Ljod. Das Eis - Sorokin, Vladimir
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Ein Roman über die menschliche Suche nach dem verlorenen Paradies. Ironisch greift der russische Kultautor Vladimir Sorokin in seinem neuen Buch Themen zeitgenössischer Fantasien und populärer Alltagsmythen auf. Es entsteht ein sehr unterhaltsamer, atemberaubend spannender Text, der in seiner zeitkritischen Doppeldeutigkeit an Bret Easton Ellis, Michel Houellebecq oder Christian Kracht erinnert. Im zeitgenössischen Moskau ist eine geheimnisvolle Sekte auf der Jagd nach Menschen, die ein "lebendiges Herz" besitzen. Nur diejenigen ihrer gekidnappten Opfer überleben, deren Herz zu "sprechen"…mehr

Produktbeschreibung
Ein Roman über die menschliche Suche nach dem verlorenen Paradies. Ironisch greift der russische Kultautor Vladimir Sorokin in seinem neuen Buch Themen zeitgenössischer Fantasien und populärer Alltagsmythen auf. Es entsteht ein sehr unterhaltsamer, atemberaubend spannender Text, der in seiner zeitkritischen Doppeldeutigkeit an Bret Easton Ellis, Michel Houellebecq oder Christian Kracht erinnert.
Im zeitgenössischen Moskau ist eine geheimnisvolle Sekte auf der Jagd nach Menschen, die ein "lebendiges Herz" besitzen. Nur diejenigen ihrer gekidnappten Opfer überleben, deren Herz zu "sprechen" beginnt, nachdem es mit einem Eishammer getroffen wurde. Schnell stellen diese fest, nach der ekstatischen Erfahrung des "Herzkontakts" kein normales Leben mehr führen zu können - im Vergleich sind alle anderen Empfindungen schal. Sie gehören nun zu einer geheimen Bruderschaft, die ihre spirituelle Kraft aus dem urzeitlichen Eis des sibirischen Tunguska-Meteoriten schöpft. Die Sekte zählte bereits in Hitlers SS und in Stalins Geheimgarde Mitglieder und verfolgt das Ziel, die von Sex und Gewalt verdorbene Erde auszulöschen und zur ewigen Existenz zurückzukehren.
Der Roman verbindet in seinen vier Teilen meisterhaft die verschiedenen Genres der Action- und Fantasyliteratur und des modernen russischen Kriminalromans mit pikaresken und satirischen Elementen. Die Vielzahl seiner möglichen Interpretationen wird wohl so schnell nicht ausgeschöpft sein. Wie AiF begeistert konstatiert: "Vladimir Sorokins neuer Roman stellt den Höhepunkt seines Œuvres dar."
  • Produktdetails
  • Verlag: BERLIN VERLAG
  • Seitenzahl: 348
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 480g
  • ISBN-13: 9783827004932
  • ISBN-10: 3827004934
  • Artikelnr.: 12041234
Autorenporträt
Vladimir Sorokin, geb. 1955, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Russlands. Er ist einer der schärfsten Kritiker der politischen Eliten Russlands und sieht sich regelmäßig heftigen Angriffen regimetreuer Gruppen ausgesetzt.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.08.2002

Die Eistester
Ist das Pornographie? Wladimir Sorokins jüngster Roman "Ljod"

MOSKAU, im August

Nachdem die von der Moskauer Staatsanwaltschaft bestellten Experten in Wladimir Sorokins drei Jahre altem Roman "Himmelblauer Speck" Passagen entdeckten, die sie für pornographisch halten (F.A.Z. vom 7. August), ließ man vorsichtshalber auch Sorokins neuestes Buch, den Roman "Ljod" (Eis), auf Sittenwidrigkeit überprüfen. Diesmal war der Befund negativ. Das in diesem Jahr erschienene Werk enthält einige wenige Sex-Szenen, die von Sorokin erbarmungslos protokollarisch geschildert werden. In der früheren Prosa des Schriftstellers, dessen künstlerischer Blick mit der Zeit philosophische Abgeklärtheit gewonnen hat, hätte man erheblich mehr solcher Stellen finden können.

