Pfeifers Reisen - Wolf, Ror
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Die lang erwartete Ausgabe neuer Gedichte von Ror Wolf, darunter die vierte und letzte Folge von »Hans Waldmanns Abenteuern« sowie»Pfeifers Reisen«. Dazu über hundert bislang unveröffentlichter Gedichte aus den Jahren 1958 bis 2006: Das lyrische Werk Ror Wolfs wird erstmals vollständig überschaubar.

Produktbeschreibung
Die lang erwartete Ausgabe neuer Gedichte von Ror Wolf, darunter die vierte und letzte Folge von »Hans Waldmanns Abenteuern« sowie»Pfeifers Reisen«. Dazu über hundert bislang unveröffentlichter Gedichte aus den Jahren 1958 bis 2006: Das lyrische Werk Ror Wolfs wird erstmals vollständig überschaubar.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Allgemeine Reihe Nr.18296
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch
  • Seitenzahl: 272
  • Erscheinungstermin: 1. September 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 128mm x 18mm
  • Gewicht: 206g
  • ISBN-13: 9783596182961
  • ISBN-10: 3596182964
  • Artikelnr.: 25576710
Autorenporträt
Ror Wolf, geboren 1932 in Saalfeld/ Thüringen, lebt in Mainz. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Bremer Literaturpreis (1992), Heimito-von-Doderer-Preis (1996) und dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg (2008).
Rezensionen
Besprechung von 29.06.2007
Der trostreiche Artist
Waldmanns Rückkehr: Neues und Unveröffentlichtes von Ror Wolf

Wie kein anderer deutscher Dichter hat Ror Wolf unermüdlich und virtuos demonstriert, dass literarische Texte aus Sprache gemacht sind und nicht aus Gedanken oder Erlebnissen. Das hat ihm die Verehrung der Kritik, der Literaturwissenschaft und der Kollegen eingebracht. Sie galt aber vielleicht zu einseitig dem Wortspieler und scharfsinnigen Artisten, der sich von keinem Sinnzwang binden ließ, gemäß der Maxime Raoul Tranchirers, dass die Bedeutung des Zusammenhangs nicht so groß ist, wie behauptet wird.

Der Verbreitung des Werks war diese Verehrung nicht unbedingt förderlich, weil sie den Eindruck erwecken konnte, Ror Wolfs Dichtung wolle mit der Erfahrungswelt des Lesers nichts zu tun haben. Dabei ist sie ein Anschauungsfall dessen, was sein Lehrer Theodor W. Adorno als den Doppelcharakter der authentischen Kunst beschrieben hat: autonom in der Durchbildung der Form, zugleich aber Arbeit am Sozialen. Wolf selbst hat wie immer diskret durchblicken lassen, dass seine Komik nicht nur Widerstand gegen standardisierte Wahrnehmung ist, sondern auch mit Sorge, Angst und Schmerz zu tun hat.

Unübersehbar war das von je bei Hans Waldmann, der in fallendem Versmaß und prekärem Reim als Deutscher Meister der Kunst des Scheiterns, der Malaisen, Makel und Malheure längst unsterblich geworden ist. Auch an den Helden der legendären "Rammer & Brecher Sonette" war zu erfahren, wie bitter Niederlage und Verletzung schmecken. Ihr Spielfeld war nicht nur von Regen und Schlamm durchtränkt, sondern auch von der Melancholie, die alle Passion mit sich bringt. Selbst der Ball konnte sich in Wolfs Welt in ein mondscheinbleiches Symbol der Vergänglichkeit verwandeln. Fußball, so erinnerte der Dichter seine Zuhörer gelegentlich, wenn ihm das Lachen zu viel wurde, sei eigentlich "eine traurige Sache". Der wahre Fan muss vor allem leidensfähig sein.

In den beiden neuen Bänden mit Gedichten und Prosatexten treten diese Motive noch deutlicher hervor, obwohl Ror Wolf nach wie vor allein auf das Spiel mit Worten und Formen zu setzen scheint, in ferner Nähe zu René Magritte, der auf den Umschlagbildern in seinem komischem Ernst ein albtraumhaftes Spiel mit der Todessymbolik treibt. "Pfeifers Reisen" versammelt über hundert unveröffentlichte Gedichte von 1956 bis 2006. Vornan an aber steht zur Freude aller Enthusiasten die vierte und angeblich letzte Folge von Hans Waldmanns Abenteuern (1995- 2006). Nicht unerwartet ergeht es dem Mann ärger denn je, er und seine Fans müssen mit dem Schlimmsten rechnen: "Waldmann, er erwacht mit einem Mal / festgeschnallt im städtischen Spital // etwa neunundsechzig Jahre alt, / zugeklebt, vernäht und festgeschnallt, // aufgeschlitzt und wieder zugeklebt, / liegt er auf dem Bett. Hans Waldmann lebt."

Jene Leser, für die Waldmanns Ruhm keineswegs "lange schon verblichen" ist, atmen auf: "Heute lebt Hans Waldmann immer noch. / Hier ein Loch und dort ein zweites Loch. // Um sich schließlich gänzlich zu erneuern, / bricht er auf zu neuen Abenteuern." Am Ende aber geht Waldmann dann doch "für immer fort". Das ist ein unersetzlicher Verlust. Aber bei Ror Wolf kann es ja immer noch anders kommen. Keiner seiner Schlüsse ist ein Ende.

