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Lilly hat kein Glück mit Männern. Die 112 kg schwere Dentalhygienikerin aus Tel Aviv wird kurz vor der Hochzeit von ihrem Verlobten sitzen gelassen und fristet ihr Singledasein. Eine Taxifahrt zum Zirkus und das Treffen mit einem alten Liebhaber, der jetzt Tigerdompteur ist, stellt ihr Leben auf den Kopf: sie bekommt ein Tigerbaby geschenkt. Ebenso rasant, wie das Tigerjunge wächst, verändert sich Lilly. Sie wird selbstbewusster, aggressiver und in den Abendstunden geht sie auf Beutezug in den Bars von Tel Aviv ... Alona Kimhis neuer Roman balanciert mit atemberaubendem Geschick auf der Grenze…mehr

Produktbeschreibung
Lilly hat kein Glück mit Männern. Die 112 kg schwere Dentalhygienikerin aus Tel Aviv wird kurz vor der Hochzeit von ihrem Verlobten sitzen gelassen und fristet ihr Singledasein. Eine Taxifahrt zum Zirkus und das Treffen mit einem alten Liebhaber, der jetzt Tigerdompteur ist, stellt ihr Leben auf den Kopf: sie bekommt ein Tigerbaby geschenkt. Ebenso rasant, wie das Tigerjunge wächst, verändert sich Lilly. Sie wird selbstbewusster, aggressiver und in den Abendstunden geht sie auf Beutezug in den Bars von Tel Aviv ...
Alona Kimhis neuer Roman balanciert mit atemberaubendem Geschick auf der Grenze zwischen Realität und Phantasie: unterhaltsam, frech und sentimental.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Seitenzahl: 357
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 357 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 516g
  • ISBN-13: 9783446207646
  • ISBN-10: 3446207643
  • Artikelnr.: 20845042
Autorenporträt
Alona Kimhi wurde 1966 in der UDSSR geboren. Sie emigrierte 1972 mit ihrer Familie nach Israel. Ehe sie begann Kurzgeschichten zu veröffentlichen arbeitete sie als Schauspielerin. Für den Roman 'Die weinende Susannah" bekam sie den 'Bernstein Award'.
Rezensionen
Besprechung von 08.12.2006
Schnittblumen des Bösen
Alona Kimhis aufreizend geschmacklose Schmonzette „Lilly die Tigerin”
Lilly lebt in Tel Aviv, ist Dentalhygienikerin und wiegt 112 Kilo. Seit Amicam, ein strammer Offizier der israelischen Armee, sie verlassen hat, bleiben ihr nur der Duschschlauch und Affären für eine Nacht. Höchst erfreut ist sie daher, als sie bei einem Zirkusbesuch den japanischen Tigerbändiger Taro wiedersieht, der sie vor zwölf Jahren auf einer Flugzeugtoilette entjungfert hat. Es dauert nicht lange, dann reißen sich beide erneut entzückt die Kleider vom Leib. Zwar ist Taro inzwischen zur Frau operiert worden, und Lilly hat ihre Tage; dennoch stecken sie, von Kaviar und Champagner gestärkt, gerne einander den Kopf zwischen die Schenkel. Und im Hintergrund erklingt die Traummusik aller frustrierten Frauen: der „Buena Vista Social Club”.
Mit traumwandlerischer Sicherheit schreckt „Lilly die Tigerin” vor keiner Peinlichkeit zurück. Wenn Alona Kimhi ihre Ich-Erzählerin über Schuhe, Gewichtsprobleme und das Warten auf den Märchenprinzen räsonieren lässt, zielt sie auf jenes schmunzelnde Einvernehmen mit der Leserin, wie es sonst nur Kolumnen in Frauenzeitschriften gelingt.
Zugleich schnuppert die Autorin aber kokett an den Blumen des Bösen. Jegliche körperliche Ausscheidung kommt erzählerisch zu Ehren; die Schilderung von Bordellen, die Sex mit Kindern und Behinderten anbieten, soll erfrischende Tabulosigkeit signalisieren; und wenn Lilly am Schluss durch eine phantastische Metamorphose zu einer beutelustigen Tigerdame geworden ist, dürfen es auch noch ein paar derbe Splattereffekte sein.
In diesem geschmäcklerisch geschmacklosen Durcheinander gibt es nur einen kleinen Lichtblick. Der frühere Zuhälter einer schönen, neurotischen Freundin von Lilly erinnert an die Mafiosi in Martin Scorceses „Good Fellas”. Tschengis Magometov, genannt „der Greifer”, ist Biedermann und Brandstifter zugleich, sowohl patriarchalischer Gemütsmensch als auch rücksichtsloser Gewalttäter. Sein Porträt ist fesselnd zu lesen. So ist in diesem Roman, der sich als wilde Frauenphantasie geriert, ausgerechnet ein Mann die interessanteste Figur.
CHRISTOPH HAAS
ALONA KIMHI: Lilly die Tigerin. Melodram. Aus dem Hebräischen von Ruth Melcer. Hanser Verlag, München 2006. 359 Seiten, 19,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Besprechung von 15.06.2007
Raubkatze mit Pfirsichhaut
Ein Frauenroman wie von Kafka: Alona Kimhis entfesselte Tigerin

Die Gattung Frauenroman ist eine geschlossene Nahrungskette. Von der Frau für die Frau. Von Frauen geschrieben, von Frauen in einer Frauenzeitschrift rezensiert, von Frauen verschlungen, im Schaumbad mit Duftlampe oder auf dem Kanapee mit Prosecco und Buena Vista Social Club im CD-Spieler. Die Bücher heißen meistens "Der kubanische Liebhaber" oder "Wilde Kirschen".