Das nährt den Verdacht, daß sich die Säuberer der russischen Kultur gar nicht so sehr über Pornographie aufregen, zumal echte Pornographie an jeder Straßenecke zu haben ist und etwa der Kampf gegen die Internet-Vertreiber von pädophilen Bildern am zähen Widerstand der Moskauer Staatsanwaltschaft scheitert. Außer in Thailand gibt es heute nur in Rußland kein Gesetz zur Kinderpornographie. Die in "Himmelblauer Speck" beanstandete Szene zeichnete sich unter allen anderen Sorokinschen dadurch aus, daß Stalin und Chruschtschow beziehungsweise deren Klone geschlechtlich miteinander verkehrten. Daß das von diesen Figuren besetzte höchste Staatsamt berührt wird, scheint für die Jugendorganisation "Zusammengehende", der die Herdengemeinschaft unter präsidialer Protektion das oberste Gebot ist, den Ausschlag gegeben zu haben.

Während die Jungkarrieristen beim bewunderten und gefürchteten Staatsmoloch Führung und Futter suchen, produziert der literarische Blick des von ihnen geschmähten Sorokin auf ebendiesen Moloch Visionen von Gewalt und Ekstase, die sich mit dem historischen Fortschritt in Unterhaltungstechniken verwandeln. Rußland übernimmt beständig westliche Techniken, um sich selbst zu verwalten und zu definieren, vom Absolutismus über den Kommunismus bis zum liberalen Kapitalismus. Auf dem russischen Boden nehmen diese Importwaren leicht etwas allzu buchstäbliches, grimassenhaft übermächtiges an, so daß sie dem westlichen Blick als böse Parodie erscheinen können. Diese von Kultursedimenten wenig vermittelt und gepolsterte Welterfahrung, die freilich ihre eigene Raffinesse und eine besondere Spiritualität hervorbringt, ist von russischen Philosophen oft beschrieben worden und gilt als Grund, weshalb Philosophie, Literatur und Religion sich in Rußland so schwer voneinander trennen lassen.

Sorokins Werk ist hierfür ein Paradebeispiel. Es gehört zu seinen Erkennungszeichen, daß bei ihm sprachliche Wendungen, an deren übertragene, bildliche Bedeutung man sich gewöhnt hat, eine erschreckende Buchstäblichkeit zurückgewinnen. Wenn brave sowjetische Konsumenten Fäkalien essen, wenn ein Mensch namens Roman zuerst Mitmenschen und dann sich selbst verhackstückt, wenn unter dem platonischen Titel "Gastmahl" die Gefräßigkeit unserer Zivilisation, die Probleme von Liebeshunger oder geistiger Nahrung als konkrete Eßphänomene verhandelt werden, so steckt darin neben einem zwanghaften Humor auch ein nicht nur sprachlicher Ernst, der immer wieder neu verstören kann.

Die Helden seines neuesten Romans sind die Überlebenden eines brutal-mystischen Erweckungsrituals, das durch Hammerschläge auf den Brustkorb das Herz zum Sprechen bringt. Auf diese Weise werden ein Jugendlicher vom Schlag Beavis & Butthead, eine Prostituierte und ein neurussischer Geschäftsmann Mitglieder eines Geheimordens blonder, blauäugiger Hyperboreer, die sprach- und sexfrei von Herz zu Herz kommunizieren. Daß ungezählte "taube Nüsse", in nichts schlechter oder besser als die Erwählten, von den Rekrutierungskommandos ohne Bedauern als wertlose Fleischmaschinen liquidiert werden, macht das Scheitern der Normalweisheit existentiell spürbar. Wie sich durch eine volkstümliche Erzählung herausstellt, nistete der Orden, der davon träumt, kraft seiner kollektiven Erleuchtung die defekte Welt zum Verschwinden zu bringen, schon im Busen von Hitlers SS und Stalins Geheimgarde und verklammerte die totalitären Staaten miteinander, während sie einander bekriegten.