So hat sich in der erweiterten Neuausgabe der "Ausschweifungen" die "letzte Geschichte" unter der Hand in eine vorletzte verwandelt. Auch lebt Waldmann als Pfeifer fort, der allerdings am Ende auf sein Reiseleben pfeift: "Das, sagt Pfeifer, also war das Leben, / wie es war, sagt er, so war es eben, / nass und trocken, Leser, heiß und kalt." Da ist schon wieder Schluss mit Doktor Pfeifer, denn er liegt, an Heine gemahnend und doch im Zeitalter des Wasserbetts ganz anders, nun lieber "auf weichgelegenen Matratzen, / die nicht kratzen und auch nicht zerplatzen".

Wie unwillkürlich bringt der Reim bei Ror Wolf ins Licht des Bewusstsein, wovor der Mensch Angst hat, obwohl oder weil er nicht wissen kann, was sein wird. "In einer Grube in gekrümmter Lage, / von Erde ganz und insgesamt bedeckt, / bemerken wir, wie schlecht die Erde schmeckt, / ihr Leute, jetzt, am Ende unsrer Tage." Autobiographische Lesarten drängen sich hier auf, dabei hat sich an der artistischen Verfahrensweise nichts geändert. Die Sprache klingt und springt wie neu, keine Spur von Alterssentimentalität und Entsagung. Auch Hans Waldmann lässt es nach wie vor noch krachen und reimfolglich gibt es viel zu lachen. Unvermindert gilt, was Robert Gernhardt gegen nach Zielen schielende dicke Bücher dichtete: "mann, dein zeug hört sich so grässlich alt an. / wie ganz anders doch ror wolfs hans waldmann!"

Umso deutlicher wird in der drastischen Häufung der Motive des Leidens und des Verfalls, dass Ror Wolfs Komik von je Selbstbehauptung eines in vielfache Masken gekleideten Ich war, das sich vor der verdinglichten Grobheit der Welt fein und listig in die Heiterkeit der Poesie zurückzieht, um unbeschwert Bericht zu erstatten. "Sehr verehrte Damen, meine lieben / Herren, jetzt wird alles aufgeschrieben." Was da aufgeschrieben wird, aber verweigert sich verordnetem Sinn und Zusammenhang.

Ror Wolfs Welt ist dennoch keine andere Welt. Aber sie ist befreit von der nur scheinbar natürlichen Last, die Worte zweckrational funktionalisiert. Immer wieder taucht so plötzlich wie flüchtig im Wortspiel ein Urmotiv der Poesie auf: Entrinnen. "Hauchen: dieses Wort ist zu gebrauchen, // oder Atmen, auch ein schönes Wort. - / Eine Stunde später war er fort." Vielleicht aber auch nicht. Ror Wolfs Dichtung ist ein Überraschungsfeld, darin ähnelt sie dem Leben, nur dass es bei ihm viel lustiger und derart trostreicher zugeht. Sein Werk ist insgesamt "vielseitiger Ratschläger für alle Fälle der Welt".

Heute feiert der Solitär Ror Wolf mit Raoul Tranchirer seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Gelacht wird ohnehin werden, das ist bekanntlich abgemacht. Zu wünschen aber bleiben ihnen mehr, viel mehr unerschrockene Leser für ihre Bücher.

FRIEDMAR APEL

Ror Wolf: "Zwei oder drei Jahre später". Neunundvierzig Ausschweifungen. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2007. 200 S., geb., 18,90 [Euro].

Ror Wolf: "Pfeifers Reisen". Gedichte. Verlag Schöffling und Co., Frankfurt am Main 2007. 264 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zum 75. Geburtstag wünscht Friedmar Apel dem Autor mehr "unerschrockene Leser". Für Apel nämlich bleibt ein Ror Wolf jenseits reiner Wortspielerei noch zu entdecken, der Adornos "Doppelcharakter authentischer Kunst" - formal autonom, zugleich sozial gebunden - virtuos umzusetzen vermag. Die im Band "Pfeifers Reisen" nun vorliegenden über hundert unveröffentlichten Gedichte (1956-2006), findet Apel und zitiert ausgiebig daraus, geben dazu Gelegenheit. Kennern empfiehlt Apel den Band schon wegen der Fortsetzung von Waldmanns Abenteuern. Hinter der noch immer frisch wirkenden sinnverweigernden Sprachartistik aber entdeckt der Rezensent neben autobiografischen Bezügen menschliche Grundkonstanten: Angst, Leiden, Verfall. Nur dass Wolf es eben "viel lustiger" und also "trostreicher" zu reimen weiß als die Wirklichkeit.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Hier wird alles möglich, was Sprache möglich macht. Streng gereimt, versteht sich: außen klare Form, Scheitel und Krawatte sozusagen, Bügelfalten, innen aber blanke Anarchie." Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung "Einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart." Brigitte Kronauer