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Ideen zur Lebensfreude von der Antike bis in die Gegenwart. Eine Einführung in die Kunst der Heiterkeit.
Heiterkeit, Lust, Vergnügen oder Wohlbefinden sind die Stiefkinder der Philosophie der Gegenwart. Die Auseinandersetzungen mit dem negativen Spektrum der Gefühle, wie Angst, Sorge oder Melancholie, dominieren. Die Heiterkeit steht im Verruf, oberflächlich, falsch und vor allem gedankenlos zu sein.
Detlev Schöttker regt mit repräsentativen Beiträgen namhafter Autoren eine neue Debatte zur Philosophie der Freudean: Mit Texten von Theodor W. Adorno, Michail Bachtin, Karl-Heinz Bohrer,
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Produktbeschreibung
Ideen zur Lebensfreude von der Antike bis in die Gegenwart. Eine Einführung in die Kunst der Heiterkeit.

Heiterkeit, Lust, Vergnügen oder Wohlbefinden sind die Stiefkinder der Philosophie der Gegenwart. Die Auseinandersetzungen mit dem negativen Spektrum der Gefühle, wie Angst, Sorge oder Melancholie, dominieren. Die Heiterkeit steht im Verruf, oberflächlich, falsch und vor allem gedankenlos zu sein.
Detlev Schöttker regt mit repräsentativen Beiträgen namhafter Autoren eine neue Debatte zur Philosophie der Freudean: Mit Texten von Theodor W. Adorno, Michail Bachtin, Karl-Heinz Bohrer, Sigmund Freud, Axel Honneth, Wilhelm Schmid, Peter Sloterdijk, Harald Weinrich und vielen anderen.

Inhalt:
Vorwort

Detlev Schöttker
Philosophie der Freude? Über Heiterkeitsdiskurse in der Moderne

I. Antike Heiterkeit: Von der Seelenruhe zur Lebenskunst

Wilhelm Schmid
Heiterkeit. Zur Rehabilitierung eines philosophischen Begriffs

Dorothee Kimmich
Epikurs Philosophie und das Konzept der Selbstsorge

Peter Sloterdijk
Auf der Suche nach der verlorenen Frechheit

Heinz-Günter Schmitz
Die Heilwirkung von Scherz und Lachen nach den Lehren der Medizin

II. Lachen: Feste und Gottvertrauen

Michail Bachtin
Die volkstümliche Lachkultur

Franziska Meier
Das Lachen des Hofmanns

Richard Alewyn
Die höfischen Feste

Axel Honneth
Wurzeln des modernen Hedonismus

III. Melancholie-Therapie: Heiterkeit der Literatur

Wolfram Mauser
Anakreon als Therapie?
Zur medizinisch-diätetischen Begründung der Rokoko-Dichtung

Anja Höfer
Heiterkeit auf dunklem Grund. Zu Goethes Kunstanschauung

Karl Heinz Bohrer
Kleists "heiterer" Todesdiskurs

Helmuth Kiesel
Thomas Manns Doktor Faustus. Reklamation der Heiterkeit

IV. Glück: Grenzen der Freude in der Moderne

Sigmund Freud
Der Humor

Andreas Heinz
Irre Lüste und lustloses Irren.
Konstruktionen von Lust und Begierde im 20.Jahrhundert

Dieter Thomä
Vom Glück und seinen Verrätern. Über Utopien im 20.Jahrhundert

Martin Seel
Paradoxien der Erfüllung. Warum das Glück nicht hält, was es verspricht

Epilog

Harald Weinrich
Was heißt "Lachen ist gesund"?

Auswahlbibliographie
Autoren- und Quellenverzeichnis

Vorwort

In einer seiner Thesen Über den Begriff der Geschichte hat Walter Benjamin ein Programm skizziert, das bis heute in großen Teilen uneingelöst geblieben ist, ob man es nun - wie der Autor im Jahr 1940 - dem Historischen Materialismus oder - mit dem nüchternen Blick auf die Entwicklung der folgenden Jahrzehnte - lieber den Kulturwissenschaften insgesamt zuweisen möchte. In der IV. These spricht Benjamin vom "Kampf um die rohen und materiellen Dinge, ohne die es keine feinen und spirituellen" gebe. Die aber seien "als Zuversicht, als Mut, als Humor, als List, als Unentwegtheit in diesem Kampf lebendig" und wirkten zugleich "in die Ferne der Zeit zurück". Das entsprechende Programm ist allerdings so orakelhaft und reduziert formuliert, als traute sich der Autor nicht, es auszusprechen: "Wie Blumen ihr Haupt nach der Sonne wenden, so strebt kraft eines Heliotropismus geheimer Art, das Gewesene der Sonne sich zuzuwenden, die am Himmel der Geschichte im Aufgehen ist. Auf diese unscheinbarste von allen Veränderungen muß sich der historische Materialist verstehen." Die Sensibilität gegenüber den positiven Stimmungen, die Benjamin fordert, gehört in der Tat zu den Defiziten der Wissenschaften, so daß über jene Erfahrungs- und Ausdrucksformen, die die antike Philosophie unter dem Begriff der Glückseligkeit zusammengefasst hat, in der Moderne kaum etwas bekannt ist. Der vorliegende Band versucht, diesem Mangel durch den Nachdruck von Arbeiten abzuhelfen, die sich mit Formen der Heiterkeit in der Nachfolge der Antike beschäftigt haben, um Elemente einer Philosophie der Freude für die Gegenwart zur Diskussion zu stellen.

