Hirnforschung und Willensfreiheit - Geyer, Christian (Hrsg.)

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Der Neurophysiologe Benjamin Libet hat in Experimenten nachgewiesen, daß jeder bewußten Handlungsentscheidung Hirnaktivitäten vorausgehen, welche die Handlung bereits festgelegt haben. Was folgt daraus? Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer behaupten: Unser Wille ist nicht frei, unsere Handlungen sind determiniert. Wenn diese Behauptung zutrifft, ergeben sich daraus schwerwiegende Konsequenzen: Vom Strafrecht bis zu unserem Selbstverständnis als Menschen stünde alles zur Disposition. Aber ist der subjektive Eindruck, frei zu handeln, wirklich bloße Illusion? Sind die Laborbefunde…mehr

Produktbeschreibung
Der Neurophysiologe Benjamin Libet hat in Experimenten nachgewiesen, daß jeder bewußten Handlungsentscheidung Hirnaktivitäten vorausgehen, welche die Handlung bereits festgelegt haben. Was folgt daraus? Hirnforscher wie Gerhard Roth und Wolf Singer behaupten: Unser Wille ist nicht frei, unsere Handlungen sind determiniert. Wenn diese Behauptung zutrifft, ergeben sich daraus schwerwiegende Konsequenzen: Vom Strafrecht bis zu unserem Selbstverständnis als Menschen stünde alles zur Disposition. Aber ist der subjektive Eindruck, frei zu handeln, wirklich bloße Illusion? Sind die Laborbefunde selbsterklärend? Wer entscheidet über deren Deutung? Natur- oder Geisteswissenschaftler?
Diesem Fragenkomplex widmete sich eine Serie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, deren Beiträge hier in erweiterter und überarbeiteter Form zusammen mit anderen Texten zum Thema vorliegen.
  • Produktdetails
  • Edition Suhrkamp Nr.2387
  • Verlag: Suhrkamp
  • 9. Aufl.
  • Seitenzahl: 296
  • Erscheinungstermin: Oktober 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 109mm x 24mm
  • Gewicht: 172g
  • ISBN-13: 9783518123874
  • ISBN-10: 3518123874
  • Artikelnr.: 12811365
Autorenporträt
Geyer, Christian
Christian Geyer ist Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Rezensionen
Besprechung von 26.11.2004
CHRISTIAN GEYER, Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung, hat ein Buch über das aktuelle Thema Hirnforschung herausgegeben. Der Band dokumentiert die lebhafte Debatte, die zwischen Hirnforschern, Philosophen und Strafrechtlern über die Frage geführt wird, welche Konsequenzen sich aus den neuesten neurowissenschaftlichen Experimenten für unser Menschenbild ergeben. Im Mittelpunkt steht die Frage nach Freiheit und Verantwortlichkeit angesichts der neurowissenschaftlichen Determinismus-These. Dokumentiert werden sämtliche Beiträge, die dazu jüngst in dieser Zeitung erschienen sind. Darüber hinaus werden zu dem Thema wichtige Stimmen von Kognitions- und Geisteswissenschaftlern aus anderen Publikationen versammelt. So erscheint in dem Buch erstmals in deutscher Übersetzung ein Essay des Hirnforschers Benjamin Libet, dessen Experimente für diese die Öffentlichkeit stark bewegende Debatte eine Schlüsselrolle spielen. ("Hirnforschung und Willensfreiheit". Zur Deutung der neuesten Experimente. Herausgegeben von Christian Geyer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2004. 295 S., 10,- [Euro].)

F.A.Z.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Besprechung von 23.11.2004
Unbewusst, höchste Lust
Illusionen freier Köpfe: Neue Bücher zur Hirnforschung
Bücher über Willensfreiheit haben Konjunktur. Nach Peter Bieris Bestseller „Das Handwerk der Freiheit” hat nun Michael Pauen mit „Illusion Freiheit?” eine Minimaltheorie der Willensfreiheit vorgelegt, die zugleich eine Maximaltheorie sein soll, weil jede stärkere Theorie zu Schwierigkeiten führt. Das Buch kommt zur rechten Zeit, denn die Öffentlichkeit bekommt von Hirnforschern wie Gerhard Roth und Wolf Singer des öfteren zu hören, dass Willensfreiheit eine Illusion sei, weil das, was man will, von Prozessen im Gehirn determiniert ist und weil einem die Determinanten des eigenen Willens nicht völlig bewusst sind.
