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  • Verlag: Rotbuch Verlag
  • ISBN-13: 9783434530251
  • ISBN-10: 3434530258
  • Best.Nr.: 08842857
Rezensionen
Besprechung von 12.12.2000
In Liebesdingen ging der Platzhirsch nicht auf Sendung
Der Meister aller hybriden Formate: Feridun Zaimoglu wildert / Von Christoph Bartmann

Idiome gibt es, die muten so natürlich an, daß man kaum glauben möchte, daß einer sie erfunden hat. Als Feridun Zaimoglu vor ein paar Jahren aus den Zungenschlägen türkischer Jugendlicher in Deutschland die "Kanak Sprak" formte, war das mehr als nur ein dokumentarisches Bemühen. Es ging mit diesem neuen Pidgin ein Kunstwollen einher und eine Kampfansage an eine in Zaimoglus Augen und Ohren erschlaffte Gegenwartsliteratur. Zaimoglu suchte, wie es aussah, Streit, ohne ihn aber wirklich zu finden. Statt dessen beförderten ihn seine Berichte "vom Rande der Gesellschaft" umgehend in die Mitte des literarischen Lebens. Rasch avancierte Zaimoglu, hinter dessen strategischem Kraftmeiertum sich ein eher intellektuelles Temperament verbirgt, zum Meister aller "hybriden Formate". Der Autor selbst leistete der Multikulti-Rubrizierung Vorschub, indem er sich als crosskultureller Hipster gegen zwar reinrassige, aber leider impotente deutsche Jünglinge und ihre "Knabenwindelprosa" in Stellung brachte.

Mit Zaimoglus Posen, mit seiner Attitüde, mit dem Spruch und der dicken Lippe, die er gern riskiert, ist man auch schon im Innern seiner Literatur. Sein erster Roman, "Liebesmale, scharlachrot", zeigt einen Autor am Werk, der seine Themen einer bestimmten, halb ge-, halb erfundenen Sprache abgewinnt und diese Sprache wiederum einer bestimmten sozialen Wettbewerbssituation, nämlich dem männlichen Kampf um den besten und lockersten Spruch. Der Zorn der frühen Jahre ist bei Zaimoglu der Rap-Arabeske gewichen; "inner-anatolischer Barock" ist eine von Zaimoglus Formeln dafür. "Hochverehrter Kumpel, mein lieber Hakan, Sammler der heiligen Vorhäute Christi", so lautet Serdars Anrede an Hakan im ersten Brief von Zaimoglus Briefroman. Damit ist der Ton des Romans angeschlagen, der Ton einer freundschaftlich ritualisierten Überbietungskonkurrenz zweier "Kanakster", die ihr Argot genauso aufpoliert haben wie ihre reflektierenden Gletscherbrillen, die sie auch im Dunkeln tragen. Wobei zu erwähnen ist, daß nur der eine der beiden, nämlich Hakan, eine lupenreine "Kanak Sprak" praktiziert, während Serdar, die Hauptfigur, sein ganz eigenes Kunstwelsch zum besten gibt. "Ich bin gesund", läßt er sich im ersten Brief vernehmen, "und verspüre allerlei Munterkeiten, und ich bin heil und ohne Gram, ohne ein Gramm Verlust jener Transzendenz, die mein hochkörperliches Wesen in meiner kalten Heimat ausstrahlte, an der Westküste des türkischen Festlandsockels angekommen."

Dorthin nämlich, nicht in die Heimat, aber ins Elternhaus, hat sich Serdar, der Poet, aus dem kalten Kiel geflüchtet, auf der Flucht vor zwei kompliziert gewordenen deutschen Frauengeschichten, die ihn freilich, brieflich und physisch, noch weiter beschäftigen werden. Einstweilen aber will Serdar daheim "in Liebesdingen nicht auf Sendung gehen". Er will nichts als Abstand gewinnen, sich von Mutter bekochen lassen und in Ruhe das dichterische Wort und namentlich den Haiku pflegen, mit dem er es in Deutschland zu einigem Ruhm gebracht hat. Alles klar soweit, gäbe es nicht ein "Mammutproblem" in Form einer nach Grenzüberschreitung eingetretenen vollständigen Lähmung seiner Männlichkeit. Der Kieler Platzhirsch erträgt die Kette der türkischen Demütigungen freilich mit Fassung. Zwar schmäht ihn der Vater wegen fehlender Reproduktionsbereitschaft, zwar verbitten sich die Anführer der Dorfjugend jedwedes Wildern im eigenen Bezirk, zwar gilt der Rückkehrer aus "Almanya" im örtlichen Milieu als beinahe so effeminiert wie ein deutscher Popliterat bei Feridun Zaimoglu; solange aber Serdar in der hohen Schule des Spotts zu brillieren vermag, ist die Welt trotzdem in Ordnung. Schließlich ist Serdar der König der dicken Lippe, und so gelingt es ihm recht bald, seiner Insuffizienz Herr zu werden und schon bald die tollste Frau am Ort dem tumben, aber gewaltbereiten Baba abspenstig zu machen. Als dann noch Anke aus Kiel auftaucht, geht es an der türkischen Westküste erotisch fast wieder so unübersichtlich zu wie in Kiel, weshalb Serdar am Ende halb entnervt, halb erlöst den Rückflug antritt, nicht ohne Rena, der neuen, türkischen Geliebten, in tausendundeinem blumigen Wort seine Liebe zu künden. "Ich öffnete", schreibt Serdar zuallerletzt, "die geballte Faust und nähme ein warmweiches Stück Kittharz der Bienenwabe, ich nähme es heraus aus einer tiefen Handtellerrinne, bestriche Deine Lippen, und Dein Mund leuchtete auf wie Glanztaft. Ich drückte meine Lippen auf die deinen, ich küßte dein göttliches Plebejerkinn, ich zöge am Haar deinen Kopf in den Nacken und bisse in den entblößten Hals ein Liebesmal, scharlachrot, ein Liebesmal, scharlachrot."