Pressestimmen

"In einem Vorwort von nur einer, jedoch sehr gehaltreichen Seite zur 'Philosophie der Freude', erschienen bei Reclam Leipzig, zitiert der Herausgeber Detlev Schöttker Walter Benjamin. Benjamin habe darauf aufmerksam gemacht, dass Zuversicht, Mut, Humor, List in den Kämpfen um die bessere Welt einerseits lebendig seien, andererseits aber 'in die Ferne der Zeit zurück' wirkten. Ich denke, Benjamin will damit sagen, dass die Konzentration der Kräfte der Zuversicht in einer Person auch bedeutet, dass diese Person niemals allein ist, sondern - wenn ich schon niemand hilft, die Gegenwart zu ändern - dass sie wenigstens 'in einer Tradition steht'.
Aber gehört nicht Walter Benjamin zu den Menschen, denen man am Ende jede Chance nahm und deren endgültige Traurigkeit ebenso Teil unseres Erbe ist wie Nestroys Witz und Offenbachs Heiterkeit?
Ich bin eher dem Heiteren gegenüber reserviert, vorsichtig lese ich Schöttkers Auswahl, seinen Reader zur Freude: Texte von der antiken Heiterkeit bis zu Sloterdijks Plädoyer für die Frechheit, darunter auch nützliche Beiträge über den gesundheitlichen Profit durch Heiterkeit. Schöttker kämpft gegen die Nobilitierung der Melancholie in der Philosophie, nicht zuletzt mit dem Argument, die Heiterkeit würde den tiefsten Ernst nicht ausschließen. Ja, aber die Melancholie schließt in entscheidenden Momenten das Lustigsein nicht aus - man gehe ins Theater und sehe ein Stück von Thomas Bernhard (der die Trennungslinie von Komödie und Tragödie, von Melancholie und Freude planmäßig unkenntlich macht).
Schöttkers Reader enthält wichtige Positionen, anhand derer man seine Probleme mit der Heiterkeit diskutieren kann. Wilhelm Schmid zum Beispiel macht den antiken Begriff der Heiterkeit verständlich, von dem man einfach sagen muss, es wäre gut, ginge er in unsere Praxis ein, und zwar als heitere 'Skepsis des Selbst, das sich darum bemüht, Distanz zu den Dingen und zu sich selbst zu bewahren: skeptisch gegen die Möglichkeit von Gewissheit, ohne unter der Ungewissheit übermäßig zu leiden; zweifelnd an der Abschließbarkeit des Wissens, ohne auf die Arbeit des Wissens zu verzichten, die schone seit Demokrit zu den Quallen der Heiterkeit gehört'. Das rennt bei den Philosophen offene Schreibzimmertüren ein, und obwohl ich weiß, dass es um Disziplin geht, die ein jeder selbst aufbringen muss, frage ich, ob der Rest der Welt noch die dazu passenden Charaktere hat. Kann ja sein - kann aber auch sein, dass die Leute von heute zu nervös sind, als dass sich 'die Heiterkeit gerade in der Konfrontation mit der Abgründigkeit der Existenz einstellt'".
Die Zeit
  • Produktdetails
  • Verlag: Reclam Verlag Leipzig
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783379200790
  • ISBN-10: 3379200794
  • Artikelnr.: 11822467
Autorenporträt
Detlev Schöttker, geboren 1954, ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Medienanalyse an der TU Dresden. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Medienanalyse, Ästhetik und Literaturgeschichte, darunter: Konstruktiver Fragmentarismus. Form und Rezeption der Schriften Walter Benjamins, 1999; als Herausgeber: Mediengebrauch und Erfahrungswandel. Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, 2003.
Inhaltsangabe
- Vorwort
- Detlev Schöttker
- Philosophie der Freude? Über Heiterkeitsdiskurse in der Moderne

I. Antike Heiterkeit: Von der Seelenruhe zur Lebenskunst
- Wilhelm Schmid
- Heiterkeit. Zur Rehabilitierung eines philosophischen Begriffs
- Dorothee Kimmich
- Epikurs Philosophie und das Konzept der Selbstsorge
- Peter Sloterdijk
- Auf der Suche nach der verlorenen Frechheit
- Heinz-Günter Schmitz
- Die Heilwirkung von Scherz und Lachen nach den Lehren der Medizin

II. Lachen: Feste und Gottvertrauen
- Michail Bachtin
- Die volkstümliche Lachkultur
- Franziska Meier
- Das Lachen des Hofmanns
- Richard Alewyn
- Die höfischen Feste
- Axel Honneth
- Wurzeln des modernen Hedonismus

