Jenseits von Hitler - Schöllgen, Gregor
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Schöllgen zeigt vielmehr die übergreifenden machtpolitischen Konstellationen, die Deutschlands Schicksal im 20. Jahrhundert geprägt haben - jenseits von Hitler. Das Dritte Reich wird in das Kontinuum deutscher Geschichte zurückgeführt, längerfristige Traditionslinien werden sichtbar gemacht. Souverän markiert Schöllgen Zäsuren, die in herkömmlicher Sichtweise oft vernachlässigt werden, obwohl sie Schlüsseldaten unserer jüngeren Vergangenheit sind. So eröffnet er neue Perspektiven und damit neue Einsichten in die deutsche Geschichte vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Geschichtsschreibung, wie man sie sich wünscht: fesselnd, kompakt, lehrreich.…mehr

Produktbeschreibung
Schöllgen zeigt vielmehr die übergreifenden machtpolitischen Konstellationen, die Deutschlands Schicksal im 20. Jahrhundert geprägt haben - jenseits von Hitler. Das Dritte Reich wird in das Kontinuum deutscher Geschichte zurückgeführt, längerfristige Traditionslinien werden sichtbar gemacht. Souverän markiert Schöllgen Zäsuren, die in herkömmlicher Sichtweise oft vernachlässigt werden, obwohl sie Schlüsseldaten unserer jüngeren Vergangenheit sind. So eröffnet er neue Perspektiven und damit neue Einsichten in die deutsche Geschichte vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Geschichtsschreibung, wie man sie sich wünscht: fesselnd, kompakt, lehrreich.
  • Produktdetails
  • Verlag: Propyläen
  • Seitenzahl: 399
  • Deutsch
  • Abmessung: 36mm x 144mm x 220mm
  • Gewicht: 630g
  • ISBN-13: 9783549072035
  • ISBN-10: 3549072031
  • Artikelnr.: 14438200
Autorenporträt
Gregor Schöllgen, geboren 1952 in Düsseldorf, Professor für Neuere Geschichte in Erlangen und Gastprofessor in New York, Oxford und London. Autor zahlreicher zeitgeschichtlicher Bücher und Mitarbeiter von Presse, Rundfunk und Fernsehen. Seine 2001 im Propyläen Verlag erschienene Biographie Willy Brandts wurde zum vielbeachteten Bestseller.
Rezensionen
Besprechung von 19.10.2005
Mehr Licht!
Deutsche Sonnenplatzsuche seit Bismarck / Von Henning Köhler

Außenpolitik von Bismarck bis heute - und dann noch in der Weltpolitik - ist ein langer, windungsreicher Prozeß, der durch unterschiedliche Leitbilder und Politikstile bestimmt worden ist. Hier wird uns das Ganze auf vierhundert lesefreundlich gestalteten Seiten im flotten Erzählton präsentiert. Die geschichtspolitische Position des Autors ist eher zu erschließen. Das zeigt bereits der Titel. "Jenseits von Hitler" will sagen, daß es in der modernen deutschen Geschichte zwei Nationalstaaten gibt. Der ältere endete in der Katastrophe des Jahres 1945. Der "zweite deutsche Nationalstaat, der 1991 eingerichtet wurde, hat mit dem ersten wenig gemein. Außer seiner Geschichte." Da staunt der Laie ob solchen Expertenscharfsinns. Das bezieht sich nicht nur auf das falsche Datum, denn die These blendet bewußt die politische Tradition der alten Bundesrepublik aus, die von staatlicher Kontinuität geprägt war. Stichworte wie "Nachfolge des Deutschen Reiches", "Kernstaat" und "Wiedervereinigungsgebot" signalisieren das. Aus dieser Tradition heraus erschien es 1990 den meisten Deutschen auch ganz naheliegend zu sein, daß die DDR diesem Staat beitrat.

