Mein Vater, sein Schwein und ich - Scheerer, Jana

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Es ist ein abenteuerlich anmutender Lebenslauf in skurrilen Episoden, den Jana Scheerer in ihrem ersten Buch erzählt. Mit ihrer außergewöhnlichen Phantasie, dem abgründigen Humor und einem ganz eigenen, schrägen Ton stellt sie den Alltag einer Durchschnittsfamilie in Westberlin auf den Kopf. Hinter der häuslichen, kinderlieben Fassade bricht das Befremdliche hervor: Ein Mietschwein, befindet der Vater, solle die Familienharmonie fördern; das Modell der "Rentnerversorgung" führt zum teuflischen Plan, den unwillkommenen Pensionär im Familienurlaub auf Mallorca auszusetzen; der Vater engagiert…mehr

Produktbeschreibung
Es ist ein abenteuerlich anmutender Lebenslauf in skurrilen Episoden, den Jana Scheerer in ihrem ersten Buch erzählt. Mit ihrer außergewöhnlichen Phantasie, dem abgründigen Humor und einem ganz eigenen, schrägen Ton stellt sie den Alltag einer Durchschnittsfamilie in Westberlin auf den Kopf. Hinter der häuslichen, kinderlieben Fassade bricht das Befremdliche hervor: Ein Mietschwein, befindet der Vater, solle die Familienharmonie fördern; das Modell der "Rentnerversorgung" führt zum teuflischen Plan, den unwillkommenen Pensionär im Familienurlaub auf Mallorca auszusetzen; der Vater engagiert seiner Tochter ein schlechtes Double für den gerade verflossenen Freund im Glauben, sie bemerke den Austausch nicht; ein Groschenroman-Autor verzweifelt, weil ihm die Krisen ausgehen. Und immer weiß die - nur scheinbar naive - Erzählerin in überraschenden Wendungen den Wirren ihrer Zeit charmant zu begegnen.
Autorenporträt
1978 in Bochum geboren, studiert Jana Scheerer Germanistik, Amerikanistik und Medienwissenschaft in Potsdam.
Rezensionen
Besprechung von 01.09.2004
Die Nußcreme de la crème
Pointen gibt's bei "A & P": Jana Scheerers risikoloses Romandebüt

Der Rückblick auf die eigene Kindheit und Jugend der achtziger und neunziger Jahre ist schon länger ein Lieblingsthema deutscher Nachwuchsautoren. Oder, wie man in vielen Fällen wohl besser sagen könnte: der Rückblick auf Markenembleme und Einkaufsriten eines oft als erlebnisarm empfundenen Heranwachsens im Konsum. Denn gerade das, was sogenannte "Coming of age"-Geschichten eigentlich genretypisch kennzeichnet - der erste Liebeskummer, der erste Generationskonflikt, die erste Identitätskrise -, spart die aktuelle Nachwuchsliteratur häufig aus. Wenn junge Autoren hierzulande über ihre Herkunft schreiben, dann bleiben sie oft ganz bewußt an der Oberfläche und verharren in süffisant-witzelnder Betrachtung. Schließlich gilt eine ironische Abstandshaltung zur eigenen Geschichte spätestens seit Fernseh-Ikonen wie Harald Schmidt oder Stefan Raab geradezu als Pflichtpose jugendlicher Coolness.

Nichts scheint so mancher Nachwuchsschreiber deswegen heute mehr zu fürchten, als allzu ernsthaft zu wirken, sobald er von sich selber spricht. Eine Angst, die offenbar auch Jana Scheerer, Jahrgang 1978, umtreibt. Ihr Debüt "Mein Vater, sein Schwein und ich" ist weniger ein Roman als eine Pointenparade in Gagschreiber-Manier. Der jeweils erste Satz, mit dem alle siebzehn Kapitel ihres Buches beginnen, lautet immer ähnlich und gibt früh den lakonischen Tonfall vor. "Während ich geboren wurde", beginnt gleich das erste Kapitel, "jagte mein Vater einen Grizzlybären." Ein nachfolgendes Kapitel fängt an: "Als ich neun war, bekamen wir einen Rentner." Und wieder später steigt die Autorin ein: "Als ich zwölf war, mietete mein Vater ein Schwein." Das sind alles keine schlechten Anfangssätze, weil sie einen unwillkürlich neugierig machen.

Doch es sind gleichzeitig Sätze, die weniger nach Literatur klingen als nach dem Einstieg in ein Kabarettprogramm. Denn sie operieren mit jenem bewährten Kniff der amerikanischen Gagschreiber-Schule, wonach man - um sofort die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen - am besten gleich zu Anfang zwei Sachverhalte miteinander in Beziehung setzt, die eigentlich überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Nach einem solchen set up, einem verwirrend-verheißungsvollen Einleitungssatz, stutzt der Zuhörer (respektive: Leser) und wird sich womöglich fragen, was die Geburt eines Kindes mit einer Grizzlybärenjagd zu tun hat, was eine Neunjährige mit einem Rentner verbindet - und warum der Vater einer Zwölfjährigen sich ausgerechnet ein Schwein mietet. Die Technik des set up könnte man also als Kunst der humorvollen Verrätselung bezeichnen, auf die ein Publikum dann allerdings auch eine ebenso humorvoll-überraschende Antwort erwartet.

