• Gebundenes Buch

Jetzt bewerten

Das Mädchen, dessen Leben Norah Lange vom 6. bis zum 15. Lebensjahr und zwischen herrschaftlichem Landleben und Verarmung in Buenos Aires in 82 stimmungsvollen Schlaglichtern nachzeichnet, dürfte eine der erstaunlichsten Heldinnen der Literatur Argentiniens sein. Mit der offenen Schilderung der Ängste, Zustände und Wünsche des heranwachsenden Mädchens und seiner besonderen, manchmal unheimlichen, manchmal exzentrischen Erfahrungen konstruierte Norah Lange die Kindheit einer Avantgardeautorin: experimentierfreudig, genau beobachtend, vielschichtig und märchenhaft. In ihren Nachworten spüren die…mehr

Produktbeschreibung
Das Mädchen, dessen Leben Norah Lange vom 6. bis zum 15. Lebensjahr und zwischen herrschaftlichem Landleben und Verarmung in Buenos Aires in 82 stimmungsvollen Schlaglichtern nachzeichnet, dürfte eine der erstaunlichsten Heldinnen der Literatur Argentiniens sein. Mit der offenen Schilderung der Ängste, Zustände und Wünsche des heranwachsenden Mädchens und seiner besonderen, manchmal unheimlichen, manchmal exzentrischen Erfahrungen konstruierte Norah Lange die Kindheit einer Avantgardeautorin: experimentierfreudig, genau beobachtend, vielschichtig und märchenhaft. In ihren Nachworten spüren die Übersetzerin und Lange-Spezialistin Inka Marter und die argentinische Autorin und Aspekte-Preisträgerin María Cecilia Barbetta der Bedeutung dieses Klassikers und seiner bemerkenswerten Autorin nach.
  • Produktdetails
  • Lilienfeldiana Bd.8
  • Verlag: Lilienfeld Verlag
  • Seitenzahl: 232
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 232 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 186mm x 113mm x 18mm
  • Gewicht: 238g
  • ISBN-13: 9783940357199
  • ISBN-10: 3940357197
  • Best.Nr.: 29883152
Autorenporträt
Norah Lange (eigentlich: Berta Nora Lange Erfjord), geb. am 23. Oktober 1905 in Buenos Aires, gest. am 4. August 1972 in Buenos Aires, war eine argentinische Schriftstellerin.
Rezensionen
Besprechung von 07.12.2010
Wollust der Abschiede
Eingesegnet von Jorge Luis Borges und mit allen Wassern des Kubismus und Surrealismus gewaschen:
Die zart-abgründigen Kindheitshefte der argentinischen Schriftstellerin Norah Lange Von Volker Breidecker
Selbst an Land führen die Porteños, die Einwohner der Hafenstadt Buenos Aires, noch Logbücher. Das mag erklären, warum dort so viel geschrieben und gedichtet wird – zumal von Frauen. Und an diesen mangelte es in der Einwandererstadt noch um die Jahrhundertwende sehr, was wiederum die Sehnsucht der Männer beflügelte. Jede „Education sentimentale“, jede Schule der Poesie begann im Hafen und führte immer wieder dahin zurück. Dort erlernte auch Norah Lange die hohe Kunst wollüstigen Abschiednehmens von Menschen und Dingen.
So schreibt die im Jahr 1905 geborene, 1972 verstorbene Tochter eines norwegischen Landvermessers und einer irisch-norwegischen Mutter genau in der Mitte ihrer im Rückblick auf ihre Kindheit verfassten, erstmals 1937 erschienenen „Cuadernos de infancia“ (Kindheitshefte): „Immer wenn ich mir vorstellte, kurz vor einer langen Abwesenheit zu stehen, malte ich mir in allen Einzelheiten die Stimmung aus, die liebevollen Gesten, die Sätze, die ich aussprechen würde, wenn es wirklich dazu käme, dass ich einmal wegfahren würde. Ich hatte das Gefühl, dass nichts diesen Tonfall leise raunender Trauer erreichen könnte, der Abschiede erfüllt, und indem ich sie unendlich in die Länge zog, ließ ich sie immer wieder an den Anfang zurückkehren und von vorn beginnen (. . .), wenn das Schiff wendet und uns noch einmal den Menschen wiederbringt, der vorn am Bug steht, und wenn ich im Voraus wusste, dass ich mich von jemandem verabschieden müsste, gab ich darauf acht, dass die Abschiedsszenen sich wiederholten, die Umarmungen nie aufhörten und immer wieder dieser unverhoffte und besondere Moment eintrat, in dem man einen Mund noch einmal küsste und in dem man in einem Tonfall, der sich schon an die Trauer gewöhnt hatte, Adieu sagte.“
