominierenden Macht auf dem europäischen Festland und schließlich die Auflösung nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches. Seine brillante Darstellung ist ein Meisterwerk angelsächsischer Geschichtsschreibung.

- 60. Jahrestag: Auflösung Preußens am 25. Februar 1947

- Unabhängiger, britischer Blick auf die ambivalente preußisch-deutsche Geschichte

"Es ist nicht möglich, Preußens Triumph und Tragödie besser zu erzählen. Christopher Clarks Geschichte Preußens schildert lebendig eines der großen Gemälde europäischer Geschichte."
Observer
  • Produktdetails
  • Verlag: DVA
  • 8. Aufl.
  • Seitenzahl: 896
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm
  • Gewicht: 1210g
  • ISBN-13: 9783421053923
  • ISBN-10: 3421053928
  • Artikelnr.: 20943824
Autorenporträt
Christopher Clark, geboren 1960, lehrt als Professor Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine's College in Cambridge. Zu seinen Forschungsgebieten zählt neben der preußischen die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Er ist Autor einer Biographie des letzten deutschen Kaisers, Wilhelms II.
Rezensionen
Besprechung von 20.03.2007
Da lacht der Kaiser
Christopher Clarks brillante, überraschend liebevolle Geschichte des preußischen Staates Von Gustav Seibt
Zu den beeindruckendsten Hinterlassenschaften Preußens gehört seine Historiographie. Es gibt kaum ein zweites Staatswesen, das eine so lange Reihe intellektuell glänzender und erzählerisch packender Geschichtswerke hinterlassen hat: Ranke, Treitschke, Droysen, Otto Hintze, das sind Autoren, die man noch heute mit Bewunderung liest. Bei ihnen stehen Staat und Politik im Vordergrund, Kriegstaten und Diplomatie. Sie teilten ein spezifisch protestantisches und geschichtsphilosophisches, universalhistorisch geprägtes Ethos, das den Machtstaat als Verwirklichung einer sittlichen Idee verstand. Im letzten Vertreter dieser Tradition, bei Friedrich Meinecke, wurde dieser Zug dann selbstreflexiv.
Die „borussische” Schule der Geschichtsschreibung ist oft kritisiert worden; das war auch eine Reaktion auf ihre intellektuelle Überlegenheit, die es schwer machte, aus dem Schatten der großen Autoren zu treten, vor allem aber lag es an jener eigentümlichen Staatsfixiertheit, die beim Gegenstand Preußen gute Gründe hatte, sich aber auf andere Felder der Geschichte nicht ausdehnen ließ. Seit Preußen untergegangen war, hatte diese Form der Geschichtsschreibung ihren vornehmsten Gegenstand verloren. Vor allem aber schien sie moralisch unhaltbar geworden sein, zu sehr hatte staatliche Gewalt sich in Deutschland diskreditiert.
Es ist daher ein Ereignis, wenn nun, fast hundert Jahre nach Otto Hintzes Klassiker „Die Hohenzollern und ihr Werk”, geschrieben zum Jubiläum der Dynastie 1915, aber, anders als der Titel suggeriert, eine umfassende, Wirtschaft und Kultur einbeziehende Synthese, nun ein Werk von ähnlichem Anspruch und Umfang aus der Feder eines einzelnen Autors erscheint. Verfasst hat es der australische, in Cambridge lehrende, noch junge Historiker Christopher Clark.
Das Buch ist glanzvoll. Es macht sich auf unbefangenste alle Vorteile der borussischen Tradition zueigen, erzählt von Kriegen und diplomatischen Schachzügen, erläutert Exerziertechniken und das Zündnadelgewehr, aber es vermeidet die Einseitigkeiten der alten Schule, indem es uns das Leben auf dem Land, die Struktur der Städte, die überragende Rolle von Kirche und Frömmigkeit, ja die wechselnde Stellung der Frauen in der Generationenabfolge der Monarchie schildert. Vor allem nähert es sich seinem umstrittenen Gegenstand mit Neugier und Unbefangenheit. Entstanden ist so ein nicht überall neues, aber durchweg aufgefrischtes, farbiges und überaus vielfältiges Preußenbild.
Die alten Lasterkataloge, zusammengefasst im Kontrollratsgesetz von 1947 mit der Formulierung vom „Träger des Militarismus und der Reaktion”, kommen durchaus vor, doch vor allem, um fast spielerisch widerlegt zu werden. So wird ein erstaunlich starkes städtisches Leben vor allem in den märkischen Bürgergemeinden mit ihren ständischen Selbstverwaltung geschildert; die Bockigkeit der angeblich so tyrannisch unterdrückten Bauern und Pächter gegen ihre Gutsherren erweist sich als europäischer Normalfall; überhaupt betont Clark die geringe staatliche Durchdringung weiter Gebiete der Monarchie bis weit ins 19. Jahrhundert. Preußen war weit weniger „Staat”, als das herkömmliche Bild es nahe legt.
