Produktdetails
  • Verlag: Residenz
  • ISBN-13: 9783701711994
  • ISBN-10: 3701711992
  • Artikelnr.: 24591803
Rezensionen
Besprechung von 06.05.2000
Der Kreis ist ein Ring um nichts
Vidosav Stevanovic’ Szenen vom Unglück des Krieges
Es gibt Bilder, die Schmerzen bereiten. Die denjenigen, der sie ansieht, unweigerlich zum Flüchtling machen, weil man sie nicht lange erträgt. Man kann die Augen schließen, doch das hilft nicht, man flieht und kommt nicht fort. Das Buch Mit offenen Augen des serbischen Autors Vidosav Stevanovic ist eine Ansammlung solcher Bilder. Schauplätze sind zwei Städte: eine von Soldaten belagerte, und eine von Touristen überlaufenen Metropole.
Vor 1991 war Vidosav Stevanovic Belgrader. Danach lebte er in Griechenland und Frankreich im Exil. Als zwischen den zwei Kriegen in seiner Heimat die serbische Opposition an Kraft zu gewinnen schien, kehrte er zurück, um als Leiter eines Radiosenders im Land zu arbeiten. Dann kam der Kosovo-Krieg und Stevanovic lebt seit 1998 wieder in Paris.
Wer Kriegsbilder nur aus dem Fernsehen kennt, wird bemerken, wie viel weniger flüchtig die fragmentarischen Szenen sind, die Stevanovic mit Worten zeichnet. In gleichbleibendem Rhythmus begegnet man leidenden Kreaturen. Sie bewegen sich autistisch durch die Trümmer ihrer bisherigen Existenz. Scherben der Menschheit, die sich nur durch ein Wort hin und wieder berühren.
Mit offenen Augen ist die Erfahrung eines Zivilisationsbruchs eingeschrieben. Stevanovic gelingt es, am Rande des Sagbaren einen Ton zu treffen, der noch auszuhalten ist, lakonisch, zweifelnd oder bitter. Er macht spürbar, wie Menschen den Krieg in sich tragen, als eine unsichtbare Tätowierung, das Zeichen unumkehrbarer Erfahrung. Der Tod ist auf jeder Seite präsent, seine Fratze ist oft genug ein Milchgesicht. Drastische Vorgänge beschreibt Stevanovic scheinbar emotionslos, aus der Gefühlswelt seiner Figuren heraus. Sie existieren jenseits von Tränen und Trost. Das Erlebte ist nicht integrierbar. ,Mensch’ ist eine Kategorie, der höchstens als Erinnerung ein Sinn zukommt. In der Welt, die Stevanovic beschreibt, gibt es Zielende und Zielscheiben, Soldaten und Nicht-Soldaten. Solange es zwischen beiden kein Zusammentreffen gibt, lebt man.
Im serbischen Original, wie in der französischen Übersetzung, lautet der Titel des Buches anders, „Immer dasselbe”. Konsequenterweise gibt es kein Inhaltsverzeichnis.
Der Junge mit der Katze
Die einzelnen Geschichten verlaufen in zwölf Kreisen und einem Epilog, der seinerseits einen weiteren Kreis schließt: „Der Schriftsteller wird irgendwo anders sein. Es wird ihn nicht geben, auch nicht die Stadt, die weder Stad noch Dunum noch Palam heißt, die nur in seinem Buch Mit offenen Augen existiert. Den Epilog wird sein Bruder schreiben, der Leser. Und du wirst weiterschreiben, Heuchler, solange es Tinte im Füller gibt und solange unter deiner Hand nicht der Junge mit der Katze auftaucht, der einmal ein Junge war, der einmal eine Katze hatte. ”
Dieser Junge mit der Katze ist eine der wenigen Figuren, die einen Namen trägt, andere heißen ,Za‘ oder ,Der Sechste‘. Der kleine Junge weiß nicht mehr wie alt er ist, er streift durch die zerstörte Stadt, spricht mit sich selbst oder der Katze. Manchmal möchte er nach Hause gehen, dort liegen die Leichen der Eltern. Einem Toten, dem die Gedärme aus dem Leib quellen, stiehlt er den Ranzen. Aber das Weiche, was er darin für Nahrung hielt, ist ein abgeschnittener Kopf. Die Verwandlung vom Opfer zum Mörder geschieht mit einem Satz.
Später sucht der Junge nach einer Handgranate. „Sie ist brauchbarer für mich als Nahrung. Meine gute und fröhliche Granate, die ich auf jemanden werfen werde. Egal auf wen. Und wenn auch auf mich selbst. Auf die Menschen in der ganzen Welt. Wenn es noch Menschen gibt. ” Auch hier behauptet sich das Opfer als Mörder. Das ist Stevanovic’ Leitmotiv. Meisterhaft beschreibt er die Herrschaft des endlosen Krieges, den Kreislauf der Gewalt. ,Za‘ gibt sich fremden Männern hin, um sie mit Aids zu infizieren, ,Der Sechste‘ ist Scharfschütze, Mörder des Fünften, und unweigerlich Opfer des Siebenten. Diese Struktur macht das Buch so eindrücklich.
Der Kreis ist bei Stevanovic ein Ring um das Nichts. Es gibt keine Entwicklung. Was geschieht, geschieht heute wie morgen wie gestern und überall. Da es keinen Anfang und kein Ende gibt, ist der Gedanke an ein Entkommen, selbst für den Leser, unmöglich. Die Kreisform wird Ausdruck der Unabänderlichkeit eines Traumas, der kompletten Zerstörung des von der westlichen Zivilisation entworfenen Menschen- und Weltbildes. ,Der Schriftsteller‘ im Buch hat sich in seiner eigenen Stadt verirrt „wie in einem dunklen Wald”. Er trifft aber keinen Vergil mehr und keine Beatrice, nur eine minderjährige Hure nimmt ihn an die Hand, und sagt ,Onkel‘ zu ihm.
Begreift man das Buch, wie Borges vorschlägt, als eine Erweiterung des Gedächtnisses, und neigt man dazu, Nietzsche Recht zu geben, in seiner Behauptung, das wichtigste Hilfsmittel der Mnemotechnik sei der Schmerz, so muß man zugestehen, dass Mit offenen Augen das Äußerste leistet, was ein Buch leisten kann.
CARSTEN HUECK
VIDOSAV STEVANOVIC: Mit offenen Augen. Aus dem Serbischen von Bärbel Schulte. Residenz Verlag, Salzburg 2000. 174 Seiten, 39 Mark.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

In einer Kurzkritik gibt der Rezensent mit dem Kürzel "kmg." im Grunde nur einen Hinweis auf diesen neuen Roman des serbischen Autors, der 1991 nach Paris emigrierte. Der Autor halte hier Kriegsszenen in einem nicht näher bezeichneten Krieg fest, in dem man aber nach den Schilderungen des Rezensenten unschwer den Bosnienkrieg und den Kampf um Sarajewo wiedererkennt. "Gespenstisch" sei das Porträt, das Stevanovic von einem Heckenschützen gebe, der in seinem Unterschlupf "gottgleich" über den Schussbereich seines Gewehrs herrsche.

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