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Karl-Markus Gauß erprobt sich mit seinem neuen Buch in verschiedenen Genres und erfindet dabei ein neues: "Das Gesicht der Welt" ist eine große Erzählung über eine Reise, die vom Burgund nach Transsilvanien, von der Kleinstadt in Thüringen auf die Insel in Griechenland führt, eine Reportage in dreizehn Stationen, die von den Straßen von Bukarest berichtet, im Niemandsland an der Grenze zwischen Slowenien und Kroatien haltmacht, den Geräuschen von Istanbul und der Stille auf einem Militärfriedhof in Italien nachspürt; es ist eine Kulturgeschichte von Europa, wie wir sie, so reich an…mehr

Produktbeschreibung
Karl-Markus Gauß erprobt sich mit seinem neuen Buch in verschiedenen Genres und erfindet dabei ein neues: "Das Gesicht der Welt" ist eine große Erzählung über eine Reise, die vom Burgund nach Transsilvanien, von der Kleinstadt in Thüringen auf die Insel in Griechenland führt, eine Reportage in dreizehn Stationen, die von den Straßen von Bukarest berichtet, im Niemandsland an der Grenze zwischen Slowenien und Kroatien haltmacht, den Geräuschen von Istanbul und der Stille auf einem Militärfriedhof in Italien nachspürt; es ist eine Kulturgeschichte von Europa, wie wir sie, so reich an Zusammenhängen und ungeahnten Verwandtschaften, bisher noch nicht gekannt haben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Zsolnay
  • Artikelnr. des Verlages: 551, Best.-Nr.551/05505
  • Seitenzahl: 299
  • Erscheinungstermin: 21. Juli 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm
  • Gewicht: 447g
  • ISBN-13: 9783552055056
  • ISBN-10: 3552055053
  • Artikelnr.: 29505215
Autorenporträt
Karl-Markus Gauß, geb. 1954, schreibt für große Zeitungen wie die 'ZEIT', die 'FAZ', die 'NZZ' und 'Die Presse'. Er ist Autor und Herausgeber der Zeitschrift 'Literatur und Kritik' und lebt heute in Salzburg. Der Essayist erhielt 2006 für sein Gesamtwerk den 'Georg-Dehio-Buchpreis' des Deutschen Kulturforums östliches Europa sowie den 'Manès-Sperber-Preis', 2007 den 'Mitteleuropa-Preis' und 2009 den 'Donauland-Sachbuchpreis'. Im Jahr 2010 wurde ihm der Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay verliehen, 2014 der Österreichische Kunstpreis in der Kategorie Literatur.
Rezensionen
Besprechung von 02.10.2010
Die zweite Reihe ist die wahre Vorhut

Rastlos Reisender an den Rändern Europas: Karl-Markus Gauß streift durch den "Wald der Metropolen".

Von Dirk Schümer

Die Metropolen des Karl Markus Gauß tragen seltsame Namen: Slaghenaufi, Vacaresti, Fontevraud, Dragatus. Immerhin sind in seinem neuen Buch auch etwas vertrautere Orte wie Oppeln, Siena, Selestat und Brünn dabei. Es fehlen - und das ist bei diesem Autor keine Überraschung - erwartbare Mega-, Haupt- und Kulturhauptstädte wie Paris, New York, Berlin oder Schanghai. Immerhin - in "Der Wald der Metropolen" schildert uns Gauß sehr innige Einblicke in kulinarische Theater von Neapel oder ins literarische Spurengewirr des Bezirks Wien-Landstraße, doch nicht ohne uns direkt von dort an die Peripherie von Belgrad zu entführen. Denn - und das ist nur einer von unzähligen Geschichtenanfängen in diesem reichen Opus - das heutige Serbien und das Serbische sind recht eigentlich in Wien vom bettelarmen Lexikographen Vuk Karadzic erfunden worden.

