Hyperkulturalität - Han, Byung-Chul

9,00
versandkostenfrei*
Preis in Euro, inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

  • Broschiertes Buch

1 Kundenbewertung

Die Veränderungen, die der kulturelle Globalisierungsprozess bewirkt, erfordern einen neuen Kulturbegriff. Zunehmend lösen sich die kulturellen Ausdrucksformen aus ihrem ursprünglichen Ort und zirkulieren in einem globalen Hyperraum der Kultur. Die Kultur wird zu einer Hyperkultur ent-ortet und ent-grenzt. Hyperkulturalität reflektiert die Verfassung des heutigen In-der-Welt-seins. Anhand einer Analyse von Phänomenen wie Ort, Weg, Schwelle, Fremdheit, Vernetzung, Aneignung und Identität wird gezeigt, inwiefern ein ganz anderes Sich-Orientieren in der Welt notwendig und möglich ist.…mehr

Produktbeschreibung
Die Veränderungen, die der kulturelle Globalisierungsprozess bewirkt, erfordern einen neuen Kulturbegriff. Zunehmend lösen sich die kulturellen Ausdrucksformen aus ihrem ursprünglichen Ort und zirkulieren in einem globalen Hyperraum der Kultur. Die Kultur wird zu einer Hyperkultur ent-ortet und ent-grenzt. Hyperkulturalität reflektiert die Verfassung des heutigen In-der-Welt-seins. Anhand einer Analyse von Phänomenen wie Ort, Weg, Schwelle, Fremdheit, Vernetzung, Aneignung und Identität wird gezeigt, inwiefern ein ganz anderes Sich-Orientieren in der Welt notwendig und möglich ist.
  • Produktdetails
  • Internationaler Merve Diskurs (IMD) Bd.278
  • Verlag: Merve
  • Nachdr.
  • Seitenzahl: 82
  • Erscheinungstermin: April 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 170mm x 118mm x 10mm
  • Gewicht: 85g
  • ISBN-13: 9783883962122
  • ISBN-10: 3883962120
  • Artikelnr.: 13487035
Autorenporträt
Ted Nelson, der Erfinder des Hypertexts, sieht diesen nicht auf die Ebene des digitalen Textes beschränkt. Die Welt selbst ist hypertextuell. Die Hypertextualität ist die "wahre Struktur der Dinge". "Everything is", so Nelsons berühmtes Wort, "deeply intertwingled". Alles ist mit allem verknotet oder vernetzt. [.] Nelson nennt sein hypertextuelles System "Xanadu". So heißt auch der sagenhafte Ort in Asien, an dem der mächtige Herrscher Kubla Kahn mitten in einem herrlichen Garten ein prächtiges Lustschloß erbauen ließ. Der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge besingt in seinem Fragment gebliebenen Gedicht "Kubla Kahn" diesen sagenhaften Ort. Nelson muß von Coleridges Vision fasziniert gewesen sein. In "Dream Machines" beruft er sich ausdrücklich auf sein Traumfragment. So erhält sein Hypertext, sein "Xanadu" etwas Traumhaftes.
Rezensionen
Besprechung von 02.10.2010
So seht doch nur, wie müd' wir sind!

Am meisten sieht man vom Westen, wenn man ihn mit den Augen des Fernen Ostens anschaut: Byung-Chul Han peilt eine Kulturkritik mit Zukunft an und bricht mit lieb gewordenen Sehgewohnheiten.

Von Mark Siemons

Der erste Anschein von Byung-Chul Hans Buch "Müdigkeitsgesellschaft" führt in die Irre. Dass sich der Mensch in Zeiten der Globalisierung nicht länger durch äußere Feinde bedroht fühle, sondern durch einen "Terror der Immanenz", dass er mit seinem hochgezüchteten, hyperaktiven Ego langsam, aber sicher an einem "Übermaß an Positivität" ersticke: Solche Behauptungen hören sich doch sehr nach einer Trotzreaktion der üblichen Art an, nach einer Theorie, für die alles Denken und Menschsein in Wahrheit durch Negativität bestimmt ist, nach Adorno also und herkömmlicher Kulturkritik. Hinzu kommt, dass die These noch nicht einmal plausibel klingt. Ist es wirklich so, dass sich die Trennungen zwischen Innen und Außen, Freund und Feind zunehmend auflösen? Weshalb gegenwärtige Phänomene wie das islamistische Ressentiment gegen den Westen, das Ressentiment im Westen gegen Muslime oder die verstärkte Abschottung der EU gegen Einwanderer seiner These nicht widersprechen, sagt der Autor nicht.

