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Besprechung von 08.08.2008
Wenn keiner ihn auffing, knallte er halt auf den Boden
Davonrauschen: Paul Trynka erzählt hinreißende Anekdoten aus dem Leben von Iggy Pop
So ging es zu, als Jim Osterberg, besser bekannt als Iggy Pop, sich Mitte der Siebziger in Los Angeles mit dem Model Bebe Buell herumtrieb: „Sie mietete sich ein Cabriolet und fuhr mit ihm zu einem Hamburger-Restaurant. Während eines Tankstops gingen sie zur Toilette, und Iggy legte ihr eine saubere Linie aus weißem Pulver auf den Spülkasten. In der Annahme, es wäre Kokain, sog sie alles auf einmal auf, worauf ihr Jim erklärte, dass es sich um Heroin handelte. Die beiden krochen bei Ben Edmond unter, wo Bebe zum Kotzen ins Bad geschickt wurde. Jim brauste sie behutsam sauber, während Ben aus dem Wohnzimmer brüllte: ,Verstopf mir bloß nicht den Abfluss mit deiner Kotze, verdammt noch mal!’ Als Jim sich entschuldigte, brüllte Bebe ihn an: ,Fick dich doch ins Knie!’ Dann stieg sie in ihren Wagen und rauschte davon.”
Und dabei hatte alles so ordentlich angefangen. Jim wurde 1947 in der Universitätsstadt Ann Arbor, unweit Detroit, geboren. Da seine Eltern in einem Trailer Park wohnten, behauptete er später, ein Außenseiter gewesen zu sein, der unter seiner proletarischen Herkunft litt. Nichts davon ist wahr: Der Vater war ein angesehener Lehrer, und Jim verkehrte von gleich zu gleich mit Kindern, die dem Akademiker- und Manager-Milieu entstammten. Lehrer und Mitschüler waren von seinem Charme, seiner Eloquenz beeindruckt; dass er eines Tages etwas Großes vollbringen würde, stand außer Frage. Noch vor seinem 45. Lebensjahr, prophezeite er, werde es ihm gelingen, als Präsident ins Weiße Haus einzuziehen.
Es kam anders. Der höfliche junge Mann, nicht sehr groß, aber athletisch gebaut, gründete mit drei Freunden die Stooges. Und er erfand sich neu: als den dämonisch-charismatischen Performer Iggy Pop. In hautenger Hose und mit stets entblößtem Oberkörper tanzte, wirbelte, sprang er über die Bühne. Von Mick Jagger und Jim Morrison hatte er sich einiges abgeschaut; in seinem exaltiert-aggressiven Verhalten ging er über diese Vorbilder weit hinaus. Er erfand das Stage-diving – wenn keiner ihn auffing, knallte er halt auf den Boden –, beschimpfte lauthals das Publikum, mimte heftigen Sex mit den Marshall-Verstärkern und schnitt sich die Brust auf. Mit zwei Alben, 1969 und 1970 erschienen, gewannen die Stooges eine winzige Kultgemeinde. Dann ließ ihre Plattenfirma sie fallen, und sie lösten sich auf.
Nach einer schnellen, zum Scheitern verurteilten Reunion stürzte Iggy Pop in die Abgründe des Drogenwahns. Vor einem Schicksal à la Jimi Hendrix oder Janis Joplin bewahrten ihn die Einweisung in die Psychiatrie und die Verehrung, die ihm ein erfolgreicherer Kollege entgegenbrachte. David Bowie nahm ihn auf und produzierte in Berlin Iggys Alben „The Idiot” und „Lust for Life”, die mit nur wenigen Monaten Abstand 1977 herauskamen. Obwohl er inzwischen zum unbestrittenen Idol der Punk-Bewegung geworden war, zeigte der Künstler sich hier von einer neuen Seite, die mit seinem gewohnten Berserkertum kaum noch etwas zu tun hatte. Die melodiösen, kühl-romantischen Songs der beiden Meisterwerke nehmen den New-Wave-Sound um einige Jahre vorweg. Kein Wunder also, dass Grace Jones „Nightclubbing” coverte und Bowie mit dem Crooner-Stück „China Girl” einen Welthit hatte.
Über zehn Jahre hat der Journalist Paul Trynka für diese Biographie recherchiert. Angesichts der Überfülle an Anekdotischem versäumt er es leider, die bizarre Persona des Underground-Helden pophistorisch ein wenig zu perspektivieren. Wie er anfangs am Beispiel der Heimatstadt Osterbergs von der Kulturwende der Sechziger erzählt, ist aber faszinierend: Durch massiven Musik- und Drogenkonsum werden aus soliden Mittelstandskindern über Nacht Drop-outs, Künstler oder Wracks. Erfreulich ist auch, dass Trynka die vielen schwachen Sachen, die Iggy gemacht hat, nicht schönredet: Über das 1988 erschienene Album „Instinct” bemerkt er, es biete nicht mehr als „eine geisttötend öde Übung in Rock aus dem Großraumbüro”.
Genial an den Stooges war ihre schamlose Simplizität. Das Riff zu „1969”, dem berühmtesten Song des Debütalbums, klauten sie aus „Tribal Gathering”, einem Song der „Byrds”: „Wo die musikalische Konvention es nahelegen würde, die dem Song zugrunde liegende Zwei-Akkord-Struktur in eine andere Tonlage zu heben oder sie durch einen dritten Akkord aufzulösen, begnügten sich die Stooges damit, sie einfach nur zu wiederholen. ... Und die Tatsache, dass es keinen Ausweg aus diesem Zwei-Akkord-Thema gibt, unterstreicht nur die Langeweile und das Gefühl von Enge, das die betonte Gleichgültigkeit des Songs transportiert.” Dieser Minimalismus imponiert inzwischen einer weiteren Generation von Musikern. Auf einem der Fotos des Buches trägt Jack White, der Kopf der White Stripes, Iggy Pop buchstäblich auf Händen. Und der bleckt die Zähne wie ein unsterblicher Rock’n’Roll-Jesus-Dionysos. CHRISTOPH HAAS
PAUL TRYNKA: Iggy Pop. Aus dem Englischen von Christoph Hahn und Bernhard Joseph. Rogner & Bernhard Verlag, Berlin 2008. 528 Seiten, 29,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ja, ja, so muss es gewesen sein, als sich Jim Osterberg in Iggy Pop verwandelte. Was Christoph Haas zu dieser Iggy-Biografie des Journalisten Paul Trynka zu sagen hat, lässt auf ein eher anekdotisches Buch schließen. Zwar lobt Haas die 10-jährige (!) Recherchearbeit des Autors, dass dabei nicht mal eine pophistorische Perspektivierung des notorisch Brustnackten herausgekommen ist, scheint ihm allerdings unverständlich. Um so gieriger stürzt sich Haas auf Ausführungen zur Kulturwende der 60er und auf den Umstand, dass Trynka immerhin auch die schwachen Momente, wie den simplen musikalischen Eklektizmus des Idols nicht verschweigt.

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