Für solche Spurensicherungen ist Gauß seit Jahren zu Unrecht noch nicht berühmt genug. Als wackerer Ethnograph der Literaturhistorie reist er auf dem Kontinent umher, um die leisen, verstummenden, für andere komplett unhörbaren Stimmen von Völkerschaften wie den Lausitzer Sorben, den Cimbrern in den Vicentiner Alpen oder den Roma in ihren vermüllten slowakischen Slums für uns vernehmbar zu machen. Die Rede von den "Metropolen" im Dickicht von Europas oft so langweilig präsenten Städten ist daher keineswegs ironisch zu verstehen. Er meint es ernst mit ihnen. So entdeckt Gauß im abgelegenen slowenischen Kaff Dragatus, das man schwer auf einer Landkarte finden wird, den Herkunftsort des Nationaldichters Oton Zupancic, dessen Verse im Zweiten Weltkrieg von den slowenischen Partisanen gesungen wurden.

Gauß spinnt diese, vielleicht nicht die unwesentlichste Geschichte der europäischen Sondergeschichten, unsystematisch fort, indem er Zupancics Kollegen Ivan Cankar in dessen geliebtem Heimatdorf Vrzdenec abholt und mit seinem tristen, illusionslosen Werk nach Ottakring zu den Hinterhöfen und den Schwindsüchtigen des kaiserlichen Wien reist, wo der bettelarme Cankar nach 1900 zwar eine Stadt, aber sicher kein Milieu und kein Caféhaus mit Hofmannsthal und Bahr und Schnitzler geteilt hat. Ein Schicksal wie das des Genies Cankar liegt Gauß aus unterschiedlichen Gründen so am Herzen, dass er es mit der offiziellen Geniegeschichte unserer Kultur verweben muss.

Zum einen ist da die Gerechtigkeit. Denn warum sollte ein Schriftsteller, der Maßgebliches über seine Epoche und deren Verfasstheit hinterlassen hat, nur darum unbekannt sein, weil er in einer verhältnismäßig unbekannten Sprache wie dem Slowenischen geschrieben hat? Gauß macht aus unserer Not, solche faszinierenden Stimmen im Stimmengewirr Europas nicht zu kennen, eine Tugend: Die Unbekannten sind oft die besonders Wichtigen. Denn in kleineren Völkern, die spät als Nationen mit den dazugehörigen Institutionen (Universitäten, Verlage, Zeitungen, Akademien) ihre Stimme erheben konnten, spielen die Dichter stets eine entscheidende Rolle. Denn nur in ihnen, an ihren Werken und Worten konnte - man denke an den Wiener Serben Vuk Karadzic mit seinen Denkmälern in Belgrad - sich ein kollektives Fühlen und Denken überhaupt erst ausdrücken.

Und da wären wir beim zweiten Punkt, der die unwesentliche Mühe lohnt, in Gaußens geschliffenen, nie überladenen Texten von nie gelesenen, in einem viel zu kurzen Leben vielleicht nie zu lesenden Genies mit komplizierten Namen jetzt endlich gehört zu haben. Denn die Ungerechtigkeit, dass anstatt der Geistesgrößen aus Vacaresti oder Dragatus irgendwelche kamerafesten New Yorker oder Berliner Mode-Autoren schnell die Bestsellerlisten beherrschen, wäre ja gerade noch zu verkraften. Gauß weiß aber, dass wir - also seine Leser - es sind, die dringend der ungehobelten, schrägen, mäandernden Meinungen und Wahrnehmungen aus dem Gauß-Kosmos bedürfen, um im Zeitalter der elektronischen Reizüberflutung noch Resistenzen gegen das Offenkundige zu entwickeln. Wir berauben uns also selbst, wenn wir immer nur Berlin oder London hören und nicht von Arnstadt oder Brünn.

In Arnstadt macht Gauß den leider vergessenen Historien-Romancier Willibald Alexis, einen preußisch-kaiserzeitlichen Antipreußen mit faszinierenden Romanen wie "Der Roland von Berlin" oder "Die Hosen des Herrn von Bredow", dingfest. Unbedingt vormerken, den Mann! Im schicksalhaften Regen von Brünn erzählt Gauß uns dann das bestürzende Parallelschicksal der beiden tschechischen Dichter Ivan Blatný und Frantisek Listopad. Beide verschwanden bei der Machtübernahme der Kommunisten 1946 aus ihrem Land. Blatný tauchte erst zwanzig Jahre später in einer nordenglischen Psychiatrie wieder auf. Lange nachdem man ihn für tot erklärt hatte, verfasste er fleißig verstörend-verängstigte Verse. Listopad wurde nach dem Ende des Kommunismus 1989 portugiesischer Professor und Filmemacher, um sein befreites Heimatland als Greis mit den Augen eines jungen Mannes neu zu schildern.

