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Roberto Alajmo schreibt einen Anti-Reiseführer über eine der aufregendsten, unbekanntesten Städte Europas, die man nach der Lektüre unbedingt kennenlernen will.
"Die Einwohner der Stadt pfeifen auf das Meer. In der Überzeugung, von den Göttern abzustammen, verzichten sie mit der gleichen Arroganz auf das Meer, mit der sich ein Reicher seine Zigarre an einem Geldschein anzündet."…mehr

Produktbeschreibung
Roberto Alajmo schreibt einen Anti-Reiseführer über eine der aufregendsten, unbekanntesten Städte Europas, die man nach der Lektüre unbedingt kennenlernen will.

"Die Einwohner der Stadt pfeifen auf das Meer. In der Überzeugung, von den Göttern abzustammen, verzichten sie mit der gleichen Arroganz auf das Meer, mit der sich ein Reicher seine Zigarre an einem Geldschein anzündet."
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 184
  • Abmessung: 203mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783446208483
  • ISBN-10: 3446208488
  • Artikelnr.: 20947865
Autorenporträt
Roberto Alajmo, 1959 in Palermo geboren, ist der Autor mehrerer Romane, für die er Preise wie den Premio Mondello und den Premio Super Vittorini erhielt und die in die Endauswahl für den Premio Strega und den Premio Viareggio kamen. Er schrieb außerdem Theaterstücke und ein Libretto. Bei Hanser erschien Palermo sehen und sterben (2007) und Es war der Sohn (Roman, 2011). Alajmo lebt als Autor und Jouranlist der Rai in seiner Heimatstadt.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 07.07.2007

