Natürliche Mängel - Pynchon, Thomas
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Die Seele der Sixties - sonnengeküsst, erotisiert und neu eingegrooved von Thomas Pynchon.
1970: Der junge Hippie-Detektiv Larry "Doc" Sportello betreibt in LA ein Büro mit dem zweideutigen Kürzel LSD (Location, Surveillance, Detection). Er bekommt den Auftrag, beim Bodyguard eines Immobilienhais Schulden zu kassieren. Als Doc aus einem in grellem Neon-Pop gehaltenen Marihuanarausch aufwacht, kreist allerdings das Gesicht von Lieutenant Bigfoot Bjornsen über ihm; die blutüberströmte Leiche des Bodyguards daneben sieht aus wie ein frisch geschlachteter Truthahn. Der Immobilienhai selbst ist…mehr

Produktbeschreibung
Die Seele der Sixties - sonnengeküsst, erotisiert und neu eingegrooved von Thomas Pynchon.
1970: Der junge Hippie-Detektiv Larry "Doc" Sportello betreibt in LA ein Büro mit dem zweideutigen Kürzel LSD (Location, Surveillance, Detection). Er bekommt den Auftrag, beim Bodyguard eines Immobilienhais Schulden zu kassieren. Als Doc aus einem in grellem Neon-Pop gehaltenen Marihuanarausch aufwacht, kreist allerdings das Gesicht von Lieutenant Bigfoot Bjornsen über ihm; die blutüberströmte Leiche des Bodyguards daneben sieht aus wie ein frisch geschlachteter Truthahn. Der Immobilienhai selbst ist entführt worden, und Bigfoot, der Leuten gern seine Stacheldrahtsammlung zeigt, mag keine Hippies ...

Es folgen (nebst sprachlichem Feuerwerk und albernen Liedchen) Sensationen aller Art: irre Surfer, ein hauptsächlich auf Donald Duck spezialisierter Anwalt, ein Verbrechersyndikat, das vielleicht aus Zahnärzten besteht, weitere Bösewichte wie Charles Manson und Richard Nixon und, nicht zuletzt, das verlorene Paradies Kalifornien.

Der Roman ist nostalgisch, Marihuanaduft und Rockmusik wabern über die Seiten, die Pforten der Wahrnehmung stehen weit offen, und der militärisch-industrielle Komplex kriegt genauso sein Fett ab wie der Kapitalismus und die große Politik. Doc Sportello ist Philip Marlowe in Bell Bottom Jeans - ein existenzialistischer Wahrheitssucher am Ende des Sommers der Liebe.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • Erscheinungstermin: 17.09.2010
  • ISBN-13: 9783498053109
  • ISBN-10: 3498053108
  • Artikelnr.: 29822994
Autorenporträt
Thomas Pynchon wurde 1937 in Long Island geboren. Sein einziger öffentlicher Auftritt fand 1953 an der Oyster Bay High School in Long Island statt. Er studierte Physik und Englisch an der Cornell University, später schrieb er für Boeing technische Handbücher und verschwand. Seither sind seine Bücher (u.a. "Die Enden der Parabel"; "V"; "Gegen den Tag") die einzigen öffentlichen Spuren seiner Existenz. Pynchon gilt als einer der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller der Gegenwart. Er lebt in New York.
Rezensionen
Besprechung von 25.09.2010
Kalifornien, erwache!

Ob Donald Duck sich täglich den Schnabel rasiert? Thomas Pynchon mischt in seinem Roman "Natürliche Mängel" Hippiekult, Detektivroman und Comic - und lässt die Herzen hüpfen.

Von Wolfgang Schneider

Thomas Pynchons letzter Roman "Gegen den Tag" war ein literarischer Schwertransporter und mit seinen 1600 Seiten nicht zuletzt gegen den Alltag des Lesers geschrieben. "Natürliche Mängel" dagegen umfasst nur 478 Seiten und verwickelt kaum hundert Personen in eine gar nicht mal unspannende (wenn auch sehr verknäulte) Kriminalhandlung. Pynchon zugänglich, Pynchon light!