Die bibliophile Ausgabe des Lilienfeld Verlags bietet reinstes Lesevergnügen: Inka Marter hat dieses weit über das Autobiographische hinausgreifende Werk elegant übersetzt und mit einer informativen Einführung versehen. Das schöne Nachwort hat die in Deutschland lebende argentinischen Autorin María Cecilia Barbetta verfasst. Hier wird hier ein Klassiker der modernen argentinischen Literatur auf Deutsch greifbar, das Buch ist ein Fund, für den man sich beim Verlag bedanken muss. Der Leser lasse sich nicht täuschen vom putzigen Aufmarsch fünf kleiner Mädchen in weißen Matrosenkleidern, Geschwistern allesamt, deren „fünf vor Neugierde aufgerissene Augenpaare“ auf ihre und die übrige Welt und nicht zuletzt auch auf ihn, den Leser, selbst gerichtet sind.
Und eines dieser Augenpaare, das schärfste von allen, so frech wie scheu, so ängstlich wie verwegen, so schalkhaft wie zuweilen traurig, gehört einer namenlos bleibenden Ich-Erzählerin, die zweiundachtzig – nein, Episoden sind das nicht – aus der Entwicklung eines Kindes vom sechsten bis zum fünfzehnten Lebensjahr herausgeschnittene „tableaux vivants“ wie Perlen durch die Hände gleiten lässt, sie wie Patiencekarten nebeneinander aufreiht, oder sie wie Bilder einer Laterna magica an die Wände des erinnerten Kinderzimmers projiziert.
Erzählt wird mit einer Doppelbödigkeit, die alles, was das Autoren-Ich von dem erzählenden Ich des Kindes, das sie einmal war, trennt, in der Erinnerung wieder miteinander verbindet und zu einer sprachlichen Form gerinnen lässt, die Nah- und Fernsicht, Unmittelbarkeit und Distanz, Anschauung und Reflexion, Einfühlung und Ironie auf bezaubernde Weise vereint. Einmal wird das nervöse Klopfen und Kitzeln einer schmerzenden Narbe in das klingende Wort „Itilínkili“ übersetzt. Es schildert ein verletzter Finger seine ganze Traurigkeit. Ein andermal wird das Wort „ohnmächtig“ zum Anlass ernsthaft betriebener Ohnmachtsübungen, die das weibliche Rollenklischee mehr karikieren, als dass sie es kopierten.
Überhaupt werden allerhand kindliche Ängste und kleine Manien so lange spielerisch durchexerziert, bis sie sich als Varianten einer Angst vor der Angst entpuppen. Einen Lieblingszeitvertreib macht sich die Protagonistin daraus, plakative Begriffe aus englischsprachigen Zeitungen auszuschneiden. „Zarte Kalligraphien“ entlockt sie getrockneten Erdstücken am Wegesrand. Statt auf die Bedeutung der Sätze zu achten, die in ihrer Gegenwart gesprochen werden, zählt sie die Anzahl der gehörten Silben an den Fingern ab. Fremden Gesichten begegnet sie mit einer Schärfe der Wahrnehmung für deren Profile, als wolle sie körperlich in sie eindringen. Schließlich macht sie es sich zur Gewohnheit, tagaus tagein auf das Dach des Hauses zu steigen und zusammenhanglose Wörter in unterschiedlichen Sprachen laut herauszuschreien. Facetten eines idiosynkratischen Kinderlebens, das – wie auch dieses Buch – mit allen Wassern der Kunst gewaschen ist. Und geprägt von den Poetiken des Kubismus und Dadaismus, des Futurismus und Surrealismus, die Norah Langes poetischer Mitstreiter Jorge Louis Borges und ihr Geliebter und späterer Ehemann, der Dichter Oliverio Girondo, aus Europa mitgebracht hatten. Die Kindheit der Künstlerin fällt so in eins mit der Kindheit aller Kunst.
Norah Lange
Kindheitshefte
Aus dem Spanischen von Inka Marter. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2010. 234 Seiten, 19,90 Euro.
Wie heißt das nervöse
Klopfen und Kitzeln einer
schmerzenden Narbe? „Itilínkili“
Sie galt als Heldin der literarischen Avantgarde in Argentinien: die Schriftstellerin Norah Lange (1905-1972), deren Klassiker „Kindsheitshefte“ nun erstmals auf Deutsch vorliegt. Foto: Sucesion Herederos de Norah Lange
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
Besprechung von 03.03.2011
Schmetterlingsnymphen, hört her!
Die argentinische Modernistin Norah Lange betört mit filigranen Erinnerungen

"Unterschiedlichen Musen geweihte Zeitgenossen! Reumütige und vereinzelte Menge! Pünktliche und ergebene Menschenwesen! Verehrte Artgenossen! Seerosen, Schwämme, Schmetterlingsnymphen!" So steht es in den "Kindheitsheften" der argentinischen Schriftstellerin Norah Lange. Borges, der weitläufig mit den Langes verwandt war, hätte es nicht schöner sagen können. Und obwohl er Norahs ersten Lyrikband aus dem Jahr 1925 mit seinem damals schon gewichtigen Vorwort einleitete, lobte er daran vor allem die "reine Wirkung" der Dichtung einer Fünfzehnjährigen. Norah Lange war zu diesem Zeitpunkt zwanzig. Und sie war die Muse einer spanischen Avantgarde-Importbewegung namens Ultraísmo.

