Massenverbände und Massenparteien im wilhelminischen Reich - Grießmer, Axel
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Die Wählermobilisierung durch nationale Agitationsverbände - wie Deutscher Flottenverein, Reichsverband gegen die Sozialdemokratie und Alldeutscher Verband - war ein neues Phänomen. Ihr Engagement im Wahlkampf und die Wandlung von Lobbyisten zu Wahlkämpfern waren eine wesentliche Voraussetzung für die "Fundamentalpolitisierung" im wilhelminischen Reich. Zugleich wirkte sich die Wählermobilisierung durch Agitationsverbände nachhaltig auf die bürgerliche Wahlkultur aus.…mehr

Produktbeschreibung
Die Wählermobilisierung durch nationale Agitationsverbände - wie Deutscher Flottenverein, Reichsverband gegen die Sozialdemokratie und Alldeutscher Verband - war ein neues Phänomen. Ihr Engagement im Wahlkampf und die Wandlung von Lobbyisten zu Wahlkämpfern waren eine wesentliche Voraussetzung für die "Fundamentalpolitisierung" im wilhelminischen Reich. Zugleich wirkte sich die Wählermobilisierung durch Agitationsverbände nachhaltig auf die bürgerliche Wahlkultur aus.
  • Produktdetails
  • Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien Nr.124
  • Verlag: Droste Verlag
  • Seitenzahl: 338
  • Erscheinungstermin: Januar 2000
  • Deutsch
  • Abmessung: 231mm x 156mm x 29mm
  • Gewicht: 619g
  • ISBN-13: 9783770052288
  • ISBN-10: 3770052285
  • Artikelnr.: 08991794
Rezensionen
Besprechung von 09.10.2000
Nationale Schleppdienste
Massenverbände bei den Reichstagswahlen zwischen 1903 und 1912

Axel Grießmer: Massenverbände und Massenparteien im Wilhelminischen Reich. Zum Wandel der Wahlkultur 1903-1912. Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 124. Droste Verlag, Düsseldorf 2000. 338 Seiten, 78,- Mark.

Für die Verfassung des Norddeutschen Bundes von 1867, die fast unverändert zur Verfassung des Kaiserreichs von 1871 wurde, hatte Bismarck gegen konservative Widerstände das allgemeine und gleiche (Männer-)Wahlrecht für Reichstagswahlen durchgesetzt. Vordergründig wirkt dies wie eine Konzession an Forderungen der Revolution von 1848/49. Tatsächlich entsprang es politischem Kalkül: In Verbindung mit dem Mehrheitswahlrecht und angesichts von Parteien, die damals allenfalls lokal organisierte Honoratiorenvereine mit vielfältigen Einflußmöglichkeiten am Wahltag waren, hoffte der Kanzler, immer wieder ein willfähriges Parlament vorzufinden.

Bald sah er, daß seine Hoffnung getrogen hatte. Mit Kulturkampf und Sozialistengesetz wollte er nicht zuletzt das Erstarken oppositioneller Parteien verhindern. In beiden Fällen scheiterte Bismarck bekanntlich: Bei seinem Abgang 1890 verfügten Katholizismus wie Arbeiterbewegung über starke Parteien und Sprachrohre im Reichstag. Das Zentrum und die SPD galten - wenn auch in sehr unterschiedlichem Maß - aus der Sicht der Regierung und des protestantisch geprägten Bürgertums, das sich von Liberalen oder Konservativen repräsentieren ließ, als national unzuverlässig.

Vor allem die SPD mit dem stetigen Anwachsen ihrer Reichstagsfraktion ängstigte die bürgerlichen Kräfte, die ihre Hoffnung auf die proklamierte "Weltpolitik" spätestens in der Wahl von 1903 mit den von der SPD erzielten gut 20 Prozent der Mandate gefährdet sahen. Besonders herausgefordert fühlten sich von diesem Ergebnis die "Nationalen Verbände", in erster Linie der Flotten-Verband (FV) und der Alldeutsche Verband (AdV), die sich bis dato als Pressure-groups und Lobby-Verbände zur Förderung dieser Weltpolitik verstanden hatten. Hinzu kam der 1904 gegründete "Reichsverband gegen die Sozialdemokratie" (RgS), der sein Programm schon im Namen trug.