Picknick zwischen Gräbern
Die Heilige Maria der Ertrunkenen und der Hang zur Anpassung an das Schlimmste: Roberto Alajmos wundervolles Porträt der Stadt Palermo
Palermo ist ohne Zweifel eine der faszinierendsten Städte Südeuropas. Besonders deutsche Reisende, von Johann Wolfgang Goethe bis Ernst Jünger, zeigten sich begeistert. Und Wim Wenders dreht gerade einen Film über die Stadt, wo die Zitronen blühen. Die Mischung der Kulturen, arabische und normannische Einflüsse, ein begnadetes Klima, die Lage in der „Conca d’Oro”, der „goldenen Muschel” am Monte Pellegrino, und die Lebendigkeit des Alltags, die mit dem Ernst der Menschen kontrastiert, machen das Besondere aus. Dazu gehören aber auch Armut und Verfall, Aberglauben und Dekadenz. Und jeder weiß, dass Palermo nicht nur die Hauptstadt Siziliens ist, sondern auch die der Cosa Nostra. All das sind wahre Erfahrungen und doch zugleich Klischees. Und wo Klischees und Erfahrungen zusammenfallen, wo Begeisterung und Entsetzen sich abwechseln, da benötigt man dringend die Hilfestellung eines Kundigen.
Roberto Alajmo ist so ein Kundiger. In Palermo 1959 geboren, Autor mehrerer Romane und Theaterstücke, setzt er sich schreibend mit seiner Heimatstadt auseinander, wie man in seinem Blog nachlesen kann (www.duepuntiedizioni.it/robertoalajmoblog). Er macht das aus einer kleinen, aber signifikanten Distanz: Roberto Alajmo wohnt im hübschen Vorort Mondello direkt an der Uferstraße, die Weite des Meeres im Blick und die nahe Enge der Stadt im Rücken. Er muss sich also jedes Mal gleichsam umdrehen, wenn er sich Palermo widmen will. Und mit viel Ironie beweist er uns, was wir beim ersten Anflug ahnten: Diese Stadt ist ungeheuer anziehend und zugleich gefährlich, weil man ihr verfallen könnte.
Der Autor versucht uns deshalb in seinem Buch „Palermo sehen und sterben” vor den Gefahren des Ortes zu warnen. Aber auch vor den Gemeinplätzen zu schützen, die den Blick auf ihn verstellen können. Denn Palermo ist eine Stadt voller Narben: nur notdürftig überwachsene Kriegsschäden in der Altstadt, betonierte Straßenzüge, wo einst Jugendstilvillen mit ihren Gärten gestanden hatten, und die über die Stadt verstreuten Schauplätze mafiöser Verbrechen.
Roberto Alajmo klammert in seinen kulturellen Erkundungen Problemzonen nicht aus, aber er nutzt sie, um die Stadt zu häuten – und stößt regelmäßig auf eine neue Oberfläche. Er beschreibt zum Beispiel, wie die Bewohner Palermos an Allerseelen auf die Friedhöfe ziehen, um den Toten die Ereignisse vom vergangenen Jahr zu erzählen. Sie picknicken zwischen den Gräbern, während die Kinder Ball spielen. Das ist kein Trauertag, sondern ein Fest für die Toten. Und deshalb bringt traditionell der verstorbene Großvater an diesem Tag den Kindern Geschenke. Erst langsam sind Weihnachtsmann oder Christkind dabei, dem toten Großvater diese Last abzunehmen.
Dekadent ja, provinziell niemals
In der Via Rocco Pirri steht die Kirche „Santa Maria dei Naufragati” (Heilige Maria der Schiffbrüchigen), aber sie wird von den Einwohnern nur „Santa Maria degli Annegati” (Heilige Maria der Ertrunkenen) genannt. So, als ob es nicht die geringste Hoffnung geben würde, dass Schiffbrüchige das Unglück überleben könnten. Diesen Hang zur Anpassung an das Schlimmste macht Roberto Alajmo als typischen Charakterzug Palermos aus. Das reicht bis zu einem Hinweisschild an einer finsteren Stelle der Stadtautobahn, auf dem steht: „Beleuchtung wegen Einhaltung der Sicherheitsvorschriften abgeschaltet.”
So zieht unser Autor Haut für Haut von seiner Stadt ab, die scheinbar keinen Kern hat. Wir lernen die Blicke der Jugendlichen verstehen, wundern uns über das gebrochene Verhältnis der Bewohner zum Meer und tragen bald selbst die Last einer mehrtausendjährigen Geschichte. Im Italienischen heißt das Buch „Palermo è una cipolla” (Palermo ist eine Zwiebel), während das deutsche „Palermo sehen und sterben” eher auf Neapel anspielt, das als Stadt und Mentalität ziemlich genau das Gegenteil des ernsten und auf den ersten Blick verschlossenen Palermo darstellt. Sprichwörtlich ist die Geschichte des Taxifahrers, der auf die Hasstiraden eines Norditalieners über süditalienischen Schlendrian nur stolz antwortete: „Als ihr noch in den Höhlen gesessen habt, waren wir schon schwul.” Das mag wohl politisch nicht ganz korrekt sein, aber die so angerufene kulturelle Überlegenheit zeigt die ganze Widersprüchlichkeit des Stolzes eines Sizilianers – dekadent vielleicht, provinziell nie.
Welchem Beruf kann man aber in einer Stadt nachgehen, deren öffentliche Verwaltung korrumpierbar ist, in der 80 Prozent aller Kaufleute und Unternehmer den „Pizzo”, das Schutzgeld, an die Mafia zahlen, und eine ganze Heerschar von Freiberuflern mit der Cosa Nostra zusammenarbeitet? Es gebe nur einen Beruf, glaubt unser Führer, den man zu seiner vollen Zufriedenheit und gewissermaßen auch unter Missachtung moralischer Skrupel ausüben könne: Schriftsteller oder Journalist. Schriftsteller und Journalisten seien Schmarotzer, die von eigenem und fremdem Unglück leben. „Daher”, schreibt Roberto Alajmo, „ist die ganze Insel für diesen Berufsstand eine unerschöpfliche Quelle von Geschichten und guten Ideen.” Was dieses wundervolle Buch beweist. HENNING KLÜVER
ROBERTO ALAJMO: Palermo sehen und sterben. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Carl Hanser Verlag, München. 184 Seiten, 16,90 Euro.
Wunderschön, und doch voller Narben: die „Conca d’oro” von Palermo Foto: Herbert Scholpp/Westend61
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.07.2007