Die Umstandskrämerei mit dem zweiten Nationalstaat geschieht nicht ohne Vorbedacht. Die Bismarcksche Reichsgründung sei mit innerer Folgerichtigkeit untergegangen. Denn das Deutsche Reich hatte immer wieder versucht, auch "mit dem Mittel des Krieges, die in seiner Gründung angelegte halbhegemoniale Stellung zu seinen Gunsten zu korrigieren". Deshalb habe für einen solchen Staat keine Existenzmöglichkeit mehr in Europa bestanden. Das sind bekannte Argumentationsmuster, um die deutsche Teilung zu rechtfertigen. Für die Perspektive "Jenseits von Hitler" hat diese Sicht trotz Wiedervereinigung ihre Gültigkeit nicht verloren. Plausibel ist das nicht.

Für Gregor Schöllgen schürzt sich der Knoten bereits durch die Politik Bismarcks. Denn seine Bündnispolitik habe "mit jedem Schritt eine Eigendynamik gewonnen, die sich über kurz oder lang der Kontrolle durch ihren Erfinder entziehen mußte". Die Kolonialpolitik Bismarcks erhält eine wenig überzeugende Schlüsselfunktion. Schon damals sei es um den "Platz an der Sonne" gegangen. An Widersprüchen ist kein Mangel. Einmal heißt es: "Bismarcks Kolonialpolitik hinterließ einen Scherbenhaufen." An anderer Stelle lernt der Leser, daß er die Kolonien nur "als eine Art Verhandlungsmasse" betrachtet habe, um "etwas von jener Bewegungsfreiheit zurückzugewinnen, die der preußisch-deutschen Politik im Grunde schon mit der Reichsgründung ... abhanden gekommen war".

Die unter Wilhelm II. eingeläutete "Weltpolitik" wird dagegen nur milde kritisiert. In Deutschland wie bei seinen Konkurrenten habe es die gleichen Begehrlichkeiten gegeben, und auf den "Platz an der Sonne" habe niemand verzichtet. Hinsichtlich der "Einkreisung" Deutschlands nimmt Schöllgen eine differenzierende Position ein. Er gibt zu bedenken, daß davon schon vor 1914 "alle maßgeblichen politischen Kräfte in Deutschland, die starke Linke eingeschlossen", überzeugt gewesen seien. Es wird auch nicht der Eindruck vermittelt, als sei das Reich für Europa zu groß gewesen. Die Entscheidung für den Krieg wird abgewogen dargestellt. Allerdings wird die Bereitschaft des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg zum Präventivkrieg in der Julikrise erstaunlich schwach belichtet.

Die Außenpolitik der Weimarer Republik wird vergleichsweise knapp und mit deutlicher Distanz behandelt. Sie firmiert unter dem Stichwort "Lethargie", doch war sie alles andere als lethargisch, vielmehr eine durchaus erfolgreiche Revisionspolitik. Unter Gustav Stresemann und Heinrich Brüning wurde Westpolitik betrieben. Für Schöllgen ist das Konzept Stresemanns eindeutig, nämlich "Deutschland so bald als möglich wieder in den Rang einer vollgültigen, gleichrangigen Großmacht zu führen". Das sei für ihn schon deshalb notwendig gewesen, "weil er das Reich nur so auf Dauer für überlebensfähig hielt". Ein solches Pauschalurteil wird der Politik des Außenministers nicht gerecht. Für Stresemann stand die Überlebensfähigkeit Deutschlands nie in Zweifel, nachdem er selbst die Krise von 1923 durchgestanden hatte. Das Rapallo-Abkommen wird überschätzt. Daß der Vertrag von 1922 "seine Wirksamkeit spätestens am 22. Juni 1941 ... verloren" habe, kann nur als Effekthascherei betrachtet werden.

