Lebensformen Europas - Reinhard, Wolfgang
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Einzigartiges Panorama europäischen Lebens
Kurztext:
Wolfgang Reinhard entwirft in seinem neuen Buch erstmals ein Gesamtbild der Lebensformen des europäischen Menschen vom ausgehenden Mittelalter bis zur Gegenwart. Das Werk gliedert sich in drei große Teile: Körper, Mitmenschen und Umwelten. Jeder dieser Teile erschließt einen zentralen Bereich unserer Wirklichkeitserfahrung: Der erste Teil befaßt sich mit unserer physischen Existenz als Menschen, die gezeugt und geboren werden, Mann oder Frau sind, Hunger und Durst haben, sich kleiden und pflegen, Krankheit (und…mehr

Produktbeschreibung
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Einzigartiges Panorama europäischen Lebens

Kurztext:
Wolfgang Reinhard entwirft in seinem neuen Buch erstmals ein Gesamtbild der Lebensformen des europäischen Menschen vom ausgehenden Mittelalter bis zur Gegenwart. Das Werk gliedert sich in drei große Teile: Körper, Mitmenschen und Umwelten. Jeder dieser Teile erschließt einen zentralen Bereich unserer Wirklichkeitserfahrung: Der erste Teil befaßt sich mit unserer physischen Existenz als Menschen, die gezeugt und geboren werden, Mann oder Frau sind, Hunger und Durst haben, sich kleiden und pflegen, Krankheit (und hoffentlich auch Heilkunst) am eigenen Leib erfahren, die alt werden und am Ende sterben müssen. Der zweite Teil geht unserer Selbstorganisation in Partnerschaft, Ehe und Familie nach, betrachtet Erziehung und Schule sowie das ganze Terrain unserer sozialen Beziehungen in Staat, Gesellschaft und Kultur. Der dritte und letzte Teil schließlich widmet sich unserer Erfahrung von Raum und Natur, unserem ökonomischen Handeln, den historischen Wandlungen der Lebensqualität sowie den Kommunikationsformen von der elementaren - und regional oft unterschiedlichen - Gestik bis hin zu den neuen Medien der Gegenwart. Die abschließenden Kapitel beleuchten behutsam das Verhältnis des europäischen Menschen zu Transzendenz und Rationalität, Zeitlichkeit und Geschichte.
So bietet dieses Werk ein einzigartiges historisches Panorama europäischen Lebens, das stupende Gelehrsamkeit mit souveräner Darstellungskunst verbindet. Es darf schon jetzt zu den herausragenden Leistungen der deutschen Geschichtswissenschaft gerechnet werden.

Rezensionen:
'... eine stets klar strukturierte, mit Anekdoten ökonomisch bestückte Führung durch Sitten, Lebensformen und Verhaltensregularien Europas. (...) Ein methodisch prägnantes, nüchtern und klar geschriebenes, kurz grundsolides historisches Hausbuch von länger dauernder Haltbarkeit!'
Freitag 39 - Die Ost-West-Wochenzeitung, 17. September 2004

'Mit seinem Buch hat Reinhard eine faszinierende Alltag-, Mentalitäts- und Mikrogeschichte Europas vom Mittelalter bis zu Gegenwart geschrieben, die alles nur Erdenkliche umfassen soll. (...) Mit viel distanzierter Ironie und teilweise erstaunlichem Witz (...) Das gut lesbare und kompakte Buch Lebensformen Europas allerdings, das sogar über den Tellerrand des Kontinents hinauszublicken vermag, ist erstaunlich vollständig geraten.'
Thomas Köster, Neue Zürcher Zeitung, 29. August 2004.

'(...) großen Leistung von Reinhards Arbeit. (...) insgesamt gelingt es ihm durchaus, einen gewaltigen Wissensfundus weder um seiner selbst willen auszubreiten, noch der Versuchung zu erliegen, die Informationen in bequemer, aber letztlich verengender Weise an einem einzigen Leittheorem auszurichten. (...) diesen vielfältigen Erklärungen unserer heutigen Welt vor dem Hintergrund ihres historisch bedingten Zustandekommens liegt die schlechterdings herausragende Leistung des Autors. Der sich im übrigen bei seiner Darstellung einer immer präzisen, nie unnötig komplizierten Sprache bedient. (...) Am Ende der Lektüre legt der Leser das Buch mit dem Bewusstsein aus der Hand, das Entstehen unserer heutigen Welt nicht umfassend gedeutet bekommen, aber doch eine Vielzahl von Aspekten erklärt gefunden zu haben, und das darf angesichts der wachsenden Fragmentierung geisteswissenschaftlicher Forschung wohl als eine epochale Leistung des Autors bezeichnet werden. (...) in diesen Zeiten stellen die Bücher und ihr Autor einen großen Lichtblick dar.'
Arne Karsten, Frankfurter Rundschau, 29. Juli 2004

