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  • Verlag: Berlin : Henschel
  • ISBN-13: 9783894874681
  • ISBN-10: 3894874686
  • Best.Nr.: 11888064
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Das Bild, das man sich vom deutschen Nachkriegsfilm zu machen pflegt, ist ergänzungsbedürftig, meint Dieter Bartetzko, und die perfekte Ergänzung ist dieser Bildband zu Horst Buchholz. Zu sehen nämlich sind Stills aus einer "staunenswert langen Liste überdurchschnittlicher Filme des Wirtschaftswunderlands", vom neorealistischen "Endstation Liebe" bis zu "Das Totenschiff". Und mittendrin das Gesicht von Buchholz, das den Verdrängungen der Adenauer-Zeit Kontra gibt. Nicht die Texte sind es, die diesen Band zu etwas Besonderem machen - denn die bleiben, so Bartetzko, "diskret" -, die Bilder aber faszinieren und verblüffen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 02.12.2003
Nicht alle waren Förster aus dem Silberwald
Ein Bildband über Horst Buchholz beschwört die anderen Gesichter der jungen Bundesrepublik / Von Dieter Bartetzko

Manchmal ist es kaum zu fassen, wie sehr die Deutschen der Nachkriegs-Ära sich selbst im Wege standen. Im Film etwa: Noch war das überragende Können der zwanziger Jahre nicht vergessen, standen Regisseure wie Helmut Käutner, Wolfgang Staudte oder Alfred Weidenmann bereit, und doch strebte man schlafwandlerisch dem zu, was später "Papas Kino" heißen sollte. Vor die Wahl gestellt, Wahrheiten auf der Leinwand zu sehen oder süße, das Vergessen fördernde Lügen, entschied man sich trotz aller Gier nach internationalem Niveau für Kitsch und Klamauk.

Wer heute den deutschen Nachkriegsfilm meint, sagt "Schwarzwaldmädel" oder "Der Förster aus dem Silberwald". Wie blind dieses Klischee ist, beweist die staunenswert lange Liste überdurchschnittlicher Filme des Wirtschaftswunderlands. Sie ist mit den allbekannten wie "Die Mörder sind unter uns", "Film ohne Titel", "Die Brücke" oder "Wir Wunderkinder" keineswegs erschöpft. Auch nach den Trümmerjahren hielt die Bundesrepublik Schritt mit internationalen Standards jener Jahrzehnte; dem italienischen Neorealismo, den jungen Wilden Hollywoods, der poetischen Nüchternheit des englischen Films und Frankreichs Nouvelle vague. Das ist die unerwartete Erkenntnis, die schon das erste Durchblättern eines Buchs über Laufbahn und Leben von Horst Buchholz vermittelt.

Horst Buchholz, den man hierzulande nur noch als Hollywoodstar deutscher Herkunft wahrnahm, wird wiedererkennbar als unverwechselbar deutscher Schauspieler, als das Gesicht der jungen unsicheren Republik, so wie James Dean das der Vereinigten Staaten, Delon und Belmondo das Frankreichs und Mastroianni das Italiens waren. Selten erweist ein Bildband so sehr seine Berechtigung wie bei diesem Schauspieler, der in seiner Jugend nicht nur im landläufigen Sinne schön war, sondern ein geradezu magisches und atemberaubend wandlungsfähiges Gesicht besaß. Das des trotzigen, mürrischen, doch zerbrechlichen "Halbstarken" gehört dazu, das Buchholz 1956 zum "deutschen James Dean" machte.

Wie oberflächlich der Vergleich war, zeigt ein Standfoto aus Helmut Käutners "Himmel ohne Sterne", in dem Buchholz 1955 eine Nebenrolle als junger russischer Soldat so glaubwürdig spielte, daß ihm in Ost-Berlin stationierte russische Soldaten in Briefen dankten. "Endstation Liebe", 1957 als West-Berliner Milieustudie gedreht, war trotz der dummdreisten Alliteration mit "Endstation Sehnsucht" ein gelungener Versuch, die Großstadtfilme Rosselinis und de Sicas auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Buchholz trug den Film, genauso wie "Nasser Asphalt", in dem er 1958 dem Können Gert Fröbes, Martin Helds und Inge Meysels standhielt. "Tiger Bay", die Geschichte eines polnischen Matrosen, der wider Willen zum Mörder wird, und eines Mädchens, das ihn beobachtet, bot im selben Jahr dem englischen Film ungewöhnliche Gesichter - das der wohltuend unniedlichen Havley Mills und das zwischen Dämonie und Zärtlichkeit zerrissene des Horst Buchholz. Der Erfolg ermutigte die Ufa zu "Das Totenschiff", 1959 nach B. Travens Roman gedreht. Damals ein Mißerfolg, gilt er heute als "einer der kompromißlosesten Filme der fünfziger Jahre, brutal und realistisch". Die Standfotos: eine Porträtgalerie, die alle Zuckergußphysiognomien der Söhne und Töchter aus gutem Adenauer-Hause widerlegt. Buchholz, Mario Adorf, sogar die junge Elke Sommer haben Gesichter, denen Kindheiten zwischen Nazi-Drill und Luftalarm, Volksempfänger und AFN, Trümmerwüsten und wirtschaftswunderlichen Glaspalästen eingeschrieben sind.

