Produktdetails
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  • Verlag: Suhrkamp
  • ISBN-13: 9783518410677
  • ISBN-10: 3518410679
  • Best.Nr.: 08198162
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Obwohl Ulrich Holbein dieses Buch für "gut lesbar, sehr gehaltvoll, anregend, intelligent, instruktiv, profund, solide gearbeitet (und) sympathisch" hält, kann er sich nicht wirklich dafür begeistern. Ihm scheint die neuzeitliche Reflektionslust und die Freude an Metaphern in Verbindung mit den alten indischen Mythen nicht wirklich gelungen. Bei manchen Sätzen wüsste der Rezensent schon gerne, ob es sich um den "O-Ton unverfälschter Veden und Upanishads" handelt oder ob sie "bereits dem Ossian-Syndrom kundiger Archaisierung" gehorchen. Holbein deutet allerdings an, dass sich Calasso mit diesem Problem in guter Gesellschaft befindet. Nicht jeder könne eben "schöne alte Mythos via vordatierter Alltagssprache so plastisch verlebendigen wie Arno Schmidt". Angenehm findet Holbein jedoch, dass der Autor - anders als in seinem Buch `Hochzeit von Kadmos und Harmonia` von 1990 - hier auf den "didaktischen Zeigefinger und Wir-Ton" verzichtet. Auch die Bilder in diesem Band gefallen ihm.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 30.06.2000
Auch der Himmel nützt sich ab
Hirtengeflötet: Roberto Calasso als Dolmetscher indischer Mythen

Wen viel Hintergrundwissen nicht stört, der wird Roberto Calassos Mythologica nicht überladen finden. Wer nichts Bunteres kennt, für den wird "Ka" nicht blass sein. Und schon kann der Klappentext jubeln, "Ka" sei als gelehrte Abhandlung und zugleich Roman "etwas wirklich Neues" (Salman Rushdie), ja, das beste Buch, das je über indische Mythologie geschrieben wurde (Wendy Doniger), so als hätte es nie Milorad Pavics "Chasarisches Wörterbuch" gegeben, nie die indisch wimmelnde Prä-Antike aus Faust II, nie die Dämonen aus Alfred Döblins "Manas", nie Thomas Manns "Vertauschte Köpfe". Calasso fährt auf der poetisierenden Romantik-Schiene Karl Gjellerups, Heinrich Zimmers und Nikos Kazantzakis' nicht weiter. Er umschifft die Skylla und Charybdis aus Bildungsballast und absichtlicher Erzählereinfalt, bringt nüchterner als Heinrich Zimmer indologisch abgesicherte Data, diakritische Zeichen, Ausspracheanleitung sowie Kursivdruck aller Sanskritbegriffe.

Aber sind Sätze wie "das Meer ist mein Zeuge" oder "noch leuchtete die Sonne des Gesetzes" O-Ton unverfälschter Veden und Upanishads, oder gehorchen sie bereits dem Ossian-Syndrom kundiger Archaisierung? "Auch der Himmel nützt sich ab" - wenn das wörtlich im Urtext stünde oder bei Kafka, schlüg es ein; falls es von Calasso stammt, tönt's pseudomystisch. "Sowie die Götter geboren waren, erhob sich eine Staubwolke" - da tönt zeitlos der Volksmund oder Weltgeist, einerlei, ob von Calasso, Kafka oder Elefantengott Ganesa fixiert. "Die zehn Mädchen hatten sich nämlich mit den fünf Steinen verschworen" - ihren alchimistischen Glanz kann solchen Stellen niemand nehmen. Nur machen seriöse Quellenangaben noch kein Weltgeist-Organon. Es entsteht die Kalamität, dass man den vom Autor in Gänsefüßchen gesetzten Mythoszitaten mehr trauen zu müssen glaubt als den nicht minder originalmythisch scheinenden Selfmade-Passagen.

"Denn von dieser Urszene stammt die Welt ab", "auf dem Altar der Vagina" - da hebt die Crux aller neuzeitlichen Mythenaktualisierer ihr Haupt: Soll man Koitus sagen oder Liebesvereinigung? Das eine klingt zu klinisch, das andre zu kunstgewerblich. Nichts gegen die Schlange im Paradies, aber beim Versuch, ungenügenden Verstand zugunsten unerreichbarer Naivität loszulassen, landet der im Mythenschatz der Menschheit grabende Autor bei dunklen Gestalten, äußerstem Wagnis, unermesslicher Weite, blutigen Kriegen, sinnlosen Opfern und ähnlichen Flauheiten. Ansonsten aber: alles gut lesbar, sehr gehaltvoll, anregend, intelligent, instruktiv, profund, solide gearbeitet, sympathisch, ein gutes Buch, ein beachteter Autor, schöne Bildbeigaben. Dass der didaktische Zeigefinger und Wir-Ton aus Calassos "Hochzeit von Kadmos und Harmonia" (1990) angenehm fehlt, wird zwar der Verbreitung des Buchs Grenzen setzen, hebt "Ka" aber ästhetisch über "Kadmos" hinaus. Wenn nur nicht ein Hauch Gustav Schwab'scher Adaptionsambition über jedem Satz schwebte.