Spirituelle Kraft bezieht die Herzensbruderschaft von der außerirdisch philosophischen Kälte des Meteoriteneises aus dem sibirischen Tungus, ihrem galaktischen heiligen Gral, in dem sich der Traum aller konservativen russischen Revolutionäre vom "Einfrieren" ihres Landes materialisiert. Der geistige Treibhauseffekt läßt sich freilich nur verzögern. Unter den gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnissen hungert auch die himmlische Substanz nach Investitionen und wird in eine Aktiengesellschaft mit westlicher Beteiligung umgewandelt. Die Frucht der friedlich kommerziellen Erschließung ist ein eisbetriebener Erlebnisapparat, der ohne gesundheitliche Risiken die Erfahrungen von Allmitleid, Allverbundenheit und Erleuchtung den normalen Menschen zugänglich macht. Das bezeugen unterschiedliche Testpersonen: etwa ein Filmregisseur, eine Geschäftsfrau, ein Rentner oder ein Priester, die je nach Alter und sozialem Umfeld den Eistrip mit eigenen Visionen auskleiden. Doch es bleibt einem Knaben vorbehalten, die Dinge zu einem Ende zu führen: Das Buch verabschiedet den Leser mit dem Bild des Jungen, der Reste der frierenden Substanz in seinem Bettchen mit dem Wärmetod beglückt.

KERSTIN HOLM

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Katharina Granzin nennt das neue Buch des russischen Skandalschriftstellers einen "echten Sorokin" und das scheint ein Kompliment zu sein. Jedenfalls ist sie beeindruckt von der Eindringlichkeit der Erzählung, die eine wilde Abhandlung über "Rassenwahn, Naziästhetik, politischen Fanatismus und kalte Menschenverachtung" ist: "Der Roman unterwirft uns seiner eigenen eisigen Moral". Granzin entdeckt in dieser Erzählung einige Parallelen zu seinem Roman "Der himmelblaue Speck", zum Beispiel dass eine "symbolhafte Substanz Katalysator der Handlung" ist. Die Handlung kommt nach Meinung der Rezensentin im ersten Teil des Buches jedenfalls sehr "mysteriös, aber spannend" daher. Dafür werden aber im zweiten Teil die Hintergründe umso ausführlicher erklärt und zu einem "kurzen Abriss des Totalitarismus" verarbeitet. Nur mit den beiden Schlussteilen kann Granzin nicht so viel anfangen - das Ende des vierten Teil des Buches erscheint ihr sehr kitschig und sie kommentiert leicht pikiert: "Das kann ja wohl kaum des Postmodernisten Ernst sein".

© Perlentaucher Medien GmbH
"Dieser Roman zieht die Summe des verrückten 20. Jahrhunderts und markiert den vorläufigen Gipfel in Sorokins Schaffen." (Tagesspiegel)

"In LJOD. Das Eis macht der Autor seinem Namen als bedeutendstes enfant terrible der russischen Literatur alle Ehre." (taz)