Pauens Theorie, die eine Variante kompatibilistischer Positionen darstellt, in denen von der Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Determinismus ausgegangen wird, umfasst zwei Prinzipien: das Autonomie- und das Urheberschaftsprinzip: Das Autonomieprinzip fordert, dass äußere und innere Zwänge bei einem Willen, der frei sein soll, abwesend sind. Das Urheberschaftsprinzip besagt, dass ein freier Wille der Person und nicht dem Zufall oder personfremden Einflüssen zuschreibbar sein muss. Wenn beide Prinzipien erfüllt sind, soll der Wille einer Person als selbstbestimmt, und damit frei gelten.
Was nun die Zuschreibbarkeit eines Willens zu dem Selbst, dem Ich oder eben der jeweiligen Person angeht, so möchte Pauen ihn an das binden, was er „personale Präferenzen” nennt. Personale Präferenzen sind Wünsche, Überzeugungen und Dispositionen, die für das jeweilige Selbst konstitutiv sind. Unter drei verschiedenen Interpretationen dieser Präferenzen entscheidet sich Pauen für eine Interpretation, die nur diejenigen Wünsche, Überzeugungen und Dispositionen als zum Selbst gehörend zulässt, die „möglicher Gegenstand einer wirksamen selbstbestimmten Entscheidung” sind und die man insbesondere durch einen Willensentschluss aufgeben könnte. Dadurch erweisen sich etwa Suchtdispositionen, die man nicht durch einen solchen Entschluss aufgeben kann, als nicht zum Selbst gehörend.
Ein Willensakt ist also genau dann frei, wenn sich die Entscheidung der Person auf ihre personalen Präferenzen zurückführen lässt. Es könnte sein, dass die Bestimmung der Präferenzen als mögliche Gegenstände selbstbestimmter und daher freier Entscheidungen diese Explikation von Willensfreiheit zirkulär macht, aber der grundlegende Gedanke, dass Urheberschaft und Autonomie für Willensfreiheit konstitutiv sein sollen, ist davon nicht betroffen.
Können wir anders?
Traditionellerweise wird Willensfreiheit außer mit Urheberschaft und Abwesenheit von Zwang auch noch mit einer weiteren Bedingung verknüpft, nämlich mit dem Prinzip der alternativen Möglichkeiten. Damit der Wille einer Person frei ist, so heißt es oft, muss die Person auch die Möglichkeit gehabt haben, anders zu handeln, als sie tatsächlich gehandelt hat. Dieses Prinzip lässt sich verschieden streng interpretieren. In der strengsten Interpretation, die besagt, dass jemand unter genau den gleichen Umständen innerer und äußerer Art hätte anders handeln können müssen, ist es jedoch mit dem Prinzip der Urheberschaft nicht vereinbar, weil eine andere Entscheidung bei Vorliegen derselben Gründe bedeutet, dass die Entscheidung gerade nicht von der Person abhängig ist.
Will man am Prinzip der Urheberschaft festhalten, muss man das Prinzip in dieser Interpretation aufgeben. Pauen argumentiert dafür, das Prinzip so zu interpretieren, dass die äußeren Bedingungen die Ausführung der Handlung gestatten.
Im letzten Teil des Buches erfährt der Leser einiges über psychologische Modelle von Willensakten, über die kontrovers diskutierten Experimente des amerikanischen Neurophysiologen Benjamin Libet, deren Ausbeutung für die These von der Willensfreiheit als Illusion Pauen mit überzeugenden Argumenten zurückweist, über die These von Daniel Wegner, dass der freie Wille deshalb illusionär sei, weil wir uns über die wirklichen Ursachen einer Entscheidung täuschen können, über Antonio Damasios Idee, dass Emotionen einen wichtigen Einfluss auf Entscheidungen haben, und über die unterschiedliche Bedeutung von Autonomie und Urheberschaft in westlichen und östlichen Kulturen. Ein Kapitel über die Beziehungen zwischen Willensfreiheit, Schuld und Strafe und ein kurzer Ausblick auf mögliche Weiterentwicklungen der vorgelegten Konzeption von Willensfreiheit schließen den Band ab.