Das alles ist kein maskulines Klischeebild; es ist Realität, die Realität des Lesens heute - und es bedeutet nichts Gutes für die männliche Lesekultur. Denn es gibt sie schlichtweg nicht mehr. Der biedermeierliche Mann, der im Ohrensessel nach Feierabend die Klassiker liest, der Familienvater, der pfeiferauchend im Theodor Mommsen verschwindet, der Literaturstudent, der Rilke liest, um wie Malte zu sein - alles vergilbte Vignetten. Wenn es so weitergeht und der Typus des Lesers aus dem Repertoire des Männlichen verschwunden bleibt, muss man schwarzsehen für das ehemals starke Geschlecht; dann heißt es bald für immer: Die Intelligenz ist weiblich.

Es könnte gut sein, dass an der Spitze der femininen Literaturnahrungskette zur Zeit der Frauenroman "Lilly die Tigerin" anzusiedeln ist. Denn dieses "Melodram", wie der zweite Roman der 1966 in der damalgen Sowjetunion geborenen und in Israel aufgewachsenen Autorin Alona Kimhi im Untertitel heißt, erfüllt das Genre perfekt und sprengt es gleichzeitig, ja man könnte hier sogar sagen - wenn die weibliche Schreib- und Lesekultur nicht so übermächtig wäre -, es handele sich um eine women's novel to end all women's novels.

Der Plot könnte auch aus "Wilde Kirschen" stammen: Eine übergewichtige Endzwanzigerin (112 Kilo), die Ich-Erzählerin, sucht ihren Mr. Right, trifft ihren ersten Liebhaber, mit dem sie neuerlich eine abenteuerliche Nacht verbringt, gründet eine Art Duftlampen-WG mit ihren zwei besten Freundinnen, vernascht in nächtlichen, animalischen Lust-Attacken die halbe männliche Bevölkerung von Tel Aviv, bis sie . . . nein, nicht den Mann ihres Lebens trifft, sondern sich in ein Tier verwandelt. Nicht in einen Käfer, wie es der männlichen Literaturprominenz für alle Zeiten vorbehalten sein soll, sondern in eine echte Tigerin, in Lilly die Tigerin.

Der Sprachwitz Alona Kimhis (von Ruth Melcer aus dem Hebräischen eindrucksvoll ins Deutsche gebracht) und ihr ausgeprägter Sinn fürs Groteske sind absolut bezaubernd. Lilly ist Dentalhygienikerin, und ihre beste Freundin Ninusch, eine ätherische Schönheit mit einem einzigen körperlichen Makel, nämlich schlechten Zähnen, war Prostituierte, bevor sie von einem jähzornigen, gewalttätigen Mann aus dem Bordell geholt wurde, wo Ninuschs persönlicher Rekord bei 24 Kunden in 23 Stunden lag. Michaela, die Dritte im Bunde, ist Taxifahrerin, Mitte vierzig und erfahrene alleinerziehende Familienmutter. Ihr vermögender Exmann hat ihre Kinder in die New Yorker Diaspora gelockt. Bald entspinnt sich eine erotische Beziehung zwischen Ninusch und Michaela, und so kommt auch Lesbia zu ihrem Recht.

Lilly, die Heldin, fühlt sich in ihren 112 Kilo durchaus zu Hause. Ihre Spitzzüngigkeit und ihre Schlagfertigkeit sind neben ihrer Pfirsichhaut zuverlässige Verführungsmittel. Sie bringt es in einer Nacht ohne Schwierigkeiten auf zwölf Männer. Aber keiner reicht an den Japaner Taro heran, den sie einst, nach dem Abitur, auf einem Langstreckenflug in die Staaten zu einer Schlankheitskur kennenlernte und der sie in der Flugzeugtoilettenkabine ihrer Jungfräulichkeit beraubte. Taro ist auf dem Weg zum Philosophiestudium in Yale, und schon damals im Flugzeug ist für ihn Denken vor allem eines: unwiderlegbarer Grund zur Melancholie.