'Wie bekam das Kind im Hochmittelalter seinen Namen und seit wann wollen Frauen die Hosen anhaben? Der Freiburger Historiker erklärt die Welt, in der wir leben, die Wurzeln der europäischen Kultur. Tischsitten, uneheliche Kinder oder Konsum und Menschenwürde: Jedes Kapitel ist existenziell berührend - eine weite Reise zu uns selbst.'
Der Tagesspiegel, 1. Juli 2004

'Mit immensem Fachwissen und einer griffigen Darstellungsweise beschreibt er Europa als gemeinsamen Lebensraum seiner Menschen. Reinhards Buch ist zugleich ein Manifest für die Methode der 'historischen Anthropologie'. (...) Wie veränderte sich das Leben der Europäer im Lauf der Jahrhunderte? Wie erfuhren sie über Familie und Erziehung, wie gingen sie mit Randgruppen um, wie wirtschafteten, aßen und feierten sie, und welche Rolle spielte die Religion? Diese Fragen sind nur ein kleiner Ausschnitt all dessen, was in Reinhards Buch behandelt wird. Hinzu kommen Abhandlungen über Rechtssysteme, Architektur, Freizeitgestaltung, kulturelle Leistungen, das Verhältnis zu Natur und Umwelt und vieles mehr.
All diese Facetten europäischen Daseins beschreibt Reinhard in plastischer Sprache (...) und mit einer Fülle von Details, die dem Buch schon fast enzyklopädische Züge verleihen. Aufschlussreiche Einzelheiten verknüpft Reinhard elegant mit großen historischen Prozessen wie der Entstehung des modernen Staates."
Christoph Peerenboom, General-Anzeiger, 24. Juni 2004

'Ein hochinteressanter Einblick in die Grundbedürfnisse des Menschen in der Geschichte - die Entwicklung Europas einmal aus einer anderen Perspektive. Das Buch ist für die deutsche Geschichtsschreibung sicherlich ein Glücksfall; es führt methodische Anregungen aus Frankreich und zahlreiche Einzeluntersuchungen elegant und kenntnisreich zu einer Kulturgeschichte Europas zusammen.
Stephan Füssel, Börsenblatt, 6. April 2004

'Reinhard gelingt es immer wieder, jenes Charakteristische herauszuarbeiten, das die Denkweisen und Selbstbilder der Menschen in den verschiedenen Epochen und Regionen der europäischen Moderne prägte, das ihnen Sinn und Ziel vorgab und europäische Lebenswelten verband. In drei großen Kapiteln stellt das Buch zunächst den Einzelnen vor, seine physischen Bedürfnisse wie seine kognitiven und kulturellen Verfassungen, dann seine sozialen Bezüge innerhalb gesellschaftlicher Ordnungen, schließlich die räumlichen und kulturellen Umwelten: Natur, Raum, Ethos, Religion, Zeit. Dabei werden Befunde und Beispiele geschickt verknüpft mit konzeptuellen und theoretischen Fragen, die den engeren Deutungsrahmen des Historikers immer wieder interdisziplinär weiten. Entwicklungslinien werden vielfach bis die Gegenwart hinein gezogen, um Kontinuitäten und Wandlungen in Gesellschaft und Kultur in der 'longue durée' verdeutlichen zu können. Und es wird konsequent ein europäischer Horizont aufgespannt, den Formenreichtum, Unterschiede und Prozesshaftigkeit kennzeichnen, aber auch die gemeinsame Prägung der 'Zivilisation Europa'. (...) Ein ebenso facettenreicher wie kompakter Überblick eines umfassend gebildeten Historikers."
Wolfgang Kaschuba, Die Zeit, 25. März 2004