Konrad Adenauer rückt nach der knappen Darstellung von Kaltem Krieg und Gründung der Bundesrepublik ins Blickfeld. Wie das geschieht, muß allerdings befremden. Zu den "Nahzielen" seiner Außenpolitik gehörte "neben der Integration der jungen Republik in den Westen und der Herstellung äußerer Sicherheit ein geradezu klassisches Postulat der Deutschen: die Gleichberechtigung". Hier ist die Rangfolge völlig verkehrt. Die äußere Sicherheit hatte im Korea-Sommer 1950 absolute Priorität. Um diese zu erhöhen, sollte ein deutscher Verteidigungsbeitrag geleistet werden. Die Westintegration war jedoch kein Nahziel, sondern seine strategische Grundausrichtung. Als Bundeskanzler eines Staates, in dem die Besatzungsmächte weitgehende Kontrolle ausübten, konnte er keine Soldaten anbieten, ohne auch die Gleichberechtigung zu fordern und damit vom Besatzungsstatut wegzukommen. Sonst waren die deutschen Soldaten unter alliiertem Kommando nur Kanonenfutter. Man vergesse nicht das Schimpfwort vom "Kanzler der Alliierten". Diese Rolle als besetzter Verbündeter verlangte ein gewisses Maß an staatlicher Selbständigkeit für sein eigenes politisches Überleben. Diese Grundvoraussetzung bundesdeutscher Politik mit dem parvenühaften Aufbegehren des Kaiserreiches oder den innenpolitisch begründeten Forderungen nach Beseitigung der militärischen Diskriminierung in der Weimarer Republik zu vergleichen ist schlicht abwegig.

In bezug auf die Bundesrepublik und ihre Außenpolitik wird immer wieder ein Aspekt hervorgehoben: Das ist die Endgültigkeit der deutschen Teilung als Folge der Westpolitik. Schon mit der "Geburtsurkunde" der Bonner Republik sei die "staatliche Teilung besiegelt worden". Der Deutschland-Vertrag von 1952 wird eigenwillig interpretiert. Mit ihm hätten die Deutschen zwar wieder eine politische Heimat erhalten. Dafür mußte aber Bonn "die durch den Zweiten Weltkrieg geschaffenen Tatsachen anerkennen". Das stimmt zwar nicht, wird aber einfach als künftige bundesdeutsche Meßlatte hochgehalten. Es geht um nichts anderes als die "Anerkennung der Realitäten", um die sich Bonn gedrückt habe, nämlich um die Anerkennung der DDR und um den Verzicht auf die Hallstein-Doktrin. Kein Wort fällt darüber, wie lange diese sich bewährt hatte, keine Abwägung findet statt, wann und unter welchen Umständen der Alleinvertretungsanspruch aufgegeben werden konnte. Dafür wird die diplomatische Offensive der DDR in den sechziger Jahren aufgelistet und dieser die Halbheiten der verschiedenen Bonner Regierungen gegenübergestellt. Wie aus der Sackgasse 1969 herauskommen? Die Antwort ist eindeutig: "die durch Deutschland unter Führung Hitlers bewirkten Gegebenheiten in Europa anzuerkennen und die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung des Landes auf nicht absehbare Zeit zu den Akten zu legen". Interessant ist die Wortwahl. Schon 1949 ist die Teilung "besiegelt" und 1969 soll man selbst die Hoffnung "zu den Akten" legen.