Als Lilly ihn zehn Jahre später in der Suite eines Tel Aviver Luxushotels wiedertrifft, hat er alle akademischen Weihen, die man überhaupt erreichen kann, bereits längst wieder hinter sich gelassen. Nun ist er Raubtierdompteur in einem Zirkus. Der vermögende Sohn eines Schönheitschirurgen liebt "das Animalische ebenso absolut wie das Künstliche. Nur was dazwischenliegt, langweilt mich tödlich." Aus selbsteingestandenem Mangel an kreativer Begabung ist Taro zum Künstler an seinem eigenen Körper geworden. Er hat sich zu einem androgynen Mischwesen umoperieren lassen, wie Lilly, die Noch-nicht-Tigerin, befremdet wie fasziniert ertastet. Nach einem tiefen Lungenzug Heroin und einer wilden, virtuell homoerotischen Sexorgie schenkt der philosophische Cyborg Lilly ein echtes Tigerbaby aus seinem Bestand - ein Vermächtnis, denn der japanische Adonis wird den "ächt philosophischen Akt", den Selbstmord aus Ennui am Denken wie am Nichtdenken vollziehen. Das Tigerbaby ist so süß, dass die drei Frauen von der Duftlampen-WG nicht umhinkönnen, die Wildkatze aufzuziehen, bis sie viele Kilo Fleisch pro Tag verputzt. Die genauen Umstände dieser Prozedur und der Metamorphose der Heldin Lilly in eine stattliche Tigermutter, die dann mit 160 Kilo Idealgewicht hat, unterliegen der Schweigepflicht bei spannenden Plots.

Die eingängige Kunst Alona Kimhis zeichnet sich nicht nur durch ihren Sinn für grotesken Humor und ihren vorbehaltlosen, alles durchdringenden Blick auf die Unzulänglichkeit des Menschen aus, sondern auch durch ihre Anspielungstechnik und die Finesse der Konstruktion. Kimhi, die zur zweiten Generation nach den Shoah-Überlebenden gehört, schreibt kein weiteres Buch darüber, wie die Traumata von den Eltern an die Kinder und Kindeskinder weitergegeben werden und wie sie fortwirken. Ihr mythologisches Interesse gilt den jüdischen Urkategorien von rein und unrein, von kulturbildendem Geist und verführerischer Natur. "Lilly" ist die Abkürzung für die legendäre Lilith, die "Nächtliche", die die erste Frau Adams und die Geliebte von König Salomo gewesen sein soll und im Judentum die dunklen Seiten des Frauenbildes verkörpert. Wenn Lilly zu ihren nächtlichen Streifzügen auf Männerjagd aufbricht, dann gibt sie sich der Versuchung des "unkoscheren Sex" hin, überschreitet die Grenze der Reinheit, der das Leben nie genügen kann, es sei denn, es ergibt sich einer tödlichen Konsequenz wie der des japanischen Selbstmörders. So muß die Tigerin am Ende, ganz Natur geworden, in die Wüste und ein neues gelobtes Land suchen, wie die Israeliten nach der Flucht aus Ägypten. Durch seine motivische Subtilität hat "Lilly die Tigerin" viel mehr mit Kafka gemeinsam als mit den "Wilden Kirschen" oder dem "Kubanischen Liebhaber", obwohl die Autorin virtuos mit den Versatzstücken solcher Frauenromane spielt.

Mit "Lilly die Tigerin" sehen Frauen - so heiter die Geschichte beginnt - in einen dunklen, in einen sehr dunklen Spiegel. Wer dabei wirklich etwas lernen kann, sind die Männer - sofern sie noch lesen können.

MARIUS MELLER

Alona Kimhi: "Lilly die Tigerin". Melodram. Aus dem Hebräischen von Ruth Melcer. Hanser Verlag, München 2006. 358 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Sehr eingenommen ist Rezensent Marius Meller für Alona Kimhis Roman "Lilly die Tigerin". Das Werk erfüllt für ihn "perfekt" alle Anforderungen des Frauenromans, um dieses Genre zugleich zu sprengen. Er attestiert der Autorin, in ihrer Geschichte über die übergewichtige Dentalhygienikerin Lilly, die sich auf der Suche nach Mr. Right durch die Betten Tel Avis schläft, bis sie sich in eine Tigerin verwandelt, souverän mit den Versatzstücken des Frauenromans zu spielen. Hinreißend findet er Kimhis Sprachwitz, ihren grotesken Humor und ihren präzisen Blick auf menschliche Unzulänglichkeiten. Auch der Anspielungsreichtum des Romans und seine raffinierte Konstruktion haben es ihm angetan. Schließlich lobt er die "motivische Subtilität" und das "mythologische Interesse" der Autorin an den jüdischen Urkategorien rein und unrein. Das Ergebnis ist für Meller weit mehr als nur ein klischeehafter Frauenroman, nämlich ein "Frauenroman wie von Kafka".

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ein Leseabenteuer!" Bernadette Conrad, Annabelle, 09.08.06 "Die Gewöhnung an Gewalt, ihre Verinnerlichung: Dieses Thema balanciert Alona Kimhi in ihrem Roman auf dem schmalen Grat zwischen hartem Realismus und grotesker Poesie aus, so kunstvoll wie ungewöhnlich." Bernadette Conrad, Neue Zürcher Zeitung, 28.11.06