Eine Neuerung wie das Zündnadelgewehr erscheint in einem Zusammenhang, in dem man zunächst kaum an Militarismus denkt: Die koordinierten Abläufe bei seinem Einsatz sind ohne brillante Schulbildung nicht denkbar. Nicht umsonst äußerten französische Publizisten nach 1871, bei Sedan habe eigentlich der preußische Volksschullehrer gesiegt.
Clark brilliert im geschickten Wechsel von allgemeinen Thesen und Konstellationen und detailfreudiger, anekdotenhafter Erzählkunst. Sein Preußen ist eine Reaktion auf die Verheerungen des dreißigjährigen Krieges, der in Brandenburg die Hälfte der Bevölkerung auslöschte und entschiedenen Sicherheitswillen provozierte. Die Kraftanstrengung des absolutistischen Militärstaats war die Antwort auf eine bedrohte Mittellage zwischen protestantischen Mächten wie Schweden und den übermächtigen katholischen Reichsteilen. Die immer gefühlte Existenzbedrohung führte aber über viele Generationen auch zu fast timider Außenpolitik, so unter Friedrich Wilhelm I. und wieder im frühen 19. Jahrhundert. Die Siegesläufe Friedrichs des Großen und Bismarcks bezeichnen nur eine Seite der preußischen Geschichte. Auf die gesamte Länge ihrer Existenz berechnet, haben Österreich und Frankreich weit mehr Kriege geführt als Preußen.
Clark ist als Historiograph Historist im besten Wortsinn, er lässt den Erscheinungen ihre zeitgenössische Unmittelbarkeit und stellt sie nicht gleich in langfristige Zwangsläufigkeiten. Wir sind heute geneigt, sehr scharf über die preußische Polenpolitik zu urteilen; Clark zeigt, wie entgegenkommend sich die Monarchie zunächst gegen die polnischen Untertanen verhielt – die Verwaltung war in den Grenzgebieten zweisprachig –, und nicht ohne Ironie stellt er fest, dass Katastrophen wie die irische Hungersnot unter englischer Herrschaft im frühen 19. Jahrhundert im polnischen Teil Preußens nicht beobachtet wurden.
Voller Behagen berichtet Clark von der Uniformposse des Hauptmanns von Köpenick, aber er pointiert eben auch die andere Seite: Der Vorfall wurde zu einem satirischen Medienereignis, was der Obrigkeitsstaatlichkeit ihr Gegenbild hinzufügt. Der falsche Hauptmann konnte zu einem Zeitungsstar werden, der amüsierte Kaiser selbst sorgte für die baldige Entlassung aus dem Gefängnis, und hinterher verwertete der Betrüger seine Geschichte in einem Bestseller.
Selbst einen Schandfleck der preußisch-deutschen Militärgeschichte, den Genozid an den Herero in Deutsch Südwestafrika im Jahre 1904, untersucht dieser gründlich gerechte Historiker differenziert: Er kann zeigen, dass die zivilen Stellen, bis hinauf zum Reichskanzler, den Krieg gegen die Afrikaner sofort als humanitäres, „unchristliches” Verbrechen bekämpften, und dass es die Trennung von zivilen und militärischen Befehlssträngen sowie die langsamen Informationswege zwischen der Kolonie und Berlin waren, die früheres Einschreiten gegen das Unrecht verhinderten.
Immer wieder kann Clark scheinbar beiläufige Vorfälle zum Sprechen bringen. Nach den Befreiungskriegen wurde die Jüdin Amalie Beer, Mutter des Komponisten Meyerbeer, für ihre Spenden vom König mit dem Luisenorden geehrt. Vieles ist dabei zu beobachten: die patriotische Teilnahme der Juden, die Rolle von Frauen; vor allem aber der Zartsinn des Königs, der die Form des Ordenskreuzes abwandeln ließ, um die jüdische Dame nicht mit einem christlichen Symbol zu verletzen. Von diesem Preußen liest man in den kurzgefassten Formeln der Lehrbücher selten. Freilich, Clark spart den Berliner Antisemitismusstreit von 1878 aus, weil er ihn für ein eher reichsdeutsches Ereignis hält. Die sinnlosen Katholiken- und Sozialistenverfolgungen in derselben Zeit sind ihm nur wenige Hinweise wert. Das Bündnis von Thron und Großindustrie wird nicht plastisch. Dieses Versäumnisse sind symptomatisch für Clarks Haltung: Er neigt dazu, alles Negative am Preußischen erst der Spätphase seit 1871 zuzuschlagen, der wilhelminisch-nationalistischen Verzerrung. Umso liebevoller verweilt er beim sozialdemokratischen Preußen der Weimarer Zeit, in dem republikanischer Geist länger überlebte als in den meisten anderen deutschen Ländern.