Die Ära der sozialliberalen Koalition wird als "Verzicht auf die Lebenslüge", nämlich die Wiedervereinigung, charakterisiert. Die einseitige Argumentation verzeichnet die politische Realität, denn indem man den Status quo anerkennt, kann man ihn auch verändern. Dafür ist der Abstieg der DDR vom Grundlagenvertrag bis 1989 das beste Beispiel. Hier wird aber die "Teilung Deutschlands als Fundament bundesdeutscher Außenpolitik" herausgestrichen und der Eindruck suggeriert, als ob der DDR die Zukunft gehöre. Der Besuch von Erich Honecker in der Bundesrepublik im September 1987 wird als "symbolträchtiger Auftritt" gefeiert, "gleichbedeutend mit dem endgültigen Todesstoß der ,Alleinvertretungsanmaßung'". Das ist absurdes Theater. Kein Wort erfährt man darüber, daß für Helmut Kohl die "Lebenslüge" nie bestanden hat, daß vielmehr das Festhalten an der Wiedervereinigung eine Konstante seines politischen Denkens dargestellt hat. Seine Politik während des Einheitsjahrs 1989/90 findet keine zureichende Würdigung. Das Buch endet mit der engagierten Darlegung rot-grüner "Weltpolitik". Emphatisch wird verkündet: "Die Deutschen sind aus Hitlers Schatten herausgetreten." Liegt die Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik nicht auch darin begründet, daß sie diesen Schatten verblassen ließ? Daß eine nachgeborene Generation ihn neu erfand, steht auf einem anderen Blatt.

