Produktdetails
  • Verlag: Verlag Herder
  • ISBN-13: 9783451276859
  • ISBN-10: 3451276852
  • Artikelnr.: 09859177
Rezensionen
Besprechung von 07.08.2001
Im Gleichzeitigkeitsstau
Volker Janssens Einblicke in den ukrainischen Alltag

Volker Janssen: Kornblumen und Salo. Begegnung mit der Ukraine. Herder Verlag, Freiburg 2001. 160 Seiten mit Karten, 34,- Mark.

Als Volker Janssens "Kornblumen und Salo. Begegnung mit der Ukraine" kürzlich in Freiburg vorgestellt wurde, beschrieb eine Lektorin, wie schwierig es ist, den Autor einzuordnen: Eigentlich nämlich sei "Kornblumen und Salo" kein politisches Buch - auch ein Sachbuch, einen Reiseführer oder ein literarisches Werk könne man es nicht nennen. Dennoch ist das Buch ein leicht zugängliches Werk über die Ukraine, ein Land, das immer häufiger für Schlagzeilen sorgt - obwohl leider fast immer für schlechte, etwa über das Ende der Regierung des Reformers Wiktor Juschtschenko.

Daß die meisten Deutschen nicht besonders viel wissen über die Ukraine, überrascht nur auf den ersten Blick; wohl gab es gerade in den letzten fünf Jahren keinen Mangel an Büchern in deutscher Sprache über das Land. Nur daß der weitaus größte Teil davon - sehr gründlich, wie es sich gehört, natürlich - Themen wie nukleare Abrüstung und die Reform der ukrainischen Wirtschaft behandelte. Nichteingeweihte indessen, die eine Skizze der heutigen Ukraine lesen möchten, sind bislang "heimatlos" geblieben.

Janssens Buch erinnert von Form und Geist her an Alfred Döblins "Reise in Polen", wenn auch auf viel kleinerer Leinwand. Es ist das Resultat ausgedehnter Reisen durch die Ukraine, von Donbass im Osten bis an die slowakische Grenze in Tschop. Leider starb Janssen an Krebs, bevor er sein Werk vollendete. Andreas Jahn bearbeitete das Manuskript. Das Endergebnis ist eine Reihe von Vignetten, die Einblicke in den ukrainischen Alltag erlauben: Einblicke, die man kaum anderswo lesen kann und die als kleine Einführung in die Ukraine taugen.

Eintrag um Eintrag wird der Leser Zeuge, wie Janssen, ein ehemaliger Entwicklungshelfer aus Westeuropa, endlich die "zweite Welt" entdeckt. Manchmal naiv, manchmal staunend findet der Autor seinen Weg durch die ehemalige zweite Republik der einstigen Supermacht Sowjetunion; er bereist ein europäisches Land, das eher zur Dritten Welt zu gehören scheint, er rätselt über die Armut in einem Land, das eigentlich sehr reich an Ressourcen, Land und Menschen ist. Für Janssens soziologischen Blick sind die Menschen am wichtigsten: die Bierverkäuferin im Kiewer Stadtteil Podil, die in die Bundesrepublik ausreisen will; die Chaotin, die als "Programmkoordinatorin für Sozialpolitik" in einem Institut arbeitet; der Bürokrat im Ministerrat; eine Bauernfamilie an der Dniepr; der Gewerkschaftler in Donezk. Wie geht es diesen Menschen, wenn von Tschernobyl, Makroökonomie und nuklearen Waffen nicht die Rede ist?

Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild der Ukraine. Laut amerikanischem Geheimdienst CIA beträgt die Lebenserwartung der Ukrainer um die sechzig Jahre - neun Jahre weniger als etwa in Polen und China. Tausende ukrainischer Frauen sind aus Armut oder Naivität Opfer des internationalen Sexgeschäfts oder einer modernen Form der Sklaverei geworden. Vor kurzem erklärte die Regierung Aids zur nationalen Epidemie, eine Folge des ansteigenden Drogenkonsums; über eine Viertelmillion Menschen seien mit dem HIV infiziert. Die CIA schätzt, daß fünfzig Prozent der Ukrainer unterhalb der Armutsgrenze leben; in Polen sind es vierundzwanzig, in China zehn Prozent. Es herrscht, so Janssen, Tag für Tag ein Kampf "um das nackte Überleben".

Wie aber reagieren die Ukrainer darauf? Janssens Buch ist durchsiebt mit Ausdrücken wie "stoische Gelassenheit", "Gleichmut", "Desillusion", "Resignation". Wenn es um Tschernobyl geht, sagt eine alte Babuschka: "Vor Tschernobyl sind bei uns Kartoffeln, Gemüse und Blumen gewachsen, und nach Tschernobyl wachsen bei uns Kartoffeln, Gemüse und Blumen. Was wollen wir denn mehr?" Janssen ist solcher Fatalismus vertraut; er hatte fünfzehn Jahre lang in Afrika gearbeitet. Auch wenn Janssen sich kurz vor seinem letzten Abflug aus der Ukraine optimistisch äußerte: gute Gründe dafür gibt es nur wenige.

Die Kirche ist ebenso ratlos wie die Regierung; der junge ukrainische Staat ist steckengeblieben in dem, was Janssen "Gleichzeitigkeitsstau" nennt. Die Regierung, deren Republikministerien nur als Briefkasten für Moskau gedient hatten, mußte 1991 von einem auf den anderen Tag plötzlich regieren. Ohne Probezeit oder den Unterbau einer nennenswerten Tradition mußte sie die Staatenbildung organisieren. Eine Wirtschaftsform mußte über Bord gekippt werden und die Richtlinien für ein neues - von Janssen mit Skepsis betrachtetes - System entworfen und in die Tat umgesetzt werden. Dabei darf die negative Rolle der Oligarchen nicht außer acht gelassen werden. Doch solange das Volk sich nicht aus seiner Trägheit befreit, das macht die Lektüre deutlich, wird sich die Lage nicht ändern.

RAY BRANDON

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Weder ein politisches noch ein Sachbuch und schon gar keinen Reiseführer kann der Rezensent in diesem Band erkennen. Dennoch ist Rezensent Ray Brandon glücklich geworden mit diesem "leicht zugänglichen Werk über die Ukraine", das ihn von Form und Geist her an Döblins "Reise in Polen" erinnert, "wenn auch auf viel kleinerer Leinwand." Was ist gemeint? Was taugt hier als "Einführung in den Alltag der Ukraine"? Unzweifelhaft der soziologische Blick auf die Menschen. Nach der Lektüre weiß Brandon etwas besser, wie es ihnen geht, was eine Bauernfamilie am Dnjepr umtreibt, er hat einen seltenen Blick einmal über Tschernobyl hinaus erhalten oder etwas über Fragen der Makroökonomie erfahren. Was Brandon sieht, allerdings, ist düster: Einen Fatalismus sieht er und eine Trägheit, die er für die schwierige Lage der Ukraine verantwortlich macht.

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