Angst und Schrecken in Palermo

Roberto Alajmo, ein in Italien renommierter und vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Journalist, hat ein wunderbares Buch über seine Heimatstadt Palermo geschrieben. Dabei gelingt ihm das im Genre der Reiseliteratur seltene Kunststück, beim Leser nicht nur Fernweh, sondern fast so etwas wie Sehnsucht auszulösen. Er tut das mit großer sprachlicher Eleganz und zugleich Raffinesse, wenn er sich seinen Leser als Palermo-Besucher imaginiert, der aus Angst vor der Stadt sein Hotelzimmer nicht verlassen mag. Palermo gehört mit Neapel zu den schwierigsten Großstädten Italiens. Kriegsschäden, Bauspekulation, Umweltverschmutzung und vor allem die allgegenwärtige Mafia haben von der einstigen Schönheit der sizilianischen Metropole nicht viel übriggelassen. In zehn Kapiteln beschönigt Alajmo nichts, beschreibt allerdings die andauernde Agonie Palermos eher mit Melancholie als mit Resignation. Sein realistischer und zugleich wehmütiger Blick, vor allem aber die kunstvolle Konstruktion der Texte machen aus diesem Buch weit mehr als einen Reiseführer. Alajmo geht es nicht um eine Auflistung der Sehenswürdigkeiten, vielmehr wirbt er um ein besseres Verständnis der von Vorurteilen überhäuften Stadt. Die bedrohliche Dynamik Palermos, die manchmal abgründige Mentalität ihrer Bewohner und die aus einer einzigen Abfolge von Katastrophen zu bestehen scheinende Geschichte werden dabei atmosphärisch so verdichtet und spannend beschrieben, dass es auch den furchtsamsten Leser nach dieser Lektüre nicht im Hotelzimmer halten wird.

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"Palermo sehen und sterben" von Roberto Alajmo. Carl Hanser Verlag, München 2007. 182 Seiten. Gebunden, 16,90 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Roberto Alajmos "Anti-Reiseführer" über Palermo hat Maike Albath ganz wunderbar gefallen. Mit einem konventionellen Reiseführer hat das "schwungvoll" übersetzte Buch ihres Erachtens nichts gemein. Sie sieht es vielmehr als einen guten Mix aus Charakterstudie, Mentalitätsgeschichte, Gebrauchsanweisung und Feuilleton. Im lockeren Plauderton bringe Alajmo dem Leser diese widersprüchliche, chaotische, schmutzige und doch wunderschöne Stadt nahe. Reizvoll findet sie dabei die dialektische Bewegung, in der Alajmo die Ängste der Palermo-Besucher gleichermaßen schüre wie zerstreue. Sie attestiert dem Autor, mit den gängigen Sizilien-Klischees aufzuräumen, Bräuche wie den bizarren Totenkult seiner Mitbürger oder die weit verbreitete Haltung eines zufriedenen Pessimismus zu erklären.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Eine behutsame Liebeserklärung an seine Heimatstadt und ein lebendiges und liebevoll gezeichnetes Bild von Palermo. Man wird beim Lesen ... ganz sehnsüchtig. Und reiselustig und begierig darauf, die Stadt mit ihren Gebäuden und Gerüchen, ihrer Armut und ihrem Flair, ihren Menschen und ihrer Geschichte zu erleben." Die Welt, 02.06.07 "In Palermo lohnt es sich, unter Anleitung von Roberto Alajmo, Augen und Ohren aufzusperren. Nirgendwo sonst kann man die Errungenschaften und die Schattenseiten der sizilianischen Insel besser erkennen als hier." Maike Albath, Neue Zürcher Zeitung, 13.09.07