Man verfällt solchen tristen Geschichten aus dem Brünner Regen nicht nur darum rettungslos, weil Gauß sie in suggestive Stadt- und Landschaftsbilder einbettet. Wir ahnen aber über den Lesegenuss hinaus, dass dieser rastlose Reisende an den Rändern der rauhen Europa-Realität mit seinen Aperçus die geheime, also die wahre Historie unserer mörderisch vielfältigen Zivilisation übermittelt.

In einem von Daniela Strigl und Herbert Ohrlinger herausgegebenen Sonderband mit Elogen zugunsten des Autors erfahren Gaußianer von Weggefährten und Kollegen allerhand hintergründig Lobendes, aber auch Wissenswertes über diesen in Salzburg auf Europas abgründigster (der deutsch-österreichischen) Grenze wohnhaften Kulturnomaden. So etwa, dass Gauß immer im zu dünnen Trenchcoat ins kalte Balkanien aufbricht. Oder dass seine literarisch-kritischen Anfänge auf die vergessene Zeitschrift "Wiener Tagebuch", ein Organ ehrenhaft-vergreister Euro-Kommunisten, zurückgehen.

Erfreulich ist am "Wald der Metropolen" auch der lakonische Humor des Autors. So schildert er, wie er in Bukarest nach der rumänischen Ausgabe seines Buches sucht, aus dem er am Abend lesen soll. Nach endloser Telefon- und Internet-Recherche in der Verlagsbuchhandlung erfährt er, dass das Buch erst in einem Vierteljahr herauskommt. Beim Stöbern in der Bahnhofsbuchhandlung entdeckt er sein Buch dann beim Ramsch. Auch das ist eine dieser Geschichten, die so verwickelt und umständlich, so komisch und traurig, so gaußisch sind wie dieser ganze vermaledeit-überreiche Kontinent.

Karl-Markus Gauß: "Im Wald der Metropolen". Zsolnay Verlag, Wien 2010. 302 S., geb., 19,90 [Euro].