'Es handelt sich um die Selbstdarstellung einer neuen Art der Historiographie, um eine Programmschrift, die mit Recht davon ausgeht, daß es nicht die methodologischen Fanfarensignale sind, die zählen, sondern die geduldige und fruchtbare Durchführung. Der Verfasser kennt den mißtrauischen Blick seiner Historikerkollegen; sie verlangen Belege, keine Konfessionen. Er nimmt darauf so viel Rücksicht, wie es sein Mammutprojekt überhaupt duldet; er bringt Details über Details; er zitiert eine ganz historische Bibliothek. Und für die Nichtfachleute transformiert er den gewaltigen Stoff in ein kulturhistorisches Lesebuch, wie weiland Oswald Spengler. Der Verfasser ist zu bewundern: Er hat keinen historischen Wälzer geschaffen, keinen Wackerstein, der im Bauch des Bildungsbürgers rumpelt und pumpelt; er faßt seine Ergebnisse elegant zusammen und stellt zugleich sein Verfahren in eine einzigen Anlauf dar.'
Kurt Flasch, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. März 2004

'Vor fünf Jahren erst legte Wolfgang Reinhard eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas vor, die selbst den Schulhäuptern gegnerischer Orthodoxien Entzückensrufe entlockte. Ein Meisterwerk, lautete das einhellige Urteil der Fachgenossen über die 'Geschichte der Staatsgewalt'. Jetzt publiziert Reinhard ein neues gewaltiges Werk, meisterhaft wie das andere, aber anders beschaffen. In seiner Nüchternheit und Akribie, in seiner gedanklichen Strenge und seinem lakonischen Stil ist dieses Werk durch und durch deutsch und zugleich von weltoffener Eleganz, eine internationale Spitzenleistung - ohne Exzentrizitäten, ohne Geschwätzigkeit, immer präzise und uneitel auf den Punkt gebracht. (...) es ist ein Buch nicht nur für Fachleute, sondern ein Geschenk für jeden historisch interessierten Leser. Reinhard spricht direkt zu ihm. Sein Werk ist einerseits ein gigantischer Forschungsbericht zur historischen Anthropologie, stellenweise ergänzt um die Ergebnisse eigener Erkundungen. Andererseits ist es eine Enzyklopädie der ganzen Vielfalt des Lebens. (...) Für den Fachmann ist dieses Buch jedoch nicht nur als Kompendium unentbehrlich. Sein größter Verdienst resultiert aus dem methodischen Scharfsinn seines Autors.'
Tim B. Müller, Süddeutsche Zeitung, 22. März 2004

Inhalt:
Einleitung: Anthropologie und Anthropologien
I. Körper
1. Körper und Geschlecht
2. Sinne und Emotionen
3. Kleidung und Hygiene
4. Ernährung und Hunger
5. Gesundheit, Krankheit, Heilkunst
6. Lebensalter und Tod
II. Mitmenschen
1. Partnerschaft, Ehe, Familie
2. Kindheit und Jugend
3. Sozialisation, Erziehung, Bildung
4. Individuen und Gruppen
5. Politik und Recht
6. Schichtung und Mobilität
7. Randgruppen
8. Devianz und Strafe
9. Gewalt und Krieg
10. Kulturkontakte
III. Umwelten
1. Raum und Natur
2. Wirtschaft und Disziplin
3. Lebensqualität
4. Bauen und Wohnen
5. Kommunikationswelten
6. Transzendenz und Rationalität
7. Zeit und Geschichte
Anhang
Anmerkungen
Bibliographie
Abbildungsverzeichnis
Personenregister
Autorenporträt
Wolfgang Reinhard ist Prof. em. für neuere Geschichte an der Universität Freiburg. Er hat zahlreiche historische Werke vorgelegt, darunter bei C.H.Beck die Geschichte der Staatsgewalt (22001), für die er 2001 den Preis des Historischen Kollegs (Deutscher Historikerpreis) erhielt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Als "epochale Leistung" bezeichnet Rezensent Arne Karsten das neue Buch von Wolfgang Reinhard, in dem es um nicht weniger geht als um die Analyse der Menschen Europas und ihrer Umwelt vom Mittelalter bis in die heutige Zeit. In drei Hauptabschnitte gegliedert - Überlegungen zum eigenen Körper, den Mitmenschen und schließlich der Umwelt - liefere das "umfangreiche, aber nicht unförmige" Buch dem Leser "vielfältige" Erklärungen der heutigen Welt. Völlig verständlich findet es der Rezensent, dass Spezialisten einzelner Fachrichtungen "allerlei Kleinigkeiten" bemängeln könnten - bei einem "derartig umfassenden Zugriff" verstünde sich dies von selbst. Doch diese Schwächen empfindet der Kritiker als "vollkommen unerheblich". Für ihn bleibt Reinhards "zu allem Überfluss" auch noch lesbares Monumentalwerk eine "herausragende Leistung".