Wer will, kann sich in Feridun Zaimoglus Roman vertiefen wie in einem Bausatz für transkulturelle, "hybride" Existenz- und Erzählweisen. Es ist alles da, kein Bauteil fehlt, es geht um Deutschtürken und türkische Türken, um Migranten der ersten, zweiten und dritten Generation, es geht um deutsche "Kanak Sprak" und die poetischen Blumigkeiten des Orients, und es geht natürlich die meiste Zeit und sehr detailliert um alle möglichen "Gender"-Fragen, namentlich aber um Sex. Von einem Thesen- und Themenroman, von einer seminaristischen Durchführung des Motivs der kulturellen Fremdheit könnte Zaimoglus Roman trotzdem nicht weiter entfernt sein. Davor bewahrt ihn seine allseitige Ironie, die weder "Fremdes" noch "Eigenes" verschont, und vor allem seine überaus bewegliche, rauflustige, fröhlich pubertierende Sprache, die an keiner These jemals satt würde. Ein übriges tut die Form des Briefromans: Alles, was in ihm geäußert wird, ist direkte Rede, alles weist ohne Umschweife auf die Spur konkreter Sprecher in konkreten Lebenslagen. Mit "Liebesmale, scharlachrot" hat Zaimoglu einen Roman geschrieben, der seine "Kanak Sprak" noch einmal in all ihrer Raffinesse vorführt. Vielleicht wird sein Idiom bald Gemeingut sein, während sein Erfinder wie Serdar zu neuen Ufern unterwegs ist, ins Reich des Haiku vielleicht.

Feridun Zaimoglu: "Liebesmale, scharlachrot". Roman. Rotbuch Verlag, Hamburg 2000. 297 S., geb., 36,- DM.