Gregor Schöllgen: Jenseits von Hitler. Die Deutschen in der Weltpolitik von Bismarck bis heute. Propyläen Verlag, Berlin 2005. 400 S., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 09.01.2006
„Pardon wird nicht gegeben”
Die häufig unselige deutsche Außenpolitik seit Bismarck
In flottem Tempo lässt Gregor Schöllgen fast eineinhalb Jahrhunderte deutscher Geschichte vorüberziehen. Der Erlanger Historiker setzt dabei recht ungewöhnliche Zeitmarken. Gelten üblicherweise Jahreszahlen wie 1914, 1933 oder 1945 als epochale Einschnitte des 20. Jahrhunderts, geht Schöllgen anders vor. Seine Kapitel mit auf den Punkt gebrachten Rubriken („Übermut”, „Vabanque”, „Angriff”) enden bei zunächst einmal wenige Assoziationen auslösenden Jahren: 1901, 1912, 1935, 1952. Nicht nur diese ungewohnte Einteilung der jüngeren deutschen Geschichte unterscheidet das Schöllgen-Buch von vergleichbaren Betrachtungen, die von Bismarck bis Hitler und darüber hinaus einen Bogen zu spannen versuchen.
Für Schöllgen gibt es auch keine zwangsläufige Entwicklung vom ersten Reichskanzler über den chauvinistischen Kaiser Wilhelm II. zur Nazi-Barbarei. Natürlich ist Hitler nicht ohne den deutschen Imperialismus, den Krieg und sein schmachvolles Ende denkbar, umgekehrt legt Schöllgen aber Wert darauf, dass durchaus auch Alternativen denkbar gewesen wären. Weniger in der Machtübernahme Hitlers, die noch den Zeitgenossen eine gewisse „Kontinuität signalisierte”, als im Vernichtungsfeldzug gegen das europäische Judentum sieht Schöllgen den brutalen Bruch mit der deutschen Geschichtstradition. Und nur aus diesem Grund hätten sich die Siegermächte überhaupt wieder nach 1990 auf einen einheitlichen deutschen Nationalstaat einlassen können. In der Nachkriegszeit habe Deutschland ja seine demokratische Reife bewiesen und deutlich gemacht, dass die Nachbarn des an Bevölkerung größten und wirtschaftlich stärksten europäischen Staates nicht mehr dessen Militarismus und Expansionismus fürchten müssten. Nicht umsonst nennt Schöllgen seine Arbeit programmatisch „Jenseits von Hitler”. Also eine Geschichtsbetrachtung, die nicht schon beim 19. Jahrhundert im Hinterkopf Auschwitz und den Genozid hat.
Trotzdem: Schöllgen vergisst nie den schrecklichen „Ton” der deutschen Politik, in dem sich schon lange vor dem Ersten Weltkrieg Überheblichkeit und diplomatische Dummheit lautstark bemerkbar machten. Etwa wenn Generalfeldmarschall Alfred Graf von Waldersee bei der Verabschiedung der deutschen Truppen, die den so genannten Boxeraufstand in China niederschlagen sollten, zuruft: „Pardon wird nicht gegeben. Gefangene nicht gemacht (. . .) Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, (. . .) so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.” Ein Hauch von Goebbels’ Sportpalast-Rede ist hier durchaus schon herauszuhören. Das gilt auch für den Kaiser, wenn der etwa schwadronierte, mit den Serben müsse „aufgeräumt werden, und zwar bald”.
Gewiss, in der damaligen Zeit pflegten die Herrscher - nicht nur die deutschen - verbal deutlich rabaukenhafter als heutzutage miteinander umzugehen, manchmal hat Schöllgen aber fast ein bisschen zu viel Verständnis für die deutschen Entgleisungen. Dem beständigen Wahn des Eingekreistseins und dem Minderwertigkeitskomplex der angeblich immer zu kurz Gekommenen, die deshalb dauernd nach gleichen Rechten im Konzert der Völker schreien, attestiert der Historiker durchaus eine gewisse Berechtigung. Das gilt selbst für die fixe Idee, auch noch ganz schnell ein paar Kolonien erobern zu müssen. Schöllgen will damit aber explizit nicht der deutschen Politik „die Absolution” erteilen, „ihren mitunter haarsträubenden Dilettantismus, ihre Großspurigkeit, ihre mit Anmaßung gepaarte Ignoranz übersehen”.
Mut zur Lücke
Das durchweg gut lesbare Geschichtsbuch hat natürlich auch den Mut zur Lücke. Ohnehin, dem Thema entsprechend, nur auf die Außenpolitik und die deutsche Position innerhalb Europas fixiert, verzichtet Schöllgen auf ein allzu inflationäres Name-Dropping. Viele Nazi- oder DDR-Größen werden nicht genannt, kein Bundespräsident und auch kein Papst, von vielen zeitgenössischen Politikern ganz zu schweigen. Dafür überrascht Schöllgen mit ungewöhnlichen Einsichten, wenn er etwa bei Nixon und Brandt Parallelen entdeckt, wenn er trocken die Nato als „Sicherheitsgarantie gegen Deutschland” bezeichnet oder daran erinnert, dass die CDU/CSU
neben den italienischen Faschisten und den albanischen Kommunisten die Einzigen gewesen seien, die die KSZE-Schlussakte abgelehnt hätten. Und Schöllgen weiß auch, wer der erste Staat war, der den Kriegszustand mit Deutschland für beendet erklärt hat: Indien am 1. Januar 1951.
RALF HUSEMANN
GREGOR SCHÖLLGEN: Jenseits von Hitler. Die Deutschen in der Weltpolitik von Bismarck bis heute. Propyläen Verlag, Berlin 2005. 400 Seiten, 24,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Angetan und angenehm überrascht zeigt sich Ralf Husemann von Gregor Schöllgens "flottem" Durchgang durch fast 150 Jahre deutscher Außenpolitik. Nicht nur die ungewöhnliche Einteilung der deutschen Geschichte, die sich nicht an den sonst üblichen "epochalen Einschnitten" wie 1914 oder 1945 orientiert, sondern auch die Tatsache, dass der Autor keine "zwangsläufige" Entwicklungslinie von Bismarck zum Nationalsozialismus zieht, findet der Rezensent durchaus anregend. Zwar kritisiert er, dass Schöllgen für seinen Geschmack mitunter etwas "zu viel Verständnis für die deutschen Entgleisungen" auf verbalem Gebiet aufbringt, weil er meine, dass der "Wahn des Eingekreistseins und der Minderwertigkeitskomplex" der Deutschen durchaus "eine gewisse Berechtigung" hatten. Doch davon abgesehen preist Husemann das Buch als "gut lesbar", mutig in Bezug auf seine "Lücken" und "ungewöhnlich", was seine "Einsichten" angeht. Dabei gefällt dem insgesamt erfreuten Rezensenten, dass Schöllgen auf "allzu inflationäres Name-Dropping" in seiner Darstellung verzichtet.

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