Inzest - Siegel, Elaine V.
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Kurztext:
Neue Perspektiven der psychoanalytischen Behandlung des Traumas Inzest werden in diesem Buch präsentiert. Elaine Siegel zeigt, wie gerade die nonverbalen, körperlichen Reaktionen des Analytikers im Behandlungsprozeß konstruktiv genutzt werden und das Spektrum analytischer Behandlungstechnik enorm erweitern können.
Fälle von Inzest kommen mit erschreckender Häufigkeit in den normalsten Familien vor. Die Folgen sind traumatisch und in ihrer Wirkung für das spätere Leben katastrophal: Entwicklungsstörungen, Ich-Störungen, die Unfähigkeit, als Erwachsener gesunde Beziehungen
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Produktbeschreibung
Kurztext:
Neue Perspektiven der psychoanalytischen Behandlung des Traumas Inzest werden in diesem Buch präsentiert. Elaine Siegel zeigt, wie gerade die nonverbalen, körperlichen Reaktionen des Analytikers im Behandlungsprozeß konstruktiv genutzt werden und das Spektrum analytischer Behandlungstechnik enorm erweitern können.

Fälle von Inzest kommen mit erschreckender Häufigkeit in den normalsten Familien vor. Die Folgen sind traumatisch und in ihrer Wirkung für das spätere Leben katastrophal: Entwicklungsstörungen, Ich-Störungen, die Unfähigkeit, als Erwachsener gesunde Beziehungen einzugehen, um nur einige zu nennen. Auch wenn das Trauma als solches als unbestritten gilt, ist die Uneinigkeit in bezug auf die psychoanalytische Behandlungstechnikgroß.Elaine Siegel vermittelt aufgrund ihrer dreißigjährigen klinischen Erfahrung einen neuen Zugang zu diesem höchst brisanten Phänomen. Da Übertragung und Gegenübertragung bei Inzestopfern anders verlaufen als bei gewöhnlichen Analy-sanden, stellt sie die Reaktionen des Therapeuten, der wesentlich stärker mit seinen Gefühlen involviert ist, in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Gerade die somatischen Reaktionen und Regressionsphänomene des Analytikers selbst werden so zum Schlüssel für das Verständnis des tief Verdrängten.Anhand von minutiös beschriebenen Fallgeschichten zeigt sie, wie das Trauma des Inzests innerhalb der Familie meist über drei Generationen weitergereicht wird. Sie dokumentiert die verschiedenen Stufen des Behandlungsverlaufs und zeigt nicht zuletzt durch ihre reiche Erfahrung als Tanztherapeutin, wie die eigenen körperlichen Signale helfen, den Behandlungsspielraum enorm zu erweitern und den realen vom imaginären Inzest zu unterscheiden.

Bereits bei Klett-Cotta erschienen:Elaine V. Siegel: TanztherapieISBN 3-608-91005-0

Zum Autor/Herausgeber: Elaine V. Siegel war als Supervisorin und Ausbildungsanalytikerin am New York Center for Psychoanalytic Training tätig. Sie ist ausgebildete Tanztherapeutin und leitete 14 Jahre lang die Forschungsgruppe für motorische Entwicklung am Suffolk Child Development Center an der State University in New York.
  • Produktdetails
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Seitenzahl: 221
  • 1999
  • Ausstattung/Bilder: 221 Seiten
  • Deutsch
  • Abmessung: 235mm
  • Gewicht: 480g
  • ISBN-13: 9783608918755
  • ISBN-10: 3608918752
  • Best.Nr.: 24712610
Autorenporträt
Elaine V. Siegel ist ausgebildete Tanztherapeutin und Mitglied des ADTA (American Dance Therapy Association) und Psychoanalytikerin. Sie hat viele Jahre in der Klinik gearbeitet, war Dozentin an einem psychoanalytischen Ausbildungsinstitut und hat eine private Praxis in New York. Vor ihrer Ausbildung zur Psychoanalytikerin war sie Tänzerin und Choreographin.
Rezensionen
Besprechung von 17.05.2000
Spüre unangenehmes Gliederzucken
Wenn der Körper zu tanzen anfängt, will die Seele etwas sagen: Elaine V. Siegel erfährt und erforscht Verdrängungen von Inzestopfern

Eine vierundsiebzigjährige Frau bittet mich um Rat. Ihr achtzigjähriger Mann, ein ehemals angesehener Studiendirektor und vorbildlicher Familienvater, leide seit zwei Jahren unerträglich unter den Vorwürfen seiner beiden Töchter. Ein Körpertherapeut habe die beiden davon überzeugt, dass sie im Laufe des ersten Lebensjahres, "vor der Zeit ihrer Bewusstwerdung", von ihrem Vater missbraucht worden seien. Seitdem verweigerten sie jeden Kontakt zu ihm. Obwohl bis heute glücklich verheiratet, quält sich die Frau jetzt ihrerseits mit Zweifeln. Sie möchte von mir wissen, ob der Therapeut Recht haben könne und wie sie sich verhalten solle.