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Besprechung von 17.11.2000
Werthers Ächter
Orient ne va plus: Feridun Zaimoglus wilder Briefroman „Liebesmale, scharlachrot”
Serdar schreibt Hakan, Hakan schreibt Serdar. Es soll ein Briefroman werden. Serdar beginnt. Weil „die Frauen ihm im Nacken saßen”, die Freundin Anke sich in ihn „verkrallen wollte” und die Freundin Dina ihn „nicht mehr gehen ließ”, ist er aus Kiel zu seinen Eltern an die türkische Küste geflohen. Hakan blieb in Kiel zurück. Die Trennung macht die beiden gesprächig. In kurzen Abständen wechseln sie in der Zeit zwischen Juni und Oktober, bis Serdar wieder in Kiel eintrifft, lange Briefe über das, was die Tage hergeben. Gelegentlich wendet sich Serdar auch an die Frauen und erhält freundlich feminine Antworten.
Serdar und Hakan sind wie ihr Erfinder Migrantensöhne, so genannte Deutschländer. Sie unterscheiden sich in Stand, Bildung und Sprache. Hakan ist Unterschicht, er jobbt, schnorrt und redet wie die Figuren in den bisherigen Büchern des Autors Kanak Sprak, dieses schon viel gerühmte maulheldische Zaimoglu-Deutsch mit dem ordinären Jargon, den „orientalischen” Bildern und dem Witz der Unangepassten.
Hakan erzählt Episoden aus dem Milieu. Serdar, ein Student, mit abgebrochenem Studium, und Haiku-Künstler, schreibt weniger bunt das bessere Deutsch und kennt seinen Goethe. „Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine”, Werther an Wilhelm, am 10. Mai. Serdar an Hakan, Dienstag, 22. Juni: „Ich bin gesund und verspüre allerlei Munterkeiten, und ich bin heil und ohne Gram, ohne ein Gramm Verlust jener Transzendenz, die mein hoch körperliches Wesen in meiner kalten Heimat ausstrahlte, an der Westküste des türkischen Festlandsockels angekommen. Und nicht eine Zähre wischte ich vom trän’gen Auge, nicht einen Freudenstich versetzte mir meine Ankunft hier, nicht eine Sekunde beschleunigte mein Juwelenherz seinen Rhythmus, als ich hier eintraf. ”
Im ersten Brief unterrichtet Serdar seinen Freund auch darüber, dass er, seit er den Boden der Türkei betrat, keinen mehr hoch kriegt. Später erfahren wir, dass sich ihm auch die Muse der Dichtkunst versagt.
Am 24.  Juni, Luftpost, erwidert Hakan: „. . . du, der du dort an der Türken-Beach deinen Kadaver ausgestellt hast, ich muss dir gleich in der ersten Atemluft was stecken: Hör auf mit der Goethe-Nummer, pfeif drauf . . .”
Am Ende, nach einem kurzen dramatischen Zwischenspiel, ist Werther wieder gut beisammen, wie Goethe-Verächter Friedrich Nicolai es sich wünschte. Sedar fliegt nach Deutschland zurück und gesundet als Mann und als Künstler: „Ich habe erkannt: Die für die Verskunst erforderlichen Schlauheitsmetaphern gehen mir ab, ein Klarschriftsteller gibt sich mit Kinkerlitzchen nicht ab. ” Es ist über viele Seiten dem Gott Priap gewidmet. Serdar memoriert en gros und en detail die Rolle des einstigen Lüstlings, Hakan markiert den ewig Düpierten.
Das Empfindsame hat der Autor in ein Rüpelspiel umgemünzt. Es würde nicht viel Mühe machen, Zaimoglus Buch zu verreißen, so wenig schert sich der Autor um Ökonomie in Sachen Erotik und so lässig handhabt er die Vorgabe Briefroman. Immer wieder sprechen die Korrespondenten, Serdar öfter als Hakan, über den Kopf ihres Adressaten hinweg den Leser an. Sei es, indem Serdar lang und breit berichtet, welche Speisen seine Mutter auftischt, wie die Häuser der Feriensiedlung gebaut und wie abgeschottet vom anatolischen Hinterland sie sind, sei es, dass die Partner, als gehörten sie nicht zum selben Stamm, die Ethnie Deutschländer ausmalen. Neben den Sexgeschichten bleiben von Serdars Aufenthalt im Land der Väter – „Es war alles in allem eine mäßig aufregende Zeit” – außer den touristischen Informationen einige kennenswerte Sprich- und Schimpfwörter zurück.
Hakan in Kiel rettet das Buch, wenn man darin blättert, mal diesen, mal jenen Brief liest. Er erzählt aberwitzige und anrührende Episoden über Migranten, denen multikulturelle Ambitionen fehlen und die von keiner Suche nach Identität geplagt werden, die vielmehr schauen müssen , wie sie sich durchschlagen können.
Da ist zum Beispiel die Geschichte von Tamer, dessen Kebabverkauf stagniert, weshalb er das Image seines Ladens dadurch aufbessert, dass er Froschplüschtiere auf Puppenkorbstühlen in sein Schaufenster stellt und sie mit einem Schild versieht: „Hier verlieren Sie ihr Herz!” Die Diskussion zwischen Tamer und Hakan über den Rechtschreibfehler endet: „inner ganzen Unterhaltung fiel mir erst jetzt Tamers T-Shirt-Motiv auf, er hat sich auf weißem Grund ’n Stück Stoff annähen lassen, es ist eigentlich nur ’ne Höllenfresse vonnem Hund mit gefletschten Zähnen und darüber steht ,Staffordshire Terrier‘ . . ., es ist nur wegen der Abschreckung und so, und die Leute sollen nicht vonnen Fröschen folgern, dass im Laden ’ne tatrige Memme bedient. ”
Heißt es von den Leiden des jungen Werthers”, die Episoden würden den Lauf der Geschichte angenehm unterbrechen, halten sie hier den Roman in Gang.
AGNES HÜFNER
FERIDUN ZAIMOGLU: Liebesmale, scharlachrot. Roman. Rotbuch Verlag, Hamburg 2000. 298 Seiten, 36 Mark.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Gabriele Killert ist begeistert. Ein Fan von Feridun Zaimoglus "Kanak-Sprak", die auch in seinem ersten richtigen Roman "produktives Schindluder mit der Sprache" treibt, und zwar so sehr, dass die Rezensentin den Kieler Schriftsteller - fast! - in eine Reihe mit Arno Schmidt stellt. Zugegeben, dessen Feineinstellung sei noch etwas schärfer, die Ironie noch raffinierter, schreibt Killert, und doch reicht für sie kaum etwas an diesen elegant zappenden und rappenden Sound von Zaimoglus Sprache heran. Dieser Sound ergießt sich in einen Briefroman, der die im Kanakenmilieu sprießende Empfindsamkeit junger Männerseelen und anderer Körperteile parodiert. Zwei Freunde korrespondieren über einen Sommer miteinander: Deutschland-Türkei, beide doppelt heimatlos, beide in Sachen Frauen kleine Maulhelden. Sie ziehen einander auf, sie ziehen einander hoch - auch wer bislang keine Adoleszenz-Romane mochte, wird dem Charme dieses Buches nicht widerstehen können, meint Gabriele Killert.

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