Der Detektivroman um den ständig bekifften Ermittler Doc Sportello liest sich wie ein feingestrichelter Underground-Comic von Robert Crumb. Doch bei allem vordergründigen Kichern ist es ein hintergründig sentimentalisches Buch über die Hippie-Jahre um 1970 und die Subkultur, in der Pynchons Werke verwurzelt sind. Zum subversiven Geist der Zeit gehörte bei aller Verzotteltheit der heimliche Ehrgeiz, die Gegenkultur möge Großwerke auftürmen, die den Kanon übertrumpfen; gehörte die intellektuelle Esoterik, flankiert von der Liebe zu Pop, Kino und Genre; gehörten die Dechiffrier-Syndikate, die sich über die Texte beugen, als gälte es heilige Schriften zu entziffern.

Sie bekommen wieder einiges zu tun. Einfach erklärt sich dabei noch die Aufschrift "LSD" an Docs Bürotür: "Lokalisierung, Sicherheitscheck, Detektei". Zwar leidet der Hippie-Detektiv, der gerne mit falschen Bärten und Schlussverkaufsperücken in den Einsatz geht, an einem löchrigen Kiffergedächtnis. Aber er verfügt über eine investigative Spürnase. Wenn sie zu laufen beginnt, ist das "ein untrügliches Zeichen" - eine Variante des legendären erektilen V2-Frühwarnsystems des Tyrone Slothrop in "Die Enden der Parabel".

Um Sportello hat sich eine nette Chaostruppe versammelt - Leute wie der Anwalt Sauncho Smilex, der stark ins Grübeln kommt über der Frage, ob sich Donald Duck wohl täglich den Schnabel rasiert. Arbeit gibt es, als der Immobilien-Tycoon Mickey Wolfmann, infiziert vom Flower-Power-Geist, Buße tun will für seine kapitalistischen Sünden: "Ich kann es nicht fassen, dass ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, Leute für Wohnraum bezahlen zu lassen, wo er doch kostenlos sein sollte." Wolfmann steckt sein Geld in eine Umsonst-Wohnanlage, die als futuristische Kulisse unfertig in der Wüste steht. Es gibt nämlich Kreise, denen es nicht gefällt, dass Mickey sein Gewissen entdeckt hat, nach Jahren, in denen er gut ohne auskam. Und so ist Wolfmann plötzlich verschwunden, mitsamt seiner Geliebten, bei der es sich - heikler Fall - um Docs immer noch angeschmachtete Ex-Freundin Shasta handelt.

Zwischenzeitlich steht Sportello selbst in Verdacht - als er im "Massagesalon" Chick Planet neben der Leiche von Wolfmanns Bodyguard aufwacht. Außerdem wird der kokainsüchtige Arzt Rudy Blatnoyd mit Genickbruch neben einem Trampolin gefunden. Bloß ein Sportunfall? Und dann soll der Marihuana-Marlowe noch das Schicksal des Saxophonisten Coy Harlingen aufklären. Offiziell hat der sich den Goldenen Schuss gesetzt, inoffiziell scheint er als Agent der Organisation "Kalifornien, erwache!" unterwegs zu sein.

Die Handlung führt durch toxische Restaurants, abgehalfterte Spielcasinos, Entzugskliniken und gewaltige Baugruben. "Natürliche Mängel" lebt - nach der gewissen Baedeker-Lastigkeit mancher Partien in "Gegen den Tag" - von der Passion und Involviertheit, mit der der Schauplatz vergegenwärtigt wird. Wir erleben Los Angeles als Mekka der Hippies und der Surf-Music. Aus den Gassen von Gordita Beach dringen "Salven von Doper-Fröhlichkeit". Ständig ist von rauscherzeugenden Substanzen die Rede, psychedelische Bananenschalen eingeschlossen. Am Strand rauschen die Wellenreiter mit religiöser Ekstase "durch brodelnde Tunnel von sonnendurchflutetem Blaugrün"; weniger sonnendurchflutet sind die Tüftelräume der ARPAnet-Pioniere. Für die "Hauptstadt der ewigen Jugend und des ewigen Sommers" bietet der Roman allerdings ziemlich viel schlechtes Wetter: Nebel, Smog, Dauerregen und ein apokalyptisches Gewitter, wortgewaltig beschrieben.