Horst Buchholz durchlebte grausige Kinderjahre - verworrene Familienverhältnisse, 1944 "Kinderlandverschickung" nach Ostpreußen, Evakuierung 1945, während deren der Kinderzug, in dem er sich befand, von Tieffliegern beschossen wurde, monatelanges Umherirren im Osten, Rückkehr nach Berlin, wo er, dreizehnjährig, für die vaterlose Familie aufkam. Die Texte im Buch bleiben diskret. Dafür sprechen die Bilder: Horst Buchholz in "Die glorreichen Sieben" etwa, seinem ersten Hollywoodfilm; die Westerngesichter von Dexter, Coburn, Vaughn, McQueen, Brunner, Bronson - und daneben der "europäische Kleine", der weiß, was Angst vor sirrenden Geschossen heißt. Was sein amerikanischer Triumph war, das europäische Flair, hinderte später die ganz große Hollywood-Karriere: im Zweifelsfall griff man dort auf einen Anthony Perkins oder Robert Wagner zurück.

Das Beste bot Europa für ihn: "Sie spielt immer, als habe man ihr die Haut abgezogen" - was man von Romy Schneiders Präsenz im französischen Film gesagt hat, gilt auch für Horst Buchholz. In "Robinson soll nicht sterben" (1956) und in "Monpti" (1957) waren sie Partner. "Monpti", trotz Käutners Regie als Ausrutscher abgetan, wurde für beide zum ersten Schritt nach Frankreich. Deutschland ließ sie, wie so viele seiner Besten, pikiert ziehen.

Peter Pan war 1953 einer der ersten Berliner Theatererfolge von Horst Buchholz. Seine juvenile, zuweilen auch androgyne Ausstrahlung blieb ihm zeitlebens. Doch als er sie, 1978 zurück in Berlin, für die Rolle des "Master of Ceremonies" in "Cabaret" bewußt hätte einsetzen sollen, versagte er. Die Aufnahmen aus dem Theater des Westens sind die traurigsten des Bands. So wie umgekehrt die Fotografie seiner letzten großen Rolle als Lagerarzt in Roberto Benignis "Das Leben ist schön" zu den beeindruckendsten gehört. Er habe sich ausbedungen "kein Nazi-Klischee, sondern einen Psychopathen" darzustellen, wird Buchholz zitiert. Ein durchtriebener Ephebe, der den Psychopathen nur vorgibt, war seine größte Leistung: Die Musterungsszene als Thomas Manns "Felix Krull" ist als genial in die Filmgeschichte eingegangen. Sie wurde 1957 im winzigen Göttingen gedreht, von Leuten und zu Zeiten, die zehn Jahre später der "junge deutsche Film" als unerträgliche Spießbürgerei aburteilte.

Myriam Bru, Christopher Buchholz, Beatrice Buchholz: "Horst Buchholz". Sein Leben in Bildern. Henschel Verlag, Berlin 2003. 192 S., Abb., geb., 29,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 08.10.2003
Das Kino hat ein gutes Gedächtnis
Ein kleines Wunder, halb Engel, halb Teufel, das wie eine Katze mit neun Leben an einem Abend voller Sternschnuppen auf unsere Erde kam . . .eine schöne Vorstellung, die sich Christopher Buchholz von der Geburt seines Vaters macht, im Vorwort des eben erschienenen Bandes „Horst Buchholz – sein Leben in Bildern” (Henschel, 192 Seiten, 29,90 Euro). Der Sohn fürchtet, sein Vater könne ins Vergessen geraten, weswegen er einen Dokumentarfilm dreht über Hotte und die Familie nun, als Ersatz für die Autobiografie, die Horst Buchholz nicht mehr schreiben konnte vor seinem Tod am 3. März 2003, eine Bildbiografie herausgebracht hat.
Das Kino ist unauslöschbare Erinnerung, es ist Horst Buchholz’ vielleicht schönster Auftritt, der das beweisen kann – in Billy Wilders „Eins, zwei, drei” spielte er die Rolle, in der man ihn am liebsten für die Ewigkeit konservieren möchte: den verführerischer Alptraum des Coca-Cola-Managers James Cagney. Ein süßer kommunistischer Dämon ist er da, der der frühreifen Tochter des Chefs nicht mehr auszutreiben ist und deswegen integriert werden muss in die kapitalistische Gesellschaft. Damals hat das Ding keiner gewollt – aber „Eins, zwei, drei” erwies sich als zäh, hatte auch neun Leben. Heute kennt den Film jeder, und wer ihn nicht kennt, hat was verpasst.
Die Bilder der Erinnerung ergeben sich aus den Bildern der Filme, den Schnappschüssen aus Drehpausen. Als Buchholz in Deutschland schon groß geworden war mit dem Nachkriegskino – Tresslers „Die Halbstarken”, Käutners „Monpti”, Hoffmanns „Felix Krull” – kam 1960 der Ruf aus dem weiten Westen, das Projekt, die amerikanische Version von Kurosawas „Sieben Samurai”, wurde ein Klassiker. Buchholz spielte Chico in John Sturges’ „Die glorreichen Sieben”. Zauberhaft macht er sich zwischen den anderen sechs, dort gehörte er hin, auch wenn sie – Bucholtz? – Schwierigkeiten hatten mit seinem Namen dort drüben in Hollywood. Ein seltsam berührendes Bild – nur einer lebt noch, Robert Vaughn; Brynner und McQueen sind lange tot, aber Dexter, Bronson, Coburn und Buchholz sind innerhalb von zehn Monaten gestorben, zuletzt Bronson vor wenigen Wochen. Vergessen aber werden sie nie, denn das Kino hat ein gutes Gedächtnis.
sus
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