An diesem Punkt werden sich die Einwände der Kritiker festmachen, die die Lasten gleichmäßiger über die Epochen verteilen wollen. Vieles wird sich nur nach vergleichender Betrachtung einschätzen lassen können: War im liberaleren Süddeutschland die Zivilcourage wirklich verbreiteter als in Preußen? Wie steht es mit dem französisch-republikanischen Kult der Armee im Vergleich zum preußischen „Militarismus”? Wer von einem „deutschen” Sonderweg spricht, sollte sich die Mühe solcher Vergleiche nicht ersparen – jedenfalls ist nicht bekannt, dass nach der Machtergreifung 1933 die Zivilgesellschaft in Bayern oder Württemberg resistenter gewesen sei als in Berlin.
Clark bestreitet, dass die Revolution von 1848 rundweg „gescheitert” sei und hebt den Gewinn einer geschriebenen Verfassung und einer gestärkten Presse hervor. Dass Bismarck den Verfassungskonflikt mit dem Parlament für sich entschied, erst das wird zu einer Epochenwende ins Autoritäre, die Clark gebührend hervorhebt.
Großartig sind die Kapitel zur Geschichte von Religion und Frömmigkeit, die eine wichtige Grundlage des auf Askese und Disziplin gegründeten Staatswesens aufdecken. Demgegenüber blieb die Militarisierung des Alltags jedenfalls im 18. Jahrhundert ambivalent: Soldaten lebten nicht in Kasernen, sondern in den Städten, wo sie nebenher bürgerlichen Beschäftigungen nachgingen. Allerdings konnten abgelegte Uniformen als Zivilkleider dienen, sodass Soldatenkleidung vielfach zum Gewand der Armen wurde – aber auch zum Rock der großen Könige, die oft in abgeschabten Uniformen auftraten. Das ist preußischer Stil.
1980, während der letzten Preußenwelle, sprach Joachim Fest von „Preußens letztem Untergang”. Für ihn war dieser Staat so vergangen, dass seine Trümmer nicht einmal mehr Botschaften für die Zukunft zeigten. Clark ist da ambivalenter. Mit feinem literarischen Takt, zeigt er, dass heute dort, wo man früher Preußen suchte, nur noch regionale Identitäten geblieben sind: Die Mark der Fontaneschen „Wanderungen”, die längst von einer neuen Generation gesamtdeutscher Reisender wiederentdeckt wird, also Havelland, Oderland, Spreeland, wo nur noch ein paar Gräber, Schlachtfelder und Herrenhäuser an Preußen erinnern. Dieses war so sehr Staat, also Willensakt und Kunstgebilde, dass es vollständig untergehen konnte.
Aber in diesem Staat entdeckt der Brite Clark eine bis heute schätzenswerte zivilisatorische Leistung. Die Regelmäßigkeit und Unparteilichkeit der Verwaltung, der Rechtsstaat mit seinem eine widersprüchliche soziale Lage ausbalancierenden Landrecht, Schule, Bildung, später ein Sozialstaat, all das, was um 1925 nichts geringeres darstellte als den „größten Arbeitgeber der Welt”, das nötigt dem angelsächsischen Zeitgenossen neoliberaler Staatsfeindschaft mindestens Respekt ab. Hätte man aber dann nicht bei der umstandslosen Einkassierung des Rechtsstaates 1933 gerade in Preußen mehr Widerstände aus traditionellem Beamtenethos erwarten dürfen? Das ist eine andere Frage als die nach dem Kadavergehorsam. Clarks liberal differenziertes Preußenbild legt sie nahe; leider stellt er sie nicht.
Mit sympathischer Offenherzigkeit schwärmt Clark von seiner Studentenzeit in West-Berlin, einem Ort, „der heute untergegangen ist”. Von dort aus brachten ihn Ausflüge in den Ostteil Preußen ein wenig näher. Der Rest ist Zeitreise, das Glück des Historikers am reichen, vielfältigen und widersprüchlichen vergangenen Leben. Einige Wege führen zu uns, die meisten nicht. Christopher Clark hat ein gelassenes, genaues, einfühlsames Buch geschrieben, mit dem er sich auf individuelle, fast spielerische Weise in die große historiographische Tradition Preußens einreiht. Er kommt seinen großen Vorläufern intellektuell gleich, aber er übertrifft sie an Menschlichkeit. Es ist selten, dass man an einem Geschichtswerk eine solche Qualität hervorheben kann.
Bei Sedan siegte der preußische Volksschullehrer
Respekt vor dem größten Arbeitgeber der Welt
Christopher Clark
Preußen
Aufstieg und Niedergang 1600-1947. Aus dem Englischen übersetzt von
Richard Barth, Norbert Juraschitz und Thomas Pfeiffer. Deutsche Verlags-
Anstalt, München 2007. 900 Seiten, 39,95 Euro.
In Zeiten neoliberaler Staatsfeindschaft liest man gern von Regelmäßigkeit, Rechtsstaat, Unparteilichkeit. Das Berliner Kammergericht, Kleistpark. Foto: Ullstein
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
…mehr
Besprechung von 21.03.2007
Hört auf mit dem militaristischen Quatsch!
Der britische Historiker Christopher Clark zeigt seinen deutschen Kollegen, was eine preußische Geschichte ist / Von Patrick Bahners