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 06.10.2003

Brüder, zur Sonne, zum Lichte empor
Mit dem Eishammer gegen das Brustbein gefahren: Vladimir Sorokin befreit Russland von sich selbst
Jemand hat Leonid Batow gegen die Brust geklopft: Jetzt erinnert sich der Filmregisseur an seine Kindheit in der russischen Provinz. Ein Specht ist in einem Wäldchen in der Nachbarschaft aufgetaucht, schwarz, mit zottigen weißen Füßen, weißem Kopf und größer als alle Spechte, die man dort je gesehen hat. Wie besessen hat dieser Specht gehämmert, schallend laut und ohne Pause. Doch dann hat ihn ein Knabe mit einem Stein vom Baum geschossen und an einem Ast aufgehängt, mit dem Kopf nach unten. Er habe schrecklich heulen müssen, berichtet Leonid Batow. Und weint wieder über den Tod des Vogels, heftiger noch als damals. Denn Leonid Batow ist aufgeklopft worden; er hat sein Herz entdeckt, und sein Herz spricht, was alle Herzen sprechen: nur Worte der Liebe.
Vom Klopfen handelt „Ljod” oder „Das Eis”, der jüngste Roman des russischen Schriftstellers Vladimir Sorokin, das Manifest einer metaphysischen Sehnsucht, der nichts gewisser ist als das Unsinnige ihrer selbst. Um Menschen geht es, denen ein Hammer aus dem Eis eines Meteoriten mit großer Kraft gegen die Brust fährt, als seien sie Nüsse oder Krustentiere, deren Schale zerschlagen werden müsse. Die meisten sterben bei dieser umgekehrten Teufelsaustreibung, und sie werden von den Agenten des himmlischen Eises liegengelassen – als taube Nüsse, leere Panzer, seelenlose Fleischmaschinen.
Bei den anderen aber, den Auserwählten beginnt das Herz zu glühen, sich zu regen und zu reden, als sei es ein eigenständiges Wesen. Dreiundzwanzigtausend Wesen dieser Art gebe es auf der Erde, behauptet der Erzähler, und wenn sie alle aufgeklopft seien, dann reichten sie einander die Hände und würden erlöst – und die Erde, dieser schreckliche Irrtum der Schöpfung, vergehe in einer lichten Wolke. Dem allmählichen Aufklopfen der Welt im Allgemeinen und Russlands im Besonderen, dem Siegeszug einer Bruderschaft der Herzen, ist dieser Roman gewidmet.
Vladimir Sorokin erzählt eine abenteuerliche, grausame, märchenhafte Geschichte, und er erzählt sie mit gleichsam kindlicher Fantasie. Die Szenen arrangiert er, als müsse er eine Bühne aufbauen oder einen Film drehen, Regieanweisungen eingeschlossen: „Ein dunkelblauer Geländewagen, Marke Lincoln Navigator, fuhr ein. Stoppte. Im Scheinwerferlicht zu sehen: Betonfußboden, Ziegelwände, Trafokästen, Rollen mit Erdkabel, ein Dieselkompressor, Zementsäcke, ein Bitumenfass, eine zerbrochene Tragbahre, drei leere Milchtüten.”
Die Angst vor dem Nichts
In wilder Fahrt zuckt diese Fantasie durch reale und irreale Räume, hinunter in die Niederungen des populären Schunds, kreuz und quer durch Verschwörungstheorien, sowjetische Geheimdienste und nationalsozialistische Kader, hinauf in die Erweckungsträume mehr oder minder obskurer Sekten. Kraftvoll ist diese Fantasie, bunt ist sie auch – doch vor allem so panisch wie die Furcht eines Kindes vor dem Keller. Es ist Angst, was sie vorantreibt, die Angst vor einem ungeheuren Nichts, vor der Krankheit zum Tode, als die dem Erzähler die russische Gegenwart erscheint.
Der schmalbrüstige Lapin, ein Student und gelegentlicher Fixer, vergeudet seine Tage mit arbeitslosen Freunden am Computer: „Komm, lass uns rübergehen, chatten. Bei den Kinosauriern ist großes Gelaber.” Die zarte Nikolajewa, Nackttänzerin und Hure, dient dem dumm- brutalen Zuhälter Parwas: „Halt endlich das Maul, Schimmelkröte.” Der zynische Geschäftsmann Boris Borenboim will mit seinesgleichen sprechen: „Die Bosse warten also draußen. Alles klar.”