Herbert Ohrlinger/Daniela Strigl (Hg.): "Grenzgänge - Der Schriftsteller Karl-Markus Gauß". Zsolnay Verlag, Wien 2010. 272 S., br., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 12.01.2011
Der traurige Regen von Brünn
Karl-Markus Gauß führt den Leser in einen poetischen und ungeahnten „Wald der Metropolen“
Wenn man die Texte von Karl-Markus Gauß liest, ist plötzlich alles ganz anders. Er schreibt zum Beispiel „Vrzdenec“. Oder „Dragatuš“. Es ist nie ganz klar, ob diese Orte wirklich existieren. Doch unabhängig davon entwickeln diese Namen schon nach wenigen Sätzen einen merkwürdigen Sog, der schwer zu benennen ist, obwohl das Ganze zunächst leicht durchschaubar zu sein scheint.   
Gauß führt uns in eine Geschichts- und Textwelt, in einen „Wald der Metropolen“, der von der entlegensten Provinz bis in die Magistralen der Millionenstädte reichen kann. Dieses Buch kann gar keine Gattungsbezeichnung haben. Es ist nicht nur ein Reisebuch, obwohl es von den Schauplätzen lebt, an denen es spielt. Es ist nicht nur ein Kunst- und Geschichtsbuch, obwohl wir in die verschiedensten Zeiten und Epochen entrückt werden. Und es ist nicht nur ein Buch über Literatur, obwohl immer wieder Leseerfahrungen eingestreut sind. Und schon gar nicht ist es ein Sachbuch, obwohl es von tatsächlichen Menschen und Geschehnissen erzählt und erfundene Szenen vollständig fehlen. Es handelt sich um Literatur, auch wenn es keine Fiktion ist.
Bereits nach den ersten Seiten gerät man in ein Vexierspiel: Der Autor erzählt von einem einsamen „Grimassierer“, den er im burgundischen Beaune in einem Restaurant beobachtet, und er findet diesen Grimassierer dann unversehens in einer der Kopf-Skulpturen des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt aus dem 18. Jahrhundert wieder, im Unteren Belvedere in Wien. Unwillkürlich tauchen immer wieder solche versunkenen Geschichtsbilder an der Oberfläche der Gegenwart auf. Es sind Stromschnellen, unüberblickbare Strudel aus verschiedenen Zeiten, in die der Leser hineingerät, und doch ist es klar: Es gibt einen Zusammenhang zwischen den einzelnen, zunächst unverbunden scheinenden Kapiteln. Es ist, unentwirrbar, der Zusammenhang von Kunst und Leben.
An einem Haus in der durch Ingeborg Bachmann berühmt gewordenen Wiener Ungargasse befindet sich die Gedenktafel an den 1872 gestorbenen kroatischen Dichter Petar Preradovic. Die Tafel ist von einer Institution angebracht worden, die hier rostend überlebt hat: die „Jugoslawische Akademie der Künste und Wissenschaften“. Dazu passt, dass Preradovic eng mit Vuk Karadzic befreundet war, der 1864 in Wien starb und mit der Fixierung einer serbischen Schriftsprache das Fundament der serbischen Nation legte – inspiriert von seinem Lehrer Jernej Kopitar, der dasselbe mit dem Slowenischen vollbracht hatte. Sie wollten alle dasselbe, die Gemeinsamkeit der Südslawen, und lebten zusammen in einer Enklave im deutschsprachigen Wien. Karl-Markus Gauß blendet das in seine Reiseerzählungen von heute ein: wie er im „Bierteufel“ in der Ungargasse sitzt und im Balkanischen hin und her schlingert, oder wie er nach Jasenovac reist, dem Anfang der vierziger Jahre von der kroatischen Ustascha errichteten Konzentrationslager – einem Ort, der fünfzig Jahre später im Krieg zwischen Serben und Kroaten heftig umkämpft war und heute in grotesker Weise eine „Petar Preradovica“-Straße aufweist.
Gauß findet sein Europa in der Geschichte und kommt dabei ohne romantisierenden Gestus aus. Er stößt, als schon früh geübter Leser entlegener Folianten, auf diverse Humanisten der frühen Neuzeit, die auf Neulatein schrieben und eine Zukunftsvision jenseits der heutigen Nationalstaaten entwarfen, bevor diese überhaupt existierten: Beatus Rhenanus aus Sélestat (Schlettstadt) im Elsass etwa, der im sechzehnten Jahrhundert die Kirche in der Geheimsprache der Gelehrten in ihre Schranken wies, oder Janus Pannonius alias Ivan Cesmicki, der in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts gleichzeitig ein italienischer Gelehrter, ein kroatischer Humanist, ein ungarischer Bischof und ein österreichischer Schriftsteller war.