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.03.2004

Und weil der Mensch eine Biene ist
Wie Europa liebt, wohnt, arbeitet, herrscht und tötet: Wolfgang Reinhard erzählt uns alles
Vor fünf Jahren erst legte Wolfgang Reinhard eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas vor, die selbst den Schulhäuptern gegnerischer Orthodoxien Entzückensrufe entlockte. Ein Meisterwerk, lautete das einhellige Urteil der Fachgenossen über die „Geschichte der Staatsgewalt”. Jetzt publiziert Reinhard ein neues gewaltiges Werk, meisterhaft wie das andere, aber anders beschaffen. In seiner Nüchternheit und Akribie, in seiner gedanklichen Strenge und seinem lakonischen Stil ist dieses Werk durch und durch deutsch und zugleich von weltoffener Eleganz, eine internationale Spitzenleistung – ohne Exzentrizitäten, ohne Geschwätzigkeit, immer präzise und uneitel auf den Punkt gebracht.
Das Ziel von Reinhards „Lebensformen Europas” ist die „Ermöglichung eines ethnologischen Blicks auf uns selbst durch verfremdenden Kontrast mit den Sitten unserer Vorfahren einerseits, durch Aufdeckung der Wurzeln unseres eigenen Verhaltens in jenen andererseits”. Aber es ist ein Buch nicht nur für Fachleute, sondern ein Geschenk für jeden historisch interessierten Leser. Reinhard spricht direkt zu ihm. Sein Werk ist einerseits ein gigantischer Forschungsbericht zur historischen Anthropologie, stellenweise ergänzt um die Ergebnisse eigener Erkundungen. Andererseits ist es eine Enzyklopädie der ganzen Vielfalt des Lebens.
Dem menschlichen Körper widmet sich der erste Teil: Geschlechtlichkeit, Emotionen, Kleidung und Hygiene, Ernährung und Hunger, Gesundheit und Krankheit, Altern und Sterben. Den Menschen unter Mitmenschen analysiert der zweite Teil: Ehe und Familie, Kindheit und Jugend, Sozialisation und Erziehung, Individualität und Gruppenbildung, Politik und Recht, Schichtung und Mobilität, Randgruppen, Devianz und Strafe, Gewalt und Krieg, Kontakte zwischen Kulturen. Die Lebenswelt behandelt der dritte Teil: Raum- und Naturkontrolle, Wirtschaft und Disziplin, Lebensqualität, Bauen und Wohnen, der Wandel der Kommunikation, Transzendenz und Rationalität, schließlich Zeit und Geschichte. Das alles mögen angesichts des kolossalen Umfangs des Gegenstandes nur „Umrisse” sein, wie Reinhard bescheiden anmerkt, aber durch sie kommt der Reichtum des Lebens so klar zum Vorschein wie selten zuvor.
Für den Fachmann ist dieses Buch jedoch nicht nur als Kompendium unentbehrlich. Sein größtes Verdienst resultiert aus dem methodischen Scharfsinn seines Autors. Das disziplinäre Feld der historischen Anthropologie ist relativ jung, anfällig für vielerlei Kinderkrankheiten. Reinhard trennt in seiner ausführlichen Einleitung mit sicherem Urteil die reichlich vorhandene modische Spreu vom Weizen. So wird Judith Butler, die Ikone der Geschlechterforschung, unpolemisch der intellektuellen Falschmünzerei überführt, weil sie so tut, als gebe es nichts als Diskurse. Oder: Anders als viele derzeit meinen, war emotionale Gatten- und Kindesliebe in unterschiedlichen Intensitätsgraden immer anzutreffen, auch wenn sie nicht immer als solche zur Sprache kam. Zwei Beispiele dafür, wie leicht sich Forscher von der Raffinesse der Quellen und von eigenen oder modischen theoretisch-politischen Anliegen hinters Licht führen lassen.
Reinhards „synthetische Darstellung” signalisiert Distanz zu den üblichen mikrogeschichtlichen Darstellungsformen der historischen Anthropologie. Das erlaubt ihm, Stärken wie Schwächen dieses Untersuchungszweiges herauszukristallisieren. Historisch-anthropologische Forschungen interessieren sich für Uneinheitlichkeit und Diskontinuität, für die Wiederentdeckung der Subjekte, für die Rückkehr zur Hermeneutik als Interpretation von Texten und symbolischen Handlungen.
Die zentrale Rolle, die sie Symbolen zuweisen, kann jedoch interpretatorische Willkür nicht ausschließen, zu vielfältig sind die Bedeutungen von Symbolen. Der Symbol-Reduktionismus gar, wie er im Gefolge von Clifford Geertz betrieben wird, verkennt die praktische Funktionalität vieler Lebensbereiche – und er eröffnet einer als Symbolwissenschaft drapierten Geistesgeschichte die Rückkehr ins Zentrum der Geschichtswissenschaft. Gleiches trifft den linguistischen Reduktionismus, der in der Gefahr steht, den Zugang zur Realität zu verlieren. Dagegen beruft sich Reinhard auf das „Vetorecht der Quellen”. In der Tat hat der Holocaust gezeigt, dass nicht unbegrenzt konstruiert und dekonstruiert werden kann. Allerdings wurde diese Kritik bereits im Lager des linguistic turn selbst vollzogen. Wie theoretische Konstrukte an der Darstellung des Judenmords zerbrechen, hat Dominick LaCapra längst entlarvt. Sein Name fehlt. Er hätte Reinhard auch die Sorge vor einer reduktionistischen Geistesgeschichte genommen.
Reinhard wagt es, historische und biologische Anthropologie in Beziehung zu setzen. Das ist verpönt – und dennoch wichtig. Reduktionismus gibt es auf beiden Seiten, zuletzt hat sich dabei die Hirnforschung hervorgetan. Reinhard zeigt, wo ein fruchtbarer Dialog ansetzen kann. Wenn möglich, zieht sein großer Vergleich der europäischen Kulturen vom späten Mittelalter bis zur Gegenwart nicht nur außereuropäische, sondern auch biologische Vergleichsdaten heran. Denn der Mensch, Reinhard betont es immer wieder, ist Natur und Kultur zugleich. Und es gibt eine weitere Grundtatsache des Lebens, die von historischen Anthropologen gern gemieden wird: das Politische. Reinhard misst dem Politischen die ihm gebührende, bis heute entscheidende Rolle zu. In alldem, in der endlosen Fülle dieses kostbaren Buches, kommt hinter der Nüchternheit eine Leidenschaft zum Vorschein, die den wahrhaft großen Gelehrten auszeichnet.
TIM B. MÜLLER
WOLFGANG REINHARD: Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie. C. H. Beck Verlag, München 2004. 720 Seiten, 39,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.03.2004