„Ljod” ist eine moderne Fortsetzung von Michail Bulgakows „Meister und Margarita”, dem Roman aus dem Jahre 1940, in dem der Teufel nach Moskau kommt, um die Gerechten, Wahrhaftigen zu suchen und der Lüge, dem Betrug und der Gemeinheit den Garaus zu machen. Am Ende reitet er mit seinem Gefolge in die Abenddämmerung. Zwei reine Seelen hat er gefunden und gerettet, damit sie in einem „ewigen Haus” leben können. Hinter ihnen brennt die Stadt.
Man könne die Angst mit einem Schwindel vergleichen, meinte der dänische Philosoph Sören Kierkegaard in seinem Traktat „Der Begriff Angst” (1844). Wer in eine gähnende Tiefe hinunterschauen müsse, dem werde eben schwindlig. „Doch was ist die Ursache dafür? Es ist in gleicher Weise sein Auge wie der Abgrund – denn was wäre, wenn er nicht hinuntergestarrt hätte?” Unablässig scheinen russische Dichter in diesen Abgrund schauen und den Blick dann wieder nach oben, in den Himmel, lenken zu müssen, in radikal modernisierter Nachfolge jener russischen Literatur, die mit Dostojewskijs „Dämonen” von 1872 und deren doppelter Botschaft begonnen hat: „Leben ist Schmerz und Angst” lautet die eine, „alles ist gut” die andere. Dazwischen liegt nichts, vor allem keine praktische Vernunft. Und wenn es einen Unterschied gibt zwischen der alten russischen Metaphysik und der neuen, dann liegt er darin, dass die neue Metaphysik bei John Lennon gelernt hat: Imagine there‘s no heaven... / Above us, only sky.
Wiktor Pelewins buddhistische Zeitreise „Buddhas kleiner Finger” (Verlag Volk und Welt, Berlin 1999) ist ein Buch einer solchermaßen dekonstruierten Metaphysik ebenso wie Jurij Mamlejews Geschichte von der „irrlichternden Zeit” (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003), auch sie eine Expedition durch das metaphysische Moskau und ein Traum von einem neuen Menschen. Doch eher, als dass man den Fantasien von Erlösung nachforschen könnte, ist es dieser Blick in den Abgrund, der den Leser in seinen Strudel reißt: Dort sieht er das Dämonische, weil unrettbar Verschlossene, das Taube, das Dumpfe, die Abwesenheit alles Guten und die Anwesenheit alles Bösen. Und nichts führt aus dieser Welt hinaus. Denn die Befreiung, das Aufklopfen der Herzen, erscheint wiederum als Mystifikation, als absurder Traum, zwischen science fiction und Erlösungsglauben changierend, und so hat das Verschlossene gesiegt.
Rücksichtslos sind die Erweckten bei der Suche nach den verlorenen Herzen, die sie unter blonden Haaren, hinter blauen Augen suchen, gleichgültig gegenüber den Hunderten, ja Tausenden, die sie mit gebrochenem Brustbein, tot oder sterbend zurücklassen. Um diese Menschen kann es nicht schade sein, sie bilden ein erbärmliches, jämmerliches, bösartiges Gewusel, über das die Geschichte hinweggeht wie der Wind über die Wüste. Wenn die Angehörigen der Bruderschaft im Sicherheitsdienst des Volkskommissars Berija, unter der Aufsicht von hohen Offizieren der SS Karriere machen, dann geschieht dies, weil sie Ritter der Unendlichkeit sind, Organe der höchsten Pflicht und damit den Zynikern der Macht sehr verwandt.