Als Dokumentation einer Diskussion der These, Willensfreiheit sei eine Illusion, die in der FAZ geführt wurde, ist nun das von Christian Geyer herausgegebene Buch Hirnforschung und Willensfreiheit erschienen, dessen Titel „Zur Deutung der neuesten Experimente” mehr verspricht, als der Inhalt des Bandes hält. Was immer auch die neuesten Experimente sein mögen, so werden die Experimente von Libet, Haggard und Eimer, die in den letzten Jahren für einige Aufregung sorgten, nur von ganz wenigen Diskussionsteilnehmern besprochen. Größeren Raum nehmen zwei Texte von Wolf Singer und Gerhard Roth ein, die in der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie” erschienen sind und um deren Positionen sich die Diskussion zu einem guten Teil rankt. Es geht jedoch nicht nur um Willensfreiheit und Hirnforschung, sondern auch um den möglichen Beitrag, den die Neurowissenschaften zur Geschichtswissenschaft leisten können, um die Frage, was bei meditativen und mystischen Zuständen im Gehirn passiert, um „die neurobiologische Naturalisierung reflexiver Innerlichkeit”, um die mögliche Konvergenz von Friedrich Dürrenmatts Auffassung der Bedeutung des Gehirns mit neurobiologischen Auffassungen und andere Dinge. Es hätte dem Buch gewiss nicht geschadet, wenn sich die Auswahl der einzelnen Beiträge mehr an der thematischen Linie des Verhältnisses von Willensfreiheit und Hirnforschung orientiert hätte.
Was heißt hier frei?
Das Grundproblem einer Verständigung zwischen Neuro- und den Geisteswissenschaftlern besteht zum einen in der nicht diskutierten Voraussetzung der Neurowissenschaftler, dass der Determinismus des Gehirns - der, wie Libet in seinem neuen Buch „Mind Time” zu Recht meint, nichts weiter als ein Glaube vieler Naturwissenschaftler ist -, Willensfreiheit auf jeden Fall ausschließt, dass ein freier Willensentschluss ein solcher ist, für den es überhaupt keine Ursachen gibt oder der am Anfang einer neuen Kausalkette steht. Zum anderen interpretiert Gerhard Roth das Anders-handeln-Können als unter genau denselben inneren und äußeren Bedingungen eine andere Handlung oder einen anderen Entschluss vollziehen. Damit wird die Grundidee der Kompatibilisten, nämlich dass Willensfreiheit eine Struktur ist, die mit dem Verhältnis der Entscheidungen zum Selbst zu tun hat, überhaupt nicht gewürdigt.
Eine begriffliche Verständigung darüber, was man vernünftigerweise unter Willensfreiheit verstehen sollte, anstatt davon auszugehen, dass wir doch alle schon einen hinreichenden Konsens darüber haben, was wir mit Willensfreiheit meinen, wäre sehr dienlich. In diesem Zusammenhang ist auch die Tendenz von Roth und Singer zu kritisieren, die unbewussten Determinanten von Verhalten gegenüber den bewussten in einer solchen Weise in den Vordergrund zu stellen, dass der Eindruck erweckt wird, die bewusste Abwägung von Gründen spiele für unsere Handlungen eine vernachlässigbare Rolle oder das bloße Konfabulieren von Handlungsgründen zur nachträglichen Rationalisierung sei die Regel anstatt die Ausnahme.
Eine fruchtbarere Kooperation zwischen Neurowissenschaftlern, Psychologen und Philosophen könnte darin bestehen, sich zunächst auf einen tragbaren Begriff von Willensfreiheit zu einigen, bei dem beispielsweise, wie von Pauen vorgeschlagen, die Merkmale der Urheberschaft und Autonomie im Vordergrund stehen, und dann die Frage zu stellen, worin das Selbst auf der neuronalen Ebene besteht, was zu ihm gehört und was nicht. Dass man hier nicht nur die Option einer Identität hat, die von Singer abgelehnt wird, und auch nicht nur die Alternative der Kausalbeziehung zwischen neuronalen Ereignissen und mentalen Zuständen, lehrt ein Blick in die Philosophie des Geistes, in der die Realisierungsbeziehung als aussichtsreicher Kandidat für das Verhältnis zwischen personalen Präferenzen und bestimmten Eigenschaften der neuronalen Dynamik angesehen werden kann.
JÜRGEN SCHRÖDER
MICHAEL PAUEN: Illusion Freiheit? Mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2004. 272 Seiten, 19,90 Euro.
CHRISTIAN GEYER (Hrsg.): Willensfreiheit und Hirnforschung. Zur Deutung der neuesten Experimente. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2004. 295 Seiten, 10 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ein wenig enttä