III. Melancholie-Therapie: Heiterkeit der Literatur
- Wolfram Mauser
- Anakreon als Therapie?
- Zur medizinisch-diätetischen Begründung der Rokoko-Dichtung
- Anja Höfer
- Heiterkeit auf dunklem Grund. Zu Goethes Kunstanschauung
- Karl Heinz Bohrer
- Kleists "heiterer" Todesdiskurs
- Helmuth Kiesel
- Thomas Manns Doktor Faustus. Reklamation der Heiterkeit

IV. Glück: Grenzen der Freude in der Moderne
- Sigmund Freud
Rezensionen
"In einem Vorwort von nur einer, jedoch sehr gehaltreichen Seite zur 'Philosophie der Freude', erschienen bei Reclam Leipzig, zitiert der Herausgeber Detlev Schöttker Walter Benjamin. Benjamin habe darauf aufmerksam gemacht, dass Zuversicht, Mut, Humor, List in den Kämpfen um die bessere Welt einerseits lebendig seien, andererseits aber 'in die Ferne der Zeit zurück' wirkten. Ich denke, Benjamin will damit sagen, dass die Konzentration der Kräfte der Zuversicht in einer Person auch bedeutet, dass diese Person niemals allein ist, sondern - wenn ich schon niemand hilft, die Gegenwart zu ändern - dass sie wenigstens 'in einer Tradition steht'.

Aber gehört nicht Walter Benjamin zu den Menschen, denen man am Ende jede Chance nahm und deren endgültige Traurigkeit ebenso Teil unseres Erbe ist wie Nestroys Witz und Offenbachs Heiterkeit?

Ich bin eher dem Heiteren gegenüber reserviert, vorsichtig lese ich Schöttkers Auswahl, seinen Reader zur Freude: Texte von der antiken Heiterkeit bis zu Sloterdijks Plädoyer für die Frechheit, darunter auch nützliche Beiträge über den gesundheitlichen Profit durch Heiterkeit. Schöttker kämpft gegen die Nobilitierung der Melancholie in der Philosophie, nicht zuletzt mit dem Argument, die Heiterkeit würde den tiefsten Ernst nicht ausschließen. Ja, aber die Melancholie schließt in entscheidenden Momenten das Lustigsein nicht aus - man gehe ins Theater und sehe ein Stück von Thomas Bernhard (der die Trennungslinie von Komödie und Tragödie, von Melancholie und Freude planmäßig unkenntlich macht).

Schöttkers Reader enthält wichtige Positionen, anhand derer man seine Probleme mit der Heiterkeit diskutieren kann. Wilhelm Schmid zum Beispiel macht den antiken Begriff der Heiterkeit verständlich, von dem man einfach sagen muss, es wäre gut, ginge er in unsere Praxis ein, und zwar als heitere 'Skepsis des Selbst, das sich darum bemüht, Distanz zu den Dingen und zu sich selbst zu bewahren: skeptisch gegen die Möglichkeit von Gewissheit, ohne unter der Ungewissheit übermäßig zu leiden; zweifelnd an der Abschließbarkeit des Wissens, ohne auf die Arbeit des Wissens zu verzichten, die schone seit Demokrit zu den Quallen der Heiterkeit gehört'. Das rennt bei den Philosophen offene Schreibzimmertüren ein, und obwohl ich weiß, dass es um Disziplin geht, die ein jeder selbst aufbringen muss, frage ich, ob der Rest der Welt noch die dazu passenden Charaktere hat. Kann ja sein - kann aber auch sein, dass die Leute von heute zu nervös sind, als dass sich 'die Heiterkeit gerade in der Konfrontation mit der Abgründigkeit der Existenz einstellt'".Die Zeit
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Franz Schuh hat sich diesem nur mit Vorsicht genähert. Doch seine Vorbehalte gegen die "Philosophie der Freude" scheinen eher idiosynkratischer Natur zu sein: Ihm, der sich eher in der Tradition Benjaminscher Traurigkeit verortet, ist die Heiterkeit zutiefst suspekt. Dass Detlev Schöttker mit seinem Buch eine "Nobilitierung der Melancholie in der Philosophie" abwehren will, ist Schuh daher gänzlich unverständlich. Trotzdem hat dem Reader der Freude "wichtige Positionen" entnommen - etwa Texte von der antiken Heiterkeit, Peter Sloterdijks Plädoyer für die Frechheit oder Beiträge über den gesundheitlichen Nutzen des heiteren Lebens. Bei den Philosophen dürfte Schöttker mit seinem Programm offene Türen einräumen, unkt Schuh, fragt sich aber, ob der Rest der Welt den dazu passenden Charakter hat: "Kann ja sein - kann aber auch nicht sein, dass die Leute von heute zu nervös sind, als dass sich 'die Heiterkeit gerade in der Konfrontation mit der Abgründigkeit der Existenz einstellt'".

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