Und genau daran hapert es leider allzuoft in Scheerers Debüt. Da mag die junge Autorin noch so oft mit schön-skurrilen Einleitungssätzen aufwarten - der punch, die nachfolgende Pointe, klappert doch nur allzu häufig lasch hinterher. Von daher verzeiht man ihrer parodierenden Jugendchronik zwar, daß alle siebzehn Episoden lediglich Nebenkriegsschauplätze des Erwachsenwerdens behandeln und insgesamt ziemlich lebensfern wirken, weil in ihnen ebengenau jene Krisen fehlen, die man als Kind und Teenager zwangsläufig durchlebt. Auch die Markenhörigkeit Scheerers mag man noch als bewußt inszenierten Verulkungsgestus auf eine Markengeneration interpretieren, wonach sie dann sogar Bücherregale mit dem Zusatz "Ikea" versieht, fast jeden Nahrungsartikel akribisch verortet ("Neben dem Herd stand eine leere Dose von A & P") und keine Fernsehsendung ohne Titel läßt, von der "Linden"- bis hin zur "Sesamstraße".

Doch stößt bei der Lektüre ihres Debüts irgendwann auf, daß die Wendungen meistens viel zu harmlos und vorhersehbar ausfallen. Der Gag mit dem Grizzlybären erschöpft sich darin, daß der Grizzlybär die Kühlbox der Familie ausräumt, aber ansonsten keine "Mc Ribs", die der Vater als Köder von Mc Donald's besorgt. Die Episode mit dem zugelaufenen Rentner endet, indem der Rentner der Familie wieder "entläuft". Und das vom Vater gemietete Schwein wird von der Tochter schließlich durch ein gemietetes Huhn ersetzt. Das mögen Abschlüsse sein, aber überraschende Pointen?

Sex, Drogen, Gewalt, Politik oder gar Herzensgefühle spielen in Scheerers sehr heilem und bürgerlich-wohlgeordnetem Einzelkindkosmos keine Rolle, der wirkt, als wäre er einer jener Familienserien des Vorabendprogramms entnommen, in denen heranwachsende Töchter stets nur solche Probleme haben, die Väter sofort mit einem altväterlichen Spruch beheben können. Bei Scheerer ist die Lage sogar noch weiter entschärft. Denn die Tochter hat so gut wie gar keine Probleme, während der Vater den liebenswerten Schussel gibt. Eigentlich banale Mißgeschicke werden auf diese Weise zu wahren Schicksalsdramen aufgezwirbelt. Etwa dort, wo der Vater ein Glas "Nusspli" statt ein Glas "Nutella" auf den Frühstückstisch stellt. Oder sich unter dem Vorwand, der Tochter einen Parkplatz freihalten zu müssen, ungebeten in ihrer Studentenbude breitmacht. Oder selbst noch beim Verrücken eines Bücherregals nichts Geringeres anstellt, als gleich das ganze Wohnzimmer zu verwüsten. "Papa", ruft die Tochter an dieser Stelle, "lebst du noch?" - "Ja", antwortet der Vater. - "Und das Regal?" - "Nicht mehr."

Es ist diese Art braver Komik höherer Töchter, die einfach viel zu gut gemeint ist, um einem ein Lächeln abzuringen - und leider viel zu stark dieses Buch durchzieht, als daß man dessen wirklich originelle Einfälle noch wahrnehmen würde. Jana Scheerer hat zweifellos Talent für solche Einfälle. Schade nur, daß ihr anscheinend kein Lektor gesagt hat, daß auch die scheinbar leichtfüßige Kunst der lakonischen Betrachtung ein bißchen mehr Mut zum Risiko verlangt - und zur Selbstpreisgabe.

GISA FUNCK

Jana Scheerer: "Mein Vater, sein Schwein und ich". Roman. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2004. 148 S., geb., 17,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Manchmal fragt man sich, ob die sogenannten "jungen Autoren" wirklich alle nur über Marken schreiben, oder ob die Kritiker nichts anderes mehr wahrnehmen. Doch zugegeben: Gisa Funcks Schelte zielt weniger auf die lapidare Art der Kindheitserinnerung (daran hat sie sich schon gewöhnt), als vielmehr darauf, dass Jana Scheerer witzig sein will, aber nicht witzig ist. Ihr Debüt, schreibt die Rezensentin, ist nämlich "weniger ein Roman als eine Pointenparade in Gagschreiber-Manier", doch leider sind die Gags lau. Funck schiebt das einerseits auf die Belanglosigkeit der Handlung: "Sex, Drogen, Gewalt, Politik oder gar Herzensgefühle spielen in Scheerers sehr heilem und bürgerlich-wohlgeordnetem Einzelkindkosmos keine Rolle." Andererseits befleißige sich Scheerer einer "Art braver Komik höherer Töchter, die einfach viel zu gut gemeint ist, um einem ein Lächeln abzuringen". Talent sei durchaus vorhanden, das schon. "Schade nur, dass ihr anscheinend kein Lektor gesagt hat, dass auch die scheinbar leichtfüßige Kunst der lakonischen Betrachtung ein bisschen mehr Mut zum Risiko verlangt - und zur Selbstpreisgabe."

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