Wenn die Gabel aus Byzanz kommt
Wolfgang Reinhard überfliegt im Ballon der Anthropologie die Lebensformen Europas / Von Kurt Flasch

Die Windhunde Friedrichs II. von Preußen mußten mit "Sie" angeredet werden: "Alkmene, bellen Sie doch nicht so!"

Das Nachthemd ist eine italienische Erfindung des fünfzehnten Jahrhunderts - von Einsichten dieser Art wimmelt das neue Buch von Wolfgang Reinhard, dem emeritierten Professor für historische Anthropologie der Universität Freiburg. Sein Buch will mehr sein als eine Sammlung solcher Kuriositäten; es stellt in einem großen Wurf das Fach "historische Anthropologie" vor. Es präsentiert eine neue Art, Geschichte zu erforschen und darzustellen. Es wirft einen "ethnologischen Blick" auf unsere Gegenwart und ihre Herkunft; es beschreibt in fast handbuchartiger Vollständigkeit die Lebensformen des alten und des gegenwärtigen Europa, berücksichtigt dabei aber auch China und Ägypten, Tibet und die Eskimos.

Diese Kulturgeschichte Alteuropas erinnert in manchem an Oswald Spengler, dessen "Untergang des Abendlandes" im selben Verlag erschienen ist. Aber natürlich will sie mit ihm nichts zu tun haben; sie versteht sich als das Ergebnis der historiographischen Entwicklung seit der französischen Schule der Annales. Das Eingangskapitel zeichnet den Weg nach, der zu dieser neuen Art von Historie geführt hat: Es ist der Weg von der Mentalitätshistorie, die in Paris schon verlassen war, als deutsche Historiker sie übernahmen, über die strukturalistische Ethnologie zur historischen Anthropologie. Die neue Sehweise nahm Anregungen auf von Bourdieu und Foucault, aber auch von der historischen Sozialwissenschaft Bielefelder Machart und von der symbolischen Anthropologie von Clifford Geertz.