Gauß sucht mit Vorliebe Misch- und Zwischensprachen auf, die Völker sprechen, die jenseits der nationalen Gleichschaltungen des neunzehnten Jahrhunderts existieren: in Opole (Oppeln) findet er das Schlonsakische, im Grenzgebiet von Polen, Tschechien und der Slowakei das Lachische, und er schreibt ein Gedenkblatt für den „schlesischen Esperantisten“ Jan Fethke. Es sind jedes Mal überraschende, spannende Lebensläufe, die sich quer zu den eingeübten Geschichts- und Bildungsgewohnheiten stellen, lauter kleine Romane, und die setzen sich fort bis in die unmittelbare Gegenwart.
In der heutigen europäischen Hauptstadt Brüssel findet Gauß all das, was er in den Tiefenschichten der Jahrhunderte als schlummernde Möglichkeiten aufgespürt hat: Der bizarre Sprachenstreit zwischen Flamen und Wallonen wird in seiner Perspektive zu einer konsequenten Fortschreibung der Nationalstaatsideologie, doch der Gegenentwurf liegt bereits im Brüsseler Stadtkern selbst – in den „Marollen“, wo vor allem Einwanderer aus der früheren Kolonie Kongo leben: „Hier mussten die Flamen nicht tun, als würden sie kein Französisch, und die Wallonen nicht tun, als würden sie kein Flämisch verstehen. Denn hier regierten jenes afrikanische Französisch und jenes afrikanische Flämisch, das klang, als würde es sich um zwei Dialekte ein und derselben Sprache handeln, einer Sprache, die es nicht gibt und die, würde es sie eines Tages geben, Belgisch heißen würde.“
In Belgien entdeckt Gauß auch einen Autor, den er wie einige andere so suggestiv herbeizitiert, dass man ihn unwillkürlich im Original lesen möchte: Louis Paul Boon. Und hier kommt auch zum Vorschein, dass es eine enge Verbindung zwischen Gauß’ europäischen Crossover-Phantasien, seinen Vielvölker-Träumen und seiner österreichischen Herkunft gibt. Boon habe immer die sozialen Unterschichten ins Blickfeld gerückt, ihre Suche nach dem Sozialismus – aber gleichzeitig auch die Fallstricke, die eine Umsetzung des Sozialismus sofort mit sich bringt. Er lieh den Unterdrückten seine Stimme, ohne an eine bessere Zukunft für sie zu glauben. So drohte ihm ein Autorenschicksal, das Gauß als ein „österreichisches“ bezeichnet: nämlich „zum geliebten Autor jener zu werden, die es sich im Zynismus und in einer durch die Schlechtigkeit der Menschen vermeintlich wohlbegründeten Misanthropie gemütlich eingerichtet haben“. Boons Erkenntnis ist auch die geheime Maxime von Gauß: „Der härteste Kampf im Leben ist doch der, nicht verbittert zu werden.“
Gauß gelingt das durch seine Sprache. Beiläufigen Miniaturen wie der über den Regen von Brünn eignet eine Poesie, wie sie in letzter Zeit kaum in deutscher Sprache zu lesen war, denn „der Brünner Regen wäscht der Traurigkeit das Private aus“. Und seine Heraufbeschwörung einer abendlichen Piazza in Neapel, wo der Restaurantbesuch zu einer veritablen Theateraufführung wird, verführt einen dazu, auch heute ohne jedes Klischee an die Möglichkeiten der Commedia dell’Arte zu glauben. Europa verbirgt sich im Kleinen, in der vermeintlich kleinen Form der Gauß’schen Prosa. Sie ist weitaus größer als das, was man gemeinhin der Literatur noch zutraut.
HELMUT BÖTTIGER
KARL-MARKUS GAUSS: Im Wald der Metropolen. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2010. 299 Seiten, 19,90 Euro.
Seine Crossover-Vision
von Europa findet Gauß in den
Misch- und Zwischensprachen
Dieses Buch einer Gattung
zuzuordnen, hieße, die Kunst
vom Leben zu trennen
Unterwegs zwischen Provinz und Millionenstadt: Karl Markus Gauß im November 2010 am Darmstädter Bahnhof. Foto: Isolde Ohlbaum
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Einmal nicht um Paris oder Berlin und seine Dichter geht es in diesem Band von Karl-Markus Gauß, den Rezensent Dirk Schümer uns wärmstens empfiehlt, um das europäische Stimmengewirr komplett zu kriegen sozusagen oder noch besser: die eigentliche Geschichte erst einmal zu erfahren. So folgt Schümer dem ethnografisch literaturhistorisch unerschrockenen Autor zu den Lausitzer Sorben, den slowakischen Roma oder zu den einst totgesagten tschechischen Dichtern Blatny und Listopad, und entwickelt "Resistenzen gegen das Offenkundige". Mit Humor und Melancholie angerichtet vor Stadt- und Landschaftsbildern bereiten diese Streifzüge am Rand dem Rezensenten nicht nur reinen Lesegenuss, sondern eben auch jene Einsicht in die Möglichkeit einer anderen, möglicherweise ja der wahren Geschichte unserer Zivilisation.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Karl-Markus Gauß durchwandert die Kulturgeschichte Europas. Eine Geschichte voll gescheiterter Utopien und vergeudeter Möglichkeiten - glänzend geschrieben und durchdacht."
Georg Renöckl, Neue Zürcher Zeitung 03.09.2010