Üblicherweise lernt der Leser umfangstarker Romane Haupt- von Nebenfiguren sowie einschneidende Ereignisse von signifikanten Beiläufigkeiten zu unterscheiden. Pynchons Werke kennen eine solche Hierarchisierung kaum. Sie sind basisdemokratisch erzählt. Alles scheint von gleicher Relevanz. An die Stelle dramaturgischer Höhepunkte tritt eine Atmosphäre allgegenwärtiger Konspiration. In Docs Branche "gehörte Paranoia zum Handwerkszeug, sie wies einen in Richtungen, die man sonst vielleicht gar nicht einschlagen würde". Bei solchen Sätzen hüpft das Herz der Pynchon-Leser. Hat er Paranoia gesagt? Hat er es wieder getan? Anlass gibt es genug: Das Los Angeles Police Departement deckt üble Machenschaften, sofern es sie nicht selbst zu verantworten hat. Im Hintergrund wirkt eine "Reservepolizei", die zum Einsatz kommt, wenn schlechte Presse zu befürchten ist.

Und was verbirgt sich hinter dem ominösen "Goldenen Fang" - ein Steuersparmodell wohlstandsverwahrloster Zahnärzte? Oder ein mafiöses Heroinkartell, das die Leute an die Nadel bringt, um ihnen anschließend prima Therapieprogramme anzubieten? Zugleich ist "Goldener Fang" der Name eines Schoners, der "irgendwelches Zeug in und außer Landes schafft" - ein Schiff, das ruk, zuck hinter Monsterwellen verschwinden kann, ein Fliegender Holländer, dessen Heimathafen womöglich Lemuria ist. Das Atlantis des Pazifiks gibt dem Geschehen einen mythologischen Fluchtpunkt.

Wie die eingestreuten Songs mit ihren Spaß-Reimen gehört auch der Slapstick zu den Zutaten dieses wie jedes Pynchon-Romans. Mal geraten Motorräder auf dem Erbrochenen vor einer Freak-Bar ins Schliddern, ein andermal rutscht ein Möchtegern-Zuhälter auf einer Bioeis-Kugel aus. An Comics erinnert auch die Darstellung der Frauen: lauter "aufgekratzte Stewardessen", "Sahneschnitten", "Wahnsinnsbräute", "temperamentvolle junge Asiatinnen" und kalifornische Blondinen mit dem "weltberühmten unaufrichtigen Lächeln". Eine Feministin könnte in Pynchonland leicht paranoid werden.

Die Figuren sind alle ähnlich groovy drauf; munter produzieren sie ihre von Nikolaus Stingl fast ohne Pointenverlust übersetzten Comedy-Dialoge. Auf komplexe Menschendarstellung und entwicklungsfreudige Charaktere hat es Pynchon erklärtermaßen nicht abgesehen. Dergleichen gehört von seiner Warte aus zum Betriebssystem des alten Realismus. Damit steht er, der alten Avantgarde verpflichtet, allerdings quer zur aktuellen Entwicklung - der Rückkehr zum figurenzentrierten "realistischen" Roman, mit allen Raffinessen. Verglichen mit der Seelenerforschungskunst etwa eines Jonathan Franzen muss man es bei einem Roman wie "Gegen den Tag" durchaus als Beschaffenheitsschaden (eine andere Bedeutung von "Inherent Vice") bezeichnen, wenn man am Ende von 1600 Seiten leider mit keiner der zahllosen Figuren wirklich warm geworden ist. Bei der Genreparodie "Natürliche Mängel" passen die Comedy-Charaktere dagegen gut ins Bild. Und eine gewisse Dynamik kennzeichnet ja immerhin Docs Verhältnis zu seinem eigentlichen Gegenspieler: Lieutenant Bigfoot Bjornsen mit seiner "Motorenölstimme" und seinem ausgefallenen Hobby, dem Sammeln von historischem Stacheldraht in 400-Meter-Rollen. Zwar hat Bigfoot viele Cop-Klischees zu schultern, bleibt dabei aber doch eine erstaunlich vitale Figur. Und er ist die Spinne im Netz. Der Hippie-Hasser benutzt Sportello als Köder, um den Mord an seinem Partner Vincent Indelicato aufzuklären. Wie überhaupt die Figuren in Pynchons Erzähl-Universum meist "Werkzeuge im Geräteschuppen eines anderen" sind. Selbst Mickey Wolfmann war am Ende gar nicht der, um den es ging.

