Keine Sorge, mir geht's gut - Adam, Olivier
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Lilis geliebter Zwillingsbruder Loïc ist weg. Nach einem Streit hat er die Familie verlassen. Alles, was Lili bleibt, ist hin und wieder eine Postkarte. Eines Tages macht sie sich von Paris Richtung Meer auf, um Loïc zu suchen - und entdeckt dabei ein schönes, trauriges Familiengeheimnis ... Olivier Adams feinsinniger Debütroman erreichte in Frankreich Kultstatus.…mehr

Produktbeschreibung
Lilis geliebter Zwillingsbruder Loïc ist weg. Nach einem Streit hat er die Familie verlassen. Alles, was Lili bleibt, ist hin und wieder eine Postkarte. Eines Tages macht sie sich von Paris Richtung Meer auf, um Loïc zu suchen - und entdeckt dabei ein schönes, trauriges Familiengeheimnis ... Olivier Adams feinsinniger Debütroman erreichte in Frankreich Kultstatus.
  • Produktdetails
  • Piper Taschenbuch Bd.5243
  • Verlag: Piper
  • Seitenzahl: 187
  • Erscheinungstermin: 14. November 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 119mm x 17mm
  • Gewicht: 206g
  • ISBN-13: 9783492252430
  • ISBN-10: 3492252435
  • Artikelnr.: 23802166
Autorenporträt
Olivier Adam, geboren 1974 in einem Vorort von Paris, schreibt Romane und Kinderbücher. Sein Roman "Poids léger", die Geschichte eines Boxers, wurde von Jean-Pierre Améris verfilmt.
Rezensionen
Besprechung von 27.07.2007
Schwester Leichtfuß
Im Herzen des Nirgendwo: Oliver Adams erster Roman

So sehen sie also aus, so fühlen sie sich also an, die Vororte von Paris: Von Hochhausghettos, von rappenden Beurs und brennenden Autos keine Spur. Olivier Adam zeigt uns, daß sie dreierlei sind: grau, muffig, gesichtslos. Keine Antiwelt, kein romantisches Paralleluniversum mit düsterem Lokalkolorit entwirft der Chronist der banlieue - er beschreibt "non-lieux", Nicht-Orte, wie sie der Anthropologe Marc Augé ausgemacht hat: schrecklich normale, immergleiche Reihenhäuser und Industriegebiete, Flughäfen, Krankenhäuser, Tankstellen und Supermärkte. Sie prägen Adams Figuren bis ins Innerste; die Leere raubt ihnen ihre Identität, der sie dann ein Leben lang nachjagen.

Auf die schöne Lili scheint all das nicht zuzutreffen. Sie wohnt im nördlichen Paris, geht morgens zum Zeitungslesen ins Café an der Ecke und tanzt auf Parties im Quartier Latin. Die junge Heldin von "Keine Sorge, mir geht's gut", Adams erstem Roman, der nachträglich auf deutsch erscheint, scheint es besser getroffen zu haben - wäre da nicht der Job als Kassiererin in einem Supermarkt (noch in den Träumen verfolgen sie Keksmarken und Toilettenpapier), ja überhaupt die Ziellosigkeit im Leben. Die aber hängt mit Lilis Herkunft zusammen: einem tristen Vorort im Süden von Paris, dem "Herz von Nirgendwo", in einer "Wohnanlage der untersten Kategorie", wo sie mit Loïc, ihrem Bruder, aufgewachsen ist. Der Ort hängt an ihr wie der Geruch von Mottenkugeln.

Loïc, zwei Jahre jünger, war ihr abgöttisch verehrtes Vorbild, der Intellektuelle und Willensstarke, der wusste, welche Romane man lesen, welche Musik man hören muß. Irgendwann hielt er das Leben im Reihenhaus nicht mehr aus, denn "wer von hier kommt, aus einem Pariser Vorort, der kommt von nirgendwoher, der kommt aus einem Niemandsland und muß bei Null anfangen". Gesagt, getan, mit achtzehn verschwand er auf Nimmerwiedersehen und hinterließ eine klaffende Leerstelle. Lili wurde magersüchtig und stabilisierte sich erst, als sie Postkarten von Loïc bekam, pittoreske Bilder aus den schönen Gegenden Frankreichs.

Zwei, drei Karten im Monat bekommt sie seither und schlägt sich so durch, übersteht brutale Verehrer und verrückte Clochards; immerhin hat sie es nach Paris geschafft. Ihre Existenz droht ihr trotzdem zu entgleiten: Der angebetete Bruder hat das Geheimnis eines besseren Lebens einfach mitgenommen. Wie im Boxerroman "Leichtgewicht" malt Adam eine enge, ja inzestuöse Geschwisterliebe, diesmal aus Frauensicht. Die haltlose Lili klammert sich an das Nächste, was Halt und Wärme zu geben verspricht - und wagt es nicht, einer eigenständigen Zukunft ins Auge zu blicken. Adam schafft eine passive, in ihrer offenherzigen Hilflosigkeit charmante Heldin auf der Schwelle zum Erwachsenenalter.

Eines Tages genügt das halbe Leben nicht mehr, Lili will dem Postkartenmysterium endlich auf die Spur kommen: Im Sommerurlaub macht sie sich auf die Suche nach Loïc, sie fährt in die Normandie, wo die letzte Karte aufgegeben wurde - und kommt einer phantastischen Lüge auf die Spur. Die Suche nach dem Bruder ist mit einem Schlag beendet, nicht aber die nach der richtigen Existenz: Lilis vermurkstes Liebesleben spricht für sich, sie stürzt sich in eine Beziehung mit Antoine, einem Lehrer, der an ihren mangelnden Bourdieukenntnissen verzweifelt; auch aus dieser Bredouille kann sie sich befreien.

Adam bevorzugt entschieden sommerliche Töne: Dem gehetzten Niedergang im "Leichtgewicht", der Tristesse von "Am Ende des Winters" steht eine leichtfüßige Sublimation, eine bittersüße Melancholie entgegen. Adams kurze, gewohnt pathosarme Sätze fangen ein wenig klingende Wärme ein. Am Ende bietet die Leere des Verlusts der mutiger werdenden Lili eine ungeahnte Chance: "Dieser nichtssagende Ort. Von dem aus man sich alles erfinden konnte." Genau das tut Adam: Er gibt dem Nicht-Ort seine literarische Heimat und zeigt sich erneut auf der Höhe seines Könnens.

NIKLAS BENDER

Olivier Adam: "Keine Sorge, mir geht's gut". Roman. Aus dem Französischen übertragen von Carina von Enzenberg. SchirmerGraf Verlag, München 2007. 176 S., geb., 16,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Großen Eindruck hat dieser Roman bei Rezensentin Marion Lühe hinterlassen, den sie als Porträt von Frankreichs junger Generation gelesen hat. Im Zentrum steht ihrer Rezension zufolge die junge Lili, die sich dem neoliberalen und scheinintellektuellen Getue ihrer Generationsgenossen radikal verweigert, und als Kassiererin in einem Supermarkt arbeitet. Zu den Stärken des Buchs zählen für Lühe neben satirischer Schärfe und minimalistischer Selbstbeschränkung des Autors vor allem die enorme Unmittelbarkeit, mit der diese Geschichte der in proletarische Gefilde geflüchteten Lili erzählt ist. In nüchternen Sätzen protokolliere Olivier Adam, was seine Protagonistin sehe und fühle und erinnert die Rezensentin mit diesem Verfahren manchmal an "triste Kamerafahrten" durch Pariser Vorstädte.

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