Produktdetails
  • Verlag: Schöffling
  • ISBN-13: 9783895610714
  • ISBN-10: 3895610712
  • Artikelnr.: 24209664
Rezensionen
Besprechung von 04.01.2001
Eins und doppelt
Szenen einer Kindheit, im Zeichen des Ginkgoblatts geschrieben: Isabel Boltons „Mary und Grace”
„Wenn ich jene Stunden der Kindheit wieder aufleben lasse, . . . habe ich vor mir nicht mich, sondern sie – mein lebendiges Ebenbild . . . Ich sehe mein eigenes Gesicht, meine eigenen dunklen Augen, mein eigenes dunkles Haar, ich höre meine Stimme, meinen Tonfall . . . die Worte, die von ihren Lippen kommen, sind die meinen . . . Denselben Schwingungen anheim gegeben, denselben Dissonanzen und Harmonien antwortend, waren wir eins, körperlich und seelisch. Was der einen widerfuhr, widerfuhr im selben Augenblick der anderen. ”
So erzählt Isabel Bolton im Vorwort zu ihrer Erinnerung „Mary und Grace”, dem zweiten Buch dieser spät wiederentdeckten amerikanischen Schriftstellerin, das jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist. Vielleicht ist es diese spiegelbildliche Selbsterfahrung, die ihrem Schreiben die charakteristische Verquickung von genauer, innerster Kenntnis und unangestrengter Distanz verleiht. Und vielleicht ist es der frühe Verlust ihres Alter Ego, der sie so spät erst zum Schreiben kommen ließ.
Das „Wir”, als das die erinnernde Mary sich und die Zwillingsschwester erlebt, ist von der Doppeldeutigkeit eines Ginkgoblatts: Ist es eins, das sich entfaltet, oder ist es zwei, die eins werden? Jedenfalls ist es eine brisante Einheit, die immer wieder in Frage gestellt, angezweifelt und doch immer wieder überwältigend bestätigt wird. „Der Anlass zu unseren Streitigkeiten war unterschiedlich, aber immer handelte es sich um den unbewussten Versuch, eine eigene Identität zu etablieren. ” Glück des Einsseins im Wechsel mit der irritierenden Erfahrung, nicht von vornherein ein erkennbar Eigenes sein zu können.
Isabel Boltons „Erinnerung” ist die Kindheitsgeschichte von fünf Geschwistern, darunter das Zwillingsschwesternpaar, die durch den etwas rätselhaften und frühen Tod ihrer Eltern zu höchst eigenwilligen Waisen geworden sind. Sie werden der Großmutter in der sanft verwahrlosenden Villa anvertraut, aus der Ferne dirigiert von dem eleganten Onkel Jim und dessen resoluter Frau Anna, die mit ihren wohlerzogenen Töchtern und einem Sohn ein Haus in einer vornehmeren Gegend bewohnen. Beiläufig und ohne besondere Betonung wird in der Schilderung der Haushalte der haarscharfe Unterschied von Arm und Reich innerhalb der spätviktorianischen Oberschicht einer kleinen Provinzstadt unweit der Atlantikküste mitgeteilt.
Überhaupt entwickelt sich das Szenarium dieser Kindheit aus der Anschauung der Zwillinge, nach deren Maßstäben, nicht aus dem Besserwissen der älteren Autorin. Die Großmutter ist eine zierliche Figur, die, einen weißen Schal um die Schultern, stumm am Kamin sitzt. Eines Tages sitzt sie nicht mehr dort, und die robuste „Tante” Julia nimmt ihren Platz ein. Nicht lange jedoch, denn dann wird diese wegen Missverhaltens durch die verschroben-feinsinnige Miss Rogers ersetzt, eine von Tausenden angelsächsischer Gouvernanten, die in der besseren Gesellschaft verschlissen wurden und, um sich aufzuwerten, die Kinder unter ihrem emotionalen Frust leiden ließen. Die Methoden von Miss Rogers zur Zähmung der widerspenstigen Zwillinge sind keineswegs zimperlich. Außer dem unbeirrten Vorlesen des Korintherbriefs als Beruhigungsmittel greift sie schon mal zu eiskalten Bädern, und man fühlt den schwer erworbenen Frieden mit, wenn sich die kleinen Mädchen bibbernd im selben Bett aneinander schmiegen, während die ältere Schwester ein sanftes Musikstück auf dem Piano spielt.