Über die der Mitgliederzahl nach ganz verschiedenen Verbände (FV und RgS waren Massenorganisationen; der AdV wähnte sich eher als Avantgarde) ist schon viel geschrieben worden, und in der Forschung zum Kaiserreich und speziell zur Herausbildung des aggressiven Nationalismus im deutschen Bürgertum wurden ihnen unterschiedliche Funktionen zugewiesen. Kaum bekannt war bisher das konkrete Engagement der Verbände bei Reichstagswahlen, das Grießmer in einer geschickt komponierten Verbindung von allgemeiner Perspektive und lokalen oder regionalen Beispielen auf der Basis einer nicht durchgängig günstigen Quellenlage ausleuchtet.

Dabei zeigt sich, daß nach den Erfahrungen von 1903 diese Verbände nicht mehr nur Lobby-Arbeit betrieben, sondern sich bei nächster Gelegenheit gezielt im Wahlkampf engagierten und dabei von der SPD lernten. Die nächste Reichstagswahl, die "Hottentottenwahl" von 1907, bot dafür die ideale Kulisse. SPD und Zentrum hatten die Regierung durch Opposition gegen die Kolonialpolitik dermaßen unter Druck gesetzt, daß Reichskanzler von Bülow das Parlament auflösen und Neuwahlen ansetzen ließ, die unter der Kolonialparole den "Nationalen Verbänden" optimale Bedingungen lieferten. Zudem gelang es erstmals seit längerer Zeit, ein Kartell von Konservativen und Liberalen, den "Bülow-Block", zu zimmern, der schon vor der Wahl durch Abkommen für mögliche Stichwahlen dem Zentrum und der SPD entgegentrat.

Die vielfältigen Kampfformen, die die vorgeblich überparteilichen Verbände gegen SPD und Zentrum einsetzten, vom Einfluß auf die Kandidatenaufstellung über die eigentliche Kampagnentätigkeit mit Flugblättern, Wahlversammlungen und "Wahllistenbetreuung" bis hin zu "Schleppdiensten" am Wahltag, kann Grießmer in zahlreichen Details schildern. Er macht deutlich, wie sehr diese Art des Wahlkampfs gegenüber früheren Zeiten eine grundlegende Mobilisierung und somit Politisierung im Wilhelminischen Reich bewirkte.

Der Teilerfolg der Verbände mit der Kampagne von 1907, nämlich Mobilisierung von Nicht- und Wechselwählern für die "national zuverlässigen" Parteien und (trotz größerer Stimmenzahl) Halbierung der Mandatszahl der SPD (bei leichten Gewinnen des Zentrums), war aber nur eine vorübergehende Erscheinung. Der Zerfall des Bülow-Blocks zwei Jahre später und damit der Zwang zur Aufgabe der (faktisch immer nur als Neutralität zwischen Liberalen und Konservativen interpretierten) Überparteilichkeit, die inneren Konflikte über die Frage der je eigenen Ausrichtung und die Erfolge der SPD, die bei der Reichstagswahl 1912 zur stärksten Fraktion wurde, ließen die Verbände massiv an Bedeutung verlieren. Ihre Wirkung auf Wahlkampfmethoden und auf die Form innerer Auseinandersetzung war dagegen unumkehrbar und prägte mit der spezifisch nationalistischen Agitation die bürgerliche Wahlkultur auch für die folgenden zwei Jahrzehnte.

WOLFGANG ELZ

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Der "nicht durchgängig günstigen Quellenlage" zum Thema sieht Wolfgang Elz mit der vorliegenden Beitragssammlung durchaus Erhellendes abgerungen. Die konkreten Aktivitäten der "Nationalen Verbände", insbesondere des Alldeutschen und des Flotten-Verbands, bei den Reichstagswahlen zwischen 1903 und 1912 - bislang wenig bekannt - leuchte Axel Grießmers Buch in einer Verbindung von allgemeiner Perspektive und lokalen oder regionalen Beispielen aus. Beeindruckt zeigt sich der Rezensent von den detailreichen Schilderungen zu den vielfältigen Wahlkampfmethoden der Verbände gegen die Erstarkung sozialdemokratischer Kräfte. Auf diese Weise vermittelt Grießmer einen Einblick in die Mechanismen der Politisierung im Kaiserreich.

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