Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • Seitenzahl: 30
  • Abmessung: 225mm x 275mm
  • Gewicht: 364g
  • ISBN-13: 9783351040017
  • ISBN-10: 3351040016
  • Artikelnr.: 24693767
Rezensionen
Besprechung von 03.06.2000
Es summt, es singt
Aus weiter Ferne so nah: kostbare Bilderbücher bei Aufbau

Mitte des 16. Jahrhunderts hielt ein spanischer Franziskanermönch Überlebende des zerstörten Aztekenreichs dazu an, ihre Erinnerungen an die untergegangene Lebenswelt aufzuschreiben. Über diese "Universalgeschichte und Beschreibung aller Dinge von Neu-Spanien" informiert Hans Magnus Enzensberger in seinem Vorwort zu einer Auswahl von zwölf kurzen Texten. Sie sprechen vom Mond, von allerlei Tieren, von einem Kristall, von Pflanzen und ihren Früchten. Ähnlich den mittelalterlichen Bestiarien mischen sie Beschreibung, Beobachtetes, Vermutungen und Anmerkungen über Nutzen und Verwendung. Ihr Interesse gilt weder Glaubens- noch Wissensvermittlung, vielmehr ästhetischer Vergegenwärtigung. Ihr Modus ist die Langsamkeit der Kontemplation; sie zwingen sanft zum Verweilen. Die Worte umkreisen tastend die Gegenstände, als riefen sie sie aus einem Dunkel des Nichtseins hervor und als hätten sie noch keinen Namen. "Es ist wie eine Fliege. Es hat Beine, es hat Flügel", heißt es vom Wasserschneider und: "Es ist ein Flieger. Es summt. Es singt." Im 20. Jahrhundert haben Rilke und Ponge auf ähnliche Weise die Dinge in der Sprache neu erschaffen.

Neu sehen wir Mond und Muschel, Spiegelstein und Kakaofrucht auch dank der Bildtafeln von Christine Leins, die sie in einem so kontemplativ stillen wie dynamischen Arrangement von Farbe und Schwarzweiß präsentiert. Eine zarte Bleistiftlandschaft mit Kiefer erinnert an chinesische Tuschzeichnungen. Feinste Striche und Punkte verdichten sich zum Nachthimmel, spüren dem Aderngeflecht des Laubwerks nach, bilden im Wechselspiel mit dem körnigen Zeichenpapier eine glatte und zugleich leicht krisslige Wasseroberfläche. Auf anderen Blättern entstehen aus scheinbar absichtslosen Linien und Kringeln eine Höhle und der unruhig gemusterte Weg einer Schlange. Die farbigen Abbildungen bieten dem Auge die tastbaren Oberflächen des Schuppigen, des Flaumigen und Öligen. Sie öffnen die Tiefen des dunklen Spiegelsteins, der mit seinen Schichtungen und Einschlüssen einen Mikrokosmos suggeriert. Christine Leins hat mit ihrem ersten Bilderbuch ein Kunstwerk geschaffen, das Erwartung und Vorfreude auf weitere Bilder aus ihrer Hand weckt.

Die aztekische Naturgeschichte ist Bestandteil eines neuen, von Ute Blaich betreuten Bilderbuchprogramms beim Aufbau Verlag. Die Naturbetrachtung zwischen Poesie und Biologie bildet darin einen Schwerpunkt, wie etwa in dem "Spaziergang ins Paradies" mit den Bildern von Alois Zötl. Zötl, ein österreichischer Liebhaber-Maler des 19. Jahrhunderts, schuf sich anhand von illustrierten Reisebeschreibungen sein eigenes exotisches Bild-Paradies: phantastisch-akribische Tierporträts in Landschaften, die aus den Versatzstücken von Buchillustrationen kombiniert sind. Ute Blaich hat poetische Texte von Georg Heym bis Gernhardt dazu gesetzt. Unter den übrigen Illustratoren sind Michael Sowa (mit einer "Zauberflöte" fürs Papiertheater) und Rotraut Susanne Berner (mit einer schrägen Liebesgeschichte von Wolfdietrich Schnurre). Sie markieren das ehrgeizige Niveau dieses editorischen Debüts, das mit Leinenrücken und Fadenbindung den anhaltenden Trend zum kostbar ausgestatteten Kinderbuch bestätigt. Angesichts der Massen von Billigprodukten ist diese Tendenz zu begrüßen, vor allem, wenn es der Herausgeberin auch künftig gelingt, das Abgleiten zum Coffeetable-Book zu vermeiden.

GUNDEL MATTENKLOTT.

Hans Magnus Enzensberger / Christine Leins: "Mond und Muschel". 24 S., geb., 32,- DM.

Aloys Zötl: "Spaziergang ins Paradies".

32 S., geb., 39,95 DM.

Beide Titel erschienen im Aufbau Verlag, Berlin 2000. Für jedes Alter.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Zwei aufwendige Bilderbücher aus dem Aufbau-Verlag hat sich Gundel Mattenklott angesehen.
1) Enzensberger/Leins: "Mond und Muschel"
Ins Schwärmen gerät sie beim Blättern in Enzensbergers Auswahl von kurzen Texten aus der aztekischen Naturgeschichte, deren Interesse nicht einer "Glaubens- und Wissensvermittlung" gelte, sondern der "ästhetischen Vergegenwärtigung". Auf ähnliche Weise hätten Rilke und Ponge im 20. Jahrhundert "die Dinge in der Sprache neu erschaffen". Viel Mühe gibt sich die Rezensentin dann, die Bilder Christiane Leins in lieblichster Kritikerprosa neu zu erschaffen, deren erstes Bilderbuch in ihr "Vorfreude auf weitere Bilder aus ihrer Hand" geweckt haben.
2) Aloys Zötl: "Spaziergang ins Paradies"
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