Missliche Aporie: Angeregt und unbefriedigt von "Ka", sehnt man sich nach den wahren Quellen, Brahmanas und Sutras, findet aber im vielfach überpinselten Urmythos statt unverwässerter Weisheit klobig unverdauliche Herb- und Fremdheit, Opferformeln, Regelwerk und Begriffschaos. "Das Bewußtsein erdrosselt langsam das Leben." Wie fast jedes Reflektieren, fast jedes Erzählen. Calasso reflektiert, dass dem so sei; er erzählt, um zu leben; doch dabei herrscht eine Gedankenblässe, die Wissen herbeikarrt, Bezüge auffährt, "Ka" mit Kafkas K. assoziiert und vedische Wasser mit Prousts jeunes filles parallelisiert. Ohne Aktualisierung keine Literatur? Jedenfalls schreit jede Verkopfung nach Ausgleich und Gegengift, zur Not Kitsch: " - weil sich über ihr Herz ein Vorhang aus Tränen senkte". Da hirtenflötet Nachdichtungs-Flair auf Rabindranath-Tagore-Etagen.

Wohl dem, der sich das von Calasso so genannte "Geistige" nicht in den Lesegenuss fahren lässt, in die Freude an Exotica wie dvitya, sampad, trsna und vasativari. Und dem es gelingt, in "Ka" O-Ton, aktuellen Diskurs und erzählerisches Normal-Süßholz nicht als vermanscht zu empfinden. Neben wundersam Orphischem wie "Er wußte nicht einmal, ob es ihn gab oder nicht" finden sich Urmythen neueren Datums, nach denen man in den per Fernleihe auffindbaren Mahavastus sicher lang suchen müsste: die Geschichte von Gangà, Sivas omnipräsentestem Seitensprung, Gangà, die überall tropft, selbst noch im Speichel; die Geschichte von Mrtyu, dem Tod, der Todin, die fünfzehn Millionen Jahre auf einem Bein meditierte, dann das Bein wechselte und noch mal zwanzig Millionen Jahre meditierte.

Millionen Säue, tausend Perlen, doch leider immer wieder zentnerweise Neuzeitintellektualität, die den quasiuralten Rededuktus verunziert: "Die Substitution, die die Wunde des Tauschs ist", "so nistet Aufklärung im Mythos, wie der kalte Buddha mitten in der Welt der Dämonen, an die er nicht glaubte". Bei aller Überreflektiertheit verstrickt sich "Ka" wie schon "Kadmos" in jene Probleme, die jeder Pfarrer übersieht, wenn er archaische Floskeln aufpeppt. Doch Calasso mag sich trösten - Kollegen aus Asien ging's wenig anders: Auch Shri Aurobindos "Savitri"-Epos strotzt von Amalgamen aus Ratio und Metaphernlust, also vom "Pferd göttlichen Urgeschehens" und "Ufern mysterienreicher Flut".

Nicht jeder kann schönen alten Mythos via vordatierter Alltagssprache so plastisch verlebendigen wie Arno Schmidt in "Pharos", "Kosmas" und "Enthymesis". Calasso ist weniger verwandt mit Italo Calvinos "Cosmicomics" als mit Peter Brooks bekömmlich internationalisierter Mahabharata-Verfilmung aus dem Jahre 1988, wenn nicht mit drewermannförmigen Gemeindehelfern, die in einer Melange aus Therapeutentum und Pastoralität Buddha als Wagnis begreifen. Welch Schauspiel, einem Rationalisten zuzuschauen, der glauben will. Einem Diskursgeübten, der zu dichten glaubt. Der zivilisierten Liebäugelei mit möglichst ururalten Ururszenen.

Nun philosophieren freilich die heiligen Veden ihrerseits, trotz ihrer Versmaße, übel verkopft herum, ungeachtet angeblicher Morgenröte, bohren sich ein in Thesensalat, dass sowohl Freude wie Äther Brahman sei und dass, wer in der Sonne wohne und wer im Purusha wohne, ein und derselbe sei und das Nichtseiende den Prajapati gebäre. Calasso betätigt sich also nicht als inadäquater Parasit, sondern kongenial als Brahmane, als "Hüter des Esoterischen", als paritätisch inspirierte Dualseele, Ka wie Calasso und vice versa - bis hoffentlich keiner mehr störend nachfragt, ob ein Satz wie "Tod versank bis zu den Hüften in der Substanz der Sonne" 2800 Jahre alt ist oder aus ungefähr dem letzten Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends nach Christus stammt.

ULRICH HOLBEIN

Roberto Calasso: "Ka". Aus dem Italienischen übersetzt von Anna Katharina Fröhlich und Marianne Schneider. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 477 S., geb., 64,- DM.

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