Aber man muss diesen schmalen Band, der in Wirklichkeit etwas sehr Neues ankündigt, vom Ende her lesen. Dort ereignet sich inmitten der Erörterung der eigentümlichen Kategorie der "Müdigkeit" ein Umschlag: Die Beschreibung der Erschöpfung des von sich überforderten Selbst geht da unter Berufung auf Peter Handkes "Versuch über die Müdigkeit" unversehens über in den Entwurf einer utopischen Müdigkeit. Es ist eine Müdigkeit, die nicht vereinzelt, sondern vom Ich und dessen Tätigkeitszwang befreit, die dadurch beredt und sehend macht und versöhnt. In welchem Verhältnis diese gute Müdigkeit zur schlechten steht, ob die jetzige Situation günstige Voraussetzungen zu ihrer Realisierung bietet, was zu tun wäre, damit sie Wirklichkeit wird: All dies wird nicht erörtert. Der eine und der andere Zustand bleiben einfach nebeneinander stehen. Dadurch bekommt aber das gesamte Szenario der allumfassenden Positivität, das in dem Buch bislang allein wie ein Horrorgemälde erschienen war, eine unvermutete Ambivalenz: Die Auflösung der gewohnten Unterscheidungen könnte auch den Keim zu etwas Gutem, Glücklichem in sich tragen.

Byung-Chul Han, der, in Südkorea geboren, seine philosophische Sozialisation in Deutschland erlebt hat und seit diesem Sommer an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrt, argumentiert in diesem Buch, von einer marginalen Ausnahme abgesehen, allein mit westlichen Autoren; von Benjamin über Baudrillard bis Agamben kommen die üblichen Verdächtigen vor. Doch ohne dass er ausdrücklich darauf hinweist, versammelt die mit Handkeschem Vokabular geschilderte gute Müdigkeit all die Merkmale "fernöstlichen", eigentlich: chinesischen Denkens, die Han in früheren Büchern behandelt hatte: die In-Differenz, die Öffnung des isolierten Ich zur Welt, die Gelassenheit des Nicht-Tuns, die Freundlichkeit. Plötzlich merkt man, welchen Boden dieses eigentümlich schwerelose, dabei um entschiedene Urteile nicht verlegene Jonglieren mit den vertrauten Beständen hat. Was sich mit Byung-Chul Hans "Müdigkeitsgesellschaft" ankündigt, ist nichts Geringeres als das Auftauchen einer neuen Art Kulturkritik, mit der in Zukunft möglicherweise verstärkt zu rechnen ist: einer Kulturkritik des Westens durch den Fernen Osten.

Bislang ist der Osten für den Westen weitgehend stumm geblieben. Bei aller Beeindruckung vor der ökonomischen Leistungskraft Japans, Südkoreas, Taiwans und der Volksrepublik China hat sich daraus keine geistige Beeinflussung ergeben. Es sind westliche Gelehrte wie der französische Philosoph François Jullien, die Idealtypen des chinesischen Denkens in einer neuen Sprache zu fassen und so mit dem Westen in Beziehung zu setzen versuchen. In seiner eigenen Terminologie aber wird dieses Denken nach wie vor in eine esoterische oder mystische Ecke gestellt, die für einen ernsthaften Diskurs nicht in Frage kommt. Das Besondere bei Byung-Chul Han ist nun, dass da ein Autor seine fernöstliche Perspektive schon gar nicht mehr eigens zum Thema macht, sondern sie in rein westlichen Begriffen anwendet, um an dem Rahmen selbst zu rütteln, der diesen Begriffen sonst Zusammenhang und Konsistenz gibt. Nachdem Han zunächst mit Arbeiten über Heidegger und über ostasiatische Themen wie den Zen-Buddhismus hervorgetreten war, übt er sich in seinen jüngsten Büchern an einer Art Kulturkritik, die ihren Blickwinkel nicht durch eine exotistische Sondersprache zu erkennen geben will. Diese Form entspricht der Entgrenzungsdiagnose, die er der "Müdigkeitsgesellschaft" stellt: "Fremdheit" sei heute zu einer bloß touristischen "Konsumformel" entschärft. Um etwas sichtbar zu machen, könnte man ergänzen, muss man die Fremdheit deshalb eher unterlaufen als betonen.

Schon in "Hyperkultur" (2005) ging es um die Koinzidenz eines alten chinesischen Konzepts mit einer aktuellen Situationsbeschreibung: Das dezentrierte Nebeneinander unterschiedlicher kultureller Formen, das Han mit der Globalisierung heraufziehen sah, hatte daher überwiegend positive Vorzeichen. In "Gute Unterhaltung" (2006) versuchte er die verborgene Verwandtschaft zwischen abendländischer "Passion" (kulminierend in Adornos trotzigem Neinsagen) und den Banalitäten des Unterhaltungsbetriebs (Kulturindustrie!) aufzudecken: In Anbetracht der fernöstlichen Aufhebung des Gegensatzes von Geist und Sinnlichkeit kamen ihm beide gleichermaßen "infantil" vor. In "Duft der Zeit" (2009) kritisierte er ein atomisierendes und vereinzelndes Zeitbewusstsein, das keine narrative Spannung mehr aufweise.

Vor diesem Hintergrund bekommt auch die Theorie der "Müdigkeitsgesellschaft" eine andere Färbung. Die "Positivität", die Han da schildert, ist nicht deshalb bedrohlich, weil sie sich nicht den Forderungen eines Hegelschen Negativitätsdenkens fügt, sondern weil sie in einem Korsett gefangen ist, das sie mit ihrem vermeintlichen Gegensatz gemeinsam hat. Das sich nach außen abgrenzende Ego des Freund-Feind-Denkens ist ja ebensowenig wie das von seinen entgrenzten Ansprüchen erschöpfte Selbst zu jener entspannten Weltöffnung in der Lage, die der Autor am Ende skizziert. Allerdings formuliert er diese Pointe nicht nur nicht selbst, er tut auch noch einiges dazu, dass man sie übersieht.