"Die Psychedelischen Sechziger, diese kleine Parenthese aus Licht" - sie gehen zu Ende und münden in Dunkelheit. Blumenkinder verwandeln sich in menschliche Wracks, der Vietnam-Krieg drückt die Stimmung im Allgemeinen, die Morde der Manson-Gang im Besonderen.

Die mysteriöse Ungreifbarkeit Thomas Pynchons illustrierte die poststrukturalistische Theorie vom "Tod des Autors". Pynchon meidet die Öffentlichkeit, gibt keine Interviews, und die wenigen Fotos, die von ihm im Umlauf sind, zeigen einen jungen Marinesoldaten mit Zahnproblemen. Inzwischen, mit über Siebzig, ist der Mann jedoch beinahe leutselig geworden. Er unterhält launige E-Mail-Kontakte mit seinen Übersetzern, und nach dem legendären Simpsons-Auftritt mit der Tüte über dem Kopf soll nun sogar seine Stimme im Trailer zu "Natürliche Mängel" zu hören sein. Wer ihm jetzt den Nobelpreis verliehe, könnte damit rechnen, dass er von Pynchon höchstpersönlich abgeholt wird.

Thomas Pynchon: "Natürliche Mängel". Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010. 478 Seiten, geb., 24,95 [Euro].

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Besprechung von 05.10.2010
Wenn auf dem Surfmobil
die Neonlettern blinken
Gegen Nixon war kein noch so gutes Kraut gewachsen:
Thomas Pynchon entschlüsselt in seinem neuen Roman die
DNS des kalifornischen Paradieses
Das Gelobte Land, wo im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, Kalifornien also, ging im Sommer 1969 unter, starb in jener Augustnacht, als der ehemalige Fürsorgezögling und Knacki Charlie Manson seine drogengenährten Hippies losschickte, damit sie im Anwesen von Roman Polanski einfielen und alle massakrierten, die sich zufällig dort aufhielten. Manson hatte von einer Apokalypse wahngeträumt, vom kommenden Rassenkrieg, er wollte die Weißen vor den Schwarzen retten und stachelte die Blumenkinder deshalb auf zum Mord. Als Manson im gleichen Dezember als Anstifter identifiziert wurde, gaben die Rolling Stones ihr berüchtigtes Konzert in Altamont, bei dem die Hell‘s Angels einen Zuhörer erstachen, der bereits den Revolver gezogen hatte.
Das Paradies war damit verriegelt, aber gibt es nicht doch einen Weg herum um die Welt und einen rückwärtigen Eingang zum verlorenen Garten? In der Erinnerung vielleicht, im Traum, also im Roman. „Was ist das eigentlich für ein Jahr?“, fragt die Erzählerstimme am Ende eines 2:43 Minuten langen Trailers, den Thomas Pynchon für sein Buch „Inherent Vice“ gedreht hat, und lädt dann ein, ihn doch bitte jetzt gleich sofort zu lesen, hinabzutauchen in seinen historischen Roman aus dem Jahr 1970, als die schöne bunte drogenlustige Hippie-Welt den plötzlichen Gefriertod stirbt.
Beim Privatdetektiv Doc Sportello erscheint Shasta, eine Freundin von früher („er kriegte den alten, wohlbekannten Ständer“), die ihn um Hilfe für ihren neuen Freund bittet. Der ist ein reicher Unternehmer und wird von seiner Frau ausgenommen. Altbekannte Geschichte, murmelt Sportello, immer das Gleiche, und auch der Leser hat dieses déjà-lu, es ist die klassische Anfangsszene für den roman noir, und Sportello der einzig wahre Nachfolger von Sam Spade: Er trinkt, er kifft, er wird von der Polizei misshandelt, er erlebt eine korrupte Bürokratie und versucht mit aller Kraft, dennoch ein Ehrenmann zu bleiben.