Dass solche Verdächtigungen bei vielen Therapeuten groteske Blüten treiben und einen einträglichen Verdienst garantieren, hat sich inzwischen herumgesprochen. Aber damit ist das Problem der Wahrheitsfindung nicht aus der Welt. Der einundzwanzigjährigen Kathrin glaubt man sofort, dass sie in der Kindheit über viele Jahre von der Mutter und dem Stiefvater ins Bett geholt und von beiden sexuell stimuliert wurde, während sie den Stiefvater oral befriedigen musste. Sie schneidet sich tiefe Wunden in Arme und Beine, verbrüht ihre Brust mit kochendem Wasser, sitzt stundenlang schreiend im Hausflur des Krisenzentrums und gerät in Zustände von Orientierungslosigkeit und Verwirrung, an die sie sich später nicht mehr erinnern kann.

Wie aber kommt man den minder schweren Fällen von Missbrauch auf die Spur? Wie kann man die traumatischen Folgen heilen? Nur durch eine mehrjährige Analyse, legt die New Yorker Therapeutin Elaine V. Siegel dar. Ausführlich beschreibt sie sechs Patienten, die vor der Behandlung ihr Trauma vollständig verdrängt hatten - zwei Frauen, die von ihren Müttern missbraucht wurden, zwei Männer mit Mutter-Sohn-Inzest und zwei Patientinnen mit Vater-Tochter-Inzest. Bevor die Autorin Psychoanalytikerin wurde, war sie lange Jahre als Tanztherapeutin tätig. Mit ihren Publikationen über Tanztherapie wurde sie auch in Deutschland bekannt. Die Kombination beider Berufe liefert den Schlüssel zum Verständnis ihres Behandlungskonzeptes. Im Zentrum der Aufmerksamkeit zur Aufdeckung der traumatischen Erfahrungen stehen ihre eigenen Körpervorgänge und Missempfindungen, mit denen sie auf die motorischen Erregungen und dissoziativen Bewusstseinszustände der Patienten reagiert.

Als Tanztherapeutin ist Siegel in besonderer Weise für Körpersprache und ihre Symbolisierung sensibilisiert. So setzt sie ihren Körper als Gegenübertragungsinstrument ein und kann das Inzesttrauma antizipieren, noch lange bevor der Patient seine Erinnerung daran zurückgewinnt. Erst danach ist er in der Lage, seine Scham- und Schuldgefühle zu überwinden und sich durch Nachforschungen in der Familie selbst oder bei Zeugen aus dem familiären Umfeld seiner eigenen Geschichte zu vergewissern und sie zu verarbeiten.

Zur Untermauerung ihres neuen Konzeptes der Gegenübertragung - in der Psychoanalyse umfasst der Begriff alle bewussten und unbewussten Reaktionen des Therapeuten auf seinen Patienten - liefert Siegel die Gegenprobe am Beispiel einer Frau und eines Mannes. Beide waren ausdrücklich wegen eines Inzesttraumas zur Behandlung gekommen. Nachdem die körperlichen Gegenübertragungsreaktionen der Therapeutin ausblieben, ließen sich durch eine detaillierte Rekonstruktion die angeblichen Traumen als Erinnerungstäuschung auflösen.

Siegels therapeutische Erfahrung bildet einen wichtigen Beitrag zur Sondierung des noch unübersichtlichen Geländes in der Inzestforschung. Auch wenn alle von ihr behandelten Inzestopfer nur ein vergleichsweise leichtes Trauma erlitten, eröffnet das von ihr entwickelte Gegenübertragungskonzept einen neuen Zugang zur Diagnostik und Therapie des sexuellen Missbrauchs. An seine Grenzen stößt das Konzept bei Patienten, speziell bei Frauen, deren traumatische Erfahrungen zu schweren Persönlichkeitsstörungen oder Borderline-Erkrankungen geführt haben. Bei ihnen kommt es, wie die psychoanalytische Traumaforschung gezeigt hat, häufig zum Phänomen der "Einfühlungsverweigerung", einem speziellen Gegenübertragungswiderstand, mit dem sich der Therapeut gegen das eigentlich Unerträgliche schützt. Deswegen erfordern die schweren Erkrankungen erhebliche Modifizierungen der Behandlungstechnik. Für Kathrin wäre eine Analyse nach der Methode von Siegel geradezu kontraindiziert.

HORST PETRI

Elaine V. Siegel: "Inzest". Die psychoanalytische Behandlung eines frühen Traumas. Aus dem Englischen von Max Looser. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1999. 221 S., geb., 58,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Der Psychoanalytiker Horst Petri beschreibt in seiner Rezension die Autorin als ehemalige Tanztherapeutin, die "in besonderer Weise für Körpersprache und ihre Symbolisierung sensiblisiert" ist. Ihr Buch sein ein "wichtiger Beitrag" zur Behandlung von Inzestopfern, obwohl Petri der Ansicht ist, dass nur "leichte Fälle" mit Siegels Therapie behandelt werden können. Bei Menschen, bei denen Missbrauch zu schweren Persönlichkeitsstörungen oder Borderline-Erkrankungen geführt habe, bezweifelt Petri die Anwendbarkeit von Siegels Methode. Leider bleibt in der Rezension für den Laien unklar, worin diese Methode besteht. Petri erklärt, dass Siegel "ihren Körper als Gegenübertragungsinstrument einsetzt" und so das Inzesttrauma vorwegnehmen könne, noch bevor sich der Patient selbst daran erinnert. Doch wie hat man sich diese Gegenübertragung durch den Körper der Therapeutin vorzustellen?

© Perlentaucher Medien GmbH