Da er weder seinen Gegenstand eingrenzt noch dessen Ebenen differenziert, weiß man oft nicht so genau, wovon überhaupt die Rede ist. Die umlaufenden Abstraktionen, mit denen er operiert, von der "Hybridisierung" bis zum "spätmodernen Ich", nimmt er beim Nennwert, so als ergäben sie in ihrer Summe ein Universalobjekt - etwa: die Gegenwart, der Zeitgeist, das große "Wir" -, dessen Realitätshaltigkeit sich von selbst versteht. Ausgangspunkt ist jedenfalls der Eindruck, für das heutige "Zeitalter" seien nicht mehr die bakteriellen Krankheiten kennzeichnend, denen mit der Abwehr eines Fremdkörpers abzuhelfen sei, sondern neuronale Erkrankungen wie Depression, Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom, Burnout-Syndrom und Borderline-Persönlichkeitsstörung. Sie seien die Resultate einer Leistungsgesellschaft, die unter den Anforderungen eines "entgrenzten Könnens" (Yes, we can!) allen Druck nach innen verlagert. In einer hübschen Formulierung bezeichnet Han den Imperativ des Multitasking als zivilisatorischen Rückschritt. Diese "breite, aber flache Aufmerksamkeit" sei für Tiere in der freien Wildbahn notwendig, die beim Fressen aufpassen müssen, dass sie nicht selbst gefressen werden. Deshalb sei für sie unerreichbar, was Han als spezifisch menschlichen, nun aber gefährdeten Fortschritt beschreibt: die Fähigkeit zur "kontemplativen Versenkung".

In seinem Essay "Abwesen" (2007) über das verwirrend Nicht-Essentialistische im chinesischen Taoismus und Zen-Buddhismus hatte Han festgehalten: "Das fernöstliche Denken der Leere lässt die Dekonstruktion hinter sich, um zu einer besonderen Rekonstruktion zu gelangen." Diesem Anspruch wird der Autor in seinem neuesten Buch nicht ganz gerecht. Er belässt es bei einem Handke-Zitat, um jene höhere Ebene zu gewinnen, von der her die "Positivisierung der Welt" nicht bloß als kritikwürdig, sondern auch als Befreiungschance erscheint. Dennoch kommt man einen Eindruck davon, wie eine Kritik des Westens aus östlicher Perspektive aussehen könnte. Es ist keine frontale Kritik an bestimmten Ideen - eher die Kritik an einer zu falschen Entgegensetzungen tendierenden Denkweise; eine Kritik zudem, die ihre eigene Großzügigkeit dadurch demonstriert, dass sie ihre Ansichten auch in den Worten ihres Gegenstands formuliert.

Byung-Chul Han: "Müdigkeitsgesellschaft". Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2010. 68 S., br., 10,- [Euro].

Byung-Chul Han: "Hyperkulturalität". Kultur und Globalisierung. Merve Verlag, Berlin 2005. 82 S., br., 8,- [Euro].

Byung-Chul Han: "Gute Unterhaltung". Verlag Vorwerk 8, Berlin 2006. 126 S., br., 12,-[Euro].

Byung-Chul Han: "Abwesen". Zur Kultur und Philosophie des Fernen Ostens. Merve Verlag, Berlin 2007. 128 S., br., 12, 80 [Euro].

Byung-Chul Han: "Duft der Zeit". Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens. Transcript Verlag, Bielefeld 2009. 114 S., br., 15,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Ausgesprochen anregend findet Niels Werber diesen Essay, mit dem der Basler Philosoph Byung-Chul Han seinen Begriff der Hyperkultur einzuführen versucht. Sein Gedanke ist dabei folgender: Der Begriff der Kultur, so wie etwa Thomas Mann verstanden hat, zieht immer eine Wesensbestimmung nach sich, also auch einen Normativismus, eine Ethnisierung oder Nationalisierung und damit auch Exklusion. Begriffe wie Multi-, Inter- oder Transkulturalität können in Hans Sicht dieses "exklusive, essenzialistische, ethnische Kulturverständnis" nicht aufheben, sie vervielfältigen höchsten, wie Werber erklärt. Dagegen setzt Han nun den Begriff Hyperkultualität, der kein "entweder-oder" fordert, sondern die Konjunktion "und... und... und", dabei aber auch in Rechnung stellt, dass Globalisierung nicht nur verbindet, sondern auch Differenzen erzeugt wie verschwinden lässt. Ganz einleuchten will Werber allerdings nicht, wie der freundliche Begriff Hxperkultur verhindern soll, dass es doch zu Wertungen und Ausschlüssen kommt, nämlich denen gegenüber, denen die neue Hyper-cuisine nicht schmeckt.

© Perlentaucher Medien GmbH