Napeleon an Josefine - Napoleon I. Bonaparte, Kaiser
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Produktbeschreibung
Nachdruck des Originals von 1906.
  • Produktdetails
  • Verlag: Europäischer Geschichtsverlag
  • Nachdruck des Originals
  • Seitenzahl: 160
  • Erscheinungstermin: 14. August 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 176mm x 115mm x 14mm
  • Gewicht: 214g
  • ISBN-13: 9783734002571
  • ISBN-10: 3734002575
  • Artikelnr.: 43580720
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.11.2019

Die Vicomtesse sorgte für seinen Schliff
Eroberungen und Scharmützel jenseits der Schlachtfelder: Ein Band präsentiert Liebesbriefe Napoleon Bonapartes

In den "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" charakterisierte Jacob Burckhardt Napoleon als einen "mangelhaft ausgestatteten Menschen ersten Ranges". Sein Zeitgenosse Friedrich Nietzsche hingegen identifizierte ihn in der "Genealogie der Moral" als "Synthesis von Unmensch und Übermensch". Beiden Aussagen ist die Feststellung gemeinsam, dass für Napoleon der Mensch als Individuum nicht zählte, sondern nur als Material. Um ein ausgewogenes Urteil über Napoleon zu fällen, gelte es deshalb, auch die "domestic side of the monster" zu kennen, wie Lord Rosebery in "Napoleon. The Last Phase" schrieb.

Paris versprach ganz neue Möglichkeiten!

Aufschluss darüber versprechen Napoleons "Liebesbriefe", zumal er mit einer großen Zahl von Frauen intimen Kontakt hatte. Allein zwischen 1800 und 1810, als er seine zweite Frau heiratete, sind fünfundzwanzig seiner Liebschaften namentlich bekannt. Tatsächlich sind von ihm aber nur Schreiben an vier, an Désirée, Joséphine, Maria und Marie Louise, überliefert, die in seiner 40 497 Briefe umfassenden "Correspondance générale" nur einen Bruchteil ausmachen. Das legt die Vermutung nahe, dass bei ihm die Triebe bei weitem die Liebe überwogen.

Diesen Verdacht können auch Napoleons "Liebesbriefe", die jetzt in der Übersetzung von Ulrich Kunzmann erschienen sind, nicht zerstreuen. Umso weniger, als diese Ausgabe auf ein Vor- oder Nachwort verzichtet, das dem Leser zum besseren Verständnis der Briefe hätte verhelfen können, indem es deren Inhalte wenigstens ansatzweise in der Person Napoleons spiegelte. So sieht sich der Leser lediglich mit Episteln konfrontiert, deren Bedeutung am allerwenigsten darin besteht, ihren Schreiber als begnadeten Schriftsteller auszuweisen. Auch basiert die Übertragung auf französischen Editionen der Briefe, von denen ihr Übersetzer in den rudimentären Anmerkungen selbst sagt, dass sie unzulänglich seien. Auf solche Vorlagen ist man aber nicht mehr angewiesen, denn seit dem vergangenen Jahr liegt die mustergültig edierte "Correspondance générale" Napoleons abgeschlossen vor. Schon die Billets, die der Fünfundzwanzigjährige der sechzehn Jahre alten Désirée Clary schrieb, zeigen ihn als Egozentriker, auch wenn er sich als romantischer Gefühlsmensch gab. Napoleon war mit Désirée durch seinen Bruder Joseph, der ihrer älteren Schwester erfolgreich den Hof machte und sie im August 1794 heiratete, in Kontakt gekommen. Den Schwestern mangelte es zwar an Schönheit, aber eine stattliche Mitgift verschaffte ihnen Attraktivität. Da er als Artilleriechef der Italienarmee politisch in Ungnade gefallen war, was seine weitere Karriere fraglich erscheinen ließ, lag es für ihn nah, in Désirée eine Option zur Rettung aus seiner prekären Situation zu sehen. Das verraten auch seine Briefe, in denen er ihre "Sanftheit" und "Reize" betonte, sie seiner "Freundschaft", ja sogar "Liebe" versicherte. Das will, außer dass er sie sich warmhalten wollte, wenig besagen, auch wenn Désirée seine Schwüre als "Verlobung" missverstand. Das war ihr Traum, der sich in nichts auflöste, kaum dass Napoleon im Mai 1795 nach Paris abgereist war, wo er Eindrücke empfing, die ihn schnell von der Fortsetzung seines Flirts mit einem Pummel aus der Provinz abbrachten.

Als Anerkennung seines Beitrags bei der Niederschlagung des von den Royalisten versuchten Putsches vom 13. Vendémiaire (Oktober 1795) war Napoleon zum Chef der Inlandsarmee ernannt worden. Das war der in der damaligen Situation wichtigste militärische Posten, der gute Besoldung und verlockende Perspektiven verhieß. Seine Stellung brachte es mit sich, dass er jetzt nicht nur mit den führenden Politikern, sondern auch mit den tonangebenden Gesellschaftskreisen in Kontakt kam.

Das Werben eines entflammten Egozentrikers

Umso mehr musste sich Napoleon seiner eigenen Defizite bewusst werden, die ihn trotz seines hohen Rangs als linkischen Provinzler auswiesen. Um Abhilfe zu schaffen, war die "Option" Désirée völlig ungeeignet, brauchte es eine andere Lebensstrategie. Die verhieß ihm die attraktive Vicomtesse de Beauharnais, eine aus Martinique stammende Witwe, die eine der umschwärmten Odalisken des "Tout-Paris" war.

