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Fünf-Uhr-Tee im Garten, malaiische Kindermädchen und Schlangen im regennassen Gras: David ist ein Kind des British Empire und wächst als Sohn eines Kolonialbeamten in Singapur und Westafrika auf - bis er den warmen Tropenregen, die Häuser auf Stelzen und das verwilderte Leben eines Kolonialkindes eintauschen muß gegen die strenge Disziplin eines Internats im Süden Englands. Damit sind die glücklichen Tage seiner Kindheit für immer zu Ende. David Morley erweckt Bilder der Sehnsucht, die an E.M. Forster und Michael Ondaatje erinnern.…mehr

Produktbeschreibung
Fünf-Uhr-Tee im Garten, malaiische Kindermädchen und Schlangen im regennassen Gras: David ist ein Kind des British Empire und wächst als Sohn eines Kolonialbeamten in Singapur und Westafrika auf - bis er den warmen Tropenregen, die Häuser auf Stelzen und das verwilderte Leben eines Kolonialkindes eintauschen muß gegen die strenge Disziplin eines Internats im Süden Englands. Damit sind die glücklichen Tage seiner Kindheit für immer zu Ende. David Morley erweckt Bilder der Sehnsucht, die an E.M. Forster und Michael Ondaatje erinnern.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 12.04.2001

Östlich der Sonne und westlich des Monds
„Nach dem Monsun” – John David Morleys entspannte Expedition in die eigene Kindheit
Wie weit reicht die Kraft des Erinnerns? Bis zum Uranfang von Riechen und Hören in Singapur: „Wenn wir bleibende Assoziationen an die Umstände unserer Geburt haben, dann gelten meine hauptsächlich dem durchdringenden Geruch des Desinfektionsmittels, mit dem man die Krankenhausböden schrubbte.” Und: „Was bleibt, worauf es ankommt,über den Desinfektionsmittelgeruch hinaus, ... ist das Geräusch des Regens.” Um es kompliziert zu machen: Erinnerung ist die Fähigkeit, das krause Durcheinander schon gelebten Lebens nach Kriterien des Erzählbaren zu ordnen. Was im Moment des Erlebens gleichsam bewusstlos geschieht, bekommt im Nachhinein, im Erinnerungsakt sein jeweiliges Gewicht, beteiligte Personen fügen sich erst jetzt in die dramaturgisch sinnvollen Rollen, von denen sie selbst aber nichts ahnen, da sie ja ein eigenes Erinnerungsspiel anlegen nach ihrem Interesse und ihrer Logik. So verfahren alle, wenn sie von Vergangenheiten, Liebesgeschichten oder Bitternissen erzählen. Unmerklich richten sie das Chaos des Erlebten her, sortieren Bruchstücke, Scherben, Splitter in der Annahme, sie seien nichts als Teile eines Puzzles, die, richtig zusammengesetzt, ihr Geheimnis, das tiefenscharfe Bild ehemaliger Wirklichkeit, preisgeben.
Fast schwerelos gerät man in dieses Buch, das gleich mit drei Geburten beginnt, als ob die des Autors gar nicht solche Wichtigkeit habe, sondern nur der Familientradition folge, die allerdings in „Ungewöhnlichen Geburten” besteht. John David Morley, Jahrgang 1948, weitgereister, in München lebender Schriftsteller, ist in einem fernen Eck des britischen Empire auf die Welt gekommen, in Singapur, als Sohn eines Kolonialbeamten.
In vier Abschnitten entfaltet er die Dichte und Vielfalt, die Späße und Ängste seiner stets exotischen Kindheit, ob als Sohn des weißen Kolonialherren in den heimatlichen Tropen von Singapur und Afrika oder als wildes Kind in den kaltdunklen Erziehungszwingburgen des ihm fremden Old England. Das geschieht so locker und entspannt, als schlendere Morley nur so nebenbei durch die Paradiese und Höllen seiner Kinderzeit. Nie schwillt der Erzählton an, er bleibt gelenkig und unpathetisch. Immer herrscht jene scheinbar absichtslose Kunst des ironischen Unterlaufens und elliptischen Umgehens, auf die das englischen Wort understatement so genau passt. Und wie selbstverständlich erscheint hier der Niedergang des Weltreichs. Während Klein-David sich in den Lüften und Düften Singapurs wiegt und erste Abenteuer unternimmt, ist der Vater längst der tragische Protagonist des britischen Rückzugs, Aufgebens und Abwickelns.
