Produktdetails
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  • Verlag: Kiepenheuer
  • 2001
  • ISBN-13: 9783378010536
  • ISBN-10: 3378010533
  • Best.Nr.: 09430876
Rezensionen
Besprechung von 30.08.2001
Schräger Vogel, reicher Fisch
Außer Rand und Band: Zwei Bände über die Welt der Exzentriker

Der Deutsche Ernst Horst sprach im Durchschnitt dreieinhalb Wörter pro Tag mit seiner Frau Susanne. Beim Scheidungstermin gab sie zu, daß sie sich nie gestritten hätten, aber, so fuhr sie fort, wie hätten sie es auch tun sollen, da er nie gesprochen habe? Sie protokollierte seine Äußerungen, von denen die längste lautete: "Dieser Kaffee schmeckt wie Spülwasser." Als sie ihm die Scheidung vorschlug, antwortete er: "Einverstanden."

Diese schlichte Anekdote findet man im "Lexikon der Exzentriker" von Karl Shaw. Eine Quellenangabe oder Datierung fehlt. An diesem Beispiel läßt sich auch schon das ganze Elend des Buches demonstrieren: Um den Umfang des Werks anschwellen zu lassen, hat Shaw aufgenommen, was er nur finden konnte. Der schweigsame Herr Horst ist vielleicht für ein gequältes Lächeln gut, aber er war weder ein besonders origineller Exzentriker, noch wird irgend jemand das Bedürfnis haben, ihn in einem "Lexikon" nachzuschlagen. Aber vermutlich stammt die Geschichte sowieso aus einer britischen Boulevard-Zeitung und ist von A bis Z erfunden. (So was kommt dort genauso vor wie bei unseren einschlägigen Postillen.) Man kann sich den Londoner Redakteur gut vorstellen, wie er in einer F.A.Z., die gerade herumliegt, nach einem passenden Namen sucht, bis er einen besonders komischen gefunden hat. Frau Susanne heißt im englischsprachigen Original übrigens "Suzanne". Diesen Fauxpas hat der grundgütige Übersetzer stillschweigend ausgemerzt. Damit soll nicht gesagt werden, daß der Band völlig uninteressant ist. Wenn Shaw oder sein Lektor das Werk auf die Hälfte zusammengestrichen hätte, dann wäre es fast eine amüsante Lektüre geworden.

Ein Manko des Buchs ist allerdings auch sein Ordnungsprinzip. Die Exzentriker sind in sechzehn Untergruppen aufgeteilt. Der lexikalische Anspruch wird nur durch ein Personenregister mühsam aufrechterhalten. Zuerst kommen die aristokratischen Exzentriker, danach die religiösen und so weiter und so fort. Was zunächst sinnvoll erscheinen mag, wird bei der Lektüre schnell ermüdend. Man fühlt sich an den Vorschlag von Karl Valentin erinnert, die Straßen am Montag für die Radfahrer zu reservieren, am Dienstag für die Automobile, am Mittwoch für die Droschken . . . Karl Valentin, der doch der Prototyp eines Exzentrikers war, kommt übrigens nicht vor, dafür aber Helga Briemer aus Gießen, die kein Verständnis dafür hatte, daß ihr Mann nachts gerne frischen Sellerie aß.

Zum Glück gibt es ein anderes Buch, das fast alle diese Fehler nicht hat. Es ist das "Lexikon der Sonderlinge" von Guy Bechtel und Jean-Claude Carrière. Sein Cover ist mit einer wunderbaren Illustration von Ernst Kahl verziert, und der Inhalt ist genauso poetisch. Hier findet man nur Kleinode reinsten Wassers. Es wird von Exzentrikern berichtet, wie sie sein sollten. Wer beispielsweise nicht zu Tränen gerührt ist, wenn er liest, daß der Graf von Mirandola 1625 sein ganzes Vermögen seinem Karpfen hinterließ, den er zwanzig Jahre in einem antiken Becken gehalten hatte, der muß ein Herz aus Stein haben.

Die Sprache der beiden Franzosen ist nicht das kalte Idiom von Shaw, der sich insgeheim über seine Protagonisten lustig macht. Bechtel und Carrière sind Sammler, die liebevoll ihre Exponate beschreiben: "Der Poet Linière, der auch als literarische Figur in Edmond Rostands ,Cyrano de Bergerac' erscheint, trank einmal ein Weihwasserbecken völlig leer, weil die Frau, die er liebte, ihre Fingerspitzen hineingestippt hatte. Viel mehr wissen wir nicht von ihm zu berichten." Besser hätte es auch ein Johann Peter Hebel nicht formuliert. Dieses Buch enthält Material für einhundertundvier neue Folgen von Monty Python's Flying Circus. Mindestens.

Beide Bücher erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wissenschaftliche Exaktheit. Das ist kein Mangel, es handelt sich einfach nicht um diese Art Nachschlagewerk. Allerdings sind beide deutschen Titel eher irreführend. Die Originale heißen "The Mammoth Book of Oddballs and Eccentrics" und "Le livre de bizarres", was ihren Inhalt deutlich besser beschreibt. Und manchmal wünscht man sich doch mehr Information: "Piero Manzoni war der einzige Vertreter der Kunstbewegung ,Ars Povera', die ihn dazu inspirierte, Büchsen mit seinen Exkrementen auszustellen." Anders als Herrn Horst und Frau Briemer wird man Herrn Manzoni die enzyklopädischen Weihen bei Shaw wohl gönnen. Man ahnt, daß er ein mehr oder weniger zeitgenössischer Italiener ist oder war, aber ein paar Lebensdaten wären nicht schlecht gewesen.