Langes Stegreifreden in den Salons der Gruppe, heute würde man das Performance nennen, wurden in argentinischen Kunstkreisen legendär. In den Wohnzimmern wohlhabender Gönner wetterte man gleichermaßen gegen Modernismo und Simbolismo und fühlte sich stattdessen dem ästhetischen Programm von Dada und Surrealismus verpflichtet. Was lag da näher, als die Schmetterlingsnymphen und Schwämme dieser Welt von einer rothaarigen Muse anrufen zu lassen, deren Eltern einst aus Norwegen nach Argentinien gelangt waren, um dort ihr Glück zu finden?

Die "Kindheitshefte", erschienen 1937, sind Langes persönlichstes Werk. In einem autofiktionalen Verfahren verarbeitet sie ihre Erinnerungen vom sechsten bis zum vierzehnten Lebensjahr. Am Anfang des Buches, das aus 82 Miniaturen besteht, befindet man sich mit der Familie Lange auf der Reise in die Provinz Mendoza. Die fünf Schwestern und ein kleiner Bruder wachsen auf dem Landsitz der Familie auf, umhegt von Dienstboten, einer englischen Gouvernante und den zärtlich zugeneigten Eltern. Der frühe Tod des Vaters zwingt die Familie einige Jahre darauf zur Rückkehr nach Buenos Aires. Ohne Einkommen lebt sie nun von ein paar Weinstöcken in Mendoza und beherbergt zur Aufbesserung der Haushaltskasse die wohlhabende Verwandtschaft aus Europa. Norahs Tante war mit dem Onkel von Jorge Luis Borges verheiratet. So lag es nah, dass sich die Familie bald zum Treffpunkt der jungen argentinischen Literaturszene entwickelte.

Norah Lange machte in diesem Zusammenhang vor allem als exzentrische Gastgeberin von sich reden. Umso erstaunlicher: In ihren "Kindheitsheften" zeigt sie sich von ungewohnt zurückhaltender Seite. Es sind nicht die von nachträglicher Bedeutung beschwerten Erinnerungen einer Erwachsenen, sondern die mal phantastischen, mal kristallklaren Wahrnehmungen einer Heranwachsenden.

Man ahnt, dass hier Rückschau und Fabulierlust eine glückliche Verbindung eingehen. Das war auch noch Teil der surrealistischen Programmatik von 1937. Man muss sich deshalb den wunderbaren Schluss der "Kindheitshefte" auch als ästhetische Initiation denken. Der Gärtner im Hause Lange besaß ungewöhnlich große Hände und hatte die Angewohnheit, die Schwestern zur Begrüßung mit seinem "unwahrscheinlichen" Mittelfinger an der Schulter zu stupsen. Aber eines Tages bleibt der unvermeidliche Stupser aus. Stattdessen zeigt der Gärtner mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf eine kleine und fast unmerklich erwachsen gewordene Person. "Reglos stand ich vor ihm, und ein Gefühl der Leere spitzte sich langsam in mir zu. Es schien mir, dass ich mich von dem entfernte, was ich bis zu diesem Augenblick gewesen war, und dass dieser Finger, wie er sich so in meine Richtung ausstreckte, mir etwas Unbekanntes zeigte, in das ich Schritt für Schritt vordringen würde."

Was danach im Leben der echten Norah Lange folgt, ist nicht die blütenreine Dichtung einer Fünfzehnjährigen, sondern Ausdruck einer fabelhaften Begabung. Norah Lange muss man künftig nicht mehr auf dem Parnass der Musen suchen. Man findet sie in ihren Büchern.

KATHARINA TEUTSCH

Norah Lange: "Kindheitshefte".

Aus dem Spanischen von Inka Marter. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2010. 230 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Katharina Teutsch entdeckt in den 82 Prosaminiaturen der "Kindheitshefte" von 1937 eine andere, zurückhaltendere Norah Lange als die "exzentrische" und schillernde argentinische Literatin, die schon von Borges hochgelobt wurde, und ist bezaubert. Es sind die zwischen fantastischen Einfällen und Beobachtungsgabe changierenden Eindrücke einer Heranwachsenden gepaart mit der Erzählfreude, die sie später berühmt gemacht hat, stellt die Rezensentin fest. Die Autorin stützt sich hier auf Autobiografisches, so Teutsch, der vor allem gefällt, dass Lange ihre Erinnerungen nicht im Nachhinein als Erwachsene korrigiert oder mit zusätzlicher "Bedeutung" aufwertet.

© Perlentaucher Medien GmbH