Christopher Clark, der 1960 in Sydney geboren wurde, zwischen 1985 und 1987 in Berlin studierte und heute in Cambridge lehrt, hat eine Geschichte Preußens geschrieben, die das Zeug zum Hausbuch hat.

Nur Stalin hielt sich die preußische Option offen. Die Westalliierten, berichtet Christopher Clark im Schlusskapitel seiner Geschichte Preußens, waren einig darüber, dass mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches auch der Name des Staates verschwinden sollte, den man dafür verantwortlich machte, dass die Europakarten schon lange vor der Reichsgründung von 1871 alle paar Jahre hatten neu gedruckt werden müssen. Briten und Amerikaner handelten, als sie die Aufteilung Preußens einleiteten, gemäß der Logik eines Geschichtsbildes, in dem das Feindbild des autoritären Militärstaates in der Mitte Europas das Selbstbild der Westmächte als liberaler Demokratien beglaubigte. Schon der Krieg von 1914 war mit solchen historischen Argumenten zum Weltgeisterkampf stilisiert worden. Clark zitiert den Aufsatz eines Historikers der Universität von Manchester zur Kriegsschuldfrage aus den ersten Kriegstagen: Auslöser des Konflikts sei ein "Gift, das seit mehr als zwei Jahrhunderten im europäischen System am Werk ist, und die Hauptquelle dieses Giftes ist Preußen".

