Hinter der Wand: Roman - Kenaz, Jehoschua
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Es kommt der Moment, in dem jemand fragt: Wann treffen wir uns wieder? Und das ist das Zeichen für den Anfang eines Endes. In diesem Grenzgebiet, zwischen der Sehnsucht nach Dauer und dem Wissen, daß es zu Ende ist, spielt dieser Roman aus dem modernen Tel Aviv. Sein Autor, Jehoschua Kenaz, zählt inzwischen mit Abraham Jehoschua und Amos Oz zu den wichtigsten israelischen Gegenwartsautoren.
Eine Büroangestellte beginnt ein aussichtsloses Verhältnis mit einem Kollegen. Ein alter, behinderter Mann ist seiner philippinischen Haushaltshilfe ausgeliefert. Ein anderer versucht, mit verzweifelten
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Produktbeschreibung
Es kommt der Moment, in dem jemand fragt: Wann treffen wir uns wieder? Und das ist das Zeichen für den Anfang eines Endes. In diesem Grenzgebiet, zwischen der Sehnsucht nach Dauer und dem Wissen, daß es zu Ende ist, spielt dieser Roman aus dem modernen Tel Aviv. Sein Autor, Jehoschua Kenaz, zählt inzwischen mit Abraham Jehoschua und Amos Oz zu den wichtigsten israelischen Gegenwartsautoren.

Eine Büroangestellte beginnt ein aussichtsloses Verhältnis mit einem Kollegen. Ein alter, behinderter Mann ist seiner philippinischen Haushaltshilfe ausgeliefert. Ein anderer versucht, mit verzweifelten Briefen an die Verwaltung die Ehre des Hauses zu retten. Ein Makler mißbraucht das Vertrauen eines Klienten und verschafft sich Zugang zu dessen Wohnung. All diese Menschen leben in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander in Tel Aviv. Sie fühlen sich allein gelassen, gehen dennoch einander aus dem Weg, bei unvorhergesehenen Begegnungen flüchten sie sich in Unwahrheiten oder verlieren die Selbstbeherrschung. Dabei haben ihre Lebensläufe mehr miteinander zu tun, als sie glauben wollen. Alle verspüren den Wunsch nach Nähe, danach, die Wand zum Nächsten niederzureißen, folgen aber eher fremden Empfehlungen als den eigenen Gefühlen. Und wer endlich ein Ziel erreicht hat, merkt, daß er eine andere Vorstellung davon besaß. Vielleicht wollte man eine Liebe zurückhaben, die es so nie gab.

Jehoschua Kenaz erzählt atmosphärisch dicht, einfühlsam und prägnant diese sich verbindenden Lebensläufe. Was als ein Panoptikum des israelischen Gemeinwesens beginnt, entwickelt er mit der Suggestivkraft des großen Erzählers zum Drama des Menschen unserer Zeit.
Autorenporträt
Jehoshua Kenaz wurde 1937 in Petach Tikwa geboren. Er studierte an der Hebräischen Universität und später an der Sorbonne in Paris. 1960 erschien seine erste Erzählung. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er als Übersetzer französischer klassischer Literatur und Theaterkritiker tätig. Er lebt heute in Tel Aviv.
Rezensionen
Besprechung von 24.02.2001
Haus der Qualen
Jehoschua Kenaz' Roman über das Ende des zionistischen Traums

Mit der Staatsgründung Israels wurde ein Traum zur Wirklichkeit, und die Wirklichkeit entsprach nicht dem Traum. Allen Nationalbewegungen, die ihr Ziel erreicht haben, ist diese Ernüchterung gemeinsam, den Zionismus aber mußte sie besonders hart treffen. Der Judenstaat wurde drei Jahre nach der Katastrophe des Holocaust errichtet, er entstand auf einem Boden, der den drei monotheistischen Religionen als das Heilige Land gilt - doch die messianischen Erwartungen erfüllten sich nicht. Viele Werke der israelischen Literatur, die seit den achtziger Jahren auch auf deutsch erscheinen, reflektieren diese Enttäuschung. Autoren wie Yoram Kaniuk, Abraham B. Jehoschua und Amos Oz kamen in den dreißiger Jahren zur Welt und haben sie als einen Teil ihrer Jugenderlebnisse verinnerlicht.