Was ist historische Kulturanthropologie? Sie ist der Versuch, die gesamte Geschichte, also die politische Geschichte ebenso wie die Geschichte des Alltags, die Rechts-, Verfassungs- und Sozialgeschichte, "anthropologisch zu lesen". Wem diese Antwort nicht genügt, der muß sich hindurcharbeiten durch die siebenhundert Seiten dieser neuen kulturgeschichtlichen Enzyklopädie, die beim menschlichen Körper beginnt und bei den Jenseitsvorstellungen und der Geschichte der Zeiterfahrung endet. In diesem Buch kommt sozusagen "alles" vor, denn es will zeigen, wie die Grundbedürfnisse des Menschen in der Geschichte befriedigt worden sind, vom Hunger über die Sexualität bis zum Sinnverlangen. Der Verfasser will die Abschottung der Historie von dem naturwissenschaftlichen Wissen über den Menschen beenden und versucht nicht weniger als eine historische Grundlegung einer anthropologischen Analyse unserer Gegenwart. Selbst die Zukunft verschont dieser Historiker nicht vor seiner Neugierde, von der Gegenwart ganz zu schweigen; die Kapitel enden durchweg mit einem kritischen Blick auf unsere heutige Lage. Da gibt es drei Seiten Medizingeschichte und drei Seiten über Altersversorgung; der Verfasser informiert uns über die Geschichte von Melancholie, Angst und Neid; er beschreibt Bestattungsriten und skizziert die Geschichte des Sports, dieser Religion unserer Zeit. Er studiert die Entstehung der Konsumgesellschaft und untermauert seine Analyse mit dem sprechenden Detail, daß McDonald's 80 Billionen Hamburger verkauft hat - kein Wunder, daß unsere Geschmacksnerven weniger sensibel geworden sind, während wir seit der Erfindung der Brille unser Sehen und Hören durch immer neue Wahrnehmungsgeräte verbessern konnten. Die europäische Kultur wird dominiert durch die optische, nicht durch die haptische Wahrnehmung.

Der Verfasser bettet solche Einzelheiten ein in die großen Entwicklungslinien Europas; er interpretiert die Rolle der Hose der Frau im Rahmen einer Geschichte der Emanzipation; er untersucht den umfassenden Vorgang der Sozialdisziplinierung - oft im Widerspruch zu Norbert Elias; er beschreibt die Geschichte der Anrede vom Du zum Ihr über das Sie und zurück zum Du; er informiert über den Prozeß der Verstaatlichung der Gewalt ebenso wie über die Geschichte der Kommunikation vom Gestus über Schrift und Buchdruck zur Mediengesellschaft. Er analysiert die Geschichte der modernen Rationalität bis dahin, wo sie sich auflöst in den Aporien ihrer Selbstaufhebung. Er skizziert die Geschichte der Religion bis zur Ablösung der Transzendenz durch radikale Diesseitigkeit. Das Buch endet mit einem Kapitel über die Geschichte der Zeiterfahrung und beschreibt dabei die Möglichkeit, sich auf neue Weise der Geschichte zuzuwenden, ohne die "großen" geschichtsphilosophischen Themen, ohne Fortschrittsglauben, jede Art von Teleologie vermeidend. Die neue historische Anthropologie erscheint als die Quintessenz der Geschichte des Zeitbegriffs; sie stellt sich vor als die Kunst, unsere gewandelte Gegenwart und die Vergangenheit in Gedanken zu erfassen.

Es handelt sich um die Selbstdarstellung einer neuen Art der Historiographie, um eine Programmschrift, die mit Recht davon ausgeht, daß es nicht die methodologischen Fanfarensignale sind, die zählen, sondern die geduldige und fruchtbare Durchführung. Der Verfasser kennt den mißtrauischen Blick seiner Historikerkollegen; sie verlangen Belege, keine Konfessionen. Er nimmt darauf so viel Rücksicht, wie es sein Mammutprojekt überhaupt duldet; er bringt Details über Details; er zitiert eine ganze historische Bibliothek. Und für die Nichtfachleute transformiert er den gewaltigen Stoff in ein kulturhistorisches Lesebuch, wie weiland Oswald Spengler. Der Verfasser ist zu bewundern: Er hat keinen historischen Wälzer geschaffen, keinen Wackerstein, der im Bauch des Bildungsbürgers rumpelt und pumpelt; er faßt seine Ergebnisse elegant zusammen und stellt zugleich sein Verfahren in einem einzigen Anlauf dar.