Das Buch von Shaw hat seinen Schwerpunkt natürlich im anglo-irischen Bereich und das von Bechtel und Carrière im französischen. Sonderlinge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz fehlen weitgehend, was man zwar bedauert, aber gerechterweise den Autoren nicht vorwerfen kann. Sicherlich ist unser Land der Dichter und Denker, Richter und Henker kein so ergiebiges Biotop wie zum Beispiel das Vereinigte Königreich, aber ein paar Sonderlinge könnten wir schon auch beisteuern. Der Kohlrabi-Apostel Diefenbach, der Nudist, nein: Gymnosoph Richard Ungewitter und der Mathematiklehrer, der in zehnjähriger Arbeit das regelmäßige 65537-Eck mit Zirkel und Lineal konstruiert hat, waren zum Beispiel spezifisch deutsche Exzentriker, die man schmerzlich vermißt.

Regelmäßige Leser von Buchbesprechungen wird es nicht wundern: Wir oft als biblioman geschmähten Bibliophilen sind besonders gut repräsentiert. Zwei Beispiele: Sir Thomas Phillips (1792 bis 1872) besaß hunderttausend Bücher und sechzigtausend Manuskripte. Seine erste Frau durfte diese katalogisieren, wurde aber unerklärlicherweise opiumsüchtig und starb mit siebenunddreißig Jahren, wie Shaw berichtet: "Nach ihrem Tod bemühte sich Phillips, einen wohlhabenden Ersatz für sie zu finden, eine Frau, die ihm seine Leidenschaft finanzieren und die Katalogtätigkeit fortsetzen konnte. Schließlich entschied er sich für eine Pfarrerstochter. Die neue Ehefrau fand ihr neues Leben unerträglich, besonders die Ratten, und erlitt einen Nervenzusammenbruch." Und im anderen Band erfahren wir: "Wie der Henker Sanson berichtete, las der Herzog von Charost in dem Karren, der ihn zum Schafott führte, ein Buch. Ehe er die Stufen zur Guillotine hochstieg, machte er ein Eselsohr in die Seite, um die Stelle später wiederzufinden." Falls jemand unter unseren Lesern ebenfalls eine Henkerslektüre benötigt, empfehlen wir das Werk von Bechtel und Carrière.

ERNST HORST

Karl Shaw: "Lexikon der Exzentriker". Die schrägsten Vögel der Welt und ihre haarsträubenden Geschichten. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Wilhelm Heyne Verlag, München 2000. 480 S., geb., 39,90 DM.

Guy Bechtel, Jean-Claude Carrière: "Lexikon der Sonderlinge". Aus dem Französischen von Ralf Pannowitsch und Helgard Rost. Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 2001. 320 S., 29,90 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Exzentriker und Sonderlinge, jene Abweichler, die mit ihren außergewöhnlichen Ticks und Macken Faszination, Humor und Abstoßung zugleich auslösen, gibt und gab es eine ganze Menge. Das kann man den beiden Lexika entnehmen, die Ernst Horst gelesen hat. In beiden hat der Rezensent leider die deutschen Vertreter der besonderen Art "schmerzlich" vermisst. Trotzdem hat er mit Genuss gerade das Werk von Guy Bechtel und Jean-Claude Carriere verschlungen, während er über Karl Shaws Zusammenstellung eher kritische Töne verlauten lässt.
1.) Karl Shaw: "Lexikon der Exzentriker. Die schrägsten Vögel der Welt und ihre haarsträubenden Geschichten"
Das Elend dieses Lexikons liegt für Horst weniger darin, dass der Londoner Redakteur Karl Shaw fast ausschließlich nur die Sonderlinge des anglo-irischen Bereichs zusammengetragen hat, sondern vielmehr darin, dass er um jeden Preis ein dickes Lexikon erstellen wollte, auch wenn die meisten seiner Figuren vom Rezensenten eines lexikalischen Eintrags nicht für würdig befunden werden. Hätten er oder sein Lektor sich auf die Hälfte beschränkt, wäre hier fast eine amüsante Lektüre entstanden, meint Horst. Auch das Ordnungsprinzip des Bandes, die Exzentriker nach Aristokratie, Religiosität etc. zu sortieren, missfällt dem Rezensenten. Unschön findet Horst dann noch den sprachlichen Ton des Autors. Denn der sei kalt und deutlich darauf bedacht, sich über seine Protagonisten in Häme zu ergehen.
2.) Guy Bechtel / Jean-Claude Carriere: "Lexikon der Sonderlinge"
Viel lobender lässt sich Horst über die Zusammenstellung der französischen Sonderlinge aus. Allein schon die Illustration von Ernst Karl auf dem Cover findet er wunderbar, und der Inhalt sei poetisch. "Kleinode reinsten Wassers" hat Horst hier entdeckt, Kleinode, die von den Autoren liebevoll beschrieben würden. Der Stoff reicht aus, unkt der Rezensent, um mindestens einhundertvier neue Folgen von Monty Python's Flying Circus abzudrehen. Auch wenn sich Horst hier wie auch in Shaws Lexikon generell mehr Hintergrundinformation über die vorgestellten Sonderlinge gewünscht hätte, hat er das Buch der Franzosen mit großem Genuss gelesen.

© Perlentaucher Medien GmbH
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