Ein wesentlicher Beleg für diese toxikologische Betrachtung der Dynamik des europäischen Staatensystems waren die polnischen Teilungen. Vor dem Hintergrund der Anfänge des Zweiten Weltkriegs schien es sich vollends von selbst zu verstehen, dass die polnische Monarchie 1795 zum Opfer der räuberischen Staatsräson barbarischer Tyrannen geworden war. Eine zivilisierte Nation sollte man daran erkennen, dass sie für das Selbstbestimmungsrecht der Völker kämpfte.

Clarks Buch, das ursprünglich für ein englisches Publikum geschrieben ist, aber unter uns verspäteten Musterschülern des Westens auf ehedem preußisch-deutschem Boden erst recht segensreich wirken sollte, ist der seltene Fall einer historischen Darstellung, die ihre Lebendigkeit einer ausdrücklichen didaktischen Absicht verdankt. Der Autor korrigiert die schwarzen Legenden über den schwarz-weißen Staat durch exemplarische Anschaulichkeit. Die Pappkameraden der Idealtypen kann der Historiker zwar nicht allesamt ausmustern, da diese Verkörperungen von Tugenden oder Strukturfehlern selbst Produkte der preußischen Geschichte sind. Aber neben den Junker tritt eine Junkerin - Helene Charlotte von Lestwitz, die sich nach dem Schlossgut nahe dem Kietzer See am Rande des Oderbruchs, das sie 1788 erbte, Frau von Friedland nannte.

Sie kämpfte vor dem Kammergericht für ihr Recht, am Seeufer Rohr und Gras als Viehfutter schneiden zu lassen, und erlaubte ihren Untertanen, sich mit Knüppeln zu bewaffnen und rohrschneidende Bewohner der Nachbargemeinde in Arrest zu nehmen. Zwei Jahre wogte der Kampf hin und her; einmal musste der Friedländer Jäger damit drohen, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, woraufhin die Feinde den Kahn des Friedländer Fischers enterten und an ihr Ufer zogen. In der Benimmliteratur stand, für ein ordentliches Edelfrauenzimmer gehöre es sich, zwischen Kirchgang und Hausandacht Strümpfe zu stricken. Bücherweisheit! Die Praxis der Landbesitzerin sah anders aus; das Sicherheitsdilemma eines von Konkurrenten eingekreisten Gutes in der Mitte von Brandenburg nötigte Frau von Friedland, sich über die Wohlverhaltenserwartungen ihres Milieus hinwegzusetzen.