Zu ihrer Generation gehört auch Jehoschua Kenaz. Die beiden Romane, die bisher auf deutsch vorliegen, machen seine Skepsis gegenüber der in Israel entstehenden Gesellschaft sehr deutlich. Sein Erstling, "Nach den Feiertagen" (1964, deutsch 1998), zeigt die Ansätze zur Selbstzerstörung schon im ländlichen Palästina vor der Staatsgründung, schreibt schon früh gegen den Mythos einer ursprünglichen Unschuld an, die es hier gegeben haben soll. Und "Auf dem Weg zu den Katzen" (1991, deutsch 1994) setzt diese Linie konsequent fort, beschreibt eine Anzahl kranker, frustrierter Einwanderer, die nicht einmal die Sprache ihres neuen Landes gelernt haben.

Kenaz liebt es, seine Figuren um einen Fokalpunkt zu gruppieren - eine landwirtschaftliche Siedlung, eine Rehaklinik, eine Militäreinheit -, und auch der neue Roman hat ein solches Zentrum. "Hinter der Wand", 1997 auf hebräisch erschienen, führt uns die Menschen eines Wohnblocks vor. Gabi, eine schöne, alleinstehende Frau, hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, der anscheinend gutsituiert ist und in dem Haus eine Wohnung mietet, um sich mit der Geliebten zu treffen: damit fängt es an. Wir lernen das Haus zunächst durch die Augen der Fremden kennen, die es nur als ein Absteigequartier verwendet, und der Kunst des Erzählers ist es zu verdanken, daß diese Fremdheit sich am Ende über den gesamten Roman legen wird.

Einem Nachbarn, der sich für den guten Namen des Hauses verantwortlich fühlt, mißfallen Gabis Besuche. "Und nun fordere ich Sie mit allem Respekt auf", schreibt er in einem Beschwerdebrief an den Besitzer der Wohnung, "diese Sache zu unterbinden. Es ist nicht nur, daß sie allen Unannehmlichkeit und Schande bringt, sie senkt auch den Preis des Eigentums, denn niemand wird an einem solchen Ort eine Wohnung kaufen wollen, und wir haben ganz vergebens so viel Geld für eine Eingangstür mit Gegensprechanlage ausgegeben, damit es ehrbar wird."

Die öffentliche Moral, die hier eingeklagt wird, entpuppt sich als fadenscheinige Profitrechnung. Doch was am Anfang der Erzählung noch als leicht durchschaubare Gesellschaftssatire erscheinen mag, nimmt eine zunehmend dunklere Tönung an. Selbst Herr Schwarz, der diesen Brief schreibt, ist mehr als ein kleinlicher Nachbar; er ist auch ein alter, schon todkranker Überlebender des Holocaust, der in einem existentiellen Sinn um sein ,Haus' kämpft und diesen Kampf verlieren muß, weil der Untergang, dem er sich entgegenstemmt, längst unaufhaltsam ist.

Sein volles Maß erreicht dieser Untergang im Wohnungsmakler Aviram, der hinter der Wand zu Gabis Schlafzimmer wohnt und zuweilen den Liebesakt belauscht. Er ist ein einsamer, gehemmter Mann, zu dessen Innenwelt der Leser lange keinen Zugang zu finden scheint. Sein einziger Lebensgefährte ist ein Hund, und Gabi hört sein Bellen, wenn sie in der leeren Wohnung auf ihren Liebhaber wartet - ein tierischer Laut, der manches vorwegnimmt, das später seinen erschreckenden Ausdruck finden wird. Denn der Liebhaber - ein skrupelloser Betrüger, der nicht nur seine Frau, sondern auch seine Geliebte hintergeht - hat sie in eine ausweglose, in einem ganz realen Sinne lebensgefährliche Lage gebracht. Gabi hat auch andere Verehrer, aber sie schlägt diese Alternativen aus und zieht es vor, an einem für sie lange unsichtbaren Abgrund entlangzugehen.

