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Literatur ist ein Mittel, um ein Ich sichtbar zu machen. Das ist ein Kernsatz aus Maiers Poetik. So, wie man sein eigenes Gesicht nicht ohne Hilfsmittel sehen kann, kann auch ein anderes Ich nur mit einem Hilfsmittel sichtbar gemacht werden. »Die Bücher waren eigentlich die Menschen«, so beschreibt Maier seine erste Begegnung mit Literatur. In einer Selbstanalyse zwischen Psychologie und Religion forscht der Autor seinem Entwicklungsgang hinterher, von der Verweigerung des Kindergartens, von den Schwierigkeiten des Suchens nach einer Form bis hin zu der Gewißheit, daß sich alles von selbst…mehr

Produktbeschreibung
Literatur ist ein Mittel, um ein Ich sichtbar zu machen. Das ist ein Kernsatz aus Maiers Poetik. So, wie man sein eigenes Gesicht nicht ohne Hilfsmittel sehen kann, kann auch ein anderes Ich nur mit einem Hilfsmittel sichtbar gemacht werden. »Die Bücher waren eigentlich die Menschen«, so beschreibt Maier seine erste Begegnung mit Literatur. In einer Selbstanalyse zwischen Psychologie und Religion forscht der Autor seinem Entwicklungsgang hinterher, von der Verweigerung des Kindergartens, von den Schwierigkeiten des Suchens nach einer Form bis hin zu der Gewißheit, daß sich alles von selbst einstellt, wenn man aufhört, danach zu suchen. Maiers Poetik ist auch eine Polemik gegen das Interessante in der Literatur. Literatur, sagt er, stellt immer die einfachsten Fragen.
Autorenporträt
Andreas Maier, 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren, studierte Philosophie und Germanistik, anschließend Altphilologie. Er lebt zurzeit bei Frankfurt am Main.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.08.2006

Kehret um!
Andreas Maier wütet gegen fast alles und jeden
Andreas Maier fühlt sich missverstanden. Seine Leser, meint er, halten ihn für zu klug, für zu erfinderisch, für zu ideenreich und für zu formgewandt. Sie taumeln begeistert auf ihn zu, bewundern an ihm ein Können, das er nicht habe, entdecken in seinen Büchern Tiefsinnigkeiten, die nicht darin enthalten seien. Es ist traurig, wenn man so missverstanden wird. Seine Frankfurter Poetikvorlesung von 2006 hat Maier als Zeugnis dieser Trauer angelegt und ihr einen schlichten Titel gegeben: „Ich”. Selbstbewusstsein und Unvermögen paaren sich darin, weil die Handlungsschwäche, die Maier an sich bemerkt, selbstredend nur das Scheitern an der Konformität bedeutet: Wenn die Autorennorm der Gesellschaft von einem Schriftsteller Inhalte verlangt und eine Sprachkraft, die diesen Inhalten gerecht wird, dann weist das Scheitern an diesen Normen automatisch auf das Besondere und Inkommensurable hin.
Maier wütet gegen fast alles und jeden: Gegen seinen alten Lektor und Verleger, gegen seinen Kindergarten, gegen seine Leser, Kritiker und Interpreten. Nicht umsonst bildet er die eigene Ahnenkette aus Perlen der Gesellschaftsverachtung: Schopenhauer, Dostojewski, Nietzsche und den Jesus des Matthäusevangeliums hat Maier sich als Vorbilder herausgesucht. Mit der pastoralen Geste des „Kehret um!” angesichts transzendenter Instanzen - sie mögen Gott oder Wahrheit genannt werden -, rüttelt und reißt er an den Ketten, die ihm der „Betrieb” oder die „Öffentlichkeit” anlegen wollen: „Die Wahrheit ist, dass wir falsch sind und richtig sein könnten und falsch allein kraft unseres eigenen Entschlusses, oder nennen wir es meinetwegen auch Trägheit, sind.”
Das alles verkündet Maier, der sich in seiner Verkleinerung ganz groß macht, von weit oben - ex cathedra eben. Aber die Diagnose vollendeter Gedankenlosigkeit kann jeder nachvollziehen. Die Wut gegen die scheinbare Selbstläufigkeit versteht jeder, dem noch ein Fünkchen Besinnung bleibt. Der Aufstand gegen den Lauf der Dinge ist dennoch sympathisch, wichtig und richtig. Und vermutlich würde Maier genau dies wieder als missverständiges Zeichen der Konformität verbuchen. Nun denn, verstehen „wir” Maier zumindest dieses eine Mal richtig: Die Poetikvorlesung ist nicht klug; sie zeugt von keiner überraschenden Findungsgabe, von keiner Beobachtungsfähigkeit und belegt keine überragende Intelligenz; und das Zentrum der Vorlesung, das ominöse „Ich” des Autors selbst, ist von so vielen vergleichbaren Ichs der Revolte gegen das reibungslose Funktionieren und die umstandslose Betriebsseligkeit umgeben, dass man es mit Maier mindestens „vergruppt” nennen muss - aber: „Vergruppt kommt man nicht zu Gott”.
So will es der Betrieb
Ich glaube Maier sofort, dass er nicht lange an seinen Texten feilt, dass jeden Tag nach ein oder zwei Stunden Schreibarbeit ein paar von diesen im immer gleichen Ton gehaltenen Seiten abfallen, die sich dann nach gewisser Zeit zu einem Buch zusammenbinden lassen: „Im Betrieb” wird „aus allem ein Buch gemacht, radikal und rücksichtslos, und also wird auch aus dieser Vorlesung ein Buch gemacht, denn das ist der Betrieb”. So viel krakeelende Offenheit, so viel Wut gegen die normale Verlogenheit macht verlegen, weil sie die Faust auf die Wunde legt. Aber „man” sollte seine Leser nicht unterschätzen, auch wenn sie die eigenen Bücher vielleicht aus falschen Gründen loben - so geheimnisvoll ist der Zorn des Autors dann auch wieder nicht. Insofern trägt diese Poetik-Vorlesung zu recht den Titel „Ich”, „denn Ich, diese drei Buchstaben sind der Mittelteil des Wortes Nichts, das Nichts umschließt das Ich . . .” Da das „Ich” bei Maier aber ziemlich viel mit der Sprache zu tun hat, hätte Maier auch den Mittelteil davon als Titel wählen können: „ach!” So viel Verständnis muss für diesen „Beitrag zur fortschreitenden Selbstenthypung” sein. STEFFEN MARTUS
ANDREAS MAIER: Ich. Frankfurter Poetikvorlesungen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 150 Seiten, 8,50 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Als Dokument der Wut und der Trauer eines Schriftstellers, der sich missverstanden fühlt, liest Steffen Martus die "Frankfurter Poetikvorlesungen" von Andreas Maier. Was er damit anfangen soll, ist ihm offensichtlich nicht ganz klar. Einerseits äußert er Verständnis für Maiers wütenden Rundumschlag gegen seinen alten Lektor und Verleger, den Literaturbetrieb, gegen Leser, Kritiker und Interpreten und vor allem gegen die allgemeine Gedankenlosigkeit. "Sympathisch, richtig und wichtig" findet Martus diese Revolte gegen den Gang der Dinge. Andererseits mag er Maier nicht den Gefallen tun, ihn wieder einmal misszuverstehen und mit einer Lobeshymne zu ehren. Denn im Grunde wirke das Ganze auf ihn nur bedingt originell. Zudem kann er in dem Text "überraschende Findungsgabe", "Beobachtungsfähigkeit" und "überragende Intelligenz" nicht entdecken.

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