Clark mobilisiert seine Leser, macht ihnen Mut, sich ihrer Augen zu bedienen: Er lässt sie einen Blick werfen auf die von der Friedländerin aufgeforsteten "malerischen Wälder aus Eichen, Linden und Buchen", die "noch heute eine der Sehenswürdigkeiten der Gegend" sind, und führt sie in die Gotthardtkirche in der Altstadt Brandenburgs, wo sie staunen dürfen über die Höhe und Weite des Innenraums und bis zu zwei Metern hohe Gedenktafeln der Bürgerfamilien. Das Epitaph des 1576 verstorbenen Bürgermeisters Thomas Matthias, der bei Kurfürst Johann Georg in Ungnade gefallen war, schmückt ein Relief mit dem Auszug aus Ägypten. Die Emigranten sind nach der prächtigsten städtischen Mode gekleidet - Matthias stammte aus einer Familie von Stofffabrikanten - und blicken sich um nach "Männern in Rüstung", die "von sich hoch türmenden Wellen grauen Wassers verschluckt werden". Diese stolzen Stadtbürger hätten sich nicht träumen lassen, dass sie einmal in einem Staatsverband aufgehen sollten, dessen Wappenfigur der Gepanzerte war.

Die These, das Einquartierungssystem in den Garnisonsstädten habe schon im achtzehnten Jahrhundert eine Militarisierung der preußischen Gesellschaft bewirkt, entkräftet Clark, der am St. Catharine's College in Cambridge unterrichtet, durch einen Vergleich mit seiner eigenen Lebenswelt. "Offenkundig entwickelte sich eine Symbiose zwischen dem Militärpersonal und der städtischen Bevölkerung, nicht anders als in Universitätsstädten die große Zahl städtischer Untermieter einen charakteristischen Beitrag zur örtlichen sozialen Zusammensetzung und Wirtschaft leistete. Doch die Soldaten ,militarisierten' die Garnisonsstädte genauso wenig, wie die Studenten die Universitätsstädte ,akademisierten'. Natürlich kam es zu Streitigkeiten zwischen Stadträten und Militärbehörden (ebenso wie zwischen Bürgern und Studenten), doch im Allgemeinen belegen diese nur die Bereitschaft der ,zivilen' Behörden, sich zur Wehr zu setzen, wenn die lokalen Kommandeure ihrer Ansicht nach die Grenzen ihrer Zuständigkeit überschritten."

Viele der neuen Thesenbesen, mit denen Clark die Gemeinplätze des Kasernenhofstaates ausfegt, wurden in den Dissertationsmanufakturen von Cambridge gefertigt. So lernt auch das deutsche Lesepublikum das hohe methodische Niveau der britischen Deutschlandhistorie kennen, die über den Part eines Juniorpartners der hiesigen "kritischen" Sozialgeschichte längst hinausgewachsen ist. Englische Frühneuzeithistoriker sind heute führend in der vergleichenden Erforschung eines europäischen Ancien régime, dessen Rituale aufwendiger Kommunikation sie im Unterschied zu ihren whiggistischen Vorgängern auch in der Geschichte des eigenen Landes wiederfinden. Anknüpfend an die Bedeutung, die in solchen Forschungen der Währung des Prestiges zukommt, zugleich der Gefahr eines kulturalistischen Fundamentalismus gegensteuernd, haben einige englische Historiker sogar die Hypothese vom Primat der Außenpolitik als analytisches Instrument rehabilitiert.

Auch Clark entdeckt, da die preußischen Urphänomene der älteren Sozialhistorie sich als verdinglichte Kampfbegriffe erweisen, das unzweifelhaft Wiederkehrende in außenpolitischen Situationen, die die Lagerbildung unter den Ratgebern des Monarchen begünstigten. So kann man das Wirken einer russischen Partei verfolgen, die sich freilich in jeder Krise neu konstituierte. Darf man dem "official mind" eine Art Tiefengedächtnis unterstellen? Standen den entscheidenden Personen die risikoschweren Momente der preußischen Vergangenheit sozusagen mit der farbigen Deutlichkeit eines Neuruppiner Bilderbogens vor Augen? Clark hebt durchgehend hervor, dass das Gefühl der prekären Existenz des preußischen Staates und das vom Hof kultivierte historische Bewusstsein einander wechselseitig stimulierten.