In den hartgesottenen Romanen der amerikanischen Westküste, das nur nebenbei, wurde in den Dreißigern ein weltmüder Existenzialismus entwickelt, durch dessen böse Straßen der letzte Held der westlichen Welt wandelt; manchmal ein wenig beschmutzt von ihrem Dreck, aber ausgestattet mit einem moralischen Kompass, an dem gemessen die französische Varietät nur frivoler, allenfalls heideggergeschmälzter Schmarrn sein kann. Dennoch kam das Erleichterungsseufzen der Rezensenten bereits beim Erscheinen des Romans über den Himmel: ein leichtfüßiger, ein Pynchon zum Weglesen sei der neue. Ah, endlich nicht mehr die große, zivilisationskritische Weltverschwörungsnummer, nicht mehr der aufwendig inszenierte Roman als illustrierte Dialektik der Aufklärung, sondern ein leichter Surfer-Spaß, Pynchon für den Strand?
Tatsächlich erschien „Inherent Vice“ im vergangenen August in den USA mit einem Surfmobil auf dem Umschlag, der Buchtitel blinkte dazu in farbigen Neonlettern. Doch diese bewusste Versimpelung endet bereits beim Motto „Unter dem Pflaster liegt der Strand!“, das ein Graffito aus dem Pariser Mai zitiert, den es in Kalifornien nie gab. Der Strand liegt im Gordita Beach des Romans gleich vor der Haustür, und Pflastersteine kamen in Los Angeles erst auf, als es am Rodeo Drive teure High Heels von Manolo Blahnik zu ruinieren gab.
Pynchon arbeitet mit mehr Spiegeln als die Messers Borges und Calvino zusammen, blufft mit immer neuen Wendungen und zeigt eine deutliche Unlust, eine ordentliche Geschichte, gar den Krimi zu erzählen, den die erste Szene verspricht, die Raymond Chandlers „Großem Schlaf“ abgeschaut ist, der sie bei Dashiell Hammetts „Malteser Falken“ fand. Hammett wurde gegen Ende seines Lebens von Joseph McCarthy als Kommunist angeklagt und ging ins Gefängnis, weil er niemanden verraten wollte.
In der dritten Verfilmung von James M. Cains Roman „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ spielte John Garfield, der ebenfalls auf Hollywoods schwarze Liste gelangte, den Herumtreiber Frank Chambers, in der vierten war es Jack Nicholson, der auch die Hauptrolle in Roman Polanskis „Chinatown“ spielte, seinerseits ein später film noir über die Korruption in Los Angeles. Dessen Held Jay Gittes, der wegen seiner Schnüffelei an der Nase aufgeschlitzte Detektiv, ist ein weiteres Vorbild für Doc Sportello.
Der heute 73-jährige Thomas Pynchon lebte Ende der sechziger Jahre in Manhattan Beach, das hier zum fast vormodernen Bohème-Idyll Gordita Beach verzaubert ist, und schrieb an „Gravity’s Rainbow“, dem ungelesensten, aber trotzdem gewaltigsten Roman, den das amerikanische 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Die Hippies hat er wahrscheinlich nur erlebt, wenn er doch einmal an den Strand ging und voller Neid zusah, wie die halbgottgleichen Surfer die Wogen befuhren.
Schon einmal hat Pynchon diese Welt rekonstruiert, in „Vineland“ (1989), ein gefährdetes Idyll in der in Grund und Boden verwalteten Welt. Auch diesmal ruft er eine versunkene Ära herauf, die sonst immer nur als ewiges „California Dreamin’“ verkitscht wird. Hier sind die Zeitzeichen aus C-Picture-Starlets, vergessenen Hits und bunt zusammengewürfelten Bands so dicht gesetzt, dass sich mit dieser DNS das kalifornische Paradies fast wieder aufbauen ließe. Natürlich frönt Pynchon auch wieder der Paranoia, die bei Docs Dauerdrogenkonsum gar nicht ausbleiben kann. Vor diesem aficionado müsste jeder Rotwein-Verkoster erbleichen: „Doc erkannte den Geruch von billigem mexikanischen Stoff und auch, dass jemand vergessen hatte, Samen und Stängel zu entfernen.“