Wenn es für dieses Buch einen Vergleich gäbe, dann wäre es eine Ballonfahrt. Wie ein Ballon gleitet es im energischen Tempo über die europäische Kulturlandschaft, besichtigt so gut wie alle ihre Felder, streift auch einmal Afrika oder Asien und erlaubt einen Blick auf die Zukunft in den Vereinigten Staaten. Ein Ballon fliegt bekanntlich nur, wenn er aufgeblasen und abgehoben ist; kein Ballon kann ständig wieder landen, um am Boden neue Erkundungen zuzulassen. Damit bin ich bei den Schwächen dieses Buches, das trotz meiner kritischen Hinweise viele Leute lesen sollten, nicht nur Historiker, sondern auch Politiker und Journalisten.

So gibt es seltene Fehldatierungen, die man als Druckfehler auslegen kann: Der Kirchenrechtslehrer Gratian wird ins elfte Jahrhundert versetzt. Da gibt es - häufiger - Fehlzuweisungen philosophischer Verdienste, als habe Hegel und nicht Aristoteles das konkrete Allgemeine eingefordert, als habe Thomas von Aquino den Begriff des Habitus eingeführt, als habe Foucault und nicht Nietzsche die Rolle des Körpers entdeckt. Gravierender ist der offensichtliche Mangel an primärem Quellenkontakt, den ich an einem Beispiel erläutern möchte:

Der Verfasser teilt uns mit, Luther habe empfohlen, mißgestaltete Kinder gleich nach der Geburt zu töten; sie würden ohnehin nicht lange leben und bis dahin unnütz fressen und saufen. Dies ist ein Faktum von außerordentlichem Gewicht; es widerspricht vielen Bildern, die von Luther gezeichnet worden sind. Wolfgang Reinhard drückt denn auch sein Erstaunen aus, daß noch niemand auf die Idee gekommen ist, diesen Spruch Luthers "als historisches Alibi für das Euthanasieprogramm des Dritten Reiches zu benutzen". Ein sorgfältiger Leser wird dieses Zitat überprüfen wollen: In welchem Zusammenhang steht es? Wann wurde es zu wem geäußert? Der Autor gibt diesem Leser auch einen Hinweis: Müller, S. 50. Nun habe ich im historischen Proseminar gelernt, man müsse erst den Originaltext aufsuchen, und wenn man ihn nur aus der Sekundärliteratur kenne, habe man hinzuzufügen: Weimarer Ausgabe, Band XXX, Seite YY, bei Müller S. 50. Diese altmodische Sorgfalt sollte sicherstellen, daß der historische Kontext zur Geltung kommt. Es geht nicht um gelehrten Dekor, sondern um den genauen geschichtlichen Ort. Und davon ist der Ballonfahrer der historischen Anthropologie weit entfernt; abgehoben, wie er dahinreist, eilt er weiter zum nächsten auffälligen Lichteffekt der historischen Landschaft, schließlich will er der Mediengesellschaft die adäquate Geschichtsbetrachtung bieten.

Der Leser, einmal aufmerksam geworden auf diese Kunst historiographischer Konstruktion der Wirklichkeit, entdeckt dann ständig die Abhängigkeit von Sekundärliteratur statt von primären Quellen. Oft ist der Autor damit zufrieden, wenn etwas "angeblich" so ist. Dieses Wort "angeblich" taucht immer wieder auf. Der historische Kulturanthropologe ist so wenig Historiker, daß er sich gar nicht für verpflichtet hält, das Ondit zu überprüfen. Es ist ihm gleichgültig, ob die Gabel aus Byzanz stammt; er ist zufrieden mit der Mitteilung, sie komme "angeblich" von dort. Er hat keine Lust, seinen Ballon zu verlassen und am geschichtlichen Boden nachzusehen.