Wenn die preußische Staatsräson von Anfang an einen ehrgeizigen Begriff der Geschichte einschloss, dann ist der Kritik der Konstruktionen der borussischen Historikerschule eine natürliche Grenze gezogen. Als Urvater dieser Schule rühmt Clark den Juristen Samuel Pufendorf, der dem Staat die Rolle eines aktiven Subjekts auf den künstlichen Leib schrieb. Ein Vergleich zwischen Preußen und Westeuropa setzt voraus, dass auch die westlichen Ideale so kritisch betrachtet werden, wie das im Begriff der Wissenschaft liegt. Clark verweist darauf, dass der offizielle Rechtfertigungsgrund der ersten polnischen Teilung von 1772, die Vernachlässigung der annektierten Gebiete durch die unaufgeklärten rechtmäßigen Herren, "schon länger zum Allgemeingut der imperialistischen politischen Kultur in Großbritannien und Frankreich gehörte". Als Gegenbegriff zu den vorgeblichen polnischen Untugenden habe sich die abstrakte Rede vom Preußentum herausgebildet, die sich später vom Staat löste und ihren Anteil an dessen Untergang hatte - wie die Idee der "Britishness" in Indien.

Christopher Clark: "Preußen". Aufstieg und Niedergang 1600-1947. Aus dem Englischen von Richard Barth, Norbert Juraschitz und Thomas Pfeiffer. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 896 S., Abb., Karten, geb., 39,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
"Eine faszinierende Gesamtdarstellung." Der Bund

"Das umfangreiche Werk von Christopher Clark liest sich wie eine spannend geschriebene Reportage, die mit vielen Kommentaren und Beurteilungen nicht hinter dem Berge hält." Westfälischen Nachrichten

"Christopher Clarks Buch mag 'Preußen' heißen, aber es ist herrlich undeutsch. Denn im Kontrast zu seinem mit einem einzigen Wort klar umrissenen Thema greift er auf die angelsächsische Historikertradition zurück, den Leser Geschichte erleben statt nur erfahren zu lassen. Und das ist nur einer von vielen positiven Aspekten dieses gelungenen Geschichtswerks." Rhein-Zeitung

"Ein Meisterwerk der reflektierenden, nüchternen und doch begeisterten Geschichtsschreibung. Clarks Buch gehört zum Besten, was über den Staat des Großen Kurfürsten und seine Nachfolger erschienen ist." Südkurier

"Die Faszination, die Preußen auf Clark ausübt, merkt der Leser seiner spannenden Geschichtserzählung jederzeit an. Zum Vorschein kommt, mit allen Sternstunden und Abgründen seiner fast 350-jährigen Existenz, ein zentrales Teilchen im komplexen Puzzle der deutschen Geschichte." General-Anzeiger

"Clark schreibt sein großartiges Buch vorurteilsfrei." Pfälzische Merkur

"Der Australier hat ein fundiertes Quellenwerk vorgelegt, das wohl auch weit über die Fachwelt hinaus Aufmerksamkeit finden dürfte." Esslinger Zeitung

"Christopher Clarks fulminante Geschichte Preußens beweist: Qualität und kommerzieller Erfolg müssen sich nicht ausschließen." Die Zeit

"Christopher Clark fügt nun in seinem 800 Seiten langen Buch die Puzzleteile aus fast einem halben Jahrhundert zu einem kompletten und schlüssigen Bild zusammen, das uns weit über Preußen hinaus deutsche und europäische Geschichte verständlich und überschaubar macht - und dies nicht in mild stimmender Verklärung." Kölner Stadt-Anzeiger

"Wenn es ein historisches Buch gibt, das man in diesem Jahr gelesen haben muss, dann dieses." Vanity Fair

"Christopher Clark leistet eine beispielhafte Arbeit. Sein Buch ist eine äußerst aufschlussreiche und überzeugende Darstellung der Geschichte Preußens." New York Times