Wenigstens für Stunden gelingt es ihrer unbändigen Freiheitslust, ihrer sinnlichen Phantasie und einer geradezu pantheistischen Naturhingabe, den Ritualen und Reglementierungen zu entkommen, denen sie allenthalben unterliegen. Ihre Fragen allerdings bleiben, wie meist, von den Erwachsenen unbeantwortet. Was zum Beispiel war der Tod, an den sie im allabendlichen Gebet erinnert wurden? Und „könnte es sein, dass eine von uns vor der anderen sterben könnte? Das schien uns ganz unvorstellbar. ” Und was, bitte schön, war eine Seele, die Gott dann einmal zu sich nehmen würde, und besaßen sie selbst auch eine solche? Die Dinge zwischen Himmel und Erde sind der kindlichen Deutung überlassen. Aus den Augenwinkeln, aber hoch aufmerksam nehmen die Mädchen ihr menschliches Umfeld wahr und tauschen sich auf ihre Weise schonungslos darüber aus: Über den jovialen und oberflächlichen Onkel Jim, über die entschiedene und alles entscheidende Tante Anna, über die Nebenfiguren der „Hofhaltung” in der feinen Villa am Meer, dem ersehnten und gefürchteten sommerlichen Refugium. Dass sie nicht dazugehören, eigentlich unerwünscht sind, die armen Verwandten eben, nehmen sie bei allem Schmerz ohne Sentimentalität zur Kenntnis. Das Sentimentale wird von Miss Rogers verwaltet. Und auch sie wird durchschaut, toleriert und sogar geliebt.
Es gibt Gelegenheiten, bei denen sich das Ginkgoblatt zu teilen scheint. Mary allein erlebt eine schwere Lungenentzündung, und sie prahlt: „Ich wäre beinahe gestorben”, was die andere mit Ehrfurcht erfüllt. Und Mary schreibt auch als Erste ein Gedicht, das Grace nur bewundern kann.
Mit einem Sommer am Meer endet das Buch, endet die Kindheit der Schwestern, endet unwiederbringlich auch dieses Eins-im-andern-Sein. Beim Schwimmen geraten sie zu weit ins Meer hinaus, Grace ertrinkt an der Seite der Schwester. Als Letztes hörte diese sie sagen: „Liebe Mary, wie ich dich liebe. ” Tröstliche Halluzination? In der Erinnerung aufgehobene unverlierbare Erfahrung.
Die übliche Frage nach dem Anteil des Autobiografischen stellt sich hier gar nicht erst. Es ist offenkundig eigener Lebensstoff, der hier vorgeführt wird, aber wie sensibel, wie glaubhaft in den realen Details, wie leicht und wie kunstvoll! Hier ist eine große Erzählerin am Werk. Hannah Harders hat die Atmosphäre dieser vertrackten wunderbaren Geschichte mit allen Zwischentönen ins Deutsche gebracht.
KYRA STROMBERG
ISABEL BOLTON: Mary und Grace. Eine Erinnerung. Aus dem Amerikanischen von Hannah Harders. Schöffling & Co. , Frankfurt/M. 2000. 200 Seiten, 36 Mark.
Isabel Bolton
Foto: Schöffling-Verlag
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Michael Schmitt lässt keinen Zweifel daran, dass er Isabel Bolton für eine großartige Autorin hält. Dies habe sie auch mit dem vorliegenden Band gezeigt, in dem sie ihre eigene Kindheit schildert: Früh verwaist sind die Zwillinge Mary und Grace mit zahlreichen Geschwistern bei der Großmutter und Onkeln und Tanten aufgewachsen. Im Alter von vierzehn Jahren jedoch verunglückt Grace tödlich. Im Vordergrund stehen für den Rezensenten nicht nur die komischen Seiten, die dieses Buch trotz der tragischen Familiengeschichte hat (etwa die zahlreichen Streiche, die die eineiigen Zwillinge ihrer Umgebung spielen), sondern auch die Zwiesprache, die Mary mit ihrer ertrunkenen Schwester hält. Schmitt zeigt sich besonders fasziniert von der Art, mit der Bolton frühe Erinnerungen einfängt: So erscheinen die Bilder der früh verstorbene Eltern nur bruchstückhaft, überlagern sich, "treten hervor wie Traumbilder", bevor sich die Erinnerungen nach und nach verfestigen, verwischte Eindrücke immer mehr zu "abgerundeten Geschichten" werden.

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