Einer ihrer Verehrer nimmt sie einmal im Auto mit und spielt ihr Monteverdis Kantate "Nisi Dominus" vor. "Psalmen, hundertsiebenundzwanzig", erklärt er und zitiert den biblischen Text: "Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der Herr nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, daß ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet, und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf." Das Haus, das im Mittelpunkt des Romans steht, erhält hier seine symbolische Bedeutung, und sie ist negativ. Bei Kenaz ist nicht der Herr am Werk, sondern andere, zerstörerische Kräfte, die ihre Schatten über die gesamte Stadt und das Leben aller Figuren werfen.

Dem Haus des Psalms steht das in der Sintflut untergegangene Nest gegenüber, dem Gottesschutz eine gnadenlose Natur. Der Zionismus ist die säkularisierte Form des alten jüdischen Wunsches, aus dem Exil heimzukehren. Bei Kenaz stößt er auf den harten Grund der historischen Wirklichkeit, in der sich messianische Erwartungen nicht erfüllen. Es ist kein Zufall, daß die Schauplätze seiner Romane - eine landwirtschaftliche Siedlung, eine Militäreinheit, eine Gruppe von Neueinwanderern - zugleich die klassischen Werte des Zionismus symbolisieren. An den Paradestücken der jüdischen Nationalbewegung demonstriert Kenaz den Stand der Dinge, und auch der Wohnblock seines neuen Romans wird zum Testfall eines Niedergangs. Seine Beschwerde an den Vermieter der Wohnung schreibt Herr Schwarz in seiner "Eigenschaft als Vorstand des Eigentümerbeirats", eine Institution, die zum israelischen, nicht aber zum deutschen Alltag gehört. In Israel werden Wohnungen zumeist nicht gemietet, sondern gekauft, und die Wohnblöcke unterstehen der Selbstverwaltung der Eigentümer.

Das Haus, das Jehoschua Kenaz schildert, ist die Rumpfform eines Gemeinschaftsunternehmens, wie der Zionismus sie stets hochgehalten hat; ein Stück lokaler Mentalitätsgeschichte, das auch die sehr lesbare Übersetzung Barbara Linners nur schwer einfangen kann. Die Qualen, die man sich in diesem Haus gegenseitig bereitet, sind der Spiegel einer ganzen Gesellschaft.

JAKOB HESSING

Jehoschua Kenaz: "Hinter der Wand". Roman. Aus dem Hebräischen übersetzt von Barbara Linner. Luchterhand Literaturverlag, München 2000. 351 S., geb., 39,80 DM.

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Zwei Romane in, um und aus Israel bespricht Eva-Elisabeth Fischer für uns: "Hinter der Wand" von Jehoschuha Kenaz und erschienen bei Luchterhand und Yoram Kaniuks "Verlangen", erschienen im List Verlag
1. Jehoschuha Kenaz: "Hinter der Wand"
Obgleich sie die Geschichten "eindeutig" in Israel verortet, erklärt uns die Rezensentin, dass der Autor von unsichtbaren Vorgängen handelt, die einen leicht dazu verführen könnten, an den eigenen (vier) Wänden zu horchen. Fischer meint vor allem die "unpathetische Art", mit der hier die kranken und gleichzeitig zerstörerischen Gefühle von Menschen in "zivilisations-kranken Metropolen" (in diesem Fall in einem Mietshaus in Tel Aviv) geschildert werden, wenn sie dies schreibt - die sei es, "die den Roman ... so packend macht."
2. Yoram Kaniuk: "Verlangen"
Über die Zuneigung alter Männer zu jüngeren Frauen hat Eva- Elisabeth Fischer schon Besseres gelesen. "Weniger wohlfeil" als hier klingt es ihrer Meinung nach sogar bei Martin Walser; "Verlangen" scheint ihr ein "billiges Filmscript" aus der Feder des Helden (eines alternden Fernsehproduzenten) zu sein, so billig, dass sie dem Autor die Motive und die Handlungen seiner Helden einfach nicht abnehmen will. Das vernichtende Fazit der Rezensentin: Viel heiße Luft nach dem Strickmuster billigster Seifenopern.

© Perlentaucher Medien GmbH
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