Vladimir Sorokin will, dass wir in der Wandlung der Sowjetunion in einen kapitalistischen Staat vor allem eine Befreiung des Wahns erkennen, einen radikalen Ausverkauf der Ideen wie der Heilsversprechen, einen von allen guten Geistern verlassener Ramschladen, in dem groß und klein, irdisch und himmlisch, niederträchtig und erhaben so durcheinandergehen, dass einem schwindlig werden muss. Šatovs verzweifelter Ruf aus den „Dämonen”, er glaube an Russland und an eine Orthodoxie, findet in diesem Zentrifugalroman der wüsten Begebenheiten und bizarren Einfälle ein Echo. Nur klingt er mittlerweile, als schreie da jemand durch ein Megafon aus Schrott.
Die Augen der Erleuchtung
Die Sympathie, die der Leser den Erweckten entgegenbringt, beruht darauf, dass sie einer Religion der Liebe anzugehören scheinen. Sorokin greift tief in die Rumpelkiste der Erweckungsliteratur, um der Bruderschaft der Herzen poetisch Herr zu werden: „Dann schlugen Ural, Diar und Moho die Augen auf. Ihre Gesichter erglänzten in triumphaler Gelassenheit. In ihren Augen die Erleuchtung. Ihre Lippen lächelten. Sie waren geboren.” Hier schreibt ein unverfrorener, kühner Dichter. Seine Unverforenheit besteht nicht nur darin, die Liebe von einem Anliegen aller in das Anliegen weniger Auserwählter zu verwandeln, in eine ungeheure Abkürzung und in einen ungeheuren Ausschluss. Sondern vor allem darin, die Gipfel allen Glücks als flachste Banalität darzustellen, als Dummheit und Kitsch – und trotzdem auf der Idee des Glücks zu beharren.
Warum das so ist? Weil die Dummheit zur Grundausstattung des Lebens gehört. Und was das Eis mit dem Glück zu tun hat? „Es ist Ljod, ein idealer kosmischer Stoff, den das Ursprüngliche Licht hervorbringt.” Das Eis ist in Sibirien zu Hause, tief im Inneren des russischen Reiches, im Herzen der Reaktion – und zum Glück scheint in Russland immer eine Verschwörungstheorie zu gehören.
Auf die Frage, wie man sich das Ende der Welt vorstellen solle, antwortete vor kurzem Wiktor Pelewin, ein literarischer Gefährte Vladimir Sorokins, das Ende werde einer Fernsehsendung gleichen. Der Filmregisseur Batow, eben jener, der bei der Erinnerung an einen toten Specht in Tränen ausbrach, scheint zu den Teilnehmern dieser Sendung zu gehören. So wie er antwortet ein gutes Dutzend Empfänger, die ein Paket „Ljod” mit dem Hinweis erhalten haben, das Eis diene der „Wellness” und sei nur bei aufgesetztem Helm mit eingebautem Tränenabsauger zu gebrauchen. Jede dieser Zeugenaussagen endet mit dem Wort „Licht” – und dann folgt kein Punkt mehr. Wer aber hat diese Protokolle aufgezeichnet, wer kann über das Ende der Welt in Gestalt einer Werbekampagne berichten, wer hat die letzte Episode des Buchs hinzugefügt, in der ein kleiner Junge einen „Ljod”-Würfel aus dem Eisfach nimmt, um ihn neben einen kleinen Dinosaurier aus Kunststoff zu legen und zu wärmen?
Jedes Mal, wenn der Leser Vladimir Sorokin auf die Schliche gekommen zu sein meint, stößt er den Gedanken zurück. Eine wilde Leidenschaft für das Absurden treibt diesen Autor um, aber es wäre ein großer Fehler, diese Leidenschaft selbst für absurd zu halten. Eher schon ist sie eine Prüfung, eine Erprobung von Sinnansprüchen aller Art, und nichts scheint ihrer zerstörerischen Kraft widerstehen zu können. Das Buch hebt sich daher selbst auf, es endet in unendlicher Resignation, in einer gewaltigen Leere – und nur die Erschütterungen, die es auslöste, vibrieren noch lange im Raum. So gut, so vernichtend gut und wahr ist dieser Roman.
THOMAS STEINFELD
VLADIMIR SOROKIN: Ljod. Das Eis. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Berlin Verlag, Berlin 2003. 350 Seiten, 22 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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