Noahs Arche heute - Weder, Dietrich J.
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Produktdetails
  • Verlag: Kreuz-Verlag
  • Seitenzahl: 280
  • Abmessung: 215mm
  • Gewicht: 350g
  • ISBN-13: 9783783118049
  • ISBN-10: 3783118042
  • Artikelnr.: 24496974
Rezensionen
Besprechung von 28.08.2000
Optimismus = Opportunismus
Umweltschutz ist mega-out, obwohl die Probleme größer werden
DIETRICH JÖRN WEDER: Noahs Arche heute – Öko-Realismus. Kreuz-Verlag, Stuttgart 2000. 280 Seiten, 36 Mark.
Der Mensch zieht der Erde die angestammte Haut ab. Das ist ein starkes Bild, aber Dietrich Jörn Weder, Umweltredakteur beim Hessischen Rundfunk, begründet es eindrucksvoll in einer Art Kompendium der globalen Umweltprobleme. Die gibt es nach wie vor, und zwar mit zunehmender Dramatik, auch wenn die Spaßgesellschaft auf Wohlstandsinseln ihren ewigen Karneval feiert. Den „Vordenkern” dieser Gesellschaft, soweit überhaupt gedacht wird, gilt Weders besonderer Zorn.
Dass trotz internationaler Anstrengungen – trotz Rio-Konferenz, Agenda-Bewegungen, Kyoto-Prozess – im reichen Deutschland das Thema Umwelt „mega-out” ist, wirft er den Erfindern des „Öko-Optimismus” vor, die vor allem Öko-Opportunisten sind. Verkauft wird, was gefällt. Die Milliarden für Forschung haben auf vielen Gebieten aus Vermutungen gut gesicherte Erkenntnisse gemacht, aber „Widerspruchsgeister aus der Wissenschaft und die journalistischen Verkäufer von Schlafpulver im Schlaraffenland lassen sich viel einfallen: Vielleicht schluckt die Natur doch mehr, und das Klima reagiert träger”.
Nicht Polemik ist Weders erste Absicht, sondern Öko-Realismus. Die Beschreibung von „Noahs Arche heute” ist eine Bestandsaufnahme der gegenläufigen Trends in der Umweltdynamik: Vernichtung und Verfall auf der einen Seite, Neuschöpfung und Hoffnung auf der anderen. Nur: Es herrscht kein Gleichgewicht, und so wird das Gewebe des Lebens fadenscheinig. Eindrucksvoll sind Weders Beispiele dafür, dass beim Verschwinden spezialisierter Tier- und Pflanzenarten ganze Ketten von lebenswichtigen Beziehungen zerrissen werden. Dass „alles mit allem zusammenhängt”, ist zwar trivial, aber auch wichtig zu wissen. Wer sich unter „ökologischem Denken” nichts vorstellen kann, findet es in diesem Buch auf exemplarische Weise verwirklicht: vielschichtig, anschaulich, faszinierend in der Fülle der Beispiele und Einsichten.
Die Verwüstung der Erde durch den Menschen ist keine neue Erscheinung. Weder kennt die Beispiele aus der Leidensgeschichte der Natur, aber auch die Spuren des frühen ökologischen Denkens in der Bibel, bei Goethe, Tolstoi und vielen anderen. Neu ist, dass menschliche Macht und schiere menschliche Masse die Erholungskräfte weit übersteigen. Wo der gute alte Naturschutz um einen Orchideenstandort kämpfte, geht es heute um internationale Abkommen gegen die Zerstörung der Ozonhülle oder die Überlastung der Atmosphäre mit Treibhausgasen. Aus einem Appell der Individualethik ist ein Überlebensproblem der hypertrophen Art Mensch geworden.
Weder hat aus umfassender Kenntnis der wissenschaftlichen Literatur, der Enquete-Berichte, aus eigener Anschauung von Reisen und aus der Erfahrung internationaler Konferenzen den Zustand des Globus detailreich und zusammenfassend beschrieben, weder tiefschwarz noch hellblau, sondern graugrün mit der Tendenz zu braun, realistisch eben. Wer die Wirklichkeit kennen möchte, wird hier gut bedient.
CHRISTIAN SCHÜTZE
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Der langjährige Leiter der Redaktion Umwelt im Hessischen Rundfunk hat hier eine Art Vermächtnis vorgelegt, schreibt Udo Simonis. Zwar geht das Artensterben weiter, und Weder ist wenig duldsam damit, aber er entwirft dennoch keine Horrorszenarien sondern weist hin auf Tatsachen und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf. Klimaschutz steht bei ihm zwar, obwohl ihm politisch erste Priorität eingeräumt wird, erst am Schluss des Buches; dafür jedoch, so Simonis, ist an ihm exemplifiziert, dass Ernährung, Gesundheit, Armut, Menschenrechte etc. allesamt von ihm abhängige Größen sind. Weder Schwarzmalerei noch leichtfertiger Optimismus, urteilt Simonis, wird hier geboten, vielmehr "lesenswert" und "engagiert" argumentiert.

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