Als sie ihm von Barras, dem starken Mann des Regimes, vorgestellt wurde, entflammte er sofort für diese Kreolin, deren erotischer Schmelz die träge Eleganz ihrer Bewegungen zur Geltung brachte. Joséphine, wie sie Napoleon nannte, hatte außerdem das Flair einer in jeder Hinsicht erfahrenen Frau, die den sozialen Savoir-faire besaß, dessen Mangel ihn so sehr schmerzte. Mit einem Wort: Sie war die Frau, die er jetzt brauchte. Ihre Eroberung fiel Napoleon umso leichter, als Joséphine mit der Erhörung seines stürmischen Werbens, von dem seine Briefe Zeugnis geben, ein Kalkül verfolgte, das er nie durchschaute: Ihr jedoch war nur zu bewusst, dass ihre Attraktivität, die ihr die gesellschaftliche Stellung sicherte, angesichts ihres Alters von zweiunddreißig Jahren rasch verblassen würde. Auch hatte sie hohe Schulden aufgehäuft. Das machte Napoleon zu einer interessanten Partie.

Die Eroberung Joséphines erwies sich für Napoleon aber schnell als bitterer Sieg, der ihm ausweislich seiner Briefe zahlreiche Qualen verursachte, die sie ihm ungerührt und fortwährend zufügte. Ursache dafür war ihre ausgeprägte Indolenz. Die äußerte sich zunächst darin, dass Napoleon das Bett mit Joséphine und ihrem eifersüchtigen Mops teilen musste. Kaum aber, dass er in Italien seinem Ruhm nachjagte, war es ein jugendlicher Liebhaber, der auf dem ehelichen Lager in Paris Joséphines Verlangen nach Lust befriedigte. Deren Geheimnis, so hatte sie Napoleon vorgegaukelt, habe er ihr erst entdeckt, was diesen in falschem Stolz wiegte, denn dem Vernehmen nach begnügte er sich damit, den Liebesakt nach dem Motto "in & out & back to battle" abzuhaken.

Aber auch dem von Leidenschaft blinden Napoleon musste einmal aufgehen, dass Joséphines hartnäckige Verweigerung seines Drängens, ihn in Italien zu besuchen, Ursachen hatte, über die sie ihn belog. Das erfuhr er aber erst bei Rückkehr aus Ägypten im Herbst 1799 durch seine Brüder. Es ließ ihn an Scheidung denken, zu der er sich aber lange nicht durchzuringen vermochte, weil der Zauber, mit dem sie ihn bestrickt hatte, unvermindert anhielt. Dessen Wirkung zerstörte erst eine andere Frau, Maria Walewska, die im Winter und Frühjahr 1807, als er in Polen war, seine Geliebte wurde und für die er Gefühle hegte, wie er sie seinen Briefen zufolge zuvor nur für Joséphine empfunden hatte. Das muss Joséphine gespürt haben, denn jetzt war sie es, die Napoleon unablässig bestürmte, ihn in Polen zu besuchen, was er ihr mit allerlei Vorwänden ausredete, die sie immer misstrauischer machten, wenn nicht sogar das Ende ihrer Beziehung erahnen ließen.

Die zweite Heirat sollte den Thronfolger hervorbringen

Unmittelbarer Anlass für Napoleon, sich scheiden zu lassen, war jedoch, dass Maria eines Knaben entbunden wurde. Das war für ihn der Beweis, dass nicht er die Ursache für die Kinderlosigkeit seiner Ehe war. Ein anderer war, dass eine zweite Heirat mit der Aussicht, einen Thronfolger zu zeugen, seine Herrschaft stabilisierte. Das würde umso mehr zutreffen, wenn die neue Frau einem der großen europäischen Herrscherhäuser entstammte. Das galt für Marie Louise von Habsburg, um deren Hand er kurz nach der Scheidung von Joséphine anhielt.

Die Ehe mit Joséphine war für Napoleon eine Liebesheirat gewesen, während die mit Marie Louise allein von politischen und dynastischen Überlegungen bestimmt war. Von seiner künftigen Frau hatte er lediglich ein Porträt gesehen, das sie wenig vorteilhaft zeigte. Auch wurde ihm hinterbracht, dass sie ausgesprochen hässlich sei. Zu Murat soll er deswegen gesagt haben, Marie Louise sei grauenhaft, aber letzten Endes heirate er eine Gebärmutter. Das war ein Frauenbild von geradezu misogynem Zynismus, an dessen Ausprägung die ihn tief verletzende Untreue Joséphines erheblichen Anteil hatte. Aber wie zuvor schon Maria Walewska gelang es auch Marie Louise, wie seine Briefe zeigen, diesen Panzer der Frauenverachtung gelegentlich zu durchbrechen. Allein, auch diese Einblicke in Napoleons "domestic side" können das Verdikt, das ihn als "monster" ausweist, allenfalls geringfügig mildern.

JOHANNES WILLMS

Napoleon Bonaparte: "Liebesbriefe".

Aus dem Französischen

von Ulrich Kunzmann.

Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 506 S., geb., 38,- [Euro].

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