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Rezensionen
Besprechung von 04.12.2001
Die lange Reise ins Jenseits der Liebe
Alice Ferneys Konversationsroman / Von Joseph Hanimann

Wenn sich der neue französische Exportartikel literarischer Frauenerotik mit Catherine Breillat oder Catherine Milletentfernt ins Spannungsfeld von de Sade und Georges Bataille begibt, dann folgt dieses Buch eher den Spuren von Marivaux. Und dies ebenfalls in großer Entfernung. Das Liebesgetuschel kräuselt sich so fein über die Buchseiten, daß die Handlung bei fast vollkommener narrativer Windstille bewegungslos an der Oberfläche liegt. "Ein zukünftiges Liebespaar schritt, mitten auf der Straße, durch eine Fußgängerzone": Alle dreihundert Seiten, die auf diesen Eingangssatz folgen, sind nur dazu da, dieses "zukünftig" einzulösen, bis es im Schlußkapitel Vergangenheit und im Epilog spekulativ zeitlos geworden ist. Verloren ging dabei im deutschen Übersetzungstitel das Geplauder, das im Original dieser "Conversation amoureuse" das Liebesbrennen mehr auf die Lippen als in die Leiber legt.

Die junge Pauline Arnoult und der etwas ältere Gilles André, die da anfangsschnell und etwas nervös nebeneinander die Straße entlanggehen, berühren einander zunächst vor allem mit Worten. In der langen Verzögerungsspanne zwischen Begierde und Erfüllung haben die beiden einander viel zu sagen - einander und auch ihrer jeweiligen Umwelt. Seit dem Zeitpunkt nämlich, wo sie beim Jackenaufknöpfen im Kindergarten vor ihren Sprößlingen kniend, sie vor ihrem Sohn, er vor seiner Tochter, einander erstmals wahrnehmen, ist ihr Eheleben durcheinander. Und bis zu dem Moment, wo endlich die Stunde der gemeinsamen Liebeserfüllung schlägt, müssen Ehegeschichte auf- und Freundesbeziehungen abgewickelt werden. Der Freundeskreis in der französischen Provinzstadt - einer Stadt wie Orléans, wo die vierzigjährige Autorin Alice Ferney lebt - bleibt aber bloß Kulisse und hätte das umständliche narrative Vorstellungszeremoniell in den Eingangskapiteln gar nicht gebraucht.

Ohne Anführungszeichen und Absätze gurrt die direkte Rede seitenlang hin und her. Er drängt, sie zögert, er provoziert, sie lacht mit, er resigniert, sie kokettiert, er macht Spaß, sie wird blaß, er bremst, sie harrt, leidet, überstürzt die Ereignisse. Mitten im Satz huscht dabei die Erzählperspektive vom einen zum anderen und macht in den fragilen Situationen die Momente aus, wo Worte, Blicke und Gesten jeweils Gegensätzliches sagen. Diese Liebschaft kann allerdings nichts Dauerhaftes hergeben. Pauline ist schwanger von ihrem Mann, den sie liebt. Gilles bringt durch das Abenteuer seine zerfahrene Ehe, an der er ebenfalls hängt, wieder halbwegs ins Lot. Lieben die beiden einander überhaupt wirklich? Wie, wieviel, wie viele kann man denn lieben?

Das ist das Grundthema dieses Romans, das er ohne ablenkende Seitenblicke auf Atmosphären und sonstige Nebendetails konsequent in seltsamer Abstraktheit verfolgt. Pauline liebt Musik, man erfährt aber nicht, welche. Gilles schreibt Fernsehdrehbücher, deren Inhalt tut aber so wenig zur Sache wie das Interieur seiner Wohnung. Nur wenn ein Ding zur Verführung zweckdienlich ist, geht die Darstellung beschreibend ins Detail, wenn etwa die vom Himbeereis gerötete Zunge Paulines im Restaurant schnell einen über den Porzellantassenrand rinnenden Kaffeetropfen erhascht und dem entbrannten Gilles das Blut in den Adern zugleich brausen und stocken läßt.

Die Jugendverlängerungsromanze für halbgesetzte Ehepaare ist insgesamt stilsicher erzählt, gleitet nur selten in Platitüden ab und findet mitunter zu netten Formulierungen wie "Die Lügen sind kleine Reisen ins Jenseits der Liebe". Die Übersetzerin tat, was sie konnte, um dem flüchtigen Wortwechsel Halt und dem Gefühlsstau Schwung zu verleihen. Mehr liegt in der Geschichte nicht drin.

Alice Ferney: "Liebende". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz. Dumont Buchverlag, Köln 2001. 302 S., geb., 44,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Für Maike Albath ist der Roman der Französin Alice Frey, einer 40-jährigen Professorin für Ökonomie, eine "amüsante Typologie der Partnerschaften". Von der verzagten Kinderlosen, über die unterwürfige Geliebte bis zum sadistischen Liebhaber und dem treu sorgenden Ehegatten ist alles an Personal vertreten, erzählt Albath. Bei dem "aufgeladenen Thema Liebe" ist die Gefahr von Kitsch und Sentimentalität natürlich am größten, meint Albath, aber dennoch sei der Autorin aufgrund der "stilisierten Beobachterposition", die sie mittels des allwissenden Erzählers einnimmt und auch aufgrund ihres "französischen Unernstes" ein Werk gelungen, das überwiegend frei von solchen Entgleisungen sei. Obwohl der Tonfall der Helden zum Teil wissend und ironisch sei, würden sie nicht der genauen Schilderung der Autorin entkommen, die jede noch so kleine Gefühlsschwankung und Geste festhalte. Manchmal verliert der Spannungsbogen jedoch an Kraft, so Albath, und man bekommt dann den Eindruck die Liebe sei nur ein "Pingpongspiel". Aber immerhin, kein "deutsches Beziehungspathos", findet die Kritikerin.

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