Doch ist es längst aus mit der Bohème, der Strand ist auch nur ein besseres Entwicklungsprojekt für Unternehmer, das FBI hat bereits jeden zweiten Drogie umgedreht und setzt ihn als Spitzel gegen seine Freunde ein, jeder Bulle ist, wie Mick Jagger einst sang, ein Krimineller, Manson der Mann der Stunde. Sportello schläft in einer fremden Wohnung ein, und als er aufwacht, zeigt ihm der Fernseher ein Gesicht, „das sich als das von Nixon erwies und sagte: ‚Es gibt immer Leute, die jammern und sich beklagen, das wäre Faschismus. Aber, liebe Mitbürger, wenn es ein Faschismus für die Freiheit ist?’“ Das mitbürgerliche Volk, bereit für den totalen Konsumismus, tost im Beifall. Sportello zündet sich vorsichtshalber einen Joint an, doch gegen Nixon ist, wie später gegen Reagan, der da noch als Gouverneur waltet, kein noch so gutes Kraut gewachsen.
„It’s kinda groovy“ verspricht die Trailerstimme, die vielleicht die des Autors ist, vielleicht auch die von einem „Big Lebowski“. So wie Pynchon von Szene zu Szene, von verrückten Namen zu den üblichen Szenen mit korrupten Polizisten, schmierigen Politikern, skrupellosen Immobillionären hüpft, die eine oder andre perverse Sexszene keineswegs verschmäht, ist beste Unterhaltung garantiert. Das allein wäre aber bloß traurig langweilig. Pynchon ist aber einer der wenigen amerikanischen Autoren mit Geschichts- und damit einem politischen Bewusstsein. Schließlich hat er schon 1966 in der New York Times über den Aufstand der Schwarzen im Stadtteil Watts in Los Angeles geschrieben und sich später in bester Thoreau-Tradition geweigert, Steuern für den Vietnamkrieg zu zahlen. Vielleicht nicht Doc Sportello, aber seinem Erfinder blutet das Herz, wenn er nachzeichnet, wie die Gegenkultur nach dem langen kalifornischen Sommer vorzeitig verschied, wie das FBI Hippies umdrehte und als Informanten bezahlte, wie sich im Hintergrund ein quasifaschistischer Machthaber spreizt.
In diesem Roman, den Nikolaus Stingl mit bewundernswerter Hingabe übersetzt hat, ersteht noch einmal ein künstliches, immer gefährdetes Paradies, das beste Kalifornien, das es nie gab.
WILLI WINKLER
Thomas Pynchon
Natürliche Mängel
Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010. 480 Seiten, 24,95 Euro.
Pflastersteine kamen in L.A.
erst auf, als es am Rodeo Drive
teure High Heels zu ruinieren gab
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Willi Winkler berichtet vom Erleichterungsseufzer, mit dem die Kritik Thomas Pynchons jüngsten Roman über das Ende des amerikanischen Hippietraums quittiert hat. Tatsächlich lese sich Pynchons historischer Roman aus dem Jahr 1970, in dem ein trinkender und kiffender, an Sam Spade erinnernder Privatdetektiv, Erkundigungen über den Ehemann einer Verflossenen einziehen soll, flüssig und unterhaltsam, gibt der Rezensent zu. Wenn er nichts als ein mit vielen erzählerischen Bluffs versehenen "roman noir" und die durchaus virtuos rekonstruierte Welt von 1970 geboten bekommen hätte, fände Winkler dies allerdings nur "traurig und langweilig", wie er betont. Da sich aber der amerikanische Autor zudem als eminent geschichts- und politikbewusst erweist, indem er in diesem Roman vom Ende eines "Paradieses" erzählt, da das FBI Hippies zu Spitzeln machte und unter Nixon "quasi faschistische" Machtstrukturen installiert wurden, hat auch der Rezensent ihn mit höchster Spannung gelesen.

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