"Die beste Darstellung der Geschichte Preußens, die es derzeit gibt ... Eine virtuose Leistung." Sunday Times

"Es ist nicht möglich, Preußens Triumph und Tragödie besser zu erzählen. Christopher Clarks Geschichte Preußens schildert lebendig eines der großen Gemälde europäischer Geschichte." Observer

"Der australische Historiker Christopher Clark hat eine brillante Geschichte Preußens geschrieben, die distanziert genug ist, um den 1947 aufgelösten Staat in seiner ganzen Ambivalenz zu würdigen." Kleine Zeitung (A)

"Clark schildert dies detailliert und mit viel Sachkenntnis. Seine Stärke dabei ist, dass er über seine tiefgreifende historische Analyse die menschlichen Dimensionen nicht vergisst. Clark nimmt seine Leser an die Hand und regt sie an, sich über die historischen Fakten hinaus mit dem Alltag der Menschen in Preußen zu beschäftigen. Hier wird die Geschichte lebendig und anschaulich." Mannheimer Morgen

"Das differenzierteste Preußenbuch seit Jahrzehnten." SWR 2

"Sein Werk ist eine historiografische Meisterleistung - und noch dazu hervorragend geschrieben." die tageszeitung

"Eine bewundernswerte Leistung, mit der sich Christopher Clark in die erste Riege der britischen Historiker hineingeschrieben hat." Die Zeit

"Der britische Historiker Christopher Clark zeigt seinen deutschen Kollegen, was eine preußische Geschichte ist". Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Das Buch ist ein wirkliches Ereignis, ein neuer Blick auf die Geschichte unserer Nation." Berliner Zeitung

"Eine brillante, überraschend liebevolle Geschichte des preußischen Staates." Süddeutsche Zeitung

"Christopher Clarks Buch mag 'Preußen' heißen, aber es ist herrlich undeutsch. Denn im Kontrast zu seinem mit einem einzigen Wort klar umrissenen Thema greift er auf die angelsächsische Historikertradition zurück, den Leser Geschichte erleben statt nur erfahren zu lassen." Rhein-Zeitung

"Historiker Clarks ruhiges Meisterwerk missioniert nicht, sondern klärt auf." Die Welt am Sonntag
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Mit Enthusiasmus feiert Rezensent Volker Ullrich dieses glänzend erzählte Preußen-Buch des Cambridge-Historikers Christopher Clark, das aus seiner Sicht das gängige Preußen-Bild samt seiner Klischees einer gründlichen Revision unterzieht. Mit seinem Buch, das den Rezensenten auch mit einer "souveränen Beherrschung" der "ungeheuren" Quellen- und Literaturmassen" zum Thema beeindrucken kann, hat sich Clark aus seiner Sicht in die "erste Riege der britischen Historiker hineingeschrieben". "The Iron State" (so der Originaltitel) stelle gängige Lesarten in Frage, bemühe sich um ein differenziertes Bild, ohne der Apologie zu verfallen. Fasziniert betrachtet der Rezensent also das beschriebene Doppelgesicht Preußens aus Untertanentum und aufgeklärter Toleranz, absolutistisch durchdrungenem Gemeinwesen und preußischen Gegenden, wo das Vorhandenseins eines Staats kaum zu spüren gewesen sei. Politik- und Militärgeschichte sei in dieser komplexen Darstellung ebenso repräsentiert, wie Ideen- und Geistesgeschichte, identitätsbildende preußische Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Lediglich in Sachen Wirtschaftsgeschichte hätte sich der Rezensent mehr Ausführlichkeit vorstellen können. Es begeistern ihn besonders die sorgfältigen biografischen Exkurse der preußischen Protagonisten, die für Ullrich allesamt "kleine Juwelen historischer Porträtkunst" sind.

© Perlentaucher Medien GmbH
…mehr
"Eine bewundernswerte Leistung, mit der sich Christopher Clark in die erste Riege der britischen Historiker hineingeschrieben hat."