Aber nicht nur das verführerische Parlando zieht unwiderstehlich hinein in Morleys Kinderwelt, sondern auch die unglaubliche Fülle an Gestalten: Die malaiischen Frauen, die die goldene Zeit „Dei-wits” bevölkern, die afrikanischen Männer-„Boys”, die die silberne Phase des Knaben beherrschen, oder jene furchteinflößenden, verbietenden und prügelnden englischen Monster der eisernen Zeit, in der das Tropenkind erbarmungslos zum englischen Jungen gehärtet wird. Selbst hier, wo ihn Angst, Ekel und namenloses Heimweh bedrängen, löst Morley den Leidensdruck ins tragikomische en passant auf. Manche Episoden geraten einen Halbsatz lang ins Blickfeld, andere werden einfach mitgenommen wie eine Münze, die man beim Spazierengehen auf dem Boden entdeckt, weiterziehend aufhebt, kurz mustert und schon wieder fallen lässt. So wie sich kindliche Wahrnehmungsunersättlichkeit allem zuwendet, weil es neu und damit interessant ist.
Morley sieht gleichsam mit doppeltem Okular. Mit dem des sich erinnernden Erwachsenen, der wiederum durch die Augen des Knaben schaut: „Ahmad ist eine große Gestalt an meinem kleinen malaiischen Horizont, aber in Mersing war er zumeist abwesend... Andere Gestalten, mein Vater und meine alte Amah Peah, treten aus dem Hintergrund hervor und werden Teil einer speziellen Erinnerung oder eines besonderen Gefühls.”Und so legt sich unmerklich jeneMagie auf den Lesenden, die ihn an der Begeisterung für Skorpionrennen teilnehmen oder im Rad der Kinderkarre die Maus suchen lässt, mit der die alte Peah dem Kleinen Quietschen und Nichtquietschen des Rades erklärt. Der warme tropische Wind ist zu spüren, der durch die aufgehängte feuchte Wäsche der Familie weht, in den Astgabeln der Bäume räkeln sich die hantus, die Geister, und die Luft klingt vom vielstimmigen Gespräch der Malaien, die in ihrer Zierlichkeit und Kleinheit „Dei-wit” und seinen Schwestern viel näher, vertrauter sind als die eigenen Eltern.
Umso schärfer der Wechsel in die äußere und innere Nasskälte von Somerset, der Heimat seines Vaters: „Meiner Ansicht nach war in dem Dorf Flint Norton kein Rohstoff so knapp wie Freude.” Die Mutter, eine zarte Künstlernatur, die Singapur liebte, verblasst in Flint Norton, der Vater verschwindet wie immer im Dienst der Krone. Monumental wirft nun die Großmutter väterlicherseits, Granny Blunden, ihren Schatten auf die Kleinen: „... damit seine halb eingeborenen, halb heidnischen Kinder einen kräftigen Hauch von England in die Nüstern bekamen.” Eine strenge, antisinnliche, verbotsträchtige Welt, die sich nach der Rückkehr von den afrikanischen Abenteuern des Knaben in den „Hochsicherheitstrakt” der Vorschule von Slocum House verwandelt. Hier werden die letzten hantus der Tropen brutal vertrieben. Aber: Indem John David Morleys Erinnerungskraft sie so wunderbar beschwört, können sie uns unlöschbar verzaubern.
HARALD EGGEBRECHT
JOHN DAVID MORLEY: Nach dem Monsun. Eine Kindheit in den britischen Kolonien. Deutsch von Bernd Rullkötter. Malik Verlag, München 2001. 288 Seiten, 39,80 Mark.
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"Mit seiner Erzählung macht sich John David Morley auf die Suche nach dem verlorenen Glück in einer verlorenen Zeit. Ein seltener Lektüregenuß, unter dem beim Leser die Erinnerung an die eigene Kindheit wieder lebendig wird." (Johannes Willms)