Das ist - unter Historikern - doch, als teile ein Lehrbuch der inneren Medizin mit, Himbeersaft sei "angeblich" gut gegen Magenkrebs. Entweder ist die Angabe, wie in diesem Fall, lächerlich und gehört nicht ins Lehrbuch, oder sie ist diskussionswürdig, dann muß der Autor sie überprüfen. Dies unterläßt unser Kulturreisender in Hunderten von Fällen. Liegt diese Abgehobenheit in der Konzeption der historischen Kulturanthropologie selbst begründet? Handelt es sich um eine zufällige Schwäche ihrer Anwendung? Dies bleibe hier offen, ebenso die Frage, ob der Verfasser die Epochenbegriffe - Vormoderne, Moderne, Postmoderne, aber auch Mittelalter und Renaissance - nicht selbst durch Nachweise de facto auflöst, die er ständig weiter benutzt. Dieses Buch ist zu lehrreich, um in methodologischen Debatten zerrieben zu werden. Es korrigiert eine Reihe kulturhistorischer Fehlurteile, es erzählt zum Beispiel von England, daß dort noch 1808 ein siebenjähriges Mädchen gehängt wurde. Es widerlegt die Meinung, wir hätten ein hohes Maß sozialer Mobilität erreicht. Interessant ist die Kritik an Max Weber und an seiner Fehleinschätzung der Berufsidee bei Luther und Calvin. Es überrascht und gibt zu denken mit der Erklärung, Folter sei ein "kulturelles Universal".

Eine illusionslose Betrachtung der Gegenwart und ein Quäntchen Zynismus melden sich in den Bemerkungen über die Gegenwart zu Wort, sofern sie nicht in Banalitäten enden. Sie geben dem Stil Frische und Salz. Das Buch ist gut geschrieben - für den Leser, der das überlastete Eingangskapitel überschlägt und eine Stilblüte übersieht wie die: "Das westliche Mönchtum des Mittelalters war ursprünglich glatt rasiert." Aus der Höhe der "Anthropologie" sieht man nicht Mönche, sondern gleich das ganze Mönchtum und schert es über seinen konzeptionellen Kamm. Es tut mir leid, daß ich solche Schwächen nicht übersehen kann, denn das Buch ist gelehrt und liest sich mit Genuß. Wie viele gelungene Formulierungen erfreuen das durch Höhenluft strapazierte Herz! Etwa diese aktuelle Notiz: "In der postmodernen Restfamilie des Wohlfahrtsstaates bleibt dem Vater schließlich nur noch eine Art von säkularisierter Josephsexistenz als bloßer Nährvater, denn nur seine Alimentationspflicht teilt er noch mit dem Staat." Der ansonsten ungerührte Soziologe zeigt "vormodernes" Mitgefühl mit den Männern, aber wie gut er das sagt: "Die kulturelle Ikone des starken, schweigsamen Helden" wurde abgelöst und ersetzt durch die des "verletzlichen und redseligen Antihelden". Wie elegant gleitet er über die Geschichte von Kriminalität und Strafmaß hinweg, indem er einen gelehrten Abschnitt so zusammenfaßt: "Unsere Vorfahren waren also höchstwahrscheinlich nicht braver, sondern wurden nur seltener erwischt."

Der Verfasser schreibt bewußt eine Kulturgeschichte für die Zeit, die er immer noch die "Postmoderne" nennt. Er hat keine Geschichtsphilosophie mehr im Sinn. Er sieht den Staat in Auflösung und gibt trostlose Beschreibungen der intellektuellen Lage der Kirchen; sie hätten "säkulare Wertvorstellungen eingeschmuggelt", um mit ihrer Botschaft noch Anklang zu finden. Jeder Kulturoptimismus liegt weit hinter ihm, und das zusammen mit einer Prise Biologismus beflügelt seine Beredsamkeit zu schönen Sätzen wie diesem: "Gewaltsame Auseinandersetzungen innerhalb der eigenen Gruppe waren die wichtigsten Formen der Gewalt bei den Männchen des Menschen. Sie sind es immer noch, aber neuerdings mit zunehmender Beteiligung der Weibchen, vom Kampfsport bis zum Militär."

Über den Verdacht, ein Feminist zu sein, ist der Freiburger Emeritus weit erhaben. Aber er hat ein Buch geschrieben, das für seine Stoffülle nicht zu dick ist. Es belehrt durch auffällige Details und erfreut durch muntere Nachdenklichkeit.

Wolfgang Reinhard: "Lebensformen Europas". Eine historische Kulturanthropologie. C.H. Beck Verlag, München 2004. 718 S